Man könnte glatt den Glauben verlieren …

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heißt es, wenn es wieder besonders einschneidende oder erschütternde Momente gibt. So geht es mir immer wieder, wenn ich rund um die Finanz- und Wirschaftskrise mitbekomme, welche politischen Ränkespiele abgelaufen sind und wie sehr sich Politik und Ökonomie bisweilen vermischt. Auf eine sehr persönliche, weil personenabhängige, Art und Weise. Was wiederum dazu führt, dass die Verdrossenheit gegenüber Politikern als Berufsstand und Politik in seiner derzeitigen wahrgenommenen Verfassung weiter ansteigt, zu einem schlagenden Beispiel „für die Pflichtvergessenheit und Machtversessenheit von Eliten“ (Deininger, s.u.).

Jüngstes Beispiel ist die Aufarbeitung des „EnBW-Deals“. Roman Deininger wählt in der Süddeutschen von gestern die Überschrift „Vom Coup zur Katastrophe“. Inhaltlich geht es um die Vereinnahmung von Stefan Mappus als ehemaligen Regierungschef von Baden-Württemberg durch den einflußreichen Banker Dirk Notheis der Bank Morgan Stanley. „Dirk Notheis hat in seinen langsam durchsickernden Mails unfreiwillig das Selbstporträt eines skrupellosen Ego-Kapitalisten gezeichnet“ schreibt Deininger. Aber – und das ist mein Einwand: Das gibt noch lange keine Karikatur ab. Sondern reales Abbild einer „Politischen Ökonomie“, wie es Marx nennen würde. Dabei bleiben tatsächlich nur Verlierer übrig.

Warum nun könnte ich den Glauben verlieren, wo doch alles vorhersehbar läuft? Weil ich an sich schon der Meinung bin, dass es mindestens zu kurz greift, das Problem in der Machtgier der Menschen alleine zu verorten. Es geht also, mit anderen Worten, nicht nur um skrupellose Ego-Kapitalisten, sondern um einen politisch ungeregelten Kapitalismus und eine politische Ideologie, welche so etwas zulässt. Zulässt und vielleicht sogar dazu verführt, weil sie zu einem alternativlosen Glaubenssatz geworden ist. Ein Glaubenssatz, den die allermeisten Politiker wohl so verinnerlicht haben, dass sie keinerlei Problem damit haben, die Dinge zu tun, die sie tun. Im konkreten Fall eben auch schon mal die Verfassung „verbiegen“. Und vor allem die Ökonomie über die Politik zu stellen, spezifische Gruppeninteressen über das Interesse am Allgemeinwohl. Wohl das Gegenteil von Politik.

Alexander Klier
Ich bin zum einen als Organisationsentwickler und zum anderen als Lehrbeauftragter in verschiedenen Master- und Bachelorstudiengängen der Sozialen Arbeit an der Hochschule München tätig. In beiden Kontexten beschäftige ich mich philosophisch mit der Frage der kollektiven Intentionalität, als ontologische Grundlage von Organisationen, wie auch der Gestaltung eines relationalen (bzw. kulturellen) Lernens in und durch Organisationen. Mein (philosophisches) Forschungsinteresse gilt, von diesen Themengebieten ausgehend, der Weiterentwicklung der Demokratie im Rahmen der Kultur der Digitalität.