Sprache, Kultur und Metaphern (2a)

Ungefähre Lesezeit (inklusive oft umfangreicher Anmerkungen in Form von Fußnoten): 25 Minuten

„Wir müssen daher ausdrücklich die theoretische Tatsache anerkennen, daß sprachliche Referenz ein sozialer Akt ist, bei dem eine Person versucht, die Aufmerksamkeit einer anderen Person auf etwas in der Welt zu fokussieren. Und wir müssen ebenfalls die empirische Tatsache anerkennen, daß sprachliche Referenz nur in einem Kontext sozialer Interaktion verstanden werden kann, die ich Szenen gemeinsamer Aufmerksamkeit nennen werden.“

Tomasello, 2003, S. 46[1]Tomasello, Michael (2003): Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens: zur Evolution der Kognition, S. 46, fett im Original kursiv.

Ich bin weiterhin dem kybernetischen Gedächtnismythos auf der Spur. Im ersten Teil dieser Reihe geht es darum, wie es überhaupt zu diesem Mythos und seiner Reifizierung kam (1a). Anschließend habe ich mich der Frage zugewandt, welche Bedeutung der Mythos bis heute für Fragen der psychologischen Lehrtheorien, wie auch der daraus abgeleiteten Didaktik und Pädagogik, hat (1b).[2]Beide Beiträge sind mittlerweile in einem Preprint zusammengefasst und hier auf ResearchGate verfügbar. Denn durch den Mythos ist das Denken aus den psychologischen und didaktischen „Lerntheorien“ herausgefallen. Es wurde im kognitiven Standardmodell durch das (Kurzzeit-) Gedächtnis als „Kontrollinstanz“, genauer durch seine postulierten Prozesse, ersetzt. In der (psychologischen) Rezeptionsgeschichte bezüglich des menschlichen Gedächtnisses wird dieses nun als physischer bzw. digitaler Allokationsmechanismus für Informationen skizziert und dabei zu einem eigenen Akteur stilisiert.[3]Bennett & Hacker bezeichnen das als „mereologischen Fehlschluss“, d.h. der Zuschreibung von Eigenschaften an Teile von Menschen, die Menschen nur insgesamt zukommen. „A human … Continue reading Damit entstand ein blinder Fleck bezüglich alternativer Gedächtnismodelle, wie etwa einem sozialen oder kollektiven Gedächtnis.[4]Hierzu beispielsweise Halbwachs (1925/2022): Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen oder auch Assmann (1988): Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität.

In den theoretischen Herleitungen des Modells gibt es einen Widerspruch ganz eigener Art: eine Petitio Principii.[5]Das bedeutet, dass die dort skizzierten Modelle und Theorien in der konkreten Anwendung voraussetzen, was sie eigentlich ausschließen sollen. Das gilt auf der theoretischen Ebene sowohl für … Continue reading Die Bedeutungsfreiheit der Modelle ist bei allen Autoren[6]Es sind tatsächlich nur Männer, welche das theoretische Modell ausprägten. nämlich kein objektiver Ausgangspunkt, sondern ein äußerst bedeutungsvolles theorieinternes Konstrukt.[7]Sie ist eine bewusste experimentelle Grundentscheidung, mit der, durchaus bedeutungsvoll, die Semantik als Störvariable ausgeschaltet werden soll, um rein diskret eingehende Einheiten zu bekommen, … Continue reading Die funktionalen Beschreibungen täuschen weiter darüber hinweg, dass es im Gehirn keine lokalisierbaren Areale wie etwa von „sensorischen Registern“ oder eines Arbeits- bzw. Langzeitgedächtnisses gibt. Noch „nicht einmal so einfache Dinge wie ‚Erinnerungen'“ sind darin enthalten.[8]„The human brain isn’t really empty, of course. But it does not contain most of the things people think it does – not even simple things such as ‘memories’“ (Epstein (2016): The … Continue reading Am Ende lässt sich folgende Antinomie feststellen: Das Gedächtnis ist phänomenologisch der Ort des Gedachten, also das Resultat von symbolischen Verstehensprozessen, emotionaler Wahrnehmung sowie von Reflexion und geistiger Durchdringung durch das Denken. Demgegenüber gibt es im kybernetischen Speichermodell des Gedächtnisses nur übertragene Informationen oder das durch deren Wiederholung Behaltene und durch das Gedächtnis selbst Abgerufene.

Dieser Blogeintrag beschäftigt sich aufgrund der Länge in zwei Teilen damit, wie es trotz der Modellannahmen der Bedeutungsfreiheit dazu kommen soll, dass Menschen sinnvoll miteinander sprechen können. In Teil 2a (dieser Beitrag) geht es zunächst um eine kritische Betrachtung des diesbezüglichen Standardmodells: Der Übertragung von Informationen durch die Sprache, wie sie im Rahmen der so genannten Leitungsmetapher skizziert wird. In Teil 2b wird, daran anknüpfend und spekulativ,[9]Im Sinne Hegels, siehe hierzu genauer Teil 2b. die Bedeutung sprachlicher Metaphoriken und kultureller Mythen als elementarer Denk-Zeuge skizziert. Denken, Gedächtnis und Sprechen sind nicht nur untrennbar miteinander verknüpft, sie setzen auch „die Natur des Organischen“[10]Fulda, Hans Friedrich (1991): Vom Gedächtnis zum Denken. In: Hespe & Tuschling (Hrsg.): Psychologie und Anthropologie oder Philosophie des Geistes, S. 339: „Wenn man dies berücksichtigt, … Continue reading voraus und sind als kulturell bedeutungsvoller Unter-Grund das Gegenteil trägerloser Informationen, wie sie die Kybernetik postuliert.[11]Siehe hierzu Janich, Peter (2006): Was ist Information? Kritik einer Legende: „Es gibt nicht den deus ex machina, den außerhalb der Welt stehenden behavioristischen Beobachter, den … Continue reading Ein anschließender dritter Teil knüpft – wiederum spekulativ – mit Überlegungen zum „organischen Zusammenhang“ von Sprache, Gedächtnis und dem Denken, die Hegel als Leistung der Intelligenz gezeichnet hat,[12]Hegel (1991[1830]): Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse, § 464, kursiv im Original, fett durch mich: „Aber dergleichen empirische Angaben helfen nichts dazu, das zu … Continue reading unmittelbar daran an (Teil 3a). Den Abschluss der Reihe bietet ein Rekurs auf das Thema Denken und Aufmerksamkeit, wie zu Beginn dieser Reihe dann wieder in den Analysen der Werke betreffender Autor:innen (Teil 3b).

Die Blogreihe insgesamt im Überblick:


Abbildung 1 (Titelbild): Ein Schnurtelefon als Bild für die Leitungsmetaphorik
Anhand der Leitungsmetaphorik, die nun näher behandelt wird, lässt sich gut zeigen, dass die alltagsweltliche Vorstellung, dass Sprache Bedeutung (Semantik) – wie in einem Container – überträgt oder so Sinn vermittelt, nicht stimmt. Die Bedeutung von Sprache und sinnhaftes Verstehen gründen auf etwas anderem, nämlich dem „Sprechen als Kommunikationshandeln“. Sprechen ist zum einen eine (kollaborative) Handlung, zum anderen ist Kommunizieren kein Selbstzweck, sondern ein kulturelles Mittel, das Zusammenleben von Menschen zu organisieren und die Lebensbewältigung „der Mitglieder in einer Gemeinschaft zu sichern bzw. zu verbessern.“[13]Janich, Peter (2014): Sprache und Methode: eine Einführung in philosophische Reflexion, S. 48f, kursiv im Original. Weiter: „Kommunikationshandlungen sollen in ihrer Verbindung zu dieser … Continue reading
„More generally, all one-way approaches fail to do justice to the collective dimension of cooperation and communication, even if applied reciprocally in an effort to capture the cooperative element, because the collective ‘we’ remains part of the content of an individual’s intention and is not the subject of the intention itself.“[14]Meijers, Anthonie (1994): Speech Acts, Communication and Collective Intentionality: Beyond Searle’s Individualism, S. 50, fett durch mich.
Bild: RyanMcGuire – Schnurtelefon auf Pixabay. Lizenzfreie Verwendung unter den Bedingungen von Pixabay.

Körper und Erfahrungsmuster

„We have found, on the contrary, that metaphor is pervasive in everyday life, not just in language but in thought and action. Our ordinary conceptual system, in terms of which we both think and act, is fundamentally metaphorical in nature […] Our concepts structure what we perceive, how we get around in the world, and how we relate to other people.“

Lakoff und Johnson, 1980, S. 3[15]Lakoff, George und Johnson, Mark (1980): Metaphors We Live By. Weiter, anknüpfend an Geertz (s.o.): „Metaphors based on simple physical concepts-up-down, in-out, object, substance, etc. – … Continue reading

Sinnliche Wahrnehmung und kulturelle Erfahrungsmuster sind nicht einfach so zu verstehen, dass der menschliche Körper, wie es kybernetisch postuliert wird, lediglich eine Schnittstelle zur physischen Welt der Informationen darstellt und dadurch dem Gehirn die Datenströme zugänglich macht.[16]Der Begriff „Fleischcomputer“ (meat computer), den Elon Musk – im Vergleich zur KI – macht, bringt die kybernetische Vorstellung exakt auf den sprachlichen Punkt. Diese … Continue reading Obwohl er die Basis „direkt aus der Erfahrung hervorgehender Konzepte“ darstellt, ist der entscheidende Unterschied zur kybernetischen Modellierung von Informationen der, dass jede Erfahrung von Menschen „inmitten umfangreicher kultureller Vorannahmen“ gemacht wird.[17]Lakoff & Johnson, a.a.O., S. 57: „In other words, what we call ‚direct physical experience‘ is never merely a matter of having a body of a certain sort; rather, every experience … Continue reading Erfahrungen als Grundlage des Denkens sind für Menschen nie als rein physikalische Ereignisse, sondern immer nur sprachlich verfasst beschreibbar[18]Das entspricht ziemlich genau dem Verständnis von Kultur bei Clifford Geertz. „Sobald menschliches Verhalten als symbolisches Handeln gesehen wird […] – das heißt als Handeln, das … Continue reading und kollektiv Grund–gelegt.[19]Hier folge ich neben anderen vor allem Tomasello & Rakoczy (2020): Was macht menschliche Erkenntnis einzigartig? Von individueller über geteilte zu kollektiver Intentionalität. In: Hans … Continue reading Die körperliche wie auch emotionale Erfahrung bleibt die sinnliche Strukturgeberin metaphorisch darauf emergierender Muster der Sprache.[20]Lakoff & Johnson, a.a.O., S. 59: „Rather, what we are claiming about grounding is that we typically conceptualize the nonphysical in terms of the physical – that is, we conceptualize … Continue reading Konzeptuell ermöglichen diese es, „eine Sache anhand einer anderen [zu] verstehen und [zu] erleben“,[21]A.a.O.: „The essence of metaphor is understanding and experiencing one kind of thing in terms of another“ (S. 5). d.h., Metaphern bilden thematische Verständnisrahmen. Als solche sind sie eine notwendige Grundlage, sich an Details zu erinnern, weshalb sie bezüglich der Funktionalität des Gedächtnisses am Anfang stehen müssen.[22]Thibodeau & Boroditsky, a.a.O., S. 9: „When the topic was given at the end of the passage or not at all, participants reported being unable to make sense of what they had heard and were … Continue reading Metaphorische Konzepte heben dabei spezifische Erfahrungsmomente hervor (highlighting), andere verbergen sie dafür (hiding). Das lässt sich besonders gut am Beispiel der Leitungsmetaphorik des Alltagsverständnisses von Kommunikation zeigen.[23]Das Beispiel, das von Lakoff & Johnson verwendet wird, stammt aus Michael Reddys Aufsatz. Siehe hierzu: Reddy, Michael J. (1998): The Conduit Metaphor: A Case of Frame Conflict in Our Language … Continue reading Diese Metapher, die den gleichen kybernetischen Hinter-Grund wie das Gedächtnismodell hat, ist mittlerweile zum Standardmodell der Erklärung menschlicher Kommunikation geworden.

Die Container Metapher

Das Alltagsverständnis menschlicher Kommunikation, das sich in der Leitungsmetaphorik ausdrück, ist folgendermaßen charakterisierbar: Ein:e Sprecher:in packt ihre „Ideen“ (bzw. Gedanken) in „Worte“ und sendet sie „entlang einer Leitung“ zu einem/einer Hörer:in.[24]Wie am Titelbild des Dosentelefons gezeigt. Der oder die Empfänger:in entnimmt nun aus den Worten die Ideen – und damit auch die Bedeutung (bzw. den Sinn).[25]Lakoff & Johnson, a.a.O., S. 10: „The speaker puts ideas (objects) into words (containers) and sends them (along a conduit) to a hearer who takes the idea/objects out of the … Continue reading Das medienhistorisch und technikgeschichtlich entstandende Bild hinter dieser Auffassung macht es nicht leicht, festzustellen, welche Aspekte nicht zur Realität menschlicher Kommunikation passen, weil diese Aspekte versteckt bleiben und im täglichen Gebrauch nur vor-bewusst sind. Dass Sprache einen „Container“ zum Transport von Bedeutung darstellen soll, ist demgegenüber ein deutlich hervogehobenes Merkmal.[26]„LINGUISTIC EXPRESSIONS ARE CONTAINERS“ (a.a.O., Hervorhebung im Original). In Verbindung damit, dass Wörter und Sätze an sich, nämlich als „Objekte“,[27]„IDEAS (or MEANINGS) ARE OBJECTS“ (a.a.O., Hervorhebung im Original). bereits eine Bedeutung hätten, verstecken beide zunächst, dass Wörter als Symbole bzw. Zeichen normalerweise auf etwas anderes als sich selbst, also etwas von ihnen Unterscheidbares, verweisen.[28]Keller, Albert (1989): Sprachphilosophie, S. 32: „Ein Zeichen ist eine von ihrer Umgebung abgehobene empirische Gegebenheit, die faktisch auf etwas von ihr unterscheidbares bezogen ist und … Continue reading Insbesondere die Kybernetik hat mit ihrem Informationsbegriff dieses Bild, dass nämlich Informationen „eine von Menschen und Kontexten unabhängige Existenz haben“ würden, stark gemacht.[29]Norbert Wiener (1985) formuliert es so: „Information is information, not matter or energy. No materialism which does not admit this can survive at the present day“ (In: Cybernetics or … Continue reading

Die Einbahnstraße der Übertragung

Vollendet wird die Metaphorik durch die Rezeptionsgeschichte des mathematischen Sender-Empfänger-Modells von Claude Shannon.[30]„COMMUNICATION IS SENDING“ (Lakoff & Johnson, a.a.O, Hervorhebung im Original). Hier ist einer der wesentlichen Bezugspunkte zum Blogbeitrag 1a wie auch zu einem anderen von mir schon … Continue reading Das betrifft bereits die Namensgebung der so genannten Informations- und Kommunikationstechnologien (IuK), die, technisch gesehen, weder Informationen, noch gar Kommunikationen übertragen oder speichern, sondern modulierte „Signale“ mittels eines Kanals übermitteln.[31]Streng genommen ist selbst das nicht richtig: „Es ist in der Nachrichtentechnik schlichtweg illegitim, von ‚Signalen‘ oder ‚Zeichen‘ bzw. ‚Zeichenvorrat‘ zu … Continue reading Daraus entwickelte sich nun metaphorische Vorstellung, dass eine Gesprächssituation auf radikal subjektivierte Menschen,[32]„This part of the story, the no visiting and no exchange of indigenous materials rule, we shall call the postulate of ‘radical subjectivity.’“ Reddy, Michael (1998): The conduit … Continue reading jeweils als Sender oder Empfänger und ohne Kontext, reduzierbar ist. Das bedeutet auch, dass die Übertragung von Handlungsaufforderungen und ihres Sinngehaltes völlig unabhängig vom Medium möglich zu sein scheint. Die kommunikative Situation, dass Menschen normalerweise wechselseitig miteinander über eine gemeinsame Sache reden, bleibt hier ebenfalls versteckt und wird im Standardmodell durch ein „reziprok angewandtes Einweg-Modell“ aufgelöst.[33]„When cooperation is taken into consideration, it is assumed that this aspect of communication can be accounted for by applying the one-way model reciprocally. I believe that this view of … Continue reading Was die Metaphorik damit am Ende ausblendet sind nicht alleine verschiedene kommunikative Aspekte, sondern vor allem „die menschlichen Urheber dieser Leistung“.[34]Janich, a.a.O., S. 67, kursiv im Original.


Abbildung 2: Der „Sprachstern“
In Abwandlung einer von mir beretis verwendeten Grafik hier eine Verbildlichung des „Sprachsterns“, wie ihn Keller skizziert.[35]Keller (1989): Sprachphilosophie, S. 46 Sie soll zeigen, wie Metaphoriken der Sprache allgemein funktionieren. Am Beispiel eines Eisbergs wird deutlich, dass metaphorisch neben dem „Wort“ (als Container) alleine Sprecher:in und Adressat:in – jeweils als Sender und Empfänger einer Einwegkommunikation – hervorgehoben (highlighted) werden. Der „Kontext“[36]Hierher gehört „eine Art hermeneutische Funktion, […] insofern eine Äußerung vom Verständnis ihres Kontextes her bestimmt wird und auf dieses zurückwirkt“ (A.a.O., S. 47). und das „Designat“[37]„Hierher gehört das Problem der Sprachbedeutung mit seinen vielfältigen Fragen […]“ (A.a.O.). bleiben bereits versteckt, obwohl sie das Wesentliche der Kommunikationssituation ausmachen. Den Grund – nicht nur im Wortsinne – bildet die „Gemeinschaft“[38]„Diese Beziehungen bedingen sowohl das Zustandekommen jeder Art von menschlicher Gemeinschaft wie die Strukturierung der Gesellschaft durch Sprache […]“ (A.a.O., S. 48). und ihre kommunikative Praxis als Handlungszusammenhang.[39]Janich, a.a.O., S. 46, kursiv im Original: „Kommunikation und Signifikation stehen also nicht als zwei gleichberechtigte oder voneinander unabhängige Aspekte nebeneinander. Vielmehr sind … Continue reading Sie stellt damit einen nicht-sprachlichen Rahmen der wechselseitigen Verständigung dar, der bereits aus diesem Grund, also der Nicht-Sprachlichkeit, in den Metaphoriken vollständig verschwindet, obwohl er ontologisch vorrangig die tragende Ebene darstellt.[40]Siehe hierzu Tomasello a.a.O.
Bild: Eigene Grafik nach Keller,[41]A.a.O., S. 46. Es ist eine Abwandlung der Grafik, die ich bereits im Beitrag zum Mythos des kommunikativen Eisbergs verwendet habe, ergänzt um den Sprachstern. erstellt in Libre Office Impress. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons BY-SA möglich.

Der „Grund“ sprachlicher Metaphern

„All cultures have myths, and people cannot function without myth any more than they can function without metaphor. And just as we often take the metaphors of our own culture as truths, so we often take the myths of our own culture as truths. The myth of objectivism is particularly insidious in this way.“

Lakoff und Johnson, S. 186[42]A.a.O., S. 186

Warum ist nun der kybernetische Gedächtnismythos so omnipräsent und mächtig geworden, dass er sogar das Denken der Menschen, zumindest in der psychologischen und didaktischen Theoriebildung, „unsichtbar“ machen konnte? Zur Auflösung des Rätsels bietet es sich an, ähnlich wie in den beiden ersten Beiträgen an die Sache heranzugehen. Das bedeutet, die durchaus kritische Metaphern-Analyse von Lakoff und Johnson auf sie selbst anzuwenden, also eine Selbstapplikation durchzuführen. Und das aus zwei elementaren Perspektiven: der des kulturellen Konzeptes der Individualisierung in Fragen der Übermittlung von Bedeutung und der des ontologischen Konzeptes des tragenden Grundes von Sprache und Semantik. Das gleiche Vorgehen gilt zuerst gegenüber Reddy und seinem Beispiel der Leitungsmetapher, das sie in ihrem Text prominent beschreiben. Diese Selbstapplikation mache ich jedoch an seinem originalen Text, also nicht anhand der Beschreibung des Modells im Buch von Lakoff und Johnson.[43]Reddy, Michael J. (1998): The Conduit Metaphor: A Case of Frame Conflict in Our Language about Language. In: Ortony, Andrew (Hrsg.): Metaphor and Thought.

Die Logik der Leitungsmetaphorik

Die Logik der Leitungsmetaphorik, so Reddy, lege nahe, dass „Wörter ein ‚Inneres‘ und ein ‚Äußeres‘ hätten“, weil nur mit einem „Innen“ auch „Gedanken ‚eingefügt‘ werden“ könnten.[44]„The logic of the framework we are considering – a logic which will hence-forth be called the conduit metaphor – would now lead us to the bizarre assertion that words have … Continue reading Doch das sei falsch. Auch wenn die Sprache es metaphorisch nahe lege: Sie kann nicht selbst die Trägerin von Bedeutung sein. Zu erklären wäre dann nämlich, wie Bedeutung in die „logischen Container“ (Wörter) kommt (wie der insertion process abläuft).[45]„Naturally, if language transfers thought to others, then the logical container, or conveyer, for this thought is words, or word-groupings like phrases, sentences, paragraphs, and so on. One … Continue reading Die Leitungsmetaphorik setze zudem einen „mühelosen Gebrauch“ (success without effort) voraus und sei auch aus Gründen der Thermodynamik falsch.[46]Damit möchte er recht explizit an die Thermodynamik, genauer den zweiten Hauptsatz, und Shannons Entropiebegriff anschließen, den er hier zu Grunde legt. Reddys eigentliches Argument gegen die gewöhnliche Redewendung des Transports lautet jedoch, dass diese deshalb nicht wörtlich genommen werden könne, weil die Gedanken „im Schädel“ jedes Menschen „eingesperrt“ seien.[47]„Actually, no one receives anyone else’s thoughts directly in their minds when they are using language […] Nor can anyone literally ‚give you an idea‘ – since … Continue reading Niemand könne die „Ideen“ und „Gedanken“ eines anderen direkt empfangen (oder senden), insofern sind sie auch nicht über eine Leitung übertragbar. Das Rätsel, das er auflösen möchte, ist also, wie es trotz dieser Nichtübertragbarkeit dazu kommt, andere Menschen relativ problemlos zu verstehen, wenn sie miteinander sprechen.

Es muss für ihn einen alternativen „Rahmen“ für die Erklärung der Kommunikationsfähigkeit geben, weshalb er nun ein eigenes Modell entwickelt, genauer eigentlich ein Gedankenexperiment anstellt, welches er das „Werkzeugmacher-Paradigma“ (toolmakers paradigm) nennt.[48]A.a.O., S. 171-175. „Simply speaking, in order to engage in frame restructuring about human communication, we need first an opposing frame.“ In diesem leben einzelne Menschen isoliert in je unterschiedlich ausgestatteten Sektoren, können sich dabei weder sehen, noch Gegenstände austauschen. Sie kommunizieren ausschließlich über Bauanleitungen auf Zetteln, die sie sich durch einen zentralen Knotenpunkt[49]Es gibt auf S. 172 eine Skizze in Form eines Rades, wobei die Speichen die Sektoren trennen und der Knotenpunkt als Nabe eines Rades gezeichnet ist. Siehe Reddy, a.a.O. gegenseitig als Baupläne zuschicken.[50]Sein Gedankenexperiment gleich keineswegs zufällig den Überlegungen von John Searle bezüglich des chinesischen Zimmers. Es erscheint auch zum nahezu gleichen Zeitpunkt und bei beiden geht es um … Continue reading Das auf diesem Paradigma aufbauende Argument gegen die übliche Lesart der Transport-Redewendung ist nun, dass die jeweils Beteiligten aus einem eigenen „Vorrat an geistigem Material“ (stock of mental stuff) eine „Replikation“ der fremden Gedanken konstruieren müssen, indem sie die ursprüngliche Auswahl nachvollziehen.[51]Hier knüpft er explizit an den „Zeichenvorrat“ von Shannon an, den dieser postuliert. Bereits hier werden die Zeichen also nicht (mehr) von Menschen generiert, sondern es existiert ein … Continue reading Diese Rekonstruktion ist mehr oder weniger genau, weil die Beteiligten einen je eigenen Rahmen bzw. Kontext haben, an dem sich ihre Auswahl orientieren muss.[52]A.a.O., S. 167: „Language seems rather to help one person to construct out of his own stock of mental stuff something like a replica, or copy, of someone else’s thoughts – a replica … Continue reading Die rekonstruktive Arbeit gelingt also nur, weil ein geteilter Hintergrund (bzw. Pool an Zeichen), skizziert als Nabe des Rades, die Sektoren der Individuen verbindet. Doch auch mit dem Werkzeugmacher-Paradigma würde die „menschliche Kommunikation fast immer ins Leere“ laufen, sofern „nicht echte Energie aufgewendet wird“, die es braucht, um „hart an ihrer Kommunikation“, genauer am Verstehen, zu arbeiten.[53]A.a.O., S. 174: „Human communication will almost always go astray unless real energy is expended“. Menschliche Kommunikation bedingt nämlich bereits physikalisch gesehen die „Zunahme an Ordnung“ in ihrer Struktur.[54]Auch hier rekonstruiert er im Prinzip Shannons Theorie, genauer die Frage der Entropie, die Shannon bezüglich der Signalübertragung stark macht. Korrekterweise sieht auch Reddy, dass … Continue reading

Nun zur Selbstapplikation seiner Überlegungen auf das Gedankenexperiment. Reddy verwirft zwar die Container-Metapher, aber die Folie, vor der er sie verwirft, ist bereits selbst ein metaphorischer Rahmen: der von hermetisch verschlossenen Einzelmenschen. Er ersetzt die naive Transport-Metapher lediglich durch ein raffinierteres individualistisches Bild, das für ihn eine Rekonstruktion von Bedeutung zur Folge hat. Dass symbolische Bedeutung nicht transportiert, sondern in der jeweiligen kommunikativen Gemeinschaft aktiv hergestellt wird, ist hierbei eine korrekte Einsicht.[55]Auch wenn er sie nur als Auswahl aus einem angelegten Vorrat skizziert, der gesetzt ist. Doch noch bevor sein Gedankenexperiment beginnt, ist der Rahmen der „radical subjectivity“ bereits gesetzt. Der unhinterfragte und ontologische Ausgangspunkt seines „Gegenmodells“ ist, wie bereits beim Sender-Empfänger-Modell der gesamten Metaphorik, die radikale Subjektivität der Beteiligten.[56]A.a.O., S. 172: „This part of the story, the no visiting and no exchange of indigenous materials rule, we shall call the postulate of ‘radical subjectivity’“. Daraus ergibt sich überhaupt erst seine grundlegende Frage, wie es nämlich zwei isolierte Individuen schaffen, sich zu verstehen. Auch das damit zusammenhängende Übertragungsproblem folgt erst aus der Verabsolutierung der individuellen Perspektive. Mit anderen Worten: Die Frage, wie eine Verständigung über Entfernung und aufgrund von Medien möglich ist, ist bereits ein Artefakt, das daraus entsteht, die Kommunikation aus isolierten Individuen und ihren Sektoren zu erklären, in welche er die immer schon notwendige kommunikative Gemeinschaft zuvor zerlegt hat.

Der kulturelle GROUND

Reddy betont, dass Verstehen eine rekonstruktive Arbeit ist, der Empfänger kann jedoch nur aus einem eigenen Pool an Bedeutungen eine davon auswählen. Wie dieser Pool zustande kommt, ist bereits nicht mehr sein Thema. Er ist, wie auch die radikale Subjektivität, als Paradigma bereits gesetzt. Lakoff und Johnson geben Reddys Leitungsmetaphorik gleich zu Beginn viel Raum, um zu zeigen, dass „metaphorische Konzepte“ (metaphorical concepts) nicht zufällig entstehen, sondern eine sprachliche „Systematik“ (systematicity) aufweisen und zugleich die menschlichen Denkprozesse zutiefst prägen. Das zeigen sie an vielen eindrücklichen Beispielen und damit auch, dass das „alltägliche Begriffssystem“, nach dem Menschen sowohl denken als auch handeln und miteinander in Beziehung stehen, „von Grund auf metaphorischer Natur“ ist. Das ist im täglichen Gebrauch allerdings selten bewusst, weshalb es für dieses Phänomen ein Fundament geben muss, das in der Sprache selbst begründet und reflexiv aufweisbar sein sollte.[57]A.a.O., S. 3: „But our conceptual system is not something we are normally aware of […] Since communication is based on the same conceptual system that we use in thinking and acting, … Continue reading

Im weiteren Vorgehen unterscheiden sie nun sprachliche „Konzepte“ (concepts) und ihre „Rahmen“ (frames), um zu untersuchen, worauf die Metaphern zurückzuführen sind. Das Ergebnis zeigt, in der Reihenfolge ihrer Einführung,

  1. orientierende Metaphern[58]Orientational Metaphors, Kap. 4 im Sinne polarer Gegensätze wie etwa „oben“ und „unten“, die auf unmittelbaren Konzepten der körperlichen Erfahrung beruhen und kulturell variieren können,[59]A.a.O., S. 15: „Though the polar oppositions up-down, in-out, etc., are physical in nature, the orientational metaphors based on them can vary from culture to culture.“
  2. ontologische Metaphern[60]Ontological Metaphors, Kap. 6 im Sinne von „Objekten“ bzw. „Substanzen“ und diskreten Einheiten, die eine Verdinglichung von Nicht-Gegenständlichem beinhalten und dadurch das Sprechen und Nachdenken darüber ermöglichen[61]„Once we can identify our experiences as entities or substances, we can refer to them, categorize them, group them, and quantify them-and, by this means, reason about them“ (a.a.O., S. … Continue reading sowie
  3. strukturelle Metaphern,[62]Structural Metaphors, Kap. 13 welche der systematischen Strukturierung von Konzepten dienen und vielfältige sprachliche Übetragungen erlauben.[63]A.a.O., S. 61: „Structural metaphors allow us to do much more than just orient concepts, refer to them, quantify them, etc., as we do with simple orientational and ontological metaphors; they … Continue reading

Paradigmatisch zeigen lässt sich das am Konzept der Kausalität, das für sie „teils emergent“ und „teils metaphorisch“ ist.[64]A.a.O., Kapitel 14: „Causation: Partly Emergent and Partly Metaphorical“. Es zeigt besonders deutlich, dass es einen Kern hat, dem aus der Erfahrung heraus neue metaphorische Eigenschaften zugeschrieben werden. Dabei betonen sie, dass es falsch sei, davon auszugehen, dass Kausalität als geistiges Grundkonzept in weitere Einheiten zerlegbar sei. Stattdessen schlagen sie vor, sie als „Erfahrungsgestalt“ (experiental gestalt) zu betrachten.[65]A.a.O., S. 69f: „Even a concept as basic as CAUSATION is not purely emergent or purely metaphorical. Rather, it appears to have a directly emergent core that is elaborated metaphorically … Continue reading Trotz unscharfer Grenzen ist diese Gestalt prototypisch (prototypical) auf eine direkte menschliche Manipulation rückführbar und deren Komplex an Eigenschaften (complex of properties) weist eine „Familienähnlichkeit“ (family resemblances) auf, die metaphorisch weiterentwickelt werden kann,[66]A.a.O., S. 71, kursiv im Original: „We are using the word ‚prototypical‘ in the sense Rosch uses it in her theory of human categorization (1977). Her experiments indicate that … Continue reading einschließlich solcher Phänomene wie „Fernwirkung“ (action at a distance) und „nichtmenschliches Handeln“ (nonhuman agency).[67]Das nichtmenschliche Handeln spielt neuerdings in der Diskussion um die KI, genauer um agentische KI, ein bedeutende Rolle. Insofern, und hier schließen sie ihre Betrachtung ab, gibt es „natürliche Dimensionen der Erfahrung“, deren gedankliche Konzepte „auf mehr als eine Weise“ und dennoch in einer kohärenten Struktur analysiert werden können, ohne dass es damit letzte zu Grunde liegende Bausteine (building blocks) gibt.[68]A.a.O., S. 76: „The theory we will propose in the next chapter suggests, instead, that there are natural dimensions of experience and that concepts can be analyzed along these dimensions in … Continue reading

Die metaphorische Grundstruktur der Konzepte hat für Lakoff und Johnson deshalb eine elementare Wirkung auf die Kultur, weil sie eine sprachliche „Kohärenz“ gewährleisten und ihre „Werte“ fundamental in die Kultur eingebettet sind.[69]„The most fundamental values in a culture will be coherent with the metaphorical structure of the most fundamental concepts in the culture […] These are values deeply embedded in our … Continue reading Ihre Untersuchung ergibt jetzt allerdings eine Spannung in der Argumentation, denn zum einen verweisen sie auf die Verankerung von Bedeutung für die Individuen (wie auch Gruppen) in ihrer Kultur,[70]„Individuals, like groups, vary in their priorities and in the ways they define what is good or virtuous to them. In this sense, they are subgroups of one. Relative to what is important for … Continue reading zum anderen emergiert Bedeutung aus den individuellen physischen (körperlichen) Erfahrungen.

Die Lösung des Übertragungsproblems

Lösen sie mit der starken Betonung der kulturellen Prägung das Übertragungsproblem wirklich? Lakoff und Johnson verfahren hier ähnlich, wie es bereits Reddy getan hat: Sie verwerfen das Übertragungsmodell und ersetzen es durch ihren eigenen metaphorischen Rahmen: Das Modell der kulturellen Konzepte. Der Hinter-Grund für Bedeutung ist für sie dabei, dass unsere grund-legendsten sprachlichen Konzepte körperlich-erfahrungsbasiert entstehen. Das erfordert nun eine Analyse in zwei Richtungen: Der Frage nach der kulturellen Grund-legung von Konzepten und der genauen Rolle der körperlichen Erfahrung dabei. Die Problemstellung ist im Kapitel über die Kausalität als prototypischer Fall bereits sichtbar, denn hier ist es der Fall „eines einzigen Agenten“ und eines (einzigen) „bestimmten Patienten“.[71]A.a.O., S. 71: „There is a single specific agent and a single specific patient.“ Mit der Betonung der körperlichen Erfahrungsnotwendigkeit nehmen sie zunächst explizit Stellung gegen die kognitivistische und positivistische Interpretation von Sprache, die in der Container-Metaphorik steckt.[72]Von der Bedeutungs- und Wahrheitstheorie grenzen sie sich explizit ab. Ganz besonders, darauf weist vor allem die Ablehnung „geistiger Bausteine“ hin, nehmen Sie eine Gegenposition zur … Continue reading Explizit grenzen sie sich mit ihrer Analyse auch von den Mythen des „Objektivismus“ (objectivism) und des „Subjektivismus“ (subjectivism) ab und nennen ihren eigenen Gegenentwurf einen „erfahrungsmäßigen“ (experientalistic) Ansatz.[73]Kapitel 25 – 28. „But we have claimed that Subjectivism is not the only alternative to objectivism, and we have been offering a third choice: the experientialist myth, which we see as … Continue reading

Weil der einzelne Körper für sie die Erfahrungsquelle ist, ist er der Grund (GROUND) und die Basis der fundamentalsten Orientierungsmetapher (orientational metaphor). Was das bedeutet, zeigen sie besonders am subjektiven körperlich-räumlichen Konzept des „Oben“ (UP) und allem, was daraus auch für Bewegung folgt, denn dieses ist fest verankert in der Tatsache des objektiven aufrechten Gangs unter den physikalischen Bedingungen der Gravitation.[74]„Our spatial concept UP arises out of our spatial experience. We have bodies and we stand erect. Almost every movement we make involves a motor program that either changes our up-down … Continue reading Der Körper steht figürlich sowie deutlich sichtbar für das Oben und damit auch für das Bewusste. Als „kanonische Person“ (canonical person) wird der Körper sogar begrifflich zum Ausgangspunkt eines umfassenden egozentrischen Referenzsystems mit einer „Ich-Zuerst Orientierung“ (ME-FIRST orientation).[75]„The canonical person forms a conceptual reference point, and an enormous number of concepts in our conceptual system are oriented with respect to whether or not they are similar to the … Continue reading Damit weist auch ihre Metaphorik bereits eine implizite Asymmetrie auf, denn das individualistische Bild des Handlungssubjekts der philosophischen Tradition drängt sich nun geradezu auf. Am Ende bauen sie Kultur von der indivduell-physischen Erfahrung her auf[76]„The conceptual systems of cultures and religions are metaphorical in nature […] that are grounded in our physical experience [and metonymies] provide an essential means of comprehending … Continue reading und reduzieren sie dabei rein auf die körperliche Erfahrung eines Individuums.[77]Das ist insofern nicht verwunderlich, als das Thema Kultur bei Ihnen ohnehin eher wie ein Residuum wirkt, obwohl sie viele kulturelle Beispiele gebrauchen. Sie führen das Konzept Kultur jedoch an … Continue reading Für ihren „Weg“, dass nämlich jede Erfahrung durch und durch kulturell geprägt ist, müssen sie nun einen starken Emergenzbegriff verwenden:[78]Die starke Form von Emergenz ist deshalb notwendig, weil sonst Kultur doch wieder auf die Erfahrung rückführbar ist, aber in ihren Augen aus der Erfahrung alleine nicht erklärbar ist. Sie ist nur … Continue reading Ihre Kernthese trägt ontologisch überhaupt nur, wenn Kultur am Ende gerade nicht auf die physische (Einzel-) Erfahrung reduzierbar ist.

Weil sie die Basis der Erkenntnis leiblich-individuell ansetzen, können sie die Irreduzibilität, die sie damit paradigmatisch festlegen, nicht begründen: rein aus der wiederkehrenden körperlichen Interaktion mit der Umwelt lässt sich Kultur nicht als qualitativ Neues und Gemeinschaftliches gewinnen. Lehnt man diese Reduzierung ab, dann kann das sichtbare „Ich-Zuerst“ auch nicht das der Kultur zu Grunde liegende sein, das die Sprache und Bedeutung trägt. Das Selbst-Verständliche, auf das am Ende auch sie sprachlich aufbauen, liegt als kulturelles und vor allem nicht sprachliches Fundament, als Unter-Grund, unterhalb dieser Ebene.[79]Das ist nicht räumlich gemeint, sondern onto-logisch vorgängig. Siehe hierzu auch den nichtsprachlichen Rahmen von Tomasello in Abbildung 2 sowie weiter Teil 2b. Mit anderen Worten: erst wenn die kulturelle Basis kollaborativ zustande kommt, wird plausibel, warum mit der Kultur etwas entsteht, was nicht auf eine individuelle Einzelerfahrung rückführbar ist. Der starke Emergenzbegriff, den sie real gebrauchen, ist überhaupt nur von dieser Gemeinschaftlichkeit einer Kultur her theoretisch einlösbar. Metaphorisch gesehen bleibt der GROUND von Lakoff und Johnson der Grund für die sprachlichen Konzepte der Individuen. Das Fundament aber, worauf die Menschen tatsächlich stehen, ist die kollektive Grund-Struktur ihrer kulturellen Verfasstheit, worauf die Sprache am Ende referenziert.[80]Hierzu Tomasello, 2003, S. 117, kursiv im Original: „Wir müssen daher ausdrücklich die theoretische Tatsache anerkennen, daß sprachliche Referenz ein sozialer Akt ist, bei dem eine Person … Continue reading Aufgrund ihrer selbst verwendeten Metaphorik bleibt diese jedoch für Lakoff und Johnson unsichtbar. Weil sie den Weg dahin buchstäblich nicht sehen können, können sie diesen Schritt einer adäquaten kulturellen Analyse auch nicht gehen.

Kritik der gedanklichen Voraussetzungen

„We think we are ‚capturing ideas in words,‘ and funneling them out to the greatest public in the history of the world. But if there are no ideas ‚within‘ this endless flood of words, then all we are doing is replaying the myth of Babel – centering it, this time, around a broadcasting tower.“

Reddy, 1998, S. 188[81]Reddy, Michael (1998[1979]): The conduit metaphor: A case of frame conflict in our language about language. In: Ortony, Andrew (Hrsg.): Metaphor and thought. „I am suggesting, then, that … Continue reading

Die ausführliche und kritische Analyse der Leitungsmetapher von Reddy und des Übertragungsproblems bei Lakoff und Johnson endete beide Male damit, dass es die grundlegende Einsicht gab, dass – entgegen der sprachlichen Metaphorik – die Bedeutung von Zeichen nicht durch die Zeichen selbst übertragen werden kann. Diese Einsicht konnte deshalb nicht in eine korrekte Lösung überführt werden, weil die je eigene verwendete Metaphorik nicht kritisch hinterfragt wurde. Dabei gilt spätestens seit Hegel, dass die gebrauchten Metaphoriken „Kategorien enthalten, welche Voraussetzungen sind und selbst erst der Kritik bedürfen, ehe sie gebraucht werden“ können.[82]Hegel (2000): Wissenschaft der Logik I, S. 31, kursiv durch mich: „Im Gegenteil haben sie mir zu häufig und zu heftig solche Gegner gezeigt, welche nicht die einfache Reflexion machen mochten, … Continue reading Metaphorisch gesprochen gelangte jedes Mal das Individualparadigma, also dass die Bedeutung von Worten „nirgendwo anders existieren kann als in den Köpfen der Menschen“,[83]Enfield, Nick J. (2015): The Utility of Meaning: What Words Mean and Why, S. 12. „Assuming (a) that the concepts we refer to as word meanings or signifieds cannot exist anywhere but in … Continue reading kritiklos als Grund nach oben. Besonders bei Lakoff und Johnson wird zwar deutlich, dass Kultur ein Lösungsansatz für das Übertragungsproblem von Sprache sein kann. Das funktionierte bei ihnen als Argumentationsgang am Ende aber aufgrund der ebenfalls kritiklosen Rückbindung an die körperliche Einzelerfahrung nicht.[84]Das gleiche Grundmuster der Rückführung auf die Individuen zeigt sich am Ende auch bei Enfield (s.o.), weshalb auch er das Dilemma nicht auflösen kann und davon spricht, dass Bedeutung … Continue reading

Weil die Leitungsmetapher nicht einfach falsch, sondern unvollständig ist, kann Reddy das Dilemma im Rahmen seines Werkzeugmacher-Paradigmas nicht wirklich auflösen. Er greift deshalb am Ende seines Aufsatzes auf den Mythos des Turmbaus zu Babel zurück, um eine Warnung vor der Verwendung der Leitungsmetapher anzubringen. Wenn nämlich, so Reddy, Bedeutung nicht in den Worten (als Container) steckt, dann können auch keine Ideen (ideas) von Menschen dadurch übertragen werden. Konsequenterweise bedeutet das für ihn, dass selbst dann, wenn die Menschen sich „um einen Sendemast herum zentrieren“, allein aufgrund der gesendeten Worte keine Verständigung stattfinden kann, weil sie keinen Sinn in sich haben. Das offensichtliche Problem bestehe nun darin, so Reddy weiter, dass die Massenmedien durch die verwendete Metaphorik fälschlicherweise glauben machen, es würde im großen Stil eine echte Kommunikation stattfinden, weil – zumindest rein technisch gesehen – Millionen von Menschen gleichzeitig erreicht würden. Der Babel-Mythos dient ihm also, explizit metaphorisch gebraucht, zur Stützung seines oben skizzierten Werkzeumacher-Paradigmas.


Abbildung 3: Symbolische Verwirrungen um den tragenden Grund
Dieses Bild soll darstellen, was Reddy mit seiner Aussage am Ende des Aufsatzes transportieren möchte, nämlich dass sich die Bedeutung als tragender Grund von (Tele-) Kommunikation auflöst, wenn man nur auf die Übertragung von Sinn durch die Sprache setzt. Wenn nämlich, so Reddy weiter, die Menschen nicht in die Lage versetzt würden, das Empfangene von ihren Erfahrungen her zu rekonstruieren, also beispielsweise zuzuhören und nachzudenken, dann würden sie „nichts anderes tun, als den Mythos von Babel immer wieder aufleben zu lassen“.
Bild: Von mir über Gemini respektive Nano Banana generiertes Bild.[85]Der zweifache Prompt lautete zunächst: „Kannst du mir das Bild auf der Wikipedia von Marten Valckenborch des Turmbaus zu Babel dergestalt adaptieren, daraus ein fotorealistisches Bild … Continue reading

Mit dem Babel Mythos adressiert Reddy noch einmal die Frage nach dem tragenden Unter-Grund bzw. der Infrastruktur, auf deren Grundlage Kommunikation möglich wird. Doch erst im Sinne einer Selbstapplikation können die verwendeten Paradigmen von ihm, wie auch von Lakoff & Johnson, auf ihren tragenden Unter-Grund hin untersucht werden. Zur reflexiven Auflösung des Rätsels komme ich am Anfang des zweiten Teils auf den Babel-Mythos zurück (2b). Damit möchte ich zeigen, dass Reddy durch seine paradigmatische Vorentscheidungen den Mythos nicht richtig deutet. Anschließend daran werde ich den Mythos spekulativ im Sinne von Hegel untersuchen, um zu zeigen, warum Metaphern und Mythen notwendige sprachliche Instrumente sind. Gerade am Mythos des Turmbaus zu Babel lässt sich nämlich – spekulativ – zeigen, wie sich der Unter-Grund darstellt und warum der Mythos von Babel sogar eine Lösung für das Übertragungsproblem der Leitungsmetaphorik aufweist.

To be continued …

Addenda

Die Gedächtnismythos-Blogreihe

Dies ist der dritte Teil einer mittlerweile 6-teiligen Blogreihe, die sich mit dem Thema Denken, Gedächtnis, Sprache und Metaphorik befasst. Die sechs Einzelbeiträge sind wiederum 3 Themenblöcken zuzuordnen.

Ich werde die einzelnen Beiträge nach und nach veröffentlichen, wenn ich sie geschrieben habe. Außerdem überführe ich die thematischen Blöcke in Preprints zur Veröffentlichung auf ResearchGate. Die Überschriften enthalten den jeweiligen Link dorthin.

Hier die Logik als Gliederung:


OER und CC BY-SA

Diese Blogreihe steht als Creative Commons BY-SA, also Namensnennung und Verwendung unter gleichen Bedingungen, wie auch als OER zur Verfügung.

Das bedeutet, Sie können sie frei für den Unterricht oder Lehrveranstaltungen verwenden, wenn sie meinen Namen nennen und die Elemente selbst unter den gleichen Bedingungen zur Verfügung stellen. Sie dürfen den Text auch herunterladen und eigenständig verändern, allerdings gilt auch hier der Hinweis auf die Namensnennung.

Sofern die verwendeten Bilder und Grafiken nicht von mir selbst stammen, dürfen Sie das nicht automatisch tun bzw. müssen abgleichen, inwiefern das Urheberrecht hier zu beachten ist. Das gilt insbesondere für die integrierten KI-generierten Bilder.

Anmerkungen

Anmerkungen
↑1Tomasello, Michael (2003): Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens: zur Evolution der Kognition, S. 46, fett im Original kursiv.
↑2Beide Beiträge sind mittlerweile in einem Preprint zusammengefasst und hier auf ResearchGate verfügbar.
↑3Bennett & Hacker bezeichnen das als „mereologischen Fehlschluss“, d.h. der Zuschreibung von Eigenschaften an Teile von Menschen, die Menschen nur insgesamt zukommen. „A human being is a psychophysical unity, an animal that can perceive, act intentionally, reason and feel emotions, a language-using animal that is not merely conscious, but also self-conscious — not a brain embedded in the skull of a body“ (Bennett & Hacker (2003): Philosophical foundations of neuroscience, S. 3).
↑4Hierzu beispielsweise Halbwachs (1925/2022): Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen oder auch Assmann (1988): Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität.
↑5Das bedeutet, dass die dort skizzierten Modelle und Theorien in der konkreten Anwendung voraussetzen, was sie eigentlich ausschließen sollen. Das gilt auf der theoretischen Ebene sowohl für Shannon, aber auch für die experimentellen Designs, wie sie etwa Ebbinghaus, Miller und am Ende auch Atkinson & Shiffrin gestaltet haben.
↑6Es sind tatsächlich nur Männer, welche das theoretische Modell ausprägten.
↑7Sie ist eine bewusste experimentelle Grundentscheidung, mit der, durchaus bedeutungsvoll, die Semantik als Störvariable ausgeschaltet werden soll, um rein diskret eingehende Einheiten zu bekommen, die gezählt und gespeichert werden können.
↑8„The human brain isn’t really empty, of course. But it does not contain most of the things people think it does – not even simple things such as ‘memories’“ (Epstein (2016): The empty brain: Your brain does not process information and it is not a computer).
↑9Im Sinne Hegels, siehe hierzu genauer Teil 2b.
↑10Fulda, Hans Friedrich (1991): Vom Gedächtnis zum Denken. In: Hespe & Tuschling (Hrsg.): Psychologie und Anthropologie oder Philosophie des Geistes, S. 339: „Wenn man dies berücksichtigt, so darf man den Zusammenhang von Gedächtnis und Denken nicht als den von Gliedern eines Orga­nismus denken. Man muß ihn als einen verstehen, der wesentlich selbst ein Organisches ist und also die Natur des Organischen hat.“
↑11Siehe hierzu Janich, Peter (2006): Was ist Information? Kritik einer Legende: „Es gibt nicht den deus ex machina, den außerhalb der Welt stehenden behavioristischen Beobachter, den archimedischen Standpunkt oder ‚gods eyes view‘, die den technisch übertragenen, physikalisch beherrschten Wirkausbreitung nun Bedeutung und Geltung verleihen könnten“ (S. 83, kursiv im Original).
↑12Hegel (1991[1830]): Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse, § 464, kursiv im Original, fett durch mich: „Aber dergleichen empirische Angaben helfen nichts dazu, das zu erkennen, was das Gedächtnis an ihm selbst ist; es ist einer der bisher ganz unbeachteten und in der Tat der schwersten Punkte in der Lehre vom Geiste, in der Systematisierung der Intelligenz die Stellung und Bedeutung des Gedächtnisses zu fassen und dessen organischen Zusammenhang mit dem Denken zu begreifen. Das Gedächtnis als solches ist selbst die nur äußerliche Weise, das einseitige Moment der Existenz des Denkens; der Übergang ist für uns oder an sich die Identität der Vernunft und der Weise der Existenz, welche Identität macht, daß die Vernunft nun im Subjekte existiert, als seine Tätigkeit ist; so ist sie Denken.“
↑13Janich, Peter (2014): Sprache und Methode: eine Einführung in philosophische Reflexion, S. 48f, kursiv im Original. Weiter: „Kommunikationshandlungen sollen in ihrer Verbindung zu dieser umfassenderen Praxis, genauer in ihrem Mittelcharakter für das gemeinschaftliche Leben betrachtet werden.“
↑14Meijers, Anthonie (1994): Speech Acts, Communication and Collective Intentionality: Beyond Searle’s Individualism, S. 50, fett durch mich.
↑15Lakoff, George und Johnson, Mark (1980): Metaphors We Live By. Weiter, anknüpfend an Geertz (s.o.): „Metaphors based on simple physical concepts-up-down, in-out, object, substance, etc. – which are as basic as anything in our conceptual system and without which we could not function in the world
–could not reason or communicate
– are not in themselves very rich“ (fett im Original kursiv).
↑16Der Begriff „Fleischcomputer“ (meat computer), den Elon Musk – im Vergleich zur KI – macht, bringt die kybernetische Vorstellung exakt auf den sprachlichen Punkt. Diese Sichtweise ist aus meiner Sicht, zwar etwas neutraler formuliert, aber dennoch meist auch der „Gag“ vieler derzeit heiß diskutierter 4E-Theorien in den Kognitionswissenschaften. Das ist deshalb eine verkappte Kybernetik, weil sie nach wie vor am einzelnen Menschen, meist genauer am Gehirn, ansetzt. Im Prinzip hat die Kybernetik von Anfang an das Ziel gehabt, das menschliche Denken, insbesondere das „Denkorgan“, nämlich das Gehirn, mechanistisch aufzulösen. Siehe hierzu Wiener bereits 1948 im kurzen Aufsatz „Cybernetics“: „Indeed, the experts have gone so far in the elaboration of such machines that we can say the human brain behaves very much like the machines. The construction of more and more complex mechanisms actu­ally is bringing us closer to an understand­ing of how the brain itself operates“ (In: Scientific American, 179/5, S. 14).
↑17Lakoff & Johnson, a.a.O., S. 57: „In other words, what we call ‚direct physical experience‘ is never merely a matter of having a body of a certain sort; rather, every experience takes place within a vast background of cultural presuppositions.“ Bereits dieses inmitten (within) ist metaphorisch-konzeptuell, weil kulturelle Vor-Annahmen (pre-suppositions) als Hinter-Grund (back-ground) der Wahrnehmung vorangehen und diese dadurch nicht nur prägen, sondern erst ermöglichen.
↑18Das entspricht ziemlich genau dem Verständnis von Kultur bei Clifford Geertz. „Sobald menschliches Verhalten als symbolisches Handeln gesehen wird […] – das heißt als Handeln, das wie die Lautbildung beim Sprechen, das Pigment in der Malerei, die Zeile beim Schreiben oder der Klang in der Musik eine Bedeutung hat -, verliert das Problem, ob Kultur vorgestanztes Verhalten, ein beschränkter intellektueller Horizont oder sogar von beidem etwas ist, seinen Sinn.“ Geertz, Clifford (1991): Dichte Beschreibung: Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, S. 60.
↑19Hier folge ich neben anderen vor allem Tomasello & Rakoczy (2020): Was macht menschliche Erkenntnis einzigartig? Von individueller über geteilte zu kollektiver Intentionalität. In: Hans Bernhard Schmid und David P. Schweikard (Hrsg.): Kollektive Intentionalität. „Die Lösung des Rätsels ist, dass Dinge wie Sprachen, symbolische Mathematik und komplexe soziale Einrichtungen keine individuellen Erfindungen sind, die sich aus den außergewöhnlichen Fähigkeiten menschlicher Gehirne erklären lassen, sondern eher kollektive kulturelle Produkte, die von vielen verschiedenen Individuen und Gruppen von Individuen in einem historischen Zeitraum geschaffen wurden“ (S. 697).
↑20Lakoff & Johnson, a.a.O., S. 59: „Rather, what we are claiming about grounding is that we typically conceptualize the nonphysical in terms of the physical – that is, we conceptualize the less clearly delineated in terms of the more clearly delineated.“ Bezüglich der emotionalen Komponente sind sie dabei nicht konsequent, obwohl sie ausdrücklich darauf Bezug nehmen. „While our emotional experience is as basic as our spatial and perceptual experience, our emotional experiences are much less sharply delineated in terms of what we do with our bodies“ (S. 57f).
↑21A.a.O.: „The essence of metaphor is understanding and experiencing one kind of thing in terms of another“ (S. 5).
↑22Thibodeau & Boroditsky, a.a.O., S. 9: „When the topic was given at the end of the passage or not at all, participants reported being unable to make sense of what they had heard and were able to recall few details of the description on a memory test.“
↑23Das Beispiel, das von Lakoff & Johnson verwendet wird, stammt aus Michael Reddys Aufsatz. Siehe hierzu: Reddy, Michael J. (1998): The Conduit Metaphor: A Case of Frame Conflict in Our Language about Language. In: Metaphor and Thought, herausgegeben von Andrew Ortony. Ich verwende in der Übersetzung ganz bewusst das Wort Leitung, um zu zeigen, dass es sich hier nicht um die spezielle Vorstellung eines Kanals wie etwa bei Shannon handelt.
↑24Wie am Titelbild des Dosentelefons gezeigt.
↑25Lakoff & Johnson, a.a.O., S. 10: „The speaker puts ideas (objects) into words (containers) and sends them (along a conduit) to a hearer who takes the idea/objects out of the word/containers“.
↑26„LINGUISTIC EXPRESSIONS ARE CONTAINERS“ (a.a.O., Hervorhebung im Original).
↑27„IDEAS (or MEANINGS) ARE OBJECTS“ (a.a.O., Hervorhebung im Original).
↑28Keller, Albert (1989): Sprachphilosophie, S. 32: „Ein Zeichen ist eine von ihrer Umgebung abgehobene empirische Gegebenheit, die faktisch auf etwas von ihr unterscheidbares bezogen ist und dadurch dazu dient, den zu beeinflussen, der sie unter diese Rücksicht erfaßt.“
↑29Norbert Wiener (1985) formuliert es so: „Information is information, not matter or energy. No materialism which does not admit this can survive at the present day“ (In: Cybernetics or Control and Communication in the Animal and the Machine, S. 180).
↑30„COMMUNICATION IS SENDING“ (Lakoff & Johnson, a.a.O, Hervorhebung im Original). Hier ist einer der wesentlichen Bezugspunkte zum Blogbeitrag 1a wie auch zu einem anderen von mir schon skizzierten Mythos, des kommunikativen Eisbergs.
↑31Streng genommen ist selbst das nicht richtig: „Es ist in der Nachrichtentechnik schlichtweg illegitim, von ‚Signalen‘ oder ‚Zeichen‘ bzw. ‚Zeichenvorrat‘ zu sprechen, da de facto nur die Struktur physikalischer Parameter in ihrem raumzeitlichen Verlauf betroffen ist“ (Janich, Peter (2006): Was ist Information? Kritik einer Legende, S. 83). Das war auch der Ansatzpunkt von Shannon. Er wollt ein technisches Übertragungsproblem mathematisch lösen und betonte deshalb von sich aus, dass er Bedeutung nicht im normalen Sinn verwenden würde. Er formuliert also explizit asemantisch zu sein, also bewusst Bedeutung und Sinn aus der Übertragung auszuklammern, weil das technisch nicht lösbar ist. Siehe zur Petitio Principii der Shannonschen Theorie, die nun das Problem ist, meine Ausführungen in Beitrag 1a.
↑32„This part of the story, the no visiting and no exchange of indigenous materials rule, we shall call the postulate of ‘radical subjectivity.’“ Reddy, Michael (1998): The conduit metaphor: A case of frame conflict in our language about language. In: Ortony (Hrsg.): Metaphor and thought, S. 172.
↑33„When cooperation is taken into consideration, it is assumed that this aspect of communication can be accounted for by applying the one-way model reciprocally. I believe that this view of communication is fundamentally wrong.“ Siehe Meijers, Anthonie (1994): Speech Acts, Communication and Collective Intentionality: Beyond Searle’s Individualism, S. 41.
↑34Janich, a.a.O., S. 67, kursiv im Original.
↑35Keller (1989): Sprachphilosophie, S. 46
↑36Hierher gehört „eine Art hermeneutische Funktion, […] insofern eine Äußerung vom Verständnis ihres Kontextes her bestimmt wird und auf dieses zurückwirkt“ (A.a.O., S. 47).
↑37„Hierher gehört das Problem der Sprachbedeutung mit seinen vielfältigen Fragen […]“ (A.a.O.).
↑38„Diese Beziehungen bedingen sowohl das Zustandekommen jeder Art von menschlicher Gemeinschaft wie die Strukturierung der Gesellschaft durch Sprache […]“ (A.a.O., S. 48).
↑39Janich, a.a.O., S. 46, kursiv im Original: „Kommunikation und Signifikation stehen also nicht als zwei gleichberechtigte oder voneinander unabhängige Aspekte nebeneinander. Vielmehr sind Gelingen und Erfolg von menschlicher Kommunikation im Dienst der Lebensbewältigung in Handlungsgemeinschaften die Grundlage dafür, alle weiteren Funktionen der Sprache zu bestimmen […]“.
↑40Siehe hierzu Tomasello a.a.O.
↑41A.a.O., S. 46. Es ist eine Abwandlung der Grafik, die ich bereits im Beitrag zum Mythos des kommunikativen Eisbergs verwendet habe, ergänzt um den Sprachstern.
↑42A.a.O., S. 186
↑43Reddy, Michael J. (1998): The Conduit Metaphor: A Case of Frame Conflict in Our Language about Language. In: Ortony, Andrew (Hrsg.): Metaphor and Thought.
↑44„The logic of the framework we are considering – a logic which will hence-forth be called the conduit metaphor – would now lead us to the bizarre assertion that words have ‘insides’ and ‘outsides.’ After all, if thoughts can be ‘inserted,’ there must be a space ‘inside’ wherein the meaning can reside“ (Reddy a.a.O., S. 168).
↑45„Naturally, if language transfers thought to others, then the logical container, or conveyer, for this thought is words, or word-groupings like phrases, sentences, paragraphs, and so on. One area of possible difficulty is then the insertion process“ (Reddy, a.a.O., S. 167).
↑46Damit möchte er recht explizit an die Thermodynamik, genauer den zweiten Hauptsatz, und Shannons Entropiebegriff anschließen, den er hier zu Grunde legt.
↑47„Actually, no one receives anyone else’s thoughts directly in their minds when they are using language […] Nor can anyone literally ‚give you an idea‘ – since these are locked within the skull and life process of each of us. Surely, then, none of these three expressions is to be taken completely at face value“. A.a.O., S. 166f, fett durch mich.
↑48A.a.O., S. 171-175. „Simply speaking, in order to engage in frame restructuring about human communication, we need first an opposing frame.“
↑49Es gibt auf S. 172 eine Skizze in Form eines Rades, wobei die Speichen die Sektoren trennen und der Knotenpunkt als Nabe eines Rades gezeichnet ist. Siehe Reddy, a.a.O.
↑50Sein Gedankenexperiment gleich keineswegs zufällig den Überlegungen von John Searle bezüglich des chinesischen Zimmers. Es erscheint auch zum nahezu gleichen Zeitpunkt und bei beiden geht es um die Frage, wie Bedeutung entsteht bzw. ob sie beispielsweise rein durch die Syntaktik der Sprache übertragen werden könnte. Siehe zum Vergleich Searle, John (1980): Minds, Brains, and Programs. In: Behavioral and Brain Sciences, S. 417-457.
↑51Hier knüpft er explizit an den „Zeichenvorrat“ von Shannon an, den dieser postuliert. Bereits hier werden die Zeichen also nicht (mehr) von Menschen generiert, sondern es existiert ein Vorrat bzw. ein „Lagerbestand“ (Stock), aus dem sie eine Auswahl treffen können. „The signals have no ability to bring the alternatives with them; they carry no little replica of the message. The whole notion of information as ‚the power to make selections‘ rules out the idea that signals contain the message“ (a.a.O., S. 182, kursiv im Original).
↑52A.a.O., S. 167: „Language seems rather to help one person to construct out of his own stock of mental stuff something like a replica, or copy, of someone else’s thoughts – a replica which can be more or less accurate, depending on many factors.“
↑53A.a.O., S. 174: „Human communication will almost always go astray unless real energy is expended“.
↑54Auch hier rekonstruiert er im Prinzip Shannons Theorie, genauer die Frage der Entropie, die Shannon bezüglich der Signalübertragung stark macht. Korrekterweise sieht auch Reddy, dass „Successful human communication involves an increase in organization, which cannot happen spontaneously or of its own accord“. Über diesen Umstand steht für ihn die konventionelle Interpretation „definitely in conflict with the second law“ der Thermodynamik (A.a.O., S. 175).
↑55Auch wenn er sie nur als Auswahl aus einem angelegten Vorrat skizziert, der gesetzt ist.
↑56A.a.O., S. 172: „This part of the story, the no visiting and no exchange of indigenous materials rule, we shall call the postulate of ‘radical subjectivity’“.
↑57A.a.O., S. 3: „But our conceptual system is not something we are normally aware of […] Since communication is based on the same conceptual system that we use in thinking and acting, language is an important source of evidence for what that system is like.“
↑58Orientational Metaphors, Kap. 4
↑59A.a.O., S. 15: „Though the polar oppositions up-down, in-out, etc., are physical in nature, the orientational metaphors based on them can vary from culture to culture.“
↑60Ontological Metaphors, Kap. 6
↑61„Once we can identify our experiences as entities or substances, we can refer to them, categorize them, group them, and quantify them-and, by this means, reason about them“ (a.a.O., S. 25).
↑62Structural Metaphors, Kap. 13
↑63A.a.O., S. 61: „Structural metaphors allow us to do much more than just orient concepts, refer to them, quantify them, etc., as we do with simple orientational and ontological metaphors; they allow us, in addition, to use one highly structured and clearly delineated concept to structure another.“
↑64A.a.O., Kapitel 14: „Causation: Partly Emergent and Partly Metaphorical“.
↑65A.a.O., S. 69f: „Even a concept as basic as CAUSATION is not purely emergent or purely metaphorical. Rather, it appears to have a directly emergent core that is elaborated metaphorically […] We believe that the standard theories are fundamentally mistaken in assuming that basic concepts are undecomposable primitives […] We would like to suggest instead that causation is best understood as an experiential gestalt.“
↑66A.a.O., S. 71, kursiv im Original: „We are using the word ‚prototypical‘ in the sense Rosch uses it in her theory of human categorization (1977). Her experiments indicate that people categorize objects, not in set-theoretical terms, but in terms of prototypes and family resemblances […] We experience them as a gestalt; that is, the complex of properties occurring together is more basic to our experience than their separate occurrence.“
↑67Das nichtmenschliche Handeln spielt neuerdings in der Diskussion um die KI, genauer um agentische KI, ein bedeutende Rolle.
↑68A.a.O., S. 76: „The theory we will propose in the next chapter suggests, instead, that there are natural dimensions of experience and that concepts can be analyzed along these dimensions in more than one way. Moreover, along each dimension, concepts can often be analyzed further and further, relative to our experience, so that there are not always ultimate building blocks.“
↑69„The most fundamental values in a culture will be coherent with the metaphorical structure of the most fundamental concepts in the culture […] These are values deeply embedded in our culture“ (A.a.O., S. 22).
↑70„Individuals, like groups, vary in their priorities and in the ways they define what is good or virtuous to them. In this sense, they are subgroups of one. Relative to what is important for them, their individual value systems are coherent with the major orientational metaphors of the mainstream culture. Not all cultures give the priorities we do to up-down orientation. There are cultures where balance or centrality plays a much more important role than it does in our culture. Or consider the nonspatial orientation active-passive“ (a.a.O., S. 24).
↑71A.a.O., S. 71: „There is a single specific agent and a single specific patient.“
↑72Von der Bedeutungs- und Wahrheitstheorie grenzen sie sich explizit ab. Ganz besonders, darauf weist vor allem die Ablehnung „geistiger Bausteine“ hin, nehmen Sie eine Gegenposition zur Diskussion einer modularen Struktur des Geistes ein. Im Originalwortlaut der Danksagung: „We respect the work of Richard Montague, Saul Kripke, David Lewis, Donald Davidson, and others as important contributions to the traditional Western conceptions of meaning and truth. It is their clarification of these traditional philosophical concepts that has enabled us to see where we diverge from the tradition and where we preserve elements of it“ (a.a.O., S. vii). Siehe hierzu besonders die Kapitel 25-27.
↑73Kapitel 25 – 28. „But we have claimed that Subjectivism is not the only alternative to objectivism, and we have been offering a third choice: the experientialist myth, which we see as making possible an adequate philosophical and methodological basis for the human sciences“ (S. 223). Hierzu Kapitel 29.
↑74„Our spatial concept UP arises out of our spatial experience. We have bodies and we stand erect. Almost every movement we make involves a motor program that either changes our up-down orientation, maintains it, presupposes it, or takes it into account in some way.“ Sie haben für das Argument auch eine sehr treffende Metapher: „Imagine a spherical being living outside any gravitational field, with no knowledge or imagination of any other kind of experience. What could UP possibly mean to such a being?“ (A.a.O., S. 56f).
↑75„The canonical person forms a conceptual reference point, and an enormous number of concepts in our conceptual system are oriented with respect to whether or not they are similar to the properties of the prototypical person […] This determines what Cooper and Ross call the ME-FIRST orientation: UP, FRONT, ACTIVE, GOOD, HERE, and NOW are all oriented toward the canonical person; DOWN, BACKWARD, PASSIVE, BAD, THERE, and THEN are all oriented away from the canonical person“ (a.a.O., S. 132, Hervorhebung im Original).
↑76„The conceptual systems of cultures and religions are metaphorical in nature […] that are grounded in our physical experience [and metonymies] provide an essential means of comprehending religious and cultural concepts“ (a.a.O., S. 40).
↑77Das ist insofern nicht verwunderlich, als das Thema Kultur bei Ihnen ohnehin eher wie ein Residuum wirkt, obwohl sie viele kulturelle Beispiele gebrauchen. Sie führen das Konzept Kultur jedoch an keiner Stelle explizit ein, noch definieren sie Kultur und begründen vor allem nicht, wie eine Kultur als Bedeutungsträgerin überhaupt zustande kommt.
↑78Die starke Form von Emergenz ist deshalb notwendig, weil sonst Kultur doch wieder auf die Erfahrung rückführbar ist, aber in ihren Augen aus der Erfahrung alleine nicht erklärbar ist. Sie ist nur die Basis für die darauf aufbauenende metaphorischen Deutungen.
↑79Das ist nicht räumlich gemeint, sondern onto-logisch vorgängig. Siehe hierzu auch den nichtsprachlichen Rahmen von Tomasello in Abbildung 2 sowie weiter Teil 2b.
↑80Hierzu Tomasello, 2003, S. 117, kursiv im Original: „Wir müssen daher ausdrücklich die theoretische Tatsache anerkennen, daß sprachliche Referenz ein sozialer Akt ist, bei dem eine Person versucht, die Aufmerksamkeit einer anderen Person auf etwas in der Welt zu fokussieren. Und wir müssen ebenfalls die empirische Tatsache anerkennen, daß sprachliche Referenz nur in einem Kontext sozialer Interaktion verstanden werden kann, die ich Szenen gemeinsamer Aufmerksamkeit nennen werden.“
↑81Reddy, Michael (1998[1979]): The conduit metaphor: A case of frame conflict in our language about language. In: Ortony, Andrew (Hrsg.): Metaphor and thought. „I am suggesting, then, that […] the conduit metaphor is leading us down a technological and social blind alley. That blind alley is mass communications systems coupled with mass neglect of the internal, human systems responsible for nine-tenths of the work in communicating.“
↑82Hegel (2000): Wissenschaft der Logik I, S. 31, kursiv durch mich: „Im Gegenteil haben sie mir zu häufig und zu heftig solche Gegner gezeigt, welche nicht die einfache Reflexion machen mochten, daß ihre Einfälle und Einwürfe Kategorien enthalten, welche Voraussetzungen sind und selbst erst der Kritik bedürfen, ehe sie gebraucht werden.“
↑83Enfield, Nick J. (2015): The Utility of Meaning: What Words Mean and Why, S. 12. „Assuming (a) that the concepts we refer to as word meanings or signifieds cannot exist anywhere but in people’s minds, and (b) that humans are not telepathic, the answer must be this: We cannot know what others mean by the words they use. We can only hypothesize.“
↑84Das gleiche Grundmuster der Rückführung auf die Individuen zeigt sich am Ende auch bei Enfield (s.o.), weshalb auch er das Dilemma nicht auflösen kann und davon spricht, dass Bedeutung „notwendigerweise“ eine „Hypothesenbildung“ der Menschen sein muss. „Word meanings are, by necessity, hypotheses“ (S. 11).
↑85Der zweifache Prompt lautete zunächst: „Kannst du mir das Bild auf der Wikipedia von Marten Valckenborch des Turmbaus zu Babel dergestalt adaptieren, daraus ein fotorealistisches Bild anzufertigen, in dem auch viele Menschen am Bau eines Turmes arbeiten, der an der Spitze allerdings zu einem Sendemasten wird. Den Aufbau des Turmes gerne anhand der Vorlage gestalten.“ Folgende Korrekturen wurden mit dem zweiten Prompt vorgenommen: „Der Turm mit seinen Sendemasten bleibt intakt und sendet ruhig weiter, der Betrieb oben läuft ungestört – die Menschen arbeiten und senden, alle Aufmerksamkeit ist nach oben und außen gerichtet. Aber der Boden rund um das Fundament reißt sternförmig auf: große Erdschollen kippen weg, darunter wird eine dunkle, leere Tiefe sichtbar (kein Feuer, keine Explosion, ruhige Leere). Niemand im Bild bemerkt den wegbrechenden Grund.“

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