Der digitale Handlungsraum (1)

„Wir tauchen nicht mehr aus der ‚realen‘ Welt in die ‚virtuelle‘ Welt ein, sondern wir nutzen einen gigantischen Informationsraum als neue Dimension sozialen Handelns!“ (Boes et al. 2015).

Bis vor kurzem hätte ich nicht gedacht, dass ich zu diesem zentralen Thema einmal einen längeren Blogbeitrag verfassen würde. Aber mittlerweile ist mir das Thema der digitalen Zusammenarbeit und kollaborative Gestaltung von Arbeitszusammenhängen über soziale Plattformen so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich mich auch inhaltlich damit auseinandersetzen will.1 Hinzu kommen die starken Impulse, die ich über das Wing-Projekt bzw. das ISF München als theoretischen Input erfahren durfte.2 Vom Leiter des Projektes, Prof. Dr. Andreas Boes, stammt auch obiges Zitat.3 Die für mich wichtigen Stichpunkte sind virtuelle Welt, Informationsraum und vor allem: Soziales Handeln. Nachdem ich mich diesem Thema bereits immer wieder unter der zeitlichen und räumlichen Perspektive genähert habe, will ich hier nun einen explizit philosophischen bzw. handlungstheoretischen Zugang dazu versuchen. Auch um zu zeigen, dass der digitale Handlungsraum irgendwie etwas ganz normales ist. Und wahrscheinlich gerade deshalb in vielfältigen Zusammenhängen eine wichtige Rolle spielt – und noch an Bedeutung zunehmen wird. Wichtig ist mir dieses Thema für den gesamten Arbeits- und Nachhaltigkeitskontext.4 Ich schreibe darüber aber vor allem deshalb jetzt, weil ich einen neuen Lehrauftrag an der Hochschule München bekommen habe, der sich mit dem Thema „Bildung im digitalen Handlungsraum“ auseinandersetzt.5 Insofern dient dieser Teil des Blogbeitrags auch (m)einer Positionsbestimmung, die im Rahmen des Blended-Learning Seminars kritisch zu diskutieren sein wird. Teil 2 (hier) führt die Überlegungen weiter fort und überträgt sie auf den Kontext von Raum und Zeit bzw. in den Rahmen und Begriff des Cyberspace.

Bild: NASA - Datenhelm und Handschuhe. Verwendung als gemeinfreie Datei.

Bestimmt stellen sich viele Menschen den virtuellen Raum als etwas äußerst technisches vor, wie beispielsweise im Bild gezeigt. Die aktuellen Diskussionen zur „erweiterten Realität“ (Augmented Reality) und den dazugehörigen Brillen legen das auch Nahe. Doch der virtuelle Raum ist, beispielsweise in Form des digitalen Handlungsraumes, etwas viel einfacheres, auch wenn es manchmal technologisch hoch aufwendig ist, ihn so einfach zur Verfügung zu stellen.
Bild (= Beitragsbild als Ausschnitt): NASA – Datenhelm und -handschuhe. Verwendung als gemeinfreie Datei (CC 0).

Ausgangspunkt

Mein Ausgangspunkt der Auseinandersetzung mit dem digitalen Handlungsraum ist die Erkenntnis der Forscher*innen des ISF München, dass mit den Möglichkeiten von sozialer Software, dem Internet und von sozialen Kollaborationsplattformen ein digitaler Informationsraum als neuer sozialer Handlungsraum in einem realen Sinn entstanden ist. Zu dieser (erweiterten) Realität, im Sinne von Wirk-lichkeit6 und in Unterscheidung zum Cyberspace, mache ich in Teil 2 dieses Blogbeitrages weitere Anmerkungen. Dieser Teil 1 widmet sich dem Handlungsbezug und der Handlungstheorie des digitalen Handlungsraums. Beginnen möchte ich anhand eines Phänomens, das Sabine Pfeiffer und das ISF München als „Informatisierung“ bezeichnen, auch wenn sie es primär und zuerst auf den Zusammenhang von Arbeit beziehen.7 Notwendig scheint mir aber dabei zu sein, einige der verwendeten Begriffe zu untersuchen und näher zu definieren, was insbesondere für den Zusammenhang mit (sozialen) Handlungen gilt.

Informatisierung und Handlung

„Informatisierung repräsentiert sich in völlig unterschiedlichen Tools […], verschiedensten Nutzungsabsichten und -kontexten sowie in einer empirisch kaum zu überschauenden Vielfalt von stofflich-materialen, unterschiedlich stark abstrakten und abstrahierenden Artefakten […]“8 

Die Forscher*innen des ISF München, insbesondere aber Sabine Pfeiffer,9 beschreiben mit dem Phänomen der Informatisierung von Arbeit einen in ihren Augen „historischen Prozess der Rationalisierung geistiger Tätigkeit.“10 Gemeint ist damit die Möglichkeit, das Wissen von Menschen in Form von Informationen in digitale Äquivalente eines gemeinsamen Austauschs zu transformieren, um damit wiederum Interaktion und Kommunikation, also Handlungen, zu ermöglichen.11 Entsprechend und analog der menschlichen Kommunikationsmöglichkeiten eröffnen sich darüber vielfältige neue Formen, Interaktionen, vor allem aber die kollektive Zusammenarbeit, digital zu gestalten. Der „digitale Handlungsraum“ eröffnet diese Möglichkeiten ganz real und nicht nur „vermeintlich“ oder „bloß“ virtuell. „Er ist sehr konkret und eine sehr wirkmächtige neue Handlungsebene.“12 Bereits der Einsatz von dazu notwendigen Computern ist immer konkret, die Folgen der Handlungen immer kontextabhängig, aber eben auch digital gegeben. Dass es sich dabei meist um mediatisierte Formen von Handlungen dreht, macht dabei keinen Unterschied. Die Handlungen bleiben nämlich, durch die soziale Beziehung der agierenden Menschen, auch im virtuellen Rahmen voneinander abhängig. Die Bezogenheit der menschlichen Handlungen und ihre Informatisierungsmöglichkeit im digitalen Kontext durch Sprache (und ihre Äquivalente) ist das, was ich in diesem Blog näher untersuchen will.

Handlungen

„Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war.“13 

Handlungen unterscheiden sich in einer philosophischen Betrachtung von Verhalten und Ereignissen.14 Als zielgerichtete Tätigkeit dreht es sich bei einer Handlung um das aktive Tun einer Person mit der dabei verfolgten Handlungsabsicht, einen Gegenstand oder eine Gegebenheit zu verändern (bzw. zu erhalten). Auch die Entscheidung, eine bestimmte Aktivität zu unterlassen, stellt eine Handlung dar. Handlungen haben keine Ursachen, sie erfolgen aus Gründen. Die Verwirklichung der Intention, die als Folge der Handlung erwartet wird, erleben Menschen beim Gelingen typischerweise als sinnvoll. Indem sie auf ihre Umwelt nicht nur reagieren, nehmen Handelnde sowohl zu dieser, als auch zu den Mitmenschen und schließlich zu sich selbst ein (reflexives) Verhältnis ein.15 Handelnde treffen mit ihrer Absicht, die sie umgebende Umwelt zu verändern, auch auf objektive Gegebenheiten und Strukturen. Daran erfahren sie die Widerständigkeit von Dingen und erleben die Prozesse der sie umgebenden Natur und Organisationen genauso, wie deren statistische bzw. unterschiedlich stark determinierte Regelmäßigkeit.16 Und sie treffen auf andere Handelnde in ihrem sozialen Umfeld.

Soziale Handlungen

Menschliches Zusammenleben findet wesentlich über aufeinander bezogene kooperative Handlungen statt.17 Beteiligungshandlungen beispielsweise gelingen nur, wenn andere Personen am Handlungszusammenhang und schließlich auch am Ergebnis beteiligt sind. Das bedeutet, dass Beteiligungshandlungen nicht einer einzigen bzw. (nachträglich) isolierten Person, „sondern immer zwei oder mehreren Personen zugleich zugeschrieben werden müssen, um überhaupt stattzufinden.“18 Durch den gegenseitigen Bezug der Absichten (Gründe) sind Handlungen normalerweise argumentativ zugänglich und diskursiv begründbar. Für Hannah Arendt gibt es „keine menschliche Verrichtung, welche des Wortes so bedarf, wie das Handeln.“19 Dazu ist es notwendig, zu sprechen. Sprechen stellt dabei als zentrales Kommunikationsmittel im Gruppenkontext selbst eine Handlung dar, die gelingen oder misslingen kann. Das bedeutet, dass Grundlage allen sozialen Handelns die menschliche Kommunikations- und Sprachfähigkeit ist. Durch den Sinnbezug und über die konkreten Ergebnisse einer Handlung erleben sich Menschen als Akteure als souverän bzw. selbst-wirksam.20

Probehandeln

Als „Probehandeln“ gelten das Planen und Spielen. In diesem Teil widme ich mich dem Planen, denn, wie im einführenden Zitat anhand des Baumeisters gezeigt, sind Planungen besonders ausgezeichnet. Das Spielen wird Thema von Teil 2 sein. Planungen beruhen auf gedanklichen Leistungen, aber auch auf Gefühlen und Motiven.21 Dieses ideelle Moment geht gerade sozialen Handlungen regelmäßig voran und beinhaltet auch Verpflichtungen, die sich aus dem Planungs- und Handlungskontext ergeben.22 Planungen sind fehleranfällig, aber auch korrigierbar. Planen gilt als eine zentrale kognitive Fähigkeiten handelnder Menschen und als zentrales Unterscheidungsmerkmal von Tieren. Sie stellen beispielsweise in Form von Szenarien kreative Entwürfe von Handlungsalternativen dar, die sich im Regelfall ebenfalls im Rahmen von Gruppenprozessen ergeben.23 Bereits das Planen findet – zumindest in großen Teilen – „virtuell“ statt, weil es sich in der Regel um gedankliche Vorwegnahmen handelt. Denn virtuell bedeutet begrifflich zunächst „nur“, „der Möglichkeit nach“, und noch nicht etwa physisch oder räumlich, vorhanden zu sein.24 Besonders deutlich wird der virtuelle Charakter dann, wenn man Planungshilfen wie etwa Statistiken, Vorlagen oder auch nur Überlegungen, die aus dem gemeinsamen Gespräch übernommen worden sind, betrachtet.25 Ideelle Pläne, Gründe und Sinnbezug: sofern Handlungen noch nicht physisch bzw. manuell umgesetzt worden sind, bewegen sie sich, „als Möglichkeit in sich begreifend“, in der virtuellen Welt. In einem modernen Verständnis ist das Adjektiv virtuell sehr geläufig geworden, wobei es sich meist auf Handlungen im digitalen Kontext bezieht. Vom Computer simuliert: virtuelle Simulationen stellen wohl das bekannteste Beispiel für Probehandlungen dar, die normalerweise zu „realen“ Handlungen werden, also „zu einer Wirkung fähig“ sind.26

Virtuelles Handeln

Insofern kommt es nicht von ungefähr, dass als erster Howard Rheingold den Begriff „virtuell“ verwendete,27 um damit Communities auf digitalen Plattformen – im Sinne eines echten sozialen Handlungskontextes – zu kennzeichnen. „Eine Community-Plattform im Internet stellt grundlegende Werkzeuge wie E-Mail, Forum, Chatsystem, Instant Messaging, Schwarzes Brett oder Tauschbörse bereit, um den Austausch zwischen ihren Mitgliedern zu ermöglichen und zu organisieren.“28 Der starke Bezug sozialen Handelns zum „reden“ und „sprechen“ (als kommunikativer Zweck virtueller Gemeinschaften) ist hier sofort sichtbar. Virtuell bezieht sich von der Genese her darauf, sich nicht räumlich gegenüber zu sitzen, sondern „online“ (also via Datenleitung) miteinander verbunden zu sein. Der Ausdruck „virtuell“ kennzeichnet insofern einen bestimmten Zustand (eben den „der Möglichkeiten nach“), der einerseits ohne einen Handlungsbezug gar nicht zu bestimmen ist, und andererseits mit dem Zusatz „nicht real“ ebenfalls nur unzureichend gekennzeichnet werden kann. Wirklichkeitsabbilder, Handlungsalternativen und Kennzeichnung von Kommunikationsbeziehungen: in keinem Fall ist die virtuelle Welt eine Welt, die ohne handelnde Menschen existieren würde oder eine Welt, die von der realen Welt getrennt zu sehen ist. „Die Welten, in denen sich eine NutzerIn bewegt, ist seine Realität, indem er bei der Strukturierung dieser Realität über seine aktive Rolle reflektieren muss.“29 Reflektieren – und reden.

Bill Johnston - History & Evolution of Online Communities

Gerade an der Evolution digitaler Communities kann man den starken Handlungsbezug erkennen. Immerhin werden sie mittlerweile im Rahmen hochproduktiver ökonomischer Zusammenhänge eingesetzt (Social Business), wie wir es bei Beck et al. Services verstehen. Zur technischen und zugleich sozialen Evolution habe ich mich im Rahmen meines Blogs schon hier und hier ausführlicher geäußert. 
Bill Johnston – History & Evolution of Online Communities auf Flickr. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY) – Namensnennung.

Das Medium

„Wortloses Handeln gibt es streng genommen überhaupt nicht, weil es ein Handeln ohne Handelnden wäre.30 

Die Erfahrungen, die Menschen aufgrund des Handelns in ihrer Lebenswelt machen, ermöglichen es, auf Sinnzusammenhänge und Gründe zu verweisen. Sie können darüber reden, sich austauschen bzw. jeweils andere sprachlich darüber informieren. Das ist der Ursprung von Information.31 Eine „Information […] hat Bedeutung und Geltung für jeden der sie sucht oder gibt.32 Das Sprechen und informieren von Menschen geschieht jenseits oraler Traditionen medial vermittelt, beispielsweise über Bücher, Zeitschriften oder auch „Schallplatten“ bzw. CDs.33 Das Wort Medium 34 lässt sich insofern mit Kommunikationsmittel gleichsetzen, wie es der Plural Medien vorgibt. So wird er auch seit etwa den 1980er-Jahren für die Gesamtheit aller Kommunikationsmittel und die Organisation von Kommunikation verwendet. Informationen spielen dabei, als Träger von bedeutungsvollen Inhalten, eine besondere Rolle. Sie stellen das mediale Äquivalent zum Sprechen im Handlungskontext Face-to-Face dar. Deshalb spielen sie eine so wichtige Rolle im virtuellen Raum bzw. auf digitalen Plattformen.

Information,

Eine medial übermittelte Information ist im engeren Sinne eine geordnete Abfolge von Symbolen, die übertragen werden und deren Bedeutung der Empfänger verstehen kann. Erst die bedeutungsvollen Inhalte ermöglichen dabei eine Übertragung von Informationen auf andere Personen und Kontexte. Das Übermitteln, wie das Verstehen, sind auch kommunikationstheoretisch eingebettet in Handlungszusammenhänge. Insofern liegen Informationen nicht einfach vor, sondern werden erst im jeweiligen kontextuellen und medialen Zusammenhang zu solchen – für die dadurch informierten Menschen. Das Lesen dieser Symbolsysteme und das Aufnehmen ihrer Informationen ist für die Empfänger in allen Belangen voraussetzungsvoll, denn das Verstehen der Symbole ist eine geistige Aktivität und ein aktiver Konstruktionsprozess auf Seiten der informationsaufnehmenden, also der handelnden Menschen.35

Informatisierung und…

Informatisierung bezeichnet nun den (sozialen) Prozess der Erzeugung und Nutzung von Informationen, insbesondere im Zusammenhang des Handelns in (betrieblichen) Organisationen. „Das Wesen der Informatisierung besteht darin, Informationen als ein an sich ideelles, der Tätigkeit bestimmter Subjekte zuzurechnendes Moment in einen materiellen Gegenstand kooperativer menschlicher Tätigkeit zu überführen.“36 Ziemlich undigital hat es eigentlich immer schon eine Informatisierung als „systematischen Informationsgebrauch“37 im Handlungskontext gegeben. Neu daran wird durch die Einführung der Computertechnik allerdings, dass es zum einen in einem erheblichen Ausmaß leichter wird, Informationen für Kommunikations- und Handlungszwecke zu übermitteln, es zum anderen jedoch vor allem durch das Internet möglich wird, eine Informatisierung global durchzuführen. Das Internet ermöglicht es im Prinzip auch, über die entsprechenden Plattformen, den Handlungskontext der (privaten) Lebenswelt anschlussfähig an die Organisationen zu machen – und umgekehrt.

digitale Plattformen!

Das zentrale und verbindende Element sind die digitalen Plattformen bzw. stellt Social Software dar. Wiederum als (soziale) Medien gesehen, ermöglichen sie den Akteuren, sich untereinander auszutauschen und mediale Inhalte einzeln oder in Gemeinschaft und im sozialen Handlungszusammenhang zu erstellen. Ein Vergleich zwischen virtuellen Communities und sozialen Gemeinschaften, die sich Face-to-Face sehen, zeigt insofern nicht umsonst, dass es viele Gemeinsamkeiten gibt. Von da her sind virtuelle Communities äußerst real und bei Treffen auf beiden Ebenen handelt es sich jeweils um aktive Handlungsvollzüge.38

Handeln im digitalen Raum

Diese etwas längeren Ausführungen sollen dreierlei zeigen:

  • Informatisierung stellt nicht nur einen soziologischen und ökonomischen Begriff dar, sondern ist zugleich etwas, das sich aus dem sozialen Handlungszusammenhang von Menschen unmittelbar ableiten lässt. Sie geht als Möglichkeit darauf zurück, dass Handlungen nicht verursacht sind, sondern als ideelle, aber gleichwohl reale Handlungsgründe bei Menschen sprachlich ausgetauscht werden können. Das gilt auch für die speziellen Handlungen im Bereich von Erwerbsarbeit.
  • Auch die digitale Übermittlung von Informationen, beispielsweise im Rahmen von Plattformen, ermöglichen ein reales wirksam werden und den gegenseitigen Bezug von Handlungen. Virtuelle Handlungen bedeutet insofern nicht, dass es sich um nicht-reale Aktivitäten oder keine echten Aktionen handeln würde.
  • Eine Rationalisierung „geistiger Tätigkeiten“ kann auch im Unternehmenskontext nur deshalb vorgenommen werden, weil Handlungen, und hier folge ich der Unterscheidung von Hannah Arendt zu Prozessen der reinen Herstellung, immer auf dem geistigen Element sinnvoller Informationen und ihres gegenseitigen Austauschs beruhen.39

In diesem ersten Teil habe ich hoffentlich schlüssig darlegen können, dass der digitale Handlungsraum sich nicht wirklich von einem realen Handlungsraum (was auch immer das im einzelnen sein mag) unterscheidet. Was noch deutlicher werden dürfte, wenn ich im zweiten Teil dieses Blogbeitrags auf virtuelle Raumkonzepte und den digitalen Raum, respektive den Cyberspace, (hier) eingehe.40

Nachtrag vom 13.04.2016

Ich habe das Thema Spielen beim Probehandeln ergänzt. Eine inhaltliche Auseinandersetzung erfolgt ohnehin erst in Teil 2 dieses Blogs (hier).

Nachtrag vom 29.04.2016

„Ein Medium (lat.: medium = Mitte, Mittelpunkt, von altgr. μέσov méson: das Mittlere; auch Öffentlichkeit, Gemeinwohl, öffentlicher Weg) ist nach neuerem Verständnis ein Vermittelndes im ganz allgemeinen Sinn. Das Wort ‚Medium‘ in der Alltagssprache lässt sich oft mit Kommunikationsmittel gleichsetzen […]“41

Ist das Internet nun ein Medium oder „nur“ eine Technologie? In einem solchen Sinn ist die Frage falsch gestellt, denn alle Medien stellen auch technologische Produkte und Hilfsmittel dar. Deshalb ist es von vornherein falsch, Techniken nur hinter Artefakten zu sehen oder als physische „Dinge“ zu postulieren. Darauf weist Werner Rammert in seinem Aufsatz zur Techniksoziologie sehr schön hin.42 Dennoch würde ich das Internet als eine besondere Technologie sehen. Eine Technologie, die es für Nutzer möglich macht „sich untereinander auszutauschen und mediale Inhalte einzeln oder in Gemeinschaft zu erstellen.“43 Es hat sicher seine eigene Faszination, das Internet unter dieser technologischen Perspektive zu betrachten, was in meinen Blogbeiträgen hier und hier auch gemacht habe. Für diesen Blogbeitrag aber bleibt entscheidend, dass sich die Möglichkeiten des digitalen Handlungsraums aus der äußerst unterschiedlichen medialen Vermittlung (über das Internet) von sprachlichen oder sprachbasierten Inhalten ergibt.

  1. Zu diesem Wunsch trägt auch bei, dass es zum Teil unsägliche Verlautbarungen zu diesem Thema gibt. Insbesondere wenn man in dem Bereich geht, in dem ich bei Beck et al. Services arbeite, nämlich den gesamten Consultingbereich. Davon will ich mich – und letztlich auch Beck et al. Services – deutlich abgrenzen. []
  2. Das Wing Projekt ist mit seinen empirischen Ergebnissen in Artikeln hier online, zu Arbeitspapieren vom ISF München geht es hier. []
  3. Hier geht es zur genauen Quelle, einem Blogbeitrag: Boes, A.; Gül, K.; Kämpf, T.; Langes, B.; Lühr, T.; Marrs, K. & Ziegler, A. (2015b): Was heißt disruptive Innovation für Deutschland? Oder: Was wir vom Silicon Valley nicht lernen können. []
  4. Meine persönliche Erfahrung dabei ist, dass im gesamten Bereich der Nachhaltigkeitsdebatte sowohl das Thema von Erwerbsarbeit und ihre Rolle unterbelichtet ist, als auch im Bereich der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung (BNE) die Diskussion um digitale Angebote und Zugänge noch weitgehend unerforscht ist. So wichtig ich einen Zugang zur Natur und dem Erleben derselben halte, so problematisch finde ich, dass sich die Diskussion um Bildung für nachhaltige Entwicklung vielfach und freiwillig darauf beschränkt. Die Ausnahme der Virtuellen Akademie für nachhaltige Entwicklung dürfte hier die Regel nur bestätigen. []
  5. Das dazugehörige Seminar findet im Rahmen des Masters „Gesellschaftlicher Wandel und Teilhabe“ an der Hochschule München statt. Hier habe ich ein Einführungsvideo für den Kurs, das sowohl die Kursinhalte kurz streift, als auch den Ablauf behandelt, hinterlegt. []
  6. Der Bindestrich ist in diesem Fall absichtlich gesetzt. Er soll auf den Ursprung dieses Wortes, der auf das Wirken von Menschen zurückgeht hervorheben. []
  7. Insofern stellt Arbeit für mich eine essentielle, aber dennoch nur Unterform von allgemeinen menschlichen Handlungen dar. []
  8. Sabine Pfeiffer (2004): Arbeitsvermögen: Ein Schlüssel zur Analyse (reflexiver) Informatisierung, VS-Verlag, S. 112. []
  9. Dabei beziehe ich mich vor allem auf Ihr Werk „Arbeitsvermögen. Ein Schlüssel zur Analyse (reflexiver) Informatisierung“. Das liegt nicht nur aufgrund der begrifflichen Nähe „auf der Hand“. []
  10. ISF, ohne Datum, hier. []
  11. Ich habe an anderer Stelle und bereits mehrfach betont, dass ich folgenden Dreischritt zugrunde lege: Daten ermöglichen eine Informationsgewinnung, aus Informationen kann bei Menschen Wissen entstehen. Dieser Weg gilt auch umgekehrt, bedeutet aber, dass weder Wissen noch Informationen in den Daten selbst stecken. Wen dieser Sachverhalt genauer interessiert, der sei auf meine Publikationen beispielsweise hier und hier verwiesen. []
  12. Boes, A. (2012): Informatisierung der Gesellschaft und Zukunft der Arbeit. Vortrag beim Kongress „Leben und Arbeiten in der digitalen Gesellschaft“, Berlin, 15. Juni 2012. Hier geht es zum Dokument. []
  13. Diese besonders interessante Passage findet sich bei Karl Marx (Das Kapital, Bd. 1, S. 193) hier. Es bezieht sich auf die Arbeit und den Arbeitsprozess als besondere Form von Handlungen. Weiter geht es so: Nicht daß er nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Willen unterordnen muß. […] Außer der Anstrengung der Organe, die arbeiten, ist der zweckmäßige Wille, der sich als Aufmerksamkeit äußert, für die ganze Dauer der Arbeit erheischt, und um so mehr, je weniger sie durch den eignen Inhalt und die Art und Weise ihrer Ausführung den Arbeiter mit sich fortreißt, je weniger er sie daher als Spiel seiner eignen körperlichen und geistigen Kräfte genießt. []
  14. Hierzu gibt es eine Vielzahl guter Bücher bzw. an Literatur. Hinweisen möchte ich jedoch besonders auf Hannah Arendts Werke, weil sie – vor allem in der Vita Activa – das Arbeiten sehr speziell untersucht. Hier: Arendt, H. (22003): Vita activa oder Vom tätigen Leben, München: Piper. []
  15. Das war sicher der Grund für die Herausbildung von Bewusstsein und Selbstbewusstsein im philosophischen Sinn, wie es auch Hegel in der Phänomenologie des Geistes aufgreift. []
  16. Was in meinen Augen den Kern von Zeiterleben ausmacht und philosophische Reflexionen zum Wesen der Zeit auslöst. []
  17. Hier darf natürlich die elementare Definition von Max Weber nicht fehlen. Er definiert soziales Handeln so: „Soziales Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.“ In: Wirtschaft und Gesellschaft (1980), S. 1. []
  18. Janich 2013, 509; Hervorhebung im Original []
  19. Arendt 22003 (s.o.), S. 218. Vom Handeln unterscheidet sie sehr bewusst das Herstellen, beispielsweise von Dingen. []
  20. Zum Konzept der Selbstwirksamkeit verweise ich auf Albert Bandura. Es bedeutet auch, dass Menschen regelmäßig davon ausgehen, durch ihre Handlungen gezielt Einfluss auf ihre Mitwelt zu nehmen – und nehmen zu können. Bandura, A. (1977): Self-Efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change. Psychological Review, Nr. 84 (2), S. 191-215. []
  21. Hierbei beziehe ich mich vor allem auf das Buch von Stefan Strohschneider und Rüdiger von der Weth (2002): Ja, mach nur einen Plan. []
  22. a.a.O.: „Sobald wir aber selbst zu planen beginnen, verpflichten wir uns andererseits auch selbst auf die Planeinhaltung. Andere Menschen mögen ihrerseits darauf angewiesen sein, dass wir uns an unsere Pläne halten, und wir selbst setzen Pläne oft ganz bewusst ein, um uns zu Arbeitsdisziplin zu zwingen oder Phasen der Unlust mit dem Blick auf ein wichtiges Ziel besser zu überstehen.“ []
  23. Vergleiche hierzu das Kapitel „Planen als sozialer Prozess“ von Petra Badke-Schaub in Strohschneider & von der Weth, S. 52-68. []
  24. „Virtualität ist die Eigenschaft einer Sache, nicht in der Form zu existieren, in der sie zu existieren scheint, aber in ihrem Wesen oder ihrer Wirkung einer in dieser Form existierenden Sache zu gleichen.“ Wikipedia: Virtualität. []
  25. Ähnlich sieht es mit Simulationen im Sinne der Entwicklung von Szenarien aus, welche bestimmte Grundannahmen und Handlungsfolgen beleuchten und im Regelfall computergestützt erstellt werden. Auch die Aufbereitung komplexer Probleme dergestalt, Handlungsanweisungen bzw. Informationen für weitere Handlungen zu bekommen, fallen in dem Bereich virtuellen Handelns. []
  26. Niemand würde bestreiten, dass diese Form der Handlungsvorbereitung für den „Ernstfall“ äußerst wirksam und notwendig ist, beispielsweise im Rahmen der Ausbildung von Piloten. []
  27. In seinem Buch „The Virtual Community“ von 1993. []
  28. Wikipedia: Online-Community []
  29. Jenny Kuprin (2015): Virtuelle Welten im Lebensalltag von Jugendlichen, S: 8. []
  30. Arendt (a.a.O.), S. 218; Hannah Arendt unterscheidet hier sehr bewusst zwischen Sprache im Sinne einer Handlungsbegleitung und Sprache im Sinne einer Informationsöglichkeit. Letzteres könnte „als solche auch durch eine Zeichensprache ersetzt werden.“ []
  31. Information kommt aus dem lateinischen „informare“ und bedeutet ursprünglich „bilden“ bzw. eine „Form“ (Gestalt) oder eben „Auskunft“ geben. []
  32. Peter Janich (2006): Was ist Information? Kritik einer Legende. Frankfurt: Suhrkamp, S. 19. []
  33. Beim Wort Schallplatten ist der technische Bezug zur Aufzeichnung des Schalls zwar noch gegeben, der Sinnbezug jedoch kann bereits übersehen werden. Reden ist jedenfalls mehr als ein Geräusch bzw. reiner Schall. Vgl. dazu Janich 2006. []
  34. = lat.: Mitte, Mittelpunkt []
  35. Vor allem im Rahmen technischer Wissensmanagementsysteme wird demgegenüber auf einen naiven Informationsbegriff zugegriffen. Als „Naturalisierung“ ist diese Entwicklung elementar mit dem Entstehen moderner Wissenschaft und Technik verbunden. Siehe hierzu die lesenswerten Ausführungen von Peter Janich, a.a.O. []
  36. Wikipedia: Informatisierung []
  37. a.a.O. []
  38. Siehe hierzu den Aufsatz von Jan van Dijk (1997), „The Reality Of Virtual Communities“ in Trends in Communication, 1 (1). pp. 39-63, hier. []
  39. Das wird eines der Hauptunterscheidungsmerkmale zu Bereichen der künstlichen Intelligenz sein. []
  40. Dieser Teil der Aufarbeitung wird allerdings noch ein wenig dauern. Ich hoffe, dass ich ihn bis Ende Mai 2016 geschrieben habe. Für den diskursiven Austausch im Rahmen meines Blended-Learning Seminars genügt dieser erste Teil. []
  41. Wikipedia: Medium Kommunikation. []
  42. Werner Rammert (2006): Technik, Handlung und Sozialstruktur. []
  43. Wikipedia: Soziale Medien. []
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