Intelligent geht anders

Nevit Dilmen - Crystal Mind (Wikimedia Commons unter den Bedingungen der CC 3.0 BY-SA)

Dass es die „Intelligenz als Maß geistiger Leistungsfähigkeit […] eigentlich gar nicht“ gibt und eine Messung von Intelligenz-Quotienten (IQ) irreführend ist, wie hier anhand einer Studie in der Süddeutschen Online dargestellt wird, das ist nun auch nicht wirklich neu. Denn die damit zusammenhängenden Phänomene wie Lernen, Denken, Gedächtnis oder Problemlösen sind als kognitive Leistungen sehr komplex. Entsprechendes gilt auch für die Abfrage bzw. Prüfung solcher Phänomene. Lerntechnisch sind die Leistung nicht nur mit verschiedenen Aktivitätsmustern im Gehirn verknüpft, sondern in meinen Augen an die Voraussetzung von Menschen als Personen gebunden. Intelligenz kann, mit anderen Worten, nicht auf grobe neuroanatomische Strukturen oder gar eine einzige Kennzahl wie den IQ zurückgeführt werden. Das zeigte schon sehr schön Stephen J. Gould in seinem Werk „Der falsch vermessene Mensch“.1

Nevit Dilmen - Crystal Mind (Wikimedia Commons unter den Bedingungen der CC 3.0 BY-SA)

Ist Intelligenz angeboren, also quasi ein „kristalliner“ Bestandteil des Gehirns? Ich meine, dass das in diesem Sinne nicht stimmt.
Bild (= Beitragsbild als Ausschnitt): Nevit Dilmen – Crystal Mind. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA) – Namensnennung und Verwendung unter gleichen Bedingungen.

Die Messung von Intelligenz …

Problematisch wird das Ganze in dem Moment, in dem die „Intelligenzmessungen“ – und die Zuordnung von Eignungsaussagen zu Menschen – politisch werden. Menschen mit einem hohen IQ gelten in solchen Zusammenhängen dann schon per se als besser (mindestens natürlich als intelligentere) als solche mit einem niedrigen IQ. „Was die Kraniometrie2 für das neunzehnte Jahrhundert war, ist der Intelligenztest für das zwanzigste geworden, wenn man davon ausgeht, daß Intelligenz (oder zumindest ein dominanter Teil davon) eine einzige, angeborene vererbliche und meßbare Sache ist“.3 Viele „Intelligenzforscher“ waren schließlich für Selektion und Eugenik, weshalb sich gerade in der Auseinandersetzung um den Intelligenzbegriff gut zeigen lässt, dass Weltanschauungen und Ideologien – nicht immer bewusst, aber äußerst wirksam – über die jeweiligen Protagonisten Eingang in vermeintlich objektive wissenschaftliche Verfahren finden.4 Oder auch nur ganz banal in Einstellungstests und Prüfungen.

… ist biologischer Determinismus …

Stephen Jay Gould weist sehr nachdrücklich darauf hin, dass „die Behauptung, man könne den Wert von Einzelnen und von Gruppen durch Messung der Intelligenz als Einzelgröße bestimmen“5 ein Erbe und die direkte Fortführung eines biologischen Determinismus ist. Die „biologistische Voreingenommenheit“ beginnt bereits sehr früh, nämlich mit der Annahme, dass Menschen auf einer linearen Skala nach ihrem geistigen Wert bzw. entsprechend ihrer Intelligenz einzuordnen sind. Zum Intelligenztest gehört nämlich unabdingbar die Grundannahme, dass Intelligenz vererbbar ist und eine Art persönliche, also natürliche (in diesem Sinne „kristalline“) Konstante darstellt. Insofern hebt sich die zitierte Studie dadurch wohltuend von den meisten Aussagen ab, als sie mindestens drei Faktoren6 aufzeigt, die „aus unterschiedlichen Bereichen des Gehirns“ stammen, und „die ihre Aufgaben unabhängig voneinander oder zusammen bearbeiten können“.  Und etwas über kulturelle, also erlernte Voraussetzungen sagen.7 Letztlich bleibt jedoch auch hier wohl das Forschungsinteresse, so etwas wie drei IQ-Konstanten messen zu können. Die Tests bleiben artifiziell, während sich echte Intelligenz „im Alltag, im Verhalten und den getroffenen Entscheidungen“ zeigt.8

… aber wissenschaftlich attraktiv!

Es scheint eine enorme Attraktivität zu geben, die Intelligenz als Abstraktum mittels einer – oder auch mehrerer – Maßzahl(en) ermitteln zu wollen. 9 Damit korreliert ist die unausrottbare Auffassung, über entsprechende Testverfahren10 – auch in der Schule und im Bereich der beruflichen Bildung – Intelligenz oder Wissen ermitteln zu können. Doch erfragt wird über solche Testverfahren lediglich das, was man über explizierbares Wissen kundgeben kann. Echte Kompetenzen können nur über die direkte Beobachtung  von Menschen, ihre Handlungen, beurteilt werden.11 In einem solchen Fall bleiben die Beobachtungen und Bewertungen notwendig subjektiv, was wohl kein Lehrender gerne von sich sagen würde. Wohl mit ein Grund dafür, dass die scheinbar objektiven Verfahren – und natülich die Klassifizierung von Menschen anhand ihrer Intelligenzqutienten – den Vorzug genießen.

  1. Gould, S. J. (1983): Der falsch vermessene Mensch. Basel: Birkhäuser. []
  2. Die frühe Schädelvermessungen bezüglich des Hirnvolumens. []
  3. a.a.O., S. 20 []
  4. hierzu auch sehr schön Gould 1983 []
  5. a.a.O., S. 14 []
  6. Das Kurzzeitgedächtnis, das logische Denken und verschiedene verbale Fähigkeiten []
  7. Adam Hampshire (2012) Neuron, Bd. 76, S. 1225, zitiert nach SZ-Online v. 20.12.2012 []
  8. So Gerd Giegerenzer in SZ-Online (a.a.O.). Weiter führt er aus: „Zum Beispiel haben viele mathematisch begabte Menschen wenig soziale Kompetenz und umgekehrt. Und manch professioneller Risikoforscher kann sein Wissen nicht anwenden, wenn ihm ein Arzt eine Untersuchung auf eine seltene Krankheit vorschlägt“ []
  9. hier schließe ich mich vollumfänglich Stephen J. Gould an. Wissenschaftstheoretisch stecken zwei Probleme hinter der vermeintlichen Intelligenzmessung:

    • Die Neigung von Menschen, abstrakte Begriffe in Wesenheiten zu verwandeln, sie also zu Verdinglichen (Die deutsche Sprache lädt hierzu nachgerade ein) und
    • die Neigung, Rangordnungen aufzustellen um komplexe Variationen auf einer Skala eindnen zu können.

    []

  10. beispielsweise „Multiple-Choice“ Tests oder einfache Abfrage von Tatsachen []
  11. Oder, das durfte ich positiv erfahren, indem man beispielsweise argumentative Erklärungen oder die Darstellung von Zusammenhängen einfordert und sie entsprechend in die Testergebnisse einfließen lässt. []
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