Endlichkeit!

Bild: Michael C. Rygel unter den Bedingungen der CC 3.0 (BY-SA) URL: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pumpjack_0154.jpg

„In einem abgeschlossenen System bleibt die Summe aller Energiearten (mechanische, thermische, elektrische, magnetische und chemische Energie) konstant.“

Das beinhaltet der Energieerhaltungssatz als erster Hauptsatz der Thermodynamik.1 Dass die Endlichkeit menschlichen Lebens ein Problem darstellt kann man für moderne Gesellschaften, in denen Krankheit und Tod oft schon zu den Tabus gehören, sicher konstatieren. Jedenfalls wird zum Thema Endlichkeit jenseits religiöser Thematisierungen nur äußerst selten eine gesellschaftliche Debatte geführt. Noch viel mehr aber scheint das Thema Endlichkeit der Ökonomie als Wissenschaft und ihren Spezifizierungen, wie etwa der Volkswirtschaftslehre oder noch mehr der Betriebswirtschaftslehre, abhanden gekommen zu sein. Oder eher: Es war nie vorhanden, denn die klassische ökonomische Theorie geht von einem – nie endenden – Kreislauf- bzw. Wachstumsmodell aus. Und irgendwie ist es auch der Politik abhanden gekommen, dass Menschen, genauer die Bürger eines Nationalstaates, auf einem begrenzten Gebiet mit begrenzten Ressourcen leben. So begrenzt, dass beispielsweise die (natürlichen) Ressourcen auch durch besten internationalen Handel oder etwa die beste Ausbildung der Menschen nicht vermehrt werden können. Natürliche Ressourcen können nur mehr oder weniger schnell verbraucht und unterschiedlich gerecht verteilt werden. Zumindest wenn man es auf einer globalen und physikalischen Ebene betrachtet.

Bild: Michael C. Rygel unter den Bedingungen der CC 3.0 (BY-SA) URL: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pumpjack_0154.jpg

Die Endlichkeit von Ressourcen scheint für die Menschen ein echtes Problem darzustellen, was die Vorstellung darüber betrifft. Sonst wären verschiedene ökonomische Diskurse und verdrängende Kommentare nicht zu verstehen.
Bild (= Beitragsbild als Ausschnitt): Michael C. Rygel – Pumpjack. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA) – Namensnennung und Verwendung unter gleichen Bedingungen.

Peak Oil, Ressourcen und die Thermodynamik

Ich kann mir nur durch die Tabuisierung von Endlichkeit erklären, warum es, angefangen vom „Otto-Normalverbraucher“ bis hin zu Spitzenpolitiker /-innen, eine derartige Verblenung und Leugnung bezüglich des Themas „Peak-Oil“ gibt.2 Aktuell ist das sehr schön in der Debatte um das Fracking zu beobachten – jenseits der Spitzfindigkeiten, wann nun genau der Gipfel des Ölfördermaximums überschritten sein wird. Denn „die Methode, mit den Förderanlagen Öl und Gas aus tiefliegenden Gesteinsschichten durch hydraulischen Druck zu holen,“ zögert am Ende „das Ende der fossilen Ressourcen nur unwesentlich hinaus“.3 Mit einer Postwachstumsdebatte hat die Diskussion um die Endlichkeit von Ressourcen gerade erst (wieder) begonnen. Ein Debatte die nicht weiter auf Wachstum setzt, auch wenn es qualitativ sein soll.4

Grenzen jedes Wachstums

Mir geht es bezüglich des Fracking noch also nicht um die berechtigten Vorwürfe rund um den Umweltschutz bzw. die Gefahr einer Trinkwasserverseuchung. „Den Wissenschaftlern zufolge erreichen die Förderungen von Gas und Kohle bereits im Jahr 2020 ihren Höchststand“.5 Es geht mir zum einen darum, dass es nach wie vor nur selten theoretischen Auseinadersetzungen um die Endlichkeit von Ressourcen gibt. Zum anderen darum, dass eher umgekehrt die gesamten Kennziffern des auf Wachstum beruhenden Bruttosozialprodukts oder Bruttoinlandsprodukts einem Undendlichkeitsdenken, um nicht zu sagen Allmachtsphantasien, zu Grunde liegen.6 Ökonomisch ist übrigens die Erkenntnis, dass es relativ strikte Grenzen, also eine Endlichkeit beispielsweise der Ressourcen gibt, nicht gerade neu.7 Allerdings war es immer eine Ausnahme, wenn Ökonomen beispielsweise die Erkenntnisse der Physik auf den ökonomischen Prozess übertrugen. Nikolas Georgescu-Roegen formulierte als einer der ganz wenigen, dass die moderne Wirtschaft zutiefst dem Entropischen Gesetz widersprechen würde. Mit seinem Hauptwerk The Entropy Law and the Economic Process von 1971 blieb er jedoch ein Außenseiter in der Ökonomie und der Politik.8 Er wurde zwar gelegentlich zitiert, wie beispielsweise hier, oder auch übersetzt und rezipiert wie hier. Aber Einfluss im Sinne einer Denkschule oder weiteren Theoriebildung hat seine Arbeit nie bekommen. Die aktuelle Debatte bietet sich deshalb an, die These vom (unaufhaltsamen) Niedergang noch einmal genauer anzuschauen.9

Der zweite Hauptsatz

„2. Hauptsatz: Thermische Energie ist nicht in beliebigem Maße in andere Energiearten umwandelbar.“10

Für den Menschen bedeuten die Sätze der Thermodynamik, dass er weder Energie erschaffen noch zerstören, sondern nur von einer Energieform in eine andere umwandeln kann (über die Wärme als universelles „Tauschmittel”). „Es zeigt sich, dass die Beziehung zwischen dem ökonomischen Prozess und dem Entropiegesetz nur ein Aspekt eines sehr viel grundlegenderen Faktums ist, nämlich, dass dieses Gesetz die Basis der Ökonomie des Lebens auf allen Ebenen darstellt […] Eine gewöhnliche Betrachtung reicht nun zur Begründung, dass unser ganzes ökonomisches Leben auf niedriger Entropie gründet, nämlich auf Stoff, Holz, Porzellan, Kupfer usw. welche alle hoch geordnete Strukturen darstellen“ (Georgescu-Roegen 1971, S. 4 & S. 277; eigene Übersetzung).11 Gerade am Beispiel des Peak-Oil lässt sich der Gedankengang von Georgescu-Roegen exemplarisch zeigen.

Öl

Auf der energetischen Seite wird Erdöl sowohl zur eigenen Gewinnung, als auch danach im Sinne der Prozessierung durch den eigenen Energiegehalt in verschiedene andere Arten von Energieträgern umgewandelt (Heizöl, Diesel, Benzin, Schweröl). Es ist energetisch unerlässlich für die allermeisten ökonomischen Prozesse und industrielle Produktion. Geht es, wie aktuell, zur Neige, verlieren die Menschen eine zentrale energetische Umwandlungsquelle. Und das auf zweierlei Art, denn neben der rein energetischen Betrachtung findet gleichzeitig auf der entropischen Seite eine unumkehrbare Entwertung der hochgeordneten Struktur Erdöl, das eine extrem niedrige Entropie aufweist, statt. In Form von „Wärme-Abfällen“ mit hoher Entropie wie die Ab-Wärme, die bei Produktion oder auch Fortbewegung entsteht, oder in Form elektrischer Energie, die nach dem Verbrauch ebenfalls „wertlos“ ist. Insofern ist der Zeitpunkt heute durch eine deutlich höhere Gesamtentropie auf der Erde ausgezeichnet als zu Beginn der industriellen Revolution. Das macht den extrem skeptischen Blick von Nicolas Georgescu-Roegen verständlich, der eine „prometheische Krise“ heraufziehen sah. „Eine prometheische Krise besteht ja nicht nur aus einer normalen Knappheit, wie zum Beispiel  nach einer Mißernte“ (Gerogescu Rogen 1987, S. 20).12 Er weist damit darauf hin, dass die heute so vielgepriesenen „regenerativen Energieträger“ nicht wirklich eine Lösung gegenüber dem Problem, massiv Energie einzusparen, darstellen. Noch mehr aber auf die Endlichkeit des Menschen, wenn er erwähnt, dass „thermische Energie von gleichbleibender Temperatur nicht bloß aus rein technischen Gründen unverfügbar ist“, sondern dass „diese spezielle Energie […] nur aufgrund der endlichen menschlichen Natur unverfügbar [ist]“.13

Langfristig sind wir alle tot

Auch wenn sein Diktum doch sehr dem Spruch von John Maynard Keynes gleicht, dass wir langfristig alle Tot seien,14 ist es ein wichtiger Hinweis von Georgescu-Roegen auf das Thema Endlichkeit des menschlichen Daseins. Bis es soweit ist dauert es noch ein wenig. Vor allem kann man diesen Übergang sehr unterschiedlich gestalten. Die Endlichkeit akzeptieren und sehen, wie man mit möglichst wenig Einsatz viel erreicht, also dem klassischen ökonomischen Effizienzgedanken folgt – und nicht mehr dem Wachstumsfetisch (auch wenn er qualitativ sein sollte). Oder die Endlichkeit verleugnen, darauf hoffen, dass irgendeine Technik von irgendwem das Problem schon irgendwie lösen werde. Und dabei weiterhin wie „entropische Wildschweine“ die fossilen Energieträger im wahrsten Sinne des Wortes verheizen. Letzteres ist das, was mit dem Fracking, wenn auch nur kurz möglich, weiter betrieben wird. Um weiter dem Wohlstandsmodell des (unbegrenzten) Wachstums zu fröhnen.

Das entropische Problem hatte übrigens schon Karl Marx als Aufgabe. Doch dem widme ich mich in einem eigenen Blogbeitrag.

Nachtrag vom 06. Januar 2015

Nun bin ich endlich dazu gekommen, den entsprechenden Blogbeitrag zu Karl Marx zu verfassen. Er ist hier zu finden.

  1. „1. Hauptsatz: Die Energie eines abgeschlossenen Systems ist konstant.“ So lautet die Kurzfassung in Wikipedia unter http://de.wikipedia.org/wiki/Thermodynamik#Kurze_Zusammenfassung_der_Haupts.C3.A4tze. []
  2. Für die Wissenschaftler der zu Grunde liegenden Studie zum Thema Fracking hat die Gewinnung von Öl „schon heute das Maximum überschritten“. Auch die Prognosen sind nicht allzu gut, denn im Vergleich mit 2012 wird „die Produktion von Öl 2030 um 40 Prozent fallen“. Die Studie gibt es hier zum Download. Eine Zusammenfassung gibt es hier. []
  3. Artur Lebedew im Artikel „Das Öl geht zur Neige – trotz Fracking“ in der Süddeutschen Online v. 25. März 2013. Verfügbar unter http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/studie-ueber-fossile-ressourcen-das-oel-geht-zur-neige-trotz-fracking-1.1632680 []
  4. Der erste große Diskurs begann nach der Studie „Die Grenzen des Wachstums“ (Meadows et al. 1972). Zum ersten Mal wurde hier die Endlichkeit natürlicher Ressourcen von Wissenschaftlern anerkannt. []
  5. a.a.O. []
  6. Ein Beispiel dafür bietet der Artikel hier in der FAZ. []
  7. „Die Kritik an exponentiellen Wachstumsprozessen ist jahrtausendealt“ (Wikipedia: Die Grenzen des Wachstums„. []
  8. Das gilt leider auch für eine Rezeption seiner Arbeit im Bereich der Gewerkschaften. Zwar wurde ein Extrakt von Christian Schützes Aufsatz in den Gewerkschaftlichen Monatsheften 1990 mit dem Gesamtitel „Am Ende des Fortschritts oder Fortschritt ohne Ende?“ publiziert. Aber auch hierauf gab es keinen nennenswerten Diskurs. []
  9. „Das Grundgesetz vom Niedergang. Arbeit ruiniert die Welt“ schreibt etwa Christian Schütze in seinem Aufsatz hier dazu. []
  10. Wikipedia, a.a.O. []
  11. Im Original: „It reveals, that the relationship between the economic process and the Entropy Law is only an aspect of a more general fact, namely, that this law is the basis of the economy of life at all levels […] Casual observation suffices now to prove that our whole economic life feeds on low entropy, to wit, cloth, lumber, china, copper, etc., all of which are highly ordered structures“ (Georgescu-Roegen 1971, S. 4 & S. 277). []
  12. In einem der wenigen auf Deutsch übersetzten Aufsätze von ihm hier. []
  13. a.a.O., S. 7 []
  14. Im Original: „In the long run we are all dead. Economists set themselves too easy, too useless a task if in tempestuous seasons they can only tell us that when the storm is long past the ocean is flat again.“ A Tract on Monetary Reform. 1923. S. 80 []
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