Jetzt gibt es schon Internet-Tsunamis

Auf der Website „Internet-Tsunamis“ gibt es eine Studie, die zumindest selbiges behauptet. Die Definition lautet:

„Ein Internet-Tsunami ist die themenbezogene Artikulation bestimmter politischer Meinungen bzw. Positionen von einer großen Anzahl an Menschen in einem sehr kurzen Zeitraum. Meinungsimpulswellen werden dabei durch einzelne Personen, Gruppen oder Mikronetzwerke erzeugt, stoßen im Internet auf verstärkende bzw. multiplizierende Resonanz und erzeugen Informationskaskaden. Diese werden durch die Leitmedien weiter verstärkt und münden in der Bildung politischer Massen in der Offline-Sphäre“ (S. 17).1

Ist das „Die Kunst des neuen Demonstrierens“2 im Internet? Oder um was geht es dabei sonst? Ist das wirklich ein politisches Phänomen, „infolge derer sich Bürgerinnen und Bürger zu politischen Massen zusammenschließen und ihren Forderungen teils in Großdemonstrationen massiven Nachdruck verleihen“?3

Ist der Vergleich mit eine Tsunami ein guter Vergleich für die genannten politischen Organisations- und Protestformen? Zumindest das hier gezeigte Bild hatte ursprünglich keinen echten Tsunami als Inhalt.
Bild (= Beitragsbild als Ausschnitt): Katsushika Hokusai – „Unter der Welle im Meer vor Kanagawa.“ Verwendung als gemeinfreie Datei.

Internet Tsunamis …

Ein Internet-Tsunami wird in der Studie – wie oben angegeben – definiert. Wobei darauf hingewiesen wird, dass es sich dabei um eine Metapher handelt, welche das Naturereignis auf die Welt der Social Media anwendet. In Analogie zu echten Tsunamis gibt es dafür einen Auslöser bzw. ein Ereignis „in der realen Welt“. Ausgangspunkt eines Internet-Tsunamis wird der Auslöser dann, wenn sich genügend Internet-Nutzer an der Diskussion und Bewertung beteiligen, wie beispielsweise bei einem „Shitstorm“4. Die Autoren gehen insgesamt davon aus, dass es durch die Social Media zu einer „Repolitisierung“ der westlich geprägten Demokratien kommt. Bei der jedoch neue Formen politischen Engagements und politische Willensbildung verwendet werden, denn „die Akzeptanz der traditionellen Beteiligungsformen nimmt [weiterhin] kontinuierlich ab“5. Festmachen lässt sich das Schwinden traditioneller Formen für die Autoren an der Entwicklung der Parteimitgliedschaften, vor allem aber an der weiter sinkenden Wahlbeteiligung. Obwohl umgekehrt aus der Internetnutzung nicht automatisch eine politische Beteiligung abzuleiten ist, ergibt sich für die Autoren doch der Sachverhalt, dass es enorm die neuen Formen des politischen Engagements beeinflusst (politics und policy). Vor allem dezentral und ohne „Gallionsfiguren“ wird Politik gemacht. Dennoch scheint es so, als gelinge es auch hierüber nicht, bisher uninteressierte Menschen nennenswert für die Politik zu gewinnen6.

… und Social Media

Ohne Zweifel können die Social Media ein politisches Anliegen enorm bündeln und über „Ansteckungseffekte“ zu einer gewaltigen Resonanz führen. Dafür stehen mittlerweile Netzwerke wie etwa CampAct (Demokratie in Aktion)7 oder Avaaz8. Ein gutes und interessantes Beispiel hierfür ist das Video „Kony 2012“, das über  Kindersoldaten und das Agieren der „Lord’s Resistance Army“ im Kongo und Sudan berichtet und innerhalb kürzester Zeit zu einem vieldiskutierten Thema im Netz wurden.9 Durch das Video einer bis dahin unbekannten NGO namens „Invisible Children“ wurde jedenfalls der Massenmörder Joseph Kony – und seine Taten – binnen Stunden einer Weltgemeinschaft bekannt.10 In den Augen der Verfasser der Studie Internet-Tsunamis haben die Massenkommunikationsphänomene auch ganz reale gesellschaftliche Auswirkungen.11 Und das nicht nur einseitig, denn ebenso können lokale Themen Impulse für die nationale und internationale Politik geben. Doch wie wäre das für die Politik und ggf. auch politische Bildung zu nutzen? Welche Konsequenz hat das für „politische Massen“12.

Neue Öffentlichkeit

„Das Schlimmste für eine Demo war früher immer, wenn kein Journalist vorbeikam. Das hat sich jetzt dadurch verändert, dass jeder einzelne Demoteilnehmer seine eigene Öffentlichkeit herstellen kann“13. Zumindest was die Berichterstattung bzw. öffentliche Aufmerksamkeit betrifft, kann man mit den metaphorischen Vorbehalten von Internet-Tsunamis reden. Genauso wie man konstatieren kann, dass sich politischer Protest sowohl in den Formen, als auch bezüglich der Teilnehmenden enorm geweitet hat. „Es gibt keinen ‚Ottonormaldemonstranten‘ mehr“14. Falls es ihn je gegeben hat. Dennoch ist die Feststellung interessant, dass die neue politische Mobilisierung nicht nur Gefühle bedient, sondern Wertvorstellungen (wie etwa Gerechtigkeit) berührt und affektive Komponenten, wie etwa das gehört-werden-wollen beinhaltet. Massenhafte politische Phänomene hätten dabei, als Internet-Tsunamis, „eine unmittelbare Feedback-Funktion für das politische System“15.

Wirklich interessant und in diesem Sinne neu an dieser Studie sind in meinen Augen folgende Sachverhalte:

  • „Die Auslösung eines Internet-Tsunamis kann nicht geplant werden“16. Das bedeutet übersetzt wohl soviel, als dass die Themen immer weniger durch die politischen Parteien oder großen Verbände bestimmt werden. Vielmehr wird in der politischen Debatte bestimmend, was als Thema – einigermaßen unberechenbar – im Netz Einfluss gewinnt.
  • Die Anfälligkeit für Fehlinformationen ist hoch. Das ist wohl der Wahrnehmung seriöser Presseberichterstattung geschuldet. D.h., dass in den Fällen der Social Media erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber der angebotenen Information geboten ist.
  • Repressionen und Unterdrückung erwirken in den meisten Fällen noch deutlich mehr Beteiligung und Aufmerksamkeit, als „freie“ Informationen.

„Politische Entscheidungen werden nicht mehr einfach nur hingenommen, unabhängig davon, ob sie demokratisch legitimiert sind“17. Das ist politisch eigentlich ein äußerst wünschenswertes Phänomen. Fragt sich nur, ob sich das weiter auf wenige engagierte Bürger /-innen beschränkt, oder ob mit den Internet-Tsunamis nicht doch auch mehr – bis dahin uninteressierte – Menschen erreicht werden können. Es bleibt jedenfalls zu hoffen.

Nachtrag vom 19.04.2016

Da ich diesen Beitrag je bearbeiten musste (wegen dem Beitragsbild) füge ich auch gleich diesen Nachtrag ein. Er besteht aus zwei Aspekten:

  • Zum einen glaube ich, dass das, was die Autoren mit dem Begriff Internet-Tsunami bezeichnet haben, heute etwas vulgärer unter dem Begriff „Shitstorm“ segelt.
  • Inhaltlich ist es aber nach wie vor interessant und wird von mir noch einmal im Blogbeitrag zur politischen Erwachsenenbildung (hier) aufgegriffen.
  1. xaidialoge und Europa-Universität Viadrina (Hrsg.)(2012): INTERNET-TSUNAMIS.
    Politische Massen im digitalen Zeitalter. Verfügbar unter: http://www.internet-tsunamis.de/downloads/ []
  2. So der Untertitel des Buches „Mutbürger“ von Florian Kessler. []
  3. Internt-Tsunamis, S. 9 []
  4. Gebenüber einem Internet-Tsunami führt hier „massenhafte öffentliche Entrüstung […] dazu, dass sachliche Kritik mit zahlreichen unsachlichen Beiträgen vermischt und eine sinnvolle Diskussion dadurch verhindert wird“ (Wikipedia: Shitstorm. []
  5. a.a.O. []
  6. a.a.O., S. 13 []
  7. http://www.campact.de/campact/home []
  8. http://www.avaaz.org/de/ []
  9. Unter Schlagzeilen wie „Das Internet jagt einen Massenmörder“, „Kony 2012 oder die erste Online-Treibjagd auf einen Verbrecher“ bzw. “ KONY 2012: Mit Social Media gegen den Völkermörder?“ gab es online eine heftige und durchaus kontroverse Auseinandersetzung um ein Video, das bis zu diesem Zeitpunkt zum am schnellsten angesehenen im Netz wurde. „Laut dem Webanalyse-Unternehmen Visible Measures ist der Film das erste Internetvideo, das innerhalb von fünf Tagen 70 Millionen Mal aufgerufen wurde. Noch nie zuvor habe es eine sich derart schnell verbreitende Social-Video-Kampagne gegeben“ (Wikipedia: Kony 2012). []
  10. Siehe hierzu auch Klier 2011: Unternehmen am Pranger. Soziale Medien fördern verantwortliches Handeln. In: Computer und Arbeit (CuA), Oktober 2012, S. 25 – 28. []
  11. „Oftmals geht es hierbei um die Hinterfragung tradierter Herrschaftssysteme“ (a.a.O., S. 16) oder „Internet-Tsunamis erlangen potenziell die Deutungshoheit über ein Themengebiet und vermitteln so den Eindruck, die nationale Stimmungslage widerzuspiegeln. Dies kann politische Entscheidungsträger und politische Entscheidungen beeinflussen“ (S. 240). []
  12. a.a.O., S. 241. „Internet-Tsunamis führen zu einer offensichtlichen Bildung einer politischen Masse und erzeugen dadurch Druck auf politische Entscheidungsträger und –prozesse“ (S. 250). []
  13. Florian Kessler im Interview hier []
  14. a.a.O. []
  15. a.a.O., S. 243 []
  16. a.a.O.:, S. 264 []
  17. a.a.O., S. 265 []
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