Soziale Zeitautonomie II

„Organisiere dich gut, dann schaffst du deine Aufgaben. So lautet das Kernversprechen des klassischen Zeitmanagements. Doch das ist zu individualistisch gedacht, kritisiert der Consultant und Zeitmanagement-Forscher Alexander Klier. Ein Gespräch darüber, wie Zeitmanagement sein müsste, um den Anforderungen in der modernen Arbeitswelt gerecht zu werden.“

Da hatte ich doch glatt die Gelegenheit, mich im Rahmen eines Interviews zu einem meiner „ältesten“ und zugleich immer noch aktuellen Themen zu äußern: Dem Zeitmanagement. Das Zitat, wie auch das komplette Interview, sind in der Zeitschrift managerseminare Nr. 211 vom Oktober 2015 erschienen. Inhaltlich knüpft es sowohl an meine Dissertation (hier) an, als auch an verschiedene Aufarbeitungen, Überlegungen und Publikationen von mir zum Thema Soziale Zeitautonomie (beispielsweise hier). Schließlich habe ich inhaltlich auch einen eigenen Blogbeitrag hier (auf dieser Seite) und hier, im Rahmen unseres Corporate Blogs bei BeaS (Beck et al. Services), geschrieben. Ganz herzlich möchte ich mich bei der Redakteurin Sylvia Jumpertz sowohl für das Interview, als auch die Möglichkeit, dieses hier wiederzugeben, bedanken. Sie selbst hat in der Zeitschrift unter dem Titel „Und immer läuft die Zeit davon …“ darauf reflektiert, was sich am Zeitmanagement innerhalb der letzte 25 Jahre verändert hat. Besonders plastisch beschreibt sie darin die verschiedenen Phasen, die jeweils die Inhalte des Zeitmanagements dargestellt haben und zugleich das „Medikament“ bzw. die Lösungsvorschläge bestimmt haben.1 Und natürlich, siehe das Eingangszitat, warum es notwenig ist, dass das Zeitmanagement sozial bzw. kollaborativ wird bzw. welche Zeitenkompetenzen2 man dazu erwerben muss.3

Bild: Julo - Profil der Zeit von Salvador Dali. Verwendung als gemeinfreie Datei auf den Wikimedia Commons.

Das Zeitmanagement gibt vom Titel her vor, die „Zeit“ managen zu können. Doch das ist nicht möglich und eigentlich geht es immer um die Frage der Erledigung von (Arbeits-) Aufgaben in der Zeit. Dabei ist die Grundannahme, dass es individuell möglich sei, seine Aufgaben zu steuern, von starken Vorbedingungen, wie etwa einer strikten Hierarchie, abhängig. Eine Vorbedingung, die in modernen Arbeitskontexten und vernetzten Organisationen längst nicht mehr gegeben ist.
Bild (= Beitragsbild als Ausschnitt): Julo – Profil der Zeit von Salvador Dali. Verwendung als gemeinfreie Datei auf den Wikimedia Commons.

 

Sylvia Jumpertz: Sie sind ein Kritiker des Zeitmanagements. Was stört Sie daran?

Alexander Klier: Erstens stellt das Zeitmanagement, verstanden als Anleitung zur Selbstorganisation, gar nicht erst die Frage, ob nicht vielleicht tatsächlich einfach zuviel Arbeit vorhanden ist. Dass das aber häufig der Fall ist, das bestätigt die Arbeitsforschung, die zeigt, dass es in Unternehmen tatsächlich zu systematischer Überlastung kommt. Die Firmen bemerken zwar die gesundheitlichen Folgen, setzen aber am falschen Ende an. Sie installieren Gesundheitsmanagementsysteme, hinterfragen aber die Leistungsanforderungen an sich nicht. Und das Zeitmanagement unterstützt das, indem es suggeriert: Wenn man sich gescheiter organisiert, dann klappt das schon mit der Arbeit. Das zweite Problem ist die oft unterstellte Behauptung, dass die meisten Menschen ihre Zeit auf irgendwelchen Nebenkriegsschauplätzen verplempern und sich deshalb nicht auf ihre so genannte eigentliche Arbeit konzentrieren. Das läuft komplett daran vorbei, was Arbeit heute ist.

Und was ist Arbeit heute?

Der Arbeitsprozess ist durch Abhängigkeiten geprägt. Das war schon immer so, ist heute im Teamzusammenhang aber noch stärker der Fall. Dort geht es nicht mehr um Abhängigkeiten im Sinne von machthierarchischen Weisungsbefugnissen des Arbeitgebers. Es geht vielmehr um das kollegiale Miteinander: Man verlässt sich aufeinander. Man hat soziale Verpflichtungen. Die eigene Aufgabe ist meist von der Zuarbeit und Weiterverfolgung durch andere abhängig. Doch diese Abstimmungsproblematik ignoriert das individualistisch orientierte Zeitmanagement weitgehend.

Inwiefern?

Das Gespräch nebenbei zum Beispiel wird tendenziell als Störung begriffen. Dabei kann es sehr fruchtbar sein für die Inspiration, die Weiterentwicklung von Ideen, die Bereinigung von Konflikten. Und es kann insofern auch profitabel sein. Für das Team kann es sich am Ende aber auszahlen, dass ich einem Kollegen geholfen habe, obwohl mich das selbst zunächst einmal in meiner Arbeit zurückgeworfen hat.

Dafür muss diese Unterstützung aber auch im Unternehmen wertgeschätzt werden.

Das stimmt. Aber wenn die empirischen Ergebnisse stimmen, sind Unternehmen eindeutig produktiver und innovativer, wenn sie auf andere, vernetzte Formen der Zusammenarbeit setzen, die solche Prozesse stützen. Das heißt, bei vielen wird es sich dorthin entwickeln. In meinem eigenen Unternehmen arbeiten wir in Communities. Bei uns gibt es zum Beispiel statt einer IT-Abteilung ein Social Help Desk, in dessen Rahmen man, wenn man ein IT-Problem hat, eine Anfrage an alle Beschäftigten stellen kann. So ist meist sehr schnell eine Lösung gefunden, oft auch von Kollegen, von denen man es nicht gedacht hätte. Das ist ein völlig neues Verständnis von Zusammenarbeit.

Und von Zeit?

Ja, denn in den Communities geht es ums Vernetzen, es geht darum, nicht bloß Arbeitskräfte zusammenzubringen, sondern Menschen – Menschen, die ein Interesse daran haben, sich als Person einzubringen. Da kommen neben der tickenden Uhr
ganz andere Zeitdimensionen ins Spiel, etwa unverplante Zeiten und Pausen.

Bild: Oliver Tacke - ALPEN Methode auf den Wikimedia Commons. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA)

Die ALPEN Methode ist eines der Beispiele dafür, wie das Zeitmanagement versucht, hochinidividualisierte Tools auf im Grunde kollaborative Arbeitsprozesse anzuwenden. Normalerweise kommt weder beim Schätzen der Aufgabenlänge, noch bei der Entscheidung oder Nachkontrolle vor, wie stark die eigene Arbeit von den Kolleginnen und Kollegen abhängig ist. Pufferzeiten sind dann der etwas hilflose Versuch, die Konflikte, die sich genau daraus ergeben, noch einarbeiten zu können.
Bild: Oliver Tacke – ALPEN Methode auf den Wikimedia Commons. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA).

 

Muss man sich in so einer Arbeitswelt nicht trotzdem als Einzelner abgrenzen, um sich zeitlich nicht heillos zu verzetteln?

Zu sagen: „Ich arbeite hier jetzt meine ‚eigentlichen’ Aufgaben ab“ ist ein sehr eingeschränktes Arbeitsverständnis, das aus der tayloristisch organisierten Büroarbeit stammt. Gestört zu werden hat zum Beispiel schon immer zu den Kernaufgaben von Führungskräften gehört, weil Führungskräfte handeln müssen, wenn sich Schwierigkeiten ergeben, weil sie mit ihren Mitarbeitern reden müssen. So etwas wie die „eigentliche“ Arbeit, auf die man sich der Zeitmanagement-Logik zufolge konzentrieren soll, gibt es für sie gar nicht. Was es gibt, sind Arbeitszusammenhänge, Abhängigkeiten, Verpflichtungen – und die gilt es, klug zu balancieren.

Was mit dem klassischen, auf den Einzelnen fokussierten Zeitmanagement nicht machbar ist?

Nein. Diese Balance wird sich nicht aus individuellem Zeitmanagement ergeben, sondern daraus, dass man mit seinen Kollegen redet und herausfindet: Was sind die tatsächlich wichtigen Zusammenhänge? Wie organisieren wir das gemeinsam? Welche zeitlichen Anforderungen sind meine? Welche sind deine? Welches Zeitverständnis habe ich und welches hast du? Was man lernen muss, ist zeitliche Synchronisation und kollektive Zeitautonomie, nicht individuelle. Ich nenne das soziales Zeitmanagement.

Ein wenig banal klingt die Sache mit der Kommunikation ja schon.  Abstimmen musste man sich doch mit seinen Kollegen schon  immer …

Es ist nicht so banal, wie es scheint. Wie formuliert man seine eigenen  Ansprüche?
Wie bringt man sie ins Gruppengespräch ein? Wie findet man gemeinsam Kompromisse? Das ist weit weniger trivial, als zu sagen: Organisiere  dich gut, dann geht das alles schon irgendwie.

Im Grunde kostet das alles doch sogar noch mehr Zeit: Dauernd reden müssen, ständig auf neue Impulse anspringen.

Es braucht gemeinsam vereinbarte Rahmenbedingungen und Konfliktlösungsmöglichkeiten. All das steht in vielen Firmen aber noch aus. Das Problem ist: Viele Unternehmen arbeiten schon lange nicht mehr über den Handel „Arbeitszeit gegen Geld“, sondern über Ziele. Deswegen entgrenzt sich die Arbeit. Denn wie man sie erbringt, ist dem Unternehmen egal. Auf dieses Problem müssen noch kluge Antworten gefunden werden. Dafür braucht es neue Regelmechanismen. Aber auch das ist eine soziale, keine individuelle Aufgabe. Wir haben in unserer Firma beispielsweise eine Work-Life-Community, die bespricht, was an allgemeinen Abstimmungen und Regeln nötig ist. Im Unterschied zum klassischen Zeitmanagement kann eine Community übrigens auch viel besser als ein Einzelner reklamieren, dass ihr, um ihre Arbeit machen zu können, bestimmte Ressourcen fehlen – und sich gegen Überlastung zur Wehr setzen. Auch das ist soziales Zeitmanagement.

Ergänzungen zu diesem Posting:

Im Rahmen unseres Corporate Blogs habe ich mir Gedanken dazu gemacht, wie ein alternatives Zeitmanagement, also ein Zeitmanagement für Gruppen und Teams bzw. eben soziale Zeitautonomie aussehen könnte. Hier ist der Link auf diesen Beitrag: http://www.bea-services.de/de/newsroom/de/blog/kollaboratives-zeitmanagement

Diesem Interview vorangegangen ist ein eigener Blogbeitrag hier. Außerdem verweise ich auf meine grundsätzlichen Überlegungen hier und hier.

  1. Insofern kann ich mit Überzeugung sagen, dass es sich lohnt, diesen Artikel zuzulegen bzw. käuflich zu erwerben. Hier ist noch einmal der Link darauf. []
  2. Zeitkompetenz bzw. eigentlich Zeitenkompetenz ist der Gegenbegriff, den wir im Rahmen des Tutzinger Projektes „Ökologie der Zeit“ zu den Vorstellungen des Managements von Zeit entworfen haben. []
  3. Ich will mich mit der Wortwahl „Soziale Zeitautonomie“ vom Zeitmanagement abgrenzen. Stelle aber immer wieder fest, dass der Begriff einfach zu weit verbreitet ist, um ihn einfach zu ignorieren. Insofern ist mir auch soziales Zeitmanagement als Bezeichnung recht. []
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