Der Stuhlkreis wird digital

„Das gemeinsame Arbeiten erhöht den Lernanreiz, die Motivation und die mehrperspektivische Durchdringung von Problemen. Aber umstritten ist vielfach in der Literatur noch, ob die Gruppenarbeit tatsächlich auch zu einem besseren Lernergebnis als Einzelarbeit oder Frontalunterricht führen. Dies ist insbesondere in der deutschen Diskussion auffällig, weil dies die Dominanz von frontalen Methoden spiegelt und wenig die Vorteile von Teams erkennen lässt.“1

 

Im Rahmen meiner Aus- und Fortbildung für das e|certificate der Hochschule München habe ich nun mein Profil und vor allem mein digitales Portfolio auf Mahara2 (hier), nebst dazugehörigem Video (hier),3 angelegt. Da dies für mich immer eine willkommene Gelegenheit darstellt, auf die eigene Lehr- und Lernerfahrung zu reflektieren, sind mir einige Gedanken durch den Kopf geschossen, dich ich systematisiert im Rahmen dieses Blogs wiedergeben will.4 Dabei habe ich mich auf die Suche gemacht, um etwas über die Methode des Stuhlkreises wiederzugeben, der für mich im Rahmen meiner pädagogischen Laufbahn und bezüglich meines eigenen Lernens und meines Lehrverständnisses eine enorme Rolle gespielt hat. Das war gar nicht mal so leicht. Aufgefallen ist mir bei dieser Suche, dass der Stuhlkreis vielfach als Synonym für Gruppenarbeit verwendet wird, auch wenn es selten explizit so benannt wurde. Eine neue Erkenntnis und der Grund für das obige Zitat. Zur Gruppenarbeit habe ich sowohl im Rahmen dieses Blogs,5 als auch im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit (im Rahmen unseres Corporate Blogs) bereits einiges geschrieben. Das werde ich natürlich weiter tun, meist unter dem Stichwort Social Learning. Im beruflichen Kontext lässt sich der tatsächliche Vorteil der Arbeit von Gruppen in Form von Communities mittlerweile sehr gut zeigen.6 Das wäre ja Grund genug, dies noch einmal in schulischen und universitären Lernzusammenhängen (empirisch) zu testen.7 Doch zurück zum Einstieg und damit zum Stuhlkreis: Warum um alles in der Welt gebe ich diesem Beitrag den Titel „Der Stuhlkreis wird digital“? Um das herauszufinden, lohnt es sich sicher, weiterzulesen.

Bild: glasseyes view - stuhlkreis auf Flickr. Unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA).

Für mich persönlich stellte der Stuhlkreis eine radikal andere Erfahrung des Lernens dar, was insbesondere für den Zusammenhang der politischen Bildung sowie der Kompetenzbildung gilt. Ich kann die Kritik daran nur zum Teil verstehen (und werde kurz darauf eingehen), halte sie jedoch für unangebracht. Vor allem, weil der Stuhlkreis eher im Bereich der Kompetenzbildung seine hilfreiche Funktion entfalten dürfte und nicht so sehr im Bereich der Vermittlung von Faktenwissen. Also kein „Tool“ für jeden Zusammenhang ist und zur jeweiligen Lehrpraxis und Lernkultur passen muss. Die wirklich spannende Frage für mich ist dabei, inwiefern sich die pädagogischen Prinzipien in digitalen Lernkontexten wiederfinden lassen. Bzw. inwiefern sie notwendig sind, um erfolgreich digitale Lernkonzepte zu generieren.
Bild (= Beitragsbild als Ausschnitt): glasseyes view – stuhlkreis auf Flickr. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA).

Vom Analogen zum Digitalen

„Ein regelmäßiges Element im pädagogischen Alltag der Tarzanmäuse nimmt der Sitzkreis bzw. Stuhlkreis ein. Hier können Kommunikation, Fähigkeiten, Aufmerksamkeit, Partizipation und das Vertreten eigener Interessen eingeübt werden.“8

 

Um noch einmal auf den Anlass dieses Blogs zurückzukommen: mir ist beim Erstellen meines digitalen Portfolios deutlich geworden, wie sehr ich mich immer darum bemüht habe, meine positiven analogen Lernerfahrungen, die stark mit dem Stuhlkreis korreliert sind, auf die digitale Sphäre zu übertragen. Insofern waren für mich auch all die unter dem Begriff E-Learning firmierenden Methoden wie etwa Computer Based Training (CBT) oder auch Web Based Training (WBT) völlig ungenügend. Und das lag nicht nur daran, dass manche Programme (insbesondere in der eher billigen Version) ziemlich dumm programmiert waren, denn es gab schon echte Highlights unter dieser Art von Lernprogrammen. Richtig spannend wurde es für mich aber immer erst dann, wenn Austausch und Kommunikation über Plattformen oder das Internet im Spiel waren.9 Das wiederum gelang am ehesten mit den WBT Programmen.

Virtuelle Klassenzimmer

Ich weiß gerade nicht, ob ich es bedauern soll, aber plötzlich stand bei der Entwicklung der interaktiven Methoden des gemeinsamen digitalen Lernens der Klassenraum im Vordergrund. Und damit oft auch die entsprechende didaktische Umsetzung des Frontalunterrichts in virtuellen Klassenzimmern bzw. digitalen Unterrichtsräumen wie etwa bei Adobe-Connect und auch Moodle.10 Zum Teil ist das bei Webinaren heute noch die leitende Vorstellung. Auch das digitale Whiteboard, also quasi die virtuelle Tafel, wurde erfolgreich dem analogen Klassenprinzip abgeschaut. Hilfreich waren diese Entwicklungen allemal, auch wenn sich auf breiter Front leider mit der digitalen Datenverwaltung über Learning-Management-Systeme (LMS) nur eine eher technische und verwaltende Sicht auf die Lernprozesse durchgesetzt hat.11 Wieder musste ich also feststellen, dass mir etwas Entscheidendes fehlte, und das war nicht nur das Feeling des Stuhlkreises, sondern vor allem die pädagogischen Grundvorstellungen dahinter. Wenn ich es kurz machen soll, dann waren es vor allem die Idee des Austauschs zwischen Referent*innen und Teilnehmer*innen auf Augenhöhe, der Ansatz, dass die Teilnehmer*innen Experten in eigener Sache sind und schließlich die Überlegung, durch Eigenaktivitäten (über die Gruppen und ihre Berichterstattung initiiert) das Lernen produktiver und nachhaltiger zu gestalten. Bedingungen also, die für mich erst mit der Entwicklung und dem Einsatz von Social Software im digitalen Kontext richtig gut umgesetzt werden können. Vor allem deshalb, weil hier nun wieder die Kommunikation und Zusammenarbeit im Vordergrund steht. Das macht für mich deren eigentliche Faszination genauso aus, wie deren Effizienz im Einsatz der Lehre. Es lohnt sich also, die Prinzipien noch einmal genauer daraufhin zu untersuchen – und damit quasi den Stuhlkreis, mithilfe der Übertragung der pädagogischen Ideen, digital zu gestalten.

Der analoge Stuhlkreis

Was war (und ist) das für ein tolles Gefühl, als Dozent im Rahmen der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit mit partizipativen Konzepten groß geworden zu sein. Mit großer Dankbarkeit blicke ich auf eine Vielzahl von Seminaren zurück, die mir als „Teamer“,12 wie es damals genannt wurde, eine unglaubliche persönliche Entwicklung erlaubten. So konnte ich ein zweiwöchiges Seminar Zukunftswerkstatt genauso absolvieren wie einen zweiwöchigen Kommunikationsworkshop13 und ein einwöchiges Seminar zur themenzentrierten Interaktion sowie noch andere Seminare wie etwa „Projekt- und beteiligungsorientierte Betriebsräte- und Gewerkschaftsarbeit – PROBE“. Dem folgte später die von mir abgeschlossene Fortbildung zum „Fallberater in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit“. Insbesondere diese Ausbildung hat mich noch einmal besonders ermutigt, auf die digitale Variante zu sehen. Geplant war nämlich ursprünglich, diese Ausbildung über eine eigene Internetplattform abzubilden und dafür Online Fallberater auszubilden.14 Dem folgte fast konsequenterweise und als vorläufiger Abschluss meine Ausbildung als Diversity Coach.15

Alle diese Fortbildungen hatten ein wesentliches Ziel bzw. einen humanistischen Kern: Als Dozent oder Lehrbeauftragter einen ressourcenorientierten und respektvollen Umgang mit Teilnehmer*innen zu lernen und dabei anzuerkennen, dass sie selbst es sind, die den Akt des Lernens vollziehen müssen. Dass man sie als Referent auf diesem Weg zwar begleiten kann, indem man die Lernatmosphäre gut gestaltet und vor allem kollaborativ auslegt, dass aber für das Lernergebnis (was auch inhaltlich gilt) die Anwesenden selbst verantwortlich sind. Dass man als Teamer weniger für den inhaltlichen Aspekt des Seminars verantwortlich ist, als vielmehr für dessen prozessuale Gestaltung. Auf der persönlichen Ebene ging es um die Bildung kritischer und widerständiger Subjekte (Personen) im positiven Sinn, nicht um Funktionärsbildung. Man kann sich sicher leicht vorstellen, dass das sogar relativ häufig zu ernsthaften Konflikten mit der tragenden Organisation dieser Ausbildung (zu dieser Zeit noch die Deutsche Postgewerkschaft) führte.16 Eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Gelingen dieser Art von Seminaren war eben der Einsatz des Stuhlkreises als Methode.17

Foto: Heinrich Böll Stiftung - Potsdamer Modellprojekt "Strukturierte Bürgerbeteiligung" mit Kay Uwe Kärsten auf Flickr. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA).

In partizipativen Prozessen wie etwa der Bürgerbeteiligung (hier im Bild) ist der Stuhlkreis oft die Methode der Wahl. Die dahinterliegenden Ideen sind meines Erachtens zentral, wenn es als Methode erfolgreich in der digitalen Sphäre angewendet werden soll.
Foto: Heinrich Böll Stiftung – Potsdamer Modellprojekt „Strukturierte Bürgerbeteiligung“ mit Kay Uwe Kärsten auf Flickr. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA).

Learning Communities

„Von Gleich zu Gleich“, „Wir sind ein Team“ oder auch „Die Teilnehmer sind Spezialisten in eigener Sache“; Es gab und gibt viele Ausdrücke und Erklärungen für das, was methodisch mit dem Stuhlkreis beabsichtigt ist. Es geht um Partizipation der Teilnehmer am Lehr- und Lernprozess sowie eine gleichberechtigte Gestaltung des Kursgeschehens. Quasi auf Augenhöhe und ohne physische Barrieren beim Austausch, wie etwa Tische und Sitzreihen sie darstellen. Face to Face – ich wahrsten Sinne des Wortes, weil im Kreis alle gleich gut zu sehen sind – geht es ganz wesentlich darum, dass die am Lerngeschehen Beteiligten im Stuhlkreis sichtbar werden. Oder auch darum, über die Berichte aus den Gruppen sichtbar werden zu können. Dabei kann man sich auch schlecht „verstecken“. Nicht unerheblich dabei ist, dass das im Rahmen eines Seminars in einer Peer-Gruppe geschieht.18 Wenn ich es im Nachgang so betrachte, dann ging es im Prinzip bereits im analogen Lerngeschehen darum, während des Seminars und mit den Teilnehmer*innen eine Community zu bilden. Ein Community auf Zeit (damals in der Regel eine Woche), die sich dem Lehrgangsziel widmete, bezüglich des Kursthemas gemeinsam etwas zu erarbeiten.19 Auf vielfältige Art und beständig unter der aktiven Mithilfe der Lernenden wurde damit Social Learning betrieben. Die Methode enthält deshalb diejenigen Bestandteile, von denen ich denke, dass sie gut auf die digitale Ära bzw. virtuelle Lernzusammenhänge übertragbar sind. Und nicht nur das: die in meinen Augen eine unabdingbare Voraussetzung dafür darstellen, dass die digitalen Lernprozesse im Sinne eines Social Learning funktionieren.

Profile & Sichtbarkeiten

„Welche Arbeitsgruppe möchte als erstes berichten?“ Ich weiß nicht, wie oft ich diese Frage schon gestellt habe und immer noch stelle. Sie markiert einen ganz zentralen Aspekt in den analogen Seminarzusammenhängen, insbesondere bei Verwendung des Stuhlkreises. Denn nun müssen sich Teilnehmer*innen vor die anderen hinstellen und erklären, was sie in den Gruppen bearbeitet haben und welche Ergebnisse dabei produziert wurden. Obwohl man das didaktisch gut vorbereiten kann, indem den Arbeitsgruppen bereits mit den Aufträgen mitgeteilt wird, dass sie am besten noch vor der Arbeit und Diskussion festlegen, wer anschließend Bericht erstattet, ist es doch immer wieder ein neuralgischer Punkt. Was man auf jeden Fall festhalten kann ist, dass die Teilnehmer hier sichtbar werden. Und das in einem ziemlich umfänglichen Ausmaß, weil sie sowohl im Wortsinn „auftreten“, als auch inhaltliche Aspekte wiedergeben müssen. Und dabei mehr als nur Faktenwissen vorstellen sollen, weil die Diskussionsprozesse und argumentativen Zusammenhänge für das Ergebnis wichtig sind. Wiederum mit der Brille der digitalen Reflexion viel später betrachtet: das Profil der Teilnehmer, das bereits zu Beginn des Seminars über die jeweiligen Vorstellungsrunden angelegt wurde (und in vielen Seminaren tatsächlich während des gesamten Zeitraums sichtbar an die Wände plakatiert wird) wird hier bezüglich der Aspekte des Handelns, Denkens und eigener Positionen komplettiert. Das macht es für mich so zentral, dass auch im digitalen Lernkontext Profile existieren und gepflegt werden. Was nicht bedeutet, dass es um Klarnamen und Bilder geht, denn glücklicherweise funktioniert die Profilbildung – und vor allem die Erkennbarkeit auf Seiten der anderen Teilnehmer – auch dann, wenn nur sichtbar wird, was die hinter den Profilen steckenden Personen denken, fühlen und vor allem tun (oder auch nicht tun). Daraus kann man durchaus den Schluss ableiten, dass eine Social Learning Software ohne Profile kein echtes Social Learning abbilden kann.

Partizipationslücken

Warum nur, so meine nächste Frage, gibt es dann so viel Widerstand und regelrechte Phobien gegen den Stuhlkreis? Vor allem in der Erwachsenenbildung ist der Widerstand deutlich spürbar. Man muss ja nicht gerade verschwörungstheoretisch hinter dem Stuhlkreis ein Instrument der absoluten Kontrolle sehen,20 um entsprechend kritisch eingestellt zu sein. Folgende Argumentationen gegen einen Stuhlkreis kenne ich persönlich (zum Teil von von mir sehr geschätzten Kolleg*innen):

  • Die Teilnehmer können den Stoff nicht (anständig) mitschreiben, das sollen sie aber!
  • Bildung ist keine Kuschelveranstaltung. Die Teilnehmer*innen sollen sich auf das Thema konzentrieren.
  • Die Teilnehmer*innen schütten oft ihre Getränke um, die sie unter den Stuhl stellen, weil keine Tische vorhanden sind.

Das Lesen des Aufsatzes von Petra Grell und Franco Rau zu Partizipationslücken hat sich für mich (hier, im Nachtrag) schon einmal als sehr fruchtbar erwiesen.21 Nicht nur, weil mir das Wort gut gefällt, will ich darauf noch einmal eingehen. Ich denke, dass sich mit Partizipationslücken, ergänzt um den Term „Soziale Praxis“22 der Widerstand, der sich in obigen Zitaten ausdrückt, gut erklären lässt. Partizipationslücken ergeben sich laut Grell & Rau aufgrund fehlender struktureller oder prozessualer Voraussetzungen, pädagogische Konzepte didaktisch klug umzusetzen. Sie stellen die Metaebene eines Seminars dar. Der Stuhlkreis stellt methodisch eine soziale Praxis dar, die mehr oder weniger häufig angewandt wird. Wie aus den bisherigen Ausführungen deutlich geworden sein sollte, handelt es sich bei der Frage des Einsatzes des Stuhlkreises in Seminarkontexten um eine extrem partizipative Art des Lernens mit einer starken Betonung der Eigentätigkeit der Lerner*innen. Das setzt als soziale Praxis andere Herangehensweisen voraus, als beispielsweise die klassische Vorlesung – oder das Pendant im Seminar dazu, nämlich der Vortrag oder die Präsentation (mit anschließender Diskussion). Partizipationslücken, die sich über die Kritik am Stuhlkreis ausdrücken, weisen darauf hin, dass diese Art von Seminargestaltung, egal ob analog oder digital, noch einmal an Voraussetzungen (im Sinne einer sozialen Praxis) gebunden ist, die nicht selbstverständlich sind. Als Voraussetzung wäre zuallererst eine entsprechende Vertrauenskultur zu nennen. Es muss ein Grundvertrauen sowohl in die Organisation, als auch in die entsprechende Peer-Gruppe und natürlich gegenüber den Referent*innen geben. Dem folgt im Stellenwert unmittelbar eine Kultur gegenüber Fehlern im Sinne einer Fehlertoleranz, also Fehler zu machen und Fehler machen zu dürfen, um daraus zu lernen. Ich glaube dass gerade der letzte Punkt in den Debatten um analoge und digitale Konzepte noch unterschätzt wird. Denn Fehler machen bedeutet (zumindest zumeist) für diejenigen, die es betrifft, verletzlich zu sein oder verletzbar zu werden. Selten aber ist man in Seminarsituationen so verletzlich, wie in Kontexten des Stuhlkreises. Das durfte ich persönlich vielfach erfahren. Umso wichtiger sind die Regeln und die korrekte Umsetzung der Methodik, beispielsweise im Rahmen des Stuhlkreises.

Vulnerabilität

„Darum geht es letztendlich […] Was wir wissen ist, dass Verbindung, die Fähigkeit, sich verbunden zu fühlen,– neurobiologisch sind wir auf diese Weise verdrahtet — das ist es, warum wir hier sind.“23

 

Noch einmal zurück zu meiner eigenen Entwicklung. Das Arbeiten in und mit dem Stuhlkreis bedeutete für mich die Entdeckung einer Bühne, auf der ich agieren konnte. Anfangs als Teilnehmer, später als Referent. Eine Bühne, die mich persönlich am meisten verändert hat, weil sie genau das geboten hat, was Hegel und der gesamte deutsche Idealismus deutlich gemacht haben: dass man zu sich selbst (und zu Selbst-Bewusstsein) nur über den Spiegel der anderen findet.24 Dazu gehört in allererster Linie Feedback (von Peers) bezüglich des eigenen Handelns (mit den entsprechenden Regeln) zu bekommen, aber auch die Zustimmung bzw. Ablehnung von Punkten und Aspekten, also Aussagen, gerade in einer Trennung von der Person.25 Hinzu kommt, dass die Rolle des Spiegelnden ebenfalls wichtig ist: Feedback zu geben sagt auch viel über das eigene Verständnis aus, auch dadurch kann man persönlich lernen. Diese Bestandteile sind es, die für mich den Stuhlkreis essenziell gemacht haben. Insofern geht es für mich bezüglich eines Auftretens im Stuhlkreis vor allem darum, „die Courage zu haben, unvollkommen zu sein.“26 Ich glaube, dass die reflexive Entdeckung der (eigenen) Vulnerabilität, durch die immer gegebene Unvollkommenheit, und des Umgangs damit, eine der wesentlichen Triebfedern dieser Zeit bezüglich meiner eigenen Entwicklung darstellte.

„Die Sache, die das untermauerte, war qualvolle Verletzlichkeit, diese Vorstellung, dass, damit Verbindung stattfindet, wir uns erlauben müssen, gesehen zu werden, wirklich gesehen.“27

Ich bin meiner Kollegin Christy sehr dankbar dafür, dass sie mir im Kontext unserer Zusammenarbeit das Buch von Brene BrownDaring Greatly: How the Courage to Be Vulnerable Transforms the Way We Live, Love, Parent, and Lead“ empfohlen hat. Ich habe mir daraufhin ihren bemerkenswerten und leidenschaftlichen TED Talk „The Power of Vulnerability“ angesehen, den sie gleich zu Beginn des Buches erwähnt. Ich habe ihn hier eingebunden, weil ich ihn inhaltlich noch kurz bezüglich des Stuhlkreises reflektieren will.

Verletzlichkeit

„Als Folge ihrer Authentizität waren sie gewillt davon loszulassen, wer sie dachten sein zu müssen, um zu sein, wer sie sind, was man unbedingt machen muss, für Verbindung […] Sie nahmen Verletzlichkeit gänzlich bereitwillig an. Sie glaubten, dass das, was sie verletzlich machte, sie wunderschön machte.“28

In ihren TED Talks beleuchtet Brene Brown die zwei Seiten der gleichen Medaille: Vulnerabilität und „Ganzherzigkeit“. Dabei geht sie davon aus, dass es eine biologisch und psychologisch bzw. neurobiologisch grundlegende Eigenart von Menschen ist, vernetzt in Gruppen aktiv zu sein.29 Ihr grundlegendes Credo ist, dass man die dazu notwendigen Emotionen und Empathie nicht selektiv bekommen oder gar aussuchen kann. Dass von all den Emotionen Scham, als emotionale Basis von Vulnerabilität, die Basis dafür bildet, all die anderen Menschen verbindenden Emotionen zu leben. Um die eigene Vulnerabilität zu wissen bedeutet, das Wissen um die eigenen Würdigkeit gegenüber anderen zu bekommen. „Ich weiß, dass Verletzlichkeit der Kern von Beschämung und Angst und unserem Kampf um Würdigkeit ist, aber es scheint, dass es auch der Geburtsort ist von Freude, von Kreativität, von Zugehörigkeit, von Liebe.“30 Zuzulassen, dass man tiefgehend und in seiner Verletzulichkeit gesehen wird, ist die Bedingung dafür, sich mit anderen Menschen vernetzen zu können. Mit anderen Worten: Verletzlichkeit ist der Eintrittspreis dafür, sich – analog und digital – verbinden zu können.31 Der Gewinn, also die tatsächliche Vernetzung, kommt mit der (würdevollen) Auseinandersetzung mit den Peers im jeweiligen Gruppenkontext, den sie in einem anderen TED Talk Arena nennt. Aber erst wenn man selbst den Schritt in die Arena macht, ist man berechtigt, Kritik an anderen Gleichgestellten zu üben. Bzw. würdig, das Feedback nehmen zu dürfen. Das schließt für mich den Kreis zum Stuhlkreis. Auch hier ist es das zentrale Anliegen, dass alle unter den gleichen Bedingungen miteinander interagieren. Kritik und Feedback werden nicht von Unbeteiligten auf den hinteren Rängen gegeben, sondern von Peers, die sich in der gleichen Situation befinden. Erst unter gleichen Bedingungen kann man sichtbar werden, gesehen werden und Verletzlichkeit nicht nur aushalten, sondern positiv zur Veränderung der Persönlichkeit nutzen. Ein Gefälle von Macht, oder ein Kompetenzüberschuss, beispielsweise des Referenten durch frontale Settings, auch wenn er gar nicht beabsichtigt ist, wird einen gleichberechtigten Austausch als Bedingung von verhaltensveränderndem Feedback nicht ermöglichen.

Vernetzte Digitalität

„Wenn du seit 10 Jahren ein Sozialarbeiter bist, was du realisierst ist, dass Verbindung der Grund dafür ist, dass wir hier sind. Das ist es, was unserem Leben einen Zweck und Bedeutung verleiht.“32 Zweck und Bedeutung im Leben bekommt man nur um den Preis des Sichtbar-Werdens im Netzwerk. Also dadurch, von den anderen gesehen und in seiner Würdigkeit anerkannt zu werden. Das macht Brene Brown an der „Arena Rede“ von Winston Churchill bis in die Frage von Kritik hinein noch einmal deutlich und plastisch.33 Das gilt im analogen Kontext genauso wie im digitalen Zusammenhang. Die zentrale Aufgabe ist also auch im digitalen Kontext, Verletzlichkeit zu ermöglichen, um damit Vernetzung zu erlauben. Für die digitale Seminargestaltung bedeutet es, die Teilnehmer – oder auch Community Mitglieder – über ihre Profile sichtbar zu machen, um Vertrauen zu ermöglichen. Sichtbarkeit, verstanden als Möglichkeit mitzubekommen, was der andere macht und wie ich darauf reagiere. Sichtbarkeit bedeutet auch im digitalen Kontext mehr als ein Bild, das getaggt wird und ansonsten auf Hobbys verweist. Das ist wiederum ist über Social Software ganz einfach möglich, denn wenn die Mitglieder einer Community liken und sharen, dann teilen Sie sich mit: Indem sie anderen ermöglichen geliebte Dinge zu sehen oder Angenehmes zu hören, Positionen mitzubekommen und dazu – auch kritisch – Stellung zu nehmen, Feedback geben eben. Dabei „sehen“ sie normalerweise, in welcher Gemütsverfassung die Betroffenen sind, welche Emotionen sie gerade bewegen. Deshalb sind echte Profile, also solche, die das Teilen (auch von Lehrgangsinhalten und Dokumenten) ermöglichen das Kernstück jeder digitalen Lern-Community. Metaphorisch gesprochen wird der Stuhlkreis tatsächlich dann digital, wenn man über sein Profil im Kreis der Community Platz nimmt – und kollaborativ lernt.

Addendum

Dies ist im Zuge des Schreibens ein sehr persönlicher Blogbeitrag geworden. Finde ich jedenfalls. Es ist mein Teil und Anteil, gegenüber einer größeren Community sichtbar zu werden. Diese Möglichkeit der Reflexion zu haben ist für mich ein wichtiger Grund dafür, warum ich das Bloggen als einen zentralen Bereich meiner Selbstvergewisserung – und damit meines Selbstbewusstseins – nutze. Kritik und Feedback eingeschlossen, auch wenn es manchmal weh tut. Gerade unter Freunden im Netzwerk.

Nachtrag 20.04.2016

Den Blogbeitrag konnte ich für das „Neue Handbuch Hochschullehre“ (hier) komplett überarbeiten und dort publizieren. Vielen Dank dafür. Hier ist quasi der Ursprung dieses Artikels.

 

  1. Reich, K. (Hg.): Gruppenarbeit im Methodenpool der Uni Köln. URL: http://methodenpool.uni-koeln.de/download/gruppenarbeit.pdf []
  2. Mahara ist ein Open Source Projekt, das von Neuseeland aus entwickelt wird. „Das Wort Mahara bedeutet in der Te Reo Māori Sprache ‘Denken’ oder ‘Gedanke’“ – Wikipedia. []
  3. Es ist jetzt nicht ganz selbstverständlich, für ein solches Portfolio ein Video zu produzieren. Ich habe es zum Ausprobieren des Konzeptes des umgedrehten Unterrichts (Flipped Classroom) erstellt und werde darüber auf Mahara berichten. []
  4. So nett und einfach es ist, ein Portfolio auf Mahara zu erstellen, so problematisch finde ich es, dass es ein eigenständiges Tool ist und ein konsequentes bloggen beispielsweise erfordern würde, dies in Mahara selbst zu tun. Das will und werde ich jenseits meiner Ausbildung nicht tun, insofern dient der Verweis hier auch dazu, die beiden elektronischen Publikationsmöglichkeiten zu verknüpfen. []
  5. Ich verweise hier allgemein auf meine Blogbeiträge. Aber ich habe das Thema auch im Rahmen einiger Publikationen explizit diskutiert und beschrieben. Hier verweise ich einfach auf meine Publikationsseite hier. []
  6. Wobei eine empirische Fundierung hier alles andere als trivial ist und sich vor allem über das subjektive Wohlbefinden am Arbeitsplatz ergibt. []
  7. Ich gebe zu, dass das ebenfalls ein nicht gerade einfaches Unterfangen wäre, das in meinen Augen ohnehin nur über einen qualitativen Zugang zu lösen wäre. Dies habe ich am Beispiel des Brainstorming und der Forschung darum herum schon einmal aufgegriffen (hier). []
  8. Aus dem pädagogischen Konzept der Eltern-Kind-Initiative „Tarzanmäuse“ (hier) in München-Sendling, S. 11. „Leitziel der Tarzanmäuse ist es, Kinder stark zu machen.“ []
  9. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich sowohl im Rahmen meines eigenen Studiums die Gründung der virtuellen Hochschule Bayern (VHB) begrüßt habe und mich von Anfang an an deren Studienangebot beteiligt hatte. []
  10. Die Liebe zum Detail geht in Adobe Connect ja so weit, dass man sich melden muss, wenn man etwas zu sagen hat aber natürlich auch Smileys vergeben kann oder Applaus für die Mitschüler*innen spenden. []
  11. Damit meine ich, dass auch im universitären Kontext Moodle nur zu einem Bruchteil dessen genutzt wird, was es kann. Viele Lehrbeauftragte und Professoren machen damit nicht vielmehr, als die Dokumente darauf digital zu verwalten. Das ist jedenfalls meine Erfahrung und das Feedback vieler Studierenden dazu. []
  12. Die Wortwahl ist nicht zufällig und gibt den Kerngedanken wieder, dass es um das Lernen in Teams und Gruppen, vulgo Social Learning, ging. Dazu bekamen die Teamer eine besondere Ausbildung, um die Lehrprozesse entsprechend zu gestalten! Letzlich ist mit Hilfe dieser Konzepte die gewerkschaftliche Bildungsarbeit dem simplen Unterricht entwachsen. []
  13. Der wesentliche Inhalt dieses Workshops war die Transaktionsanalyse nach Eric Berne. Ein zentraler Satz ist mir daraus bis heute bewusst: „Jeder Mensch ist für sich selbst verantwortlich.“ Was natürlich auch für das Lernen gilt. []
  14. Dies war Bestandteil des Verdi Projekts Be-online das jedoch leider, wie so viele andere Projekte, keine Beachtung und Wertschätzung in der großen Organisation Verdi erfuhr. Insofern ist dieses Projekt nach seinem Auslaufen eingestellt worden. Aber immerhin kam über diesen Weg der Kontakt zu Joachim Ludwig und einige Zeit danach der Lehrauftrag an der Universität Potsdam zustande. Dafür bin ich sehr dankbar. []
  15. Auch hier habe ich mir schon meine Gedanken bezüglich einer Online-Basierung – als E-Coaching – gemacht. []
  16. Ein Konflikt, der durchaus verallgemeinerbar ist und den ich aber insbesondere im Wikipedia Artikel zur gewerkschaftlichen Bildungsarbeit hier speziell beschrieben habe. []
  17. Von den vielen Bildungsstätten, die ich zu dieser Zeit zum Teil sehr intensiv kennengelernt habe, kann ich sagen, dass das ehemalige Bildungszentrum der Postgewerkschaft in Gladenbach, heute Ver.di Bildungszentrum Gladenbach, genau deshalb, also wegen des Stuhlkreises, meine gewerkschaftspolitische und vor allem pädagogische „Heimat“ darstellt(e). Auch wenn ich heute (leider) nicht mehr wirklich dazu komme, dort Seminare abzuhalten. []
  18. Peers sind sozusagen ein Spielfeld, auf dem es möglich ist, eigene Grenzen auszutesten, den Umgang mit anderen zu lernen, den Übergang ins Erwachsensein zunächst im geschützten Raum der Freunde zu erfahren. Darüber hinaus dienen sie auch dem gegenseitigen Austausch zum Beispiel über Probleme.“ – Wikipedia: Peergroup. []
  19. Das ist mir und meinen Mitstreiter*innen relativ oft gut gelungen. Das hat damit zu tun, dass wir in der Regel mindestens eine Woche gemeinsam (Tag und Nacht) verbracht haben, dabei nicht nur lernten, sondern uns auch austauschten und – natürlich nicht zuletzt – Spaß miteinander hatten. Eine (wissenschaftliche) Frage, die sich daraus ableiten ließe, wäre, wie viel Zeit notwendig ist, um eine solche Lerncommunity tatsächlich ins Laufen zu bringen. Das ist auch für den virtuellen Kontext nicht unerheblich und bedeutet sicher, dass „Lernhäppchen“ nicht auf diese Art zu erbringen oder zu leisten sein dürften. Das ist zumindest nicht besonders sinnvoll ist, es so zu organisieren. []
  20. Da habe ich doch allen ernstes hier ein entsprechendes Dokument ziemlich weit vorne in der Googlesuche gefunden. Originalzitat: „Tatsächlich ist der Stuhlkreis bei diesen Pädagogen deswegen so beliebt, weil er ein gut funktionierendes Instrument totalitärer Überwachung und Disziplinierung darstellt.“ Nicht so ganz klar erschließt sich mir, warum das auf einer katholisch-fundamentalistischen Seite zu finden ist. Ich würde aber mal vermuten, dass die pädagogische Idee dahinter abschreckend ist. []
  21. Siehe hierzu auch den Aufsatz „Partizipationslücken – Social Software in der Hochschullehre“ von Petra Grell und Franco Rau von 2011. []
  22. Auch dazu habe ich immer wieder etwas geschrieben. Besonders gerne verweise ich auf die online verfügbaren Aufsätze von Andreas Reckwitz, der zu Recht betont, dass soziale Praktiken nur im Plural vorkommen (hier). []
  23. Brene Brown im TED Talk „The Power of Vulnerability„, Deutsches Transkript bei Minute 3:26 – 3:41 []
  24. Diesen Aspekt einer „substantiellen Individualität“ (Klafki) habe ich bereits in anderen Blogbeiträgen deutlich herausgehoben, so beispielsweise hier und hier. []
  25. Mit der Psychologin Judith Rich Harris gibt es eine starke Vertreterin der gruppenbezogenen Entwicklungspsychologie, denn sie betont im Aufsatz „A Group Socialization Theory of Development“ deutlich, dass die Peer Groups für die Entwicklung von Kindern eine wichtigere Bedeutung haben, als die Erziehung der Eltern. []
  26. Brene Brown, a.a.O., Minute 09:03 []
  27. a.a.O. Minute 5:21 []
  28. a.a.O., Minute 9:28 – 10:01 []
  29. Also ich finde es immer wieder erstaunlich, wie wenig der Umstand der Vernetzung, der Empathie und letztlich des Gruppenzusammenhangs in der Gestaltung organisationaler und institutioneller Lehr- und Lernkontexte eine Rolle spielt. Dabei ist die wissenschaftliche Basis in den letzten Jahren überwältigend geworden. Bleibt zu hoffen, dass Social Learning als Lerntheorie breiteren Eingang findet. []
  30. a.a.O., Minute 12:42 []
  31. „Die einzigen Menschen, die Beschämung nicht erfahren, haben selbst keine Kapazität für zwischenmenschliche Empathie oder Verbindung.“ – a.a.O. Minute 4:58 []
  32. a.a.O., Minute 3:15 []
  33. Dies macht sie im TED Talk „Why Your Critics Aren’t The Ones Who Count“ beim Minute 7:01. Und hier das Zitat: „It is not the critic who counts: not the man who points out how the strong man stumbles or where the doer of deeds could have done better. The credit belongs to the man who is actually in the arena, whose face is marred by dust and sweat and blood, who strives valiantly, who errs and comes up short again and again, because there is no effort without error or shortcoming, but who knows the great enthusiasms, the great devotions, who spends himself for a worthy cause; who, at the best, knows, in the end, the triumph of high achievement, and who, at the worst, if he fails, at least he fails while daring greatly, so that his place shall never be with those cold and timid souls who knew neither victory nor defeat.“ – Winston Churchill, 1919, hier. []
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