Kollaboration und Qualifikation

„Wenn ein Arbeitssystem also verstärkt Kommunikation und Interaktion zwischen Individuen ermöglicht und diese nicht durch Hierarchie oder anderweitige Barrieren behindert und somit neben der Individualität auch die Gemeinschaftlichkeit – beispielsweise in Form von Teamarbeit – zum Prinzip erhebt, können bildende Aspekte […] durch die und in der Arbeitsausführung stärker wirksam werden als ohne eine solche Orientierung.“

Dieses Zitat stammt aus dem Aufsatz von Andy Richter, Professor für berufliche Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.1 Speziell an dieser Stelle setzt er sich mit Wolfgang Klafki auseinander, der beschreibt, dass die Herausbildung von Individualität nicht in einer „selbstbezogenen Vereinzelung“ besteht, sondern als „substantielle Individualität“ überhaupt nur in der Kommunikation mit der Gemeinschaft stattfinden kann.2 Er macht damit einen Aspekt stark, der in der klassischen Bildungstheorie (wie etwa bei Humboldt, Herder, Schleiermacher) noch relativ geläufig war: Individualität im Sinne von personaler Einmaligkeit kann sich nur kollektiv entwickeln, in dem sich die Beteiligten als Menschen „wechselseitig anerkennen“ (Hegel).3 Das gilt, und hier wird es spannend, selbstverständlich auch für das (soziale) Lernen im Sinne des Erwerbs von Kompetenzen und beruflicher Schlüsselqualifikationen. Mir hat nicht nur der ganze Aufsatz dazu gut gefallen, sondern auch dazu gebracht, im Rahmen dieses Beitrages über die Implikationen bezüglich meines „Lieblingsthemas“, nämlich die soziale Kollaboration im Rahmen digitaler Plattformen, nachzudenken. Dabei werde ich diesen Aufsatz mit Gedanken dazu versehen, wie sich politische Bildung und die Entwicklung von „Demokratiekompetenzen“4 aus meiner Sicht mit der Einführung von Social-Collaboration Plattformen, bzw. dem kollaborativen Zusammenarbeiten über Communities, darstellt. Wenn man so will, dann ist das ein ziemlich grundlegender Aspekt in Bezug auf Social Learning (hier und hier) und eine Erweiterung um den Bereich der Qualifikationen des Blogs „Demokratie als Betriebssystem“ (hier). Ich möchte diesen Ansatz weiter in Verbindung bringen mit den Ausführungen von Peter Faulstich zu der Frage „Berufliche‘ und ‚politische‘ Bildung oder aber ‚Bildung‘?“5 Und daran schließlich meine eigenen Gedanken bezüglich Lernen und Kompetenzerwerb anfügen.

Bild: Mesh Con - IBBA Berlin - Textil CC 4.0 (BY) - Namensnennung. URL: https://www.flickr.com/photos/meshcon/15364456248/in/photolist-ppGRy5-ppGWhd-pG9H2K-pGdsQs-ppGfyf-oKkZwz-pFUzG8-pGdzqS-oKhmAC-oKkUD8-pE35YN-oKhscs-pFVb4e-pFTWfe-ppK4E7-pE48mS-ppH2ra-ppKdXL-ppGynb-ppGQnM-oKhQ6h-pE4gjf-oKkqBM-ppGTej-pFUBqD-pE3k1f-ppGxp8-oKjZTi-pGdbG5-pG8VqK-pGdaah-pFTUVF-ppB2BK-ppFYLJ-pFUmiz-pFUpgt-pGa6Ui-ppGUYv-ppHdDb-ppKTZ3-ppEDNB-pGey8j-ppGJ94-ppGNHz-pGeD2N-ppHgMf-pG8ENZ-pE3iAw-ppKR4J-ppHo81

Im Bild eine Gruppe auf der MeshCon „Fashion and Technology Week“ 2014 in Berlin. Hier erarbeiten IT-Gründer und Software-Entwickler mit verschiedensten Vertretern der Textil- und Modeindustrie zusammen. „Ziel der MeshCon ist es gemeinsam an Lösungen zur Zukunft einer fairen und umweltfreundlichen Textilproduktion auf Basis von Software-Applikaktionen […] zu arbeiten.“ Dazu gehören sicher auch Gedanken darüber, wie künftige Formen der sozialen Kollaboration aussehen können und welche Rolle dabei Demokratiekompetenzen – nicht nur im Bereich der beruflichen Bildung – spielen werden.
Bild (= Beitragsbild als Ausschnitt): Mesh Con – TU/IBBA Berlin auf Flickr. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons – Namensnennung (BY).

Aufhebung einer problematischen Trennung?

Bei der weiteren Betrachtung dieses Themas geht es mir um zwei grundlegende und zusammenhängende Aspekte:

  • Die berufliche Bildung in der Bundesrepublik ist (noch) strikt getrennt von allgemeiner bzw. politischer Bildung. Dieses Paradigma der Trennung wurzelt entstehungsgeschichtlich in der Historie der (politischen) Erwachsenenbildung6 und inhaltlich in der tayloristisch problematischen Annahme, dass „einfache“ Arbeiter jenseits manueller Qualifikationen nichts wissen müssten,7 schon gleich gar nichts Politisches.8
  • Wenn es jedoch explizit um den Ansatz geht, die Menschen zu befähigen, im Rahmen von Arbeitsprozessen an Communities zu partizipieren, um kollaborativ und produktiv zusammenzuarbeiten, dann sind Kompetenzen im Bereich der politischen Bildung9 nicht nur hilfreich, sondern sogar zwingende Voraussetzung. Damit wird politische bzw. demokratische Kompetenzbildung plötzlich ökonomisch produktiv und zu einem Effizienzfaktor.10

Was Andy Richter in meinen Augen schön aufzeigt ist, dass sich dieses Verhältnis im Sinne einer Rückkehr zu einem umfassenden „klassischen“ Bildungsverständnisses in der Entwicklung der beruflichen Bildung (insbesondere im Rahmen der Anwendung von Qualitätssystemen) praktisch zeigt und auch in der theoretischen Diskussion dazu gut aufweisen lässt. Für mich ist dieser Umstand problemlos in die Zukunft im Sinne einer kollaborativen Zusammenarbeit zu projizieren.

Bildung, Kompetenz und Qualifikation (Richter)

„Unter dem Begriff der Mitbestimmungsfähigkeit ist der Anspruch, die Möglichkeit, aber auch die Verantwortung des Individuums zu verstehen, gesellschaftlich und politisch tätig zu werden und sich somit mitzuteilen.“11 

Zu Beginn seines Aufsatzes setzt Andy Richter die verschiedenen Begriffe, um die es im Weiteren in seinem Aufsatz geht, in einen entstehungsgeschichtlichen Zusammenhang. Kompetenzen sind nach diesem Verständnis „Bildung unter konkreten Bedingungen.“ Sie sind nicht nur das Ergebnis eines Lernprozesses, sondern auch dessen Voraussetzung. Handlungskompetenz konkretisiert auf den Aspekt von Handlungen, bezeichnet die Befähigung zum Handeln vor allem in unsicheren und neuen Situationen und hat verschiedene Dimensionen.12 Konsequenterweise ist berufliche Handlungskompetenz bezogen auf Handlungen im Bereich der Berufstätigkeit und der konkreten Berufsausübung. Doch was beinhaltet die hinter einer solchen Konkretisierung stehende Bildung als Faktor (Enabler), der dies ermöglicht? Hier führt Richter drei zentrale Momente an, die in einer dialektischen Beziehung zueinander stehen, und führt sie auf berufliche Situationen zurück:

  1. Bildung als zentrale Voraussetzung von Selbstbestimmung und Befähigung zur Autonomie bedeutet im beruflichen Kontext beispielsweise „Lösungen selbst zu erproben“ oder „Variationen eigenständig vorzunehmen“. Praktisch möglich ist das jedoch nur, wenn im beruflichen Handeln Eigenständigkeit zugelassen wird und „betriebliche Handlungen sowohl hierarchisch als auch sequenziell vollständig möglich sind.“13
  2. Bildung als (politische) Subjektentwicklung bedeutet das Erkennen der individuellen Eingebundenheit in die kulturellen Errungenschaften, die moralischen Voraussetzungen und sozialen Bedingungen der Gesellschaft. Für den Bereich beruflicher Arbeit bedeutet das beispielsweise die Erkenntnis von betrieblichen Zwängen, aber auch Gestaltungsmöglichkeiten konkreter Arbeitsprozesse. Das eröffnet vielfältige Überlegungen zur richtigen Struktur einer betrieblichen Organisation, aber auch bezüglich der Inhalte der beruflichen Bildung.14
  3. Bildung als Individualisierung schließlich bezieht sich auf das gelebte und lebbare Verhältnis von Selbstbestimmung und Eingebundenheit des politischen Subjektes, was natürlich auch und gerade in beruflichen (hierarchischen) Zusammenhängen gilt.15

Zentral finde ich in diesem ersten Teil die Aussage, dass eine Kompetenzbildung dafür sorgt (und auch notwendig ist) Selbstbestimmung, Solidarität und gesellschaftliche Verantwortung in Unternehmen leben zu können. Unbestritten wichtig ist dabei beispielsweise die Fähigkeit, sich von Fremdbestimmung distanzieren zu können. Bildung ist in diesem Sinne „kein Kennzeichen für den Grad des erworbenen Bildungsabschlusses“ und auch keine „Ansammlung von Abschlüssen“. Kompetenzbildung zielt grundsätzlich auch im Bereich der beruflichen Bildung auf die Erweiterung von Handlungsfähigkeit und Entwicklung der Persönlichkeit. Doch Arbeitshandlungen, die „inhaltsarm“ sind und vor allem „nicht mit Kooperation und Kommunikation verbunden“ werden, bergen nicht nur für ihn die Gefahr „einer bloßen Funktionalisierung für einen betrieblichen […] Zweck“ in sich. So wie es im Rahmen von Qualifikationen als berufliche Anpassungsleistung bislang praktiziert wurde.

Tayloristisch organisierte Arbeitsproduktion und, auf die Trennung von Hand- und Kopfarbeit im Schulsystem aufbauend,16 die fordistische Regulierung der Gesellschaft führ(t)en – das ist jetzt der zentrale Aspekt für die Kollaborationsfrage – zu einer nicht mehr „verständlichen“ und auch nicht mehr mit-zu-gestaltenden Form der Arbeitsteilung, die sich in einem „parzellierten“ Bewusstsein der Menschen niederschlägt.17 Ausdruck dafür sind Qualifikationen, die verwertbare Arbeitsinhalte bezeichnen, die man typischerweise über das „Imitatioprinzip (Anschauen, Nachahmen, Mittun und Gewöhnen“ erlangt.18 Die zentrale Veränderung setzt nun dadurch ein, dass Unternehmen, beispielsweise aufgrund von Systemen des Qualitätsmanagements oder weil sie verstärkt Projektarbeit initiieren, zu einer Orientierung an Prozessen übergehen. Damit lösen sie sich von (hierarchischen) Funktionszuschreibungen und den entsprechenden Qualifikationsanforderungen. Nun wird beispielsweise das ganzheitliche Erfassen von Arbeitsprozessen für das konkrete Arbeitshandeln entscheidend.19 In dieser Prozessorientierung stecken für Richter die entscheidenden Chancen und konkreten Anlässe für ein völlig neues Verständnis von beruflicher Bildung, denn die hierfür zu erwerbenden Kompetenzen sind, im Gegensatz zu Qualifikationen, nicht auf betriebliche Verwertung eingrenzbar. Sie führen im Normalfall gleichzeitig zu einer Persönlichkeitsbildung im klassischen bildungstheoretischen Sinn.20 Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass „Mitarbeiter sich auch Gedanken darüber machen, und sich darüber verständigen, daß es in den Betrieben auch ganz anders sein könnte.“21

Berufliche vs. Allgemeine vs. Politische Bildung (Faulstich)

„Nach wie vor ist die Systemstruktur des Bildungswesens in Deutschland grundlegend von einem Dualismus zwischen ‚beruflicher‘ und ‚politischer‘ Bildung durchzogen.“22 

In seinen Ausführungen geht Peter Faulstich auf die Gründe der Entwicklung und heutige Relevanz des oben genannten Dualismus ein.23 Auf der Ebene von Organisationen und dem Verhältnis von Bildungsinstitutionen zu Unternehmen hat sich daran nichts grundlegendes geändert. In der theoretischen Debatte und in der praktischen betrieblichen Umsetzung jedoch ist, und hier ist er kongruent mit Andy Richter, spätestens mit der Diskussion um Schlüsselqualifikationen und die Kompetenzbildung in den Unternehmen mindestens eine Konvergenz der beiden Felder beruflicher und „allgemeiner“ Bildung festzustellen. Berufliche Bildung steht dabei zwar immer noch für bloße „Einsatzfähigkeit und Verwertbarkeit“, während Allgemeine Bildung „für das Gemeinsame und Befreiende“ steht. Doch inwiefern Allgemeinbildung Teil der Berufsbildung ist, wird oder werden soll hängt wiederum davon ab, welchen Begriff bzw. welche Vorstellung von Erwerbsarbeit, in denen Beschäftigte lernen sollen, jeweils zugrunde gelegt wird. „Persönlichkeitsförderlichkeit“ wird jedenfalls in der aktuellen Debatte „zunehmend als Kriterium für die Bewertung von Arbeitskonstellationen verwendet.“24 Parallel dazu wird auch der Begriff von Politik und politische Bildung neu gefasst. Er wird im Kern darauf bezogen, Konflikte öffentlich austragen und gemeinsam gesellschaftlich zentrale Entscheidungen treffen zu können sowie die jeweils Betroffenen daran zu beteiligen. Insofern wird Politische Bildung heute weitgehend funktional bzw. prozessual betrachtet. Sie ist dabei „bezogen auf die gesellschaftliche Tatsache bestehender Interessenkonstellationen und resultierender Konflikte“.25

Für Faulstich ist die „beruflich institutionalisierte Arbeitstätigkeit“ das entscheidende „Strukturprinzip gesellschaftlicher Integration, individueller Identitätschancen und politischer Organisation.“26 Eine Arbeitspolitik findet sowohl in den Unternehmen im Rahmen der konkreten Ausgestaltung von Arbeitsplätzen, als auch in der Politik im Sinne der Regulierung betrieblicher Möglichkeiten statt. Dabei erhalten, wie bereits erwähnt, „lernförderliche Arbeitsplätze einen zentralen Stellenwert.“27 Politik betrifft Unternehmen aber auch direkt, denn auch in betrieblichen Organisationen sind „strukturell die Phänomene Interesse, Konflikt, Institutionen, Macht und Herrschaft“ anzutreffen.28 An dieser Stelle nun kommen für mich die empirischen Ergebnisse des Wing-Projektes ins Spiel, nach denen sowohl Unternehmen, als auch gesellschaftliche Institutionen nach einem neuen Bauplan suchen, wie die Zusammenarbeit der Zukunft organisiert werden kann. Hier tauchen plötzlich Begriffe wie beispielsweise der eines demokratischen Unternehmens auf. Fest zu stehen scheint, dass der digitale Wandel aktive und befähigte Beschäftigte für die Ausgestaltung braucht.29 Sie müssen dafür eigene Kompetenzen im Rahmen des Arbeitshandelns entwickeln (dürfen). So gesehen müssen sie im Rahmen ihres Arbeitsplatzes zur Partizipation „befähigt“ werden. Ein Umstand, der normalerweise der politischen Bildung zugerechnet wird. Allgemeine (Politische) Bildung als Kompetenzbildung am Arbeitsplatz bietet pädagogisch betrachtet wiederum die Chance zu einem „expansiven Lernen“,30  d.h. einer Ausweitung auf politisches Handeln und das demokratische Engagement ganz allgemein. So gesehen geht die Entwicklung weit über die traditionelle Mitbestimmung hinaus.31 Das Engagement, Konflikte demokratisch zu lösen fordert die Mitbestimmungsfähigkeit bei den einzelnen Akteuren ein.32 Prozessual jedoch muss sie sich parallel dazu in den (betrieblichen) Strukturen als Option zeigen, dies nicht nur zufällig tun zu können. Und: Eine solche Konvergenz entwickelt sich nicht von alleine. Sie bedarf gezielter Gestaltungsansätze im Bereich der Bildung, insbesondere in den Unternehmen. Das nähert sich nun schon ganz deutlich der Frage kollaborativer Arbeitsstrukturen und der Partizipation im Rahmen betrieblicher Communities.

Mitbestimmungsfähigkeit im Rahmen von Kollaborationen

„[Man kann] erkennen, wie hier heute an vielen Stellen die Anforderungen der Arbeitswelt umschlagen in Anforderungen an die freie Entwicklung der Persönlichkeit.“33 

Berufliche Bildung scheint im Rahmen von Qualifikationen zunächst durchaus sehr praktisch und eindeutig zu bestimmen zu sein, was ihre Inhalte und ihre Vermittlungsprinzipien betrifft. Quasi eine naturgegebene „Domäne der Wirtschaft und der Unternehmen“, die für eben erwähnte „Einsatzfähigkeit und Verwertbarkeit“ steht.34 Doch eine solche Sicht trifft nicht (mehr) zu und unterschlägt vor allem, dass sich zumindest in vielen Bereichen die Funktionszusammenhänge, Beziehungen und die konkreten Arbeitsprozesse in den Unternehmen deutlich anders geworden sind. Teamarbeit und agile Projektmethoden auf der einen, flache Hierarchien und Total Quality Management auf der anderen Seite setzen eine aktive Beteiligung (Partizipation) der Beschäftigten voraus. Diese erfordert eine echte Kompetenzbildung mit den Komponenten Selbstbestimmung, Teilhabe und Reflexionsfähigkeit. Am interessantesten fand ich diesbezüglich die folgende Abbildung aus dem Aufsatz von Andy Richter:

Grafik zum Thema Entwicklung QM im Zusammenhang mit Kompetenzbildung auf S. 3 des Aufsatzes.

Grafik zum Thema Entwicklung QM im Zusammenhang mit Kompetenzbildung auf S. 3 des Aufsatzes von Andy Richter. Sie zeigt, dass sich mit der zunehmenden Beteiligung der Beschäftigten (hier über die Veränderung des Qualitätsmanagement Ansatzes) an den konkreten Arbeitsprozessen die Effizienz deutlich erhöht. Gleichzeitig wird damit eine andere Qualifikation notwendig – und wiederum auch über die Strukturen abgebildet.

Die Grafik legt eine Art Evolution nahe, in der sich aus den unterschiedlichen (Qualitäts- und Projekt-) Management Werkzeugen eine Entwicklung hin zu mehr Eigenverantwortung und Selbstständigkeit im Sinne der Mitbestimmungsfähigkeit der Beschäftigten ergibt. Anstelle fraktaler Strukturen würde ich (digitale?) Begriffe wie Netzwerkorganisation und Community-Management setzen. Was lässt sich nun aus der Grafik etwas konkreter ableiten?

  1. Zum einen, dass die Frage nach „politischer Bildung“ , bzw. demokratischer Kompetenzen, auf der praktischen Ebene benötigter Handlungskompetenzen in Unternehmen beantwortet werden wird.35 Diese grundlegenden Schlüsselqualifikationen werden einfach notwendig, wenn man über Projekte und Teams bzw. schließlich sogar im Rahmen von Communities auf Social-Collaboration Plattformen zusammenarbeitet.
  2. Das zeigt zum anderen, dass die Betrachtung der Inhalte beruflicher Bildung nicht von Themen abhängig ist, sondern von den Prozessen und Strukturen, in denen das jeweilige Individuum, also der oder die Beschäftigte, lernt.
  3. Und schließlich: Eigentlich geht es auch nicht um den Begriff der (Erwerbs-) Arbeit, sondern um die konkrete Organisation der Arbeitsprozesse, die unterschiedliche Arten des Lernens nahe legen, oder auch verunmöglichen.

Ein unter diesen Bedingungen (demokratie-) kompetentes Arbeitshandeln kann weder erzwungen werden, noch ist es über eine rein funktionale Anpassungsqualifizierung zu erreichen.

Ermächtigung zur Social Collaboration

„Ein inhaltlich am Demokratieprinzip orientiertes Allgemeinbildungskonzept kann letztlich nicht von seinen organisatorischen Realisierungsbedingungen abgekoppelt werden.“36

Diese Aussage von Wolfgang Klafki gilt natürlich auch umgekehrt: Die jeweiligen organisatorischen Realisierungsbedingungen haben deutliche Rückwirkungen auf die eingesetzten und angewandten Bildungskonzepte. Und einen entsprechenden Ausdruck in der Art, wie etwa Qualifikationen gelehrt oder Kompetenzen vermittelt werden, bzw. wie evt. gemeinsam – im Sinne eines Social Learning – gelernt werden kann. So ist auch Demokratie nicht im eigentlichen Sinn zu lehren.37 Demokratisches Handeln entsteht in der (sozialen) Praxis, die sich auch im Bildungsprozess wiederspiegeln muss. Entsprechend kann man via Powerpoint zwar über Partizipation berichten und reden – aber keine Mitbestimmungsfähigkeit als Kompetenz herausbilden. Etwas allgemeiner gesprochen: Die Herausbildung einer Handlungs- und/oder Partizipationskompetenz muss selbst in einer entsprechenden (organisationalen) Struktur stattfinden. Das gilt um so mehr für die Herausbildung einer beruflichen Handlungskompetenz.

Kollaborationsfähigkeit ≠ Qualifikation

Als qualitativer Prozess betrachtet handelt es sich bei der Herausbildung der Mitbestimmungsfähigkeit als berufliche Anforderung der Kompetenzbildung also nicht um die Vermittlung zusätzlicher inhaltlicher Faktoren im Sinne einer Qualifikation. Schon gleich gar nicht geht es um thematische Randbedingungen der Arbeit. Es dreht sich um ein Geschehen, ohne das (mittlerweile) die reale Funktion von Unternehmen – oder auch des Produktionsprozesses – nicht vollständig erklärt werden kann. In Rahmen beruflicher Handlungskompetenz sind Dialogfähigkeit und Empathie eine wichtige Voraussetzung, um beispielsweise im Rahmen von Gruppenarbeit kooperieren zu können. Zur Mitbestimmungsfähigkeit in einem weiten Sinn gehört auch, dass die Mitarbeiter*innen arbeitsteilig und zuverlässig Aufgaben übernehmen, dabei aber nicht nur sorgfältig und gewissenhaft arbeiten, sondern auch auf schwächere Rücksicht nehmen (Gemeinschaftsfähigkeit), sowie Minderheiten tolerieren und Kompromisse finden können (Solidarität). Dabei sind Differenzen auszuhalten und Konflikte aktiv zu lösen (Konfliktfähigkeit). Viele Personalentwicklungsmaßnahmen in Unternehmen haben genau dies zum Ziel. Ohne jedoch den Bezug zur Demokratiekompetenz und Mitbestimmungsfähigkeit vor Augen zu haben.

Befähigung

Als eine der Voraussetzungen wirksamer Mitbestimmung gilt die Überzeugung einer „Selbstwirksamkeit“ von Beschäftigten. Also die Kompetenz zu haben, die eigenen Bedürfnisse, Interessen und Wertpositionen begründen und deutlich machen zu können. Notwendig wird nun von Seiten der beruflichen Bildung, dass diese Kompetenzen von den Beschäftigten gelernt, aktiv getragen und gewollt werden müssen, also eine Art Tugend zur Kollaboration entwickelt wird.38 Das „richtige“ Tun muss auch als moralisch gebotene Option und gewollte Voraussetzung verstanden werden. Letztlich aber muss sich die Kompetenz der Mitbestimmungsfähigkeit im Rahmen der Arbeitsprozesse auch „lohnen“, denn tugendhaftes Verhalten alleine genügt als Motivationsfaktor nicht aus.39 Diese zweite Säule, die entsprechende Gestaltung der organisationalen Strukturen, um eine solche berufliche Handlungskompetenz umsetzen zu können, verweist auf das, was wir bei Beck et al. Services unter Ermächtigung verstehen.

Ermächtigung (Empowerment)

Eigentlich trifft es der englische Begriff des Empowerment besser: Zur Mitbestimmungsfähigkeit im Sinne einer Kompetenzbildung gehört untrennbar auch der Rahmen bzw. die richtige Prozessgestaltung. Das bedeutet nicht zuletzt in den Unternehmen, die Macht zu übertragen, die Prozesse gestalten zu können. Und genau hier kommen die neuen digitalen Plattformen, die auf Communities setzen, ins Spiel. Denn Social Software vermittelt die unterschiedlichen Ansprüche und macht die berufliche Handlungskompetenz im betrieblichen Kontext konkret handhabbar. Wie weit die Communities dabei tatsächlich mit Macht ausgestattet werden (müssen), wird derzeit heftig diskutiert. Dass sie es werden müssen, um überhaupt arbeitsfähig zu werden, ist jedoch unbestritten. Das ist jedenfalls unsere Erfahrung und tiefe Überzeugung, wenn wir über die Einführung von Social-Collaboration Plattformen reden.

Die „List der Vernunft“

Da dies ein selbst für meine Verhältnisse sehr langer Blogbeitrag ist, noch einmal ein kurzes Resümee in eigenen Worten. Während berufliche Qualifikationen auf konkrete Inhalte und ihre Verwertung im betrieblichen Kontext hin ausgerichtet sind, sind Schlüsselqualifikationen synonym zu Kompetenzen zu sehen. Diese beziehen sich nicht auf konkrete Inhalte, sondern haben vor allem Strukturen und Prozesse im Fokus. Eine Kompetenz, die sich für die künftige Arbeitswelt als wegweisend herausstellt, ist die der Mitbestimmungsfähigkeit als substantielle Individualität und wechselseitiges Anerkennungsverhältnis. Sie ist nicht nur Ergebnis und Voraussetzung des Lernens im Rahmen beruflicher Bildung sondern zugleich der Schlüssel für kollaboratives Arbeitshandeln. Wie alle Kompetenzen ist sie nicht alleine auf betriebliche Zusammenhänge beschränkt oder gar auf reine berufliche Verwertbarkeit eingrenzbar. Sie hat recht unmittelbar eine reflexive Persönlichkeitsentwicklung im Sinne einer „kritischen Bewusstseinsbildung“ zur Folge und führt damit in der Praxis auch zur Herausbildung anderer Demokratiekompetenzen. Als „expansives Lernen“ gesehen bietet das die Chance, die strikte Trennung zwischen beruflicher Bildung und Allgemeinbildung (im Sinne auch von politischer Bildung) im hegelschen Sinne „aufzuheben“.40 Man könnte insgesamt geradezu von Hegels „List der Vernunft“ bei dieser Entwicklung sprechen – wenn die Chance erkannt und im Bereich der beruflichen Bildung aktiv aufgegriffen wird.

Learning out loud (LOL)

Mein „Learning out loud“ im Rahmen dieses Blogs besteht darin, dass ich den Text von Andy Richter zufällig wiederentdeckte, als ich meinen Blended-Learning Kurs zum Thema politische Erwachsenenbildung an der Uni Potsdam weiter konzipiert habe. Es stellte sich nun die Frage, wo ich diesen Artikel, den ich ausgedruckt habe, am besten archivieren sollte. Um dabei festzustellen, dass ich wichtige Beiträge eher selten auf Anhieb wiederfinde, wie beispielsweise den Text von Peter Faulstich, den ich bereits bearbeitet hatte. So kam ich zu der Entscheidung, die Inhalte in diesem Blog zu verarbeiten, quasi ein digitales Exzerpt anzufertigen.

Allgemein sind viele Artikel – thematisch gesehen – meist in unterschiedlichen „Feldern“ oder „Sachgebieten“ beheimatet. Eine elektronische Archivierung ist insofern besser, als man zumindest nach dem Titel suchen kann – wenn man ihn denn erinnert. Über die Errungenschaft einer automatischen Volltext Indizierung, die zu entsprechenden Schlagworten führt und über die man suchen kann, ist ein solches Vorhaben noch sehr viel leichter zu verwirklichen. Hier geht es dann wirklich um das Finden, weniger um das Suchen. Die konsequente Weiterentwicklung ist hierbei das Taggen, also das eigenständige Verschlagworten von Texten bzw. Dokumenten und Medien. Ich werde mir selbst das richtige Tagging künftig besser auf die Fahnen schreiben. Und kann das in meinen Blogs, beispielsweise über die Schlagworte dieses Blogs, ja schon mal üben.

  1. Es findet sich auf Seite 5. Er verweist dabei oft auf Wolfgang Klafkis Buch „Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik“ (2007); Das Moment der Bildung von Individualität verweist für Andy Richter immer auf die Seite der Sozialität, denn die jeweilige Lebens und Arbeitswelt vollzieht sich immer in einer konkreten Gemeinschaft. Dieser gegenüber müssen sich auch Kompetenzen und Bildung erweisen. []
  2. Diese substantielle Individualität ist für Klafki „durch die Beziehung des Individuellen zum Allgemeinen“ zu charakterisieren – a.a.O. []
  3. Hegel hat das in seiner unnachahmlichen Art in einem zwar einfachen Deutsch, dennoch auf den ersten Blick unverständlichen Satz so formuliert: „Das Selbstbewußtsein ist an und für sich, indem und dadurch, daß es für ein Anderes an und für sich ist; d.h. es ist nur als ein Anerkanntes.“ Dieser einleitende Satz stammt aus dem zentralen Kapitel Herrschaft und Knechtschaft in seiner Phänomenologie des Geistes. []
  4. Hier verweise ich zum besseren Verständnis auf den in meinen Augen sehr klugen Aufsatz von Gerhard Himmelmann zum Thema „Was ist Demokratiekompetenz“. Hier gibt es den Artikel „Demokratie lernen.“ Besonders wichtig finde ich den Passus „Demokratie als Herrschafts-, Gesellschafts- und Lebensform“ auf Seite 7ff. []
  5. Der Beitrag „‚Berufliche‘ und ‚politische‘ Bildung oder aber ‚Bildung‘?“ im Rahmen des Schwerpunktheftes „Perspektiven der Arbeitswelt als Thema politischer Bildung“ des Magazins „Außerschulische Bildung“ von 2009. []
  6. Faulstich führt dies auf S. 8 näher aus. Entgegen der Absicht entsteht durch eine Trennung von Allgemeinbildung und beruflicher Bildung im 18. und 19. Jhdt. eine Entwicklung zur Anpassungsqualifikation ohne umfassende allgemeinpolitische Inhalte. []
  7. Die „geistige Enteignung“ durch Charles Taylor, wie andernorts so treffend betont wird. []
  8. Das finanzielle Argument, dass also Arbeitgeber kein Geld hätten (und auch keins ausgeben müssen) und politische Bildung zu finanzieren, ist dabei nur abgeleitet. Nicht nur demokratietheoretisch sondern auch bildungstheoretisch ist dieser Ansatz hoch problematisch und eigentlich nicht zu rechtfertigen. []
  9. vielleicht besser formuliert: der Demokratiebildung oder der Civic Education aus dem angelsächsischen Raum []
  10. Das haben Siegfried Lautenbacher und ich im Rahmen unseres Corporate Blogs schon einmal an konkreten Beispielen näher spezifiziert. Siehe hier und hier. []
  11. Richter 2009, S. 6. []
  12. Im Rahmen dieser Konzeption sind die verschiedenen Dimensionen die er Fachkompetenz, der Human- oder Selbstkompetenz und der Sozialkompetenz. Integrale Bestandteil sind dabei immer die Kommunikations- und Lernkompetenz. – a.a.O. S. 11. []
  13. a.a.O., S. 4 []
  14. „Sollte Subjektentwicklung, d.h. die Entwicklung von Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnissen, der Aufbau von Wissen sowie die Förderung von Kompetenzen ein zentrales Moment und immanentes Anliegen des Arbeitssystems sein, besitzt ein solches System eher Relevanz für Bildungsprozesse als derartige Möglichkeiten verschließende Arbeitssysteme.“ – a.a.O., S. 5. []
  15. Siehe hierzu das bereits Geschriebene in der Einleitung. []
  16. Auch wenn man es kaum glauben möchte: die inhaltliche Baupause für unsere heutigen Schulen stammen aus der Zeit der Frühindustrialisierung. In den zentralen Bereichen ist es nach wie vor wirksam. Das gilt sowohl bei der selektieren der richtigen Menschen für die jeweilige Aufgabe (Hand- oder Kopfarbeit), als auch für die Vermittlung der Inhalte im Sinne einer Fließbandproduktion. []
  17. a.a.O., S. 3, Vgl. hierzu auch Klafki 2007, S. 31, auf den sich Richter bezieht. []
  18. a.a.O., S. 18; „Qualifikationen sind sozusagen die Gesamtheit der Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse, über die ein Mensch zur Ausübung seiner beruflichen Tätigkeit verfügt bzw. verfügen sollte.“ – a.a.O., S. 10. []
  19. a.a.O., S. 22f []
  20. Wie oben gezeigt mit den drei Ebenen Selbstbestimmung, Subjektenwicklung und Individualisierung. []
  21. Rolf Arnold, Berufsbildung: Annährung an eine evolutionäre Berufspädagogik Bd. 1 (1994), S. 144, zitiert nach Richter 2009. []
  22. Peter Faulstich, a.a.O., S. 6 []
  23. Grundsätzlich sind seine Ausführungen im Aufsatz auch eine Auseinandersetzung mit der These der Arbeitsgesellschaft und der Frage, ob ihr die Arbeit ausgeht oder ausgehen würde. Hieraus gründet sich für ihn die Frage nach dem Arbeitsbegriff. „Ein angemessener Arbeitsbegriff ist einerseits zu fassen als eine spezifische Form von Tätigkeit, andererseits nicht gleichzusetzen mit Erwerbsarbeit.“ – S. 10. []
  24. a.a.O., S. 10. []
  25. a.a.O. []
  26. a.a.O., S. 12. []
  27. a.a.O., S. 10. []
  28. Diese Phänomene werden im Rahmen der betriebs- und volkswirtschaftlichen Literatur als „Mikropolitik“ bezeichnet. Im Rahmen dieses Aufsatzes habe ich das für die Grundlagen der Weiterbildung näher ausgeführt. []
  29. Die digitale Arbeitswelt von morgen braucht die Menschen„. So die Grundaussage der wissenschaftlichen Tagung in München im Literaturhaus. Das ist auch die Position, die gerade Unternehmen im Social Business Sektor wie etwa Beck et al. Services – mein Arbeitgeber – öffentlich vertreten. []
  30. a.a.O, S. 6f []
  31. Unter der traditionellen Mitbestimmung verstehe ich den institutionalisierten Interessenausgleich über die betrieblichen Interessenvertretungen in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften als Tarifparteien. []
  32. Hier zitiert Faulstich auf S. 12 Klafki: „Bildung muß in diesem Sinn zentral als Selbstbestimmungs- und Mitbestimmungsfähigkeit des einzelnen und als Solidaritätsfähigkeit verstanden werden.“ []
  33. Brater u.a., Berufsbildung und Persönlichkeitsentwicklung (1988), zitiert nach Richter S. 23. []
  34. Faulstich 2009, S. 6f []
  35. Dazu zählen für mich etwa Maßnahmen und Trainings im Bereich des Konfliktmanagements, des Umgangs mit Diversity und ganz generell interkulturelle Kompetenzen. []
  36. Klafki 62007, S. 54. []
  37. Das ist sicher eine der größten historischen Erblasten der politischen Bildung. Allein die Vermittlung politischer Institutionen und der Rahmenbedingungen von Demokratie befähigte Menschen noch überhaupt nicht dazu, daran zu partizipieren. []
  38. Nur nebenbei bemerkt: Das kollidiert ziemlich heftig mit all den neoliberalen Vorstellungen und ökonomischen Ideologien von Menschen, insbesondere Beschäftigten als individuelle Nutzen maximieren und „soziale Autisten“. []
  39. Wobei dies zum unwesentlichsten Teil als monetärer Anreiz zu verstehen ist. []
  40. Auch hier der Hinweis darauf, dass Hegel damit ein ganz spezielles „soziales Verhältnis“ meint, das ich in etwa so übersetzen würde, dass dieser Widerspruch auf eine neue Ebene transformiert und dort positiv aufgelöst wird, wobei die jeweiligen Vorteile erhalten bleiben. []
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