Demokratie als Betriebssystem

„Demokratie ist nämlich nicht nur ein Wahlsystem, sie ist ein Betriebssystem, sie ist das erfolgreichste, beste und friedlichste Betriebssystem, das es für ein Land gibt“ (Heribert Prantl).

Heribert Prantl, ein von mir sehr geschätzter Kommentator und Redner, hat für die Gewerkschaft Ver.di am 17. Juli 2014 im Münchner Gewerkschaftshaus eine Rede zum Thema „Demokratie im Betrieb“ gehalten.1 Ich finde die Redewendung, dass Demokratie ein tolles „Betriebssystem“ sei, sehr gelungen. Auf jeden Fall ist es schön zweideutig und deshalb habe ich den Ausdruck kurzerhand übernommen. Allerdings stellt sich die Frage, ob dem, was Heribert Prantl dazu sagt, wirklich so ist.2 Im Verlauf seiner Rede geht Heribert Prantl zwar noch ein paar Mal darauf ein, wie es sich mit der Demokratie im Betrieb verhält. Insbesondere in Bezug auf Betriebs- und Personalräte, die in seinen Augen etwas mit dem Betriebssystem zu tun hätten, weil sie „nicht allein, aber zusammen mit anderen, dafür [sorgen], dass der Betrieb des Gemeinwesens funktioniert.“3 Doch ich stelle mir unter Demokratie als Betriebssystem etwas tiefer gehendes vor, als „nur“ die Wahlen und Mitbestimmungsrechte eines Betriebsrates.4 Wenig später merkt auch Heribert Prantl an, dass es ganz soweit wohl nicht reicht, denn „bei unternehmerischen Entscheidungen mit ökonomischen Weichenstellungen haben Betriebsräte nach wie vor keine Mitspracherechte.“5. Sie haben – zumindest rechtlich – allein bei der Sozialauswahl, also Abmilderung der Konsequenzen, mitzureden.6 Wie sähe denn nun Demokratie als „Betriebssystem“ aus? Welche Kriterien gäbe es oder welche Bedingungen müssten Betriebe aufweisen, in denen ein solcher Anspruch erfüllt wäre?

Heribert Prantl hält 2009 eine Laudatio auf die Preisträger der Auszeichnung "Demokratie im Betrieb". Foto: Damami 13. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons 3.0 (BY-SA) URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Laudatio_Preis_Demokratie_im_Betrieb_2009.jpg

Heribert Prantl hält 2009 eine Laudatio auf die Preisträger der Auszeichnung „Demokratie im Betrieb“.
Foto (= Beitragsbild als Ausschnitt): Damami 13- Laudatio Preis Demokratie im Betrieb 2009. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA) – Namensnennung-Verwendung unter gleichen Bedingungen.

Demokratie im Betrieb mit System …

Bereits in einer rein technischen Sichtweise bieten Betriebssysteme „zahlreiche Dienste“ an, führen vor allem zur „Verständigung“ von Prozessen „untereinander“ sowie mit den Datei- und Verzeichnissystemen, sie sorgen für ein Übertragung von Daten „über Netzwerke“ und stellen nicht zuletzt auch eine „Befehlssprache“ dar.7 Unter einem Betriebssystem verstehe ich, etwas allgemeiner formuliert, ein System, ohne das beispielsweise ein Computer oder ein System nicht funktioniert, weil es sowohl alle Ressourcen verwaltet, als auch die „Kommunikation“ zwischen den notwendigen Komponenten sicherstellt und schließlich für die Integration der unerlässlichen Peripherie eines Systems sorgt. Soweit, das kann man sicher unproblematisch feststellen, reicht es in mitbestimmten Unternehmen in keinem Fall.8 Hier existiert zwar bereits ein zentrales demokratisches Element – vor allem zum Ausgleich unterschiedlicher Interessen. Mit anderen Worten: auf Grundlage einer Betriebs-Verfassung kann in Form eines Betriebsrates ein grundsätzliches, machtvolles und sehr demokratisches Element im System implementiert werden. Und bereits der konstitutive Akt betrieblicher Interessenvertretungen, nämlich ihre Wahl, stellt ein urdemokratisches Vorgehen dar. Für das betroffene System spielt es nun eine wichtige Rolle, mit diesen verfassten Rechten zu einem regulierten Prozess des Interessenausgleichs zu kommen. Doch trotz etwas mehr Demokratie im Betrieb wäre das für mich – systemisch gedacht – noch kein demokratisches Betriebssystem.

… oder als System des Betriebes?

„Es wird Unternehmen geben, in der die sogenannten Mitarbeiter souveräne Unternehmensbürger sind […] Ich vermute sogar, dass in Zukunft Führungskräfte von den Unternehmensbürgern selbst gewählt werden – und zwar genauso auf Zeit, wie wir demokratisch unsere Volksvertreter bestimmen“ (Thomas Sattelberger).9

Zu einem echten Betriebssystem wird Demokratie erst dann, wenn der ganze Ablauf und sämtliche (Kern-) Prozesse in einer Organisation, speziell in Unternehmen, ohne demokratische Prozeduren nicht funktionieren (können). Das, was ein Betriebssystem eben, auch technisch, tatsächlich ausmacht. Das bedeutet in der Konsequenz, dass es neben betrieblichen Interessenvertretungen, die aufgrund ihres rechtlichen Status, was sowohl die Schutzbestimmungen, aber auch Initiativmöglichkeiten betrifft, weiterhin eine zentrale Rolle einnehmen werden. Aber um den Kreis des für mich wichtigsten Stakeholders einer Organisation, nämlich den der Beschäftigten, erweitert wird. Diese müssen nun aktiv in die Strukturen und Prozesse eingebunden werden. Und das mindestens auf zwei Ebenen:

  1. Der Ebene der Ausübung von Herrschaft (Macht bzw. „Befehlssprache“) in Unternehmen
  2. Der Ebene der partizipativen Gestaltung von Prozessen (Entscheidungen bzw. „Verständigung“) in Organisationen

Das Thema Demokratie in Unternehmen, oder gar demokratischer Unternehmungen, scheint im Moment im Kommen zu sein, obwohl es nicht wirklich neu ist. Immerhin war das Thema ein Teil der Ergebnisse einer spannenden Kooperationstagung in Tutzing, wozu ich hier einen Blogbeitrag verfasst habe. Auf die Aktualität weist aber auch die Einladung zu einer Tagung des ISF München hin, die am 12. Februar 2015 unter dem Titel „Das demokratische Unternehmen – Aufbruch in eine Humanisierung der Arbeitswelt 2.0?“ an der TU München stattfinden wird10 – und die Thomas Sattelberger als „Kronzeugen“ zum Thema eines demokratischen Unternehmens aufbietet.11 Folgende Fragen werden im Laufe der Tagung gestellt: Welche Rolle soll Demokratie zukünftig in Unternehmen spielen? Ist das demokratische Unternehmen das Unternehmen der Zukunft?

Betriebssystem Demokratie!

Notwendig wird für mich, neben einer wissenschaftlichen Antwort auf die oben gestellten Fragen, das Wie bzw. eigentlich das Dass: dass nämlich demokratische Verfahren sowohl in die Kernprozesse implementiert werden, als dann auch von den Beschäftigten gelernt, aktiv getragen und gewollt sind. Dabei müssen sie krisen- und konfliktsicher angelegt sein, d.h. nicht nur dann greifen, wenn es dem Unternehmen gerade mal ökonomisch gut geht. Erst im Konfliktfall erweist sich, wie ernst eine Organisation bzw. das System es mit dem Thema Demokratie als System des Betriebes meint. Deshalb noch einmal zurück zur Fragestellung: Im Allgemeinen lassen sich Unternehmen als Gebilde begreifen, in denen Herrschaft, vor allem also die Ausübung von Macht und ggf. auch Begrenzung von Macht eine zentrale Rolle spielen. Hier gleichen sie demokratische Gemeinschaften, denn auch diese sind nicht herrschafts- oder machtfrei (Punkt 1).12 Wendet man – frei übertragen – die aristotelische und sokratische Definition von Politik im Sinne von Kompetenzen für eine demokratische Bürgerschaft an, dann kann man „das Politische“ auch im Sinne eines gemeinschaftlichen Aushandeln sinnvoller Ordnungen im Unternehmen verstehen (Punkt 2). Wird das Thema mindestens auf diesen beiden Ebenen angegangen und umgesetzt, dann würde ich Thomas Sattelberger und auch Heribert Prantl zustimmen, dass Demokratie ein tolles Betriebssystem sein kann. Mit einer Ergänzung bzw. Erweiterung: Das Thema Betriebssystem Demokratie ist auch ökonomisch zentral, also kein pures „Add-On“, weil wir in einer Demokratie leben. Es erweist sich deshalb sogar als das bessere Betriebssystem, beispielsweise für dezentralisierte und vernetzte Organisationen. Denn mit einem demokratischen Betriebssystem gelingt es, die Beschäftigten aktiv in die Grundstruktur einzubinden und tatsächlich an den Unternehmensprozessen und -ergebnissen zu beteiligen. In meinen Augen ein klarer Marktvorteil, insbesondere wenn es um Innovationen und Motivation geht.

  1. Die Zitate stammen aus ebendieser Rede für die Gewerkschaft Verdi in München. []
  2. Dazu habe ich mir selbst auch schon Gedanken gemacht, die ich bereits in den Grundlagen der Weiterbildung publiziert habe. Hier geht es zum Artikel. Und hier gibt es Ausführungen von mir in der Online-Zeitschrift Gegenblende. []
  3. a.a.O., S. 2 []
  4. Was keineswegs bereits das bloße Vorhandensein schmälern sollte. Es gibt zu viele Unternehmen, die bewusst diesen wichtigen demokratischen Anteil verhindern. Insofern finde ich es ur-demokratisch, dass Wahlen für betriebliche Interessenvertretungen stattfinden. Demokratie ist für mich jedoch nicht nur ein Wahlakt, also nicht nur ein verfassungsmäßiges Recht, wie Heribert Prantl ebenfalls mehrmals in seiner Rede ausführt. []
  5. a.a.O., S. 5 []
  6. Etwas bissiger formuliert Heribert Prantl es so: „Der Betriebsrat ist zuständig für die gute, weiche und schützende Verpackung betriebswirtschaftlicher Grundentscheidungen“ (a.a.O., S. 7 []
  7. Ich widerstehe hier einmal meiner philosophischen Leidenschaft, eine solche Sprache, die voll von alltagsweltlichen Begriffen und Metaphern ist – und diese einfach auf die Technik überträgt – zu analysieren. Die Analogie wird auch so sehr deutlich. []
  8. Mitbestimmung meint in diesem Fall ein Unternehmen, in dem betriebliche Interessenvertretungen gewählt werden. Aber auch Unternehmen, in denen Vertreter*innen der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat sitzen. []
  9. Das Originalinterview des ehemaligen Personalvorstandes der Deutschen Telekoma AG, Thomas Sattelberger, aus dem dieses Zitat stammt, ist hier zu finden. Er äußerte sich anläßlich der Verleihung der New Work Awards von XING im „Museum für Kommunikation“ in Berlin so bemerkenswert. []
  10. Sobald es dazu weitere Ankündigungen mit einer Webseite zur Anmeldung gibt, werde ich das hier vermerken. Interessant und inspirierend wirken die Fragen auf mich schon. []
  11. Ich bin mir noch nicht so sicher, ob es neben der sehr interessanten Rhetorik auch tatsächlich konstruktive Vorschläge von Thomas Sattelberger gibt, wie das in die Unternehmen transportiert und dort vor allem umgesetzt werden kann. []
  12. Natürlich gibt es einen zentralen Unterschied zwischen demokratisch legitimierter staatlicher Macht gegenüber der Macht in organisationalen Systemen: Die politische Macht in Demokratien wird durch regelmäßige und freie Wahlen zeitlich limitiert. Herrschaft wird also so lange ausgeübt, bis eine andere Partei oder Gruppierung zur Machtausübung berufen wird. []
de.pdf24.org    Sende Artikel als PDF   

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.