Work-Fiction

„Selbst mit dem letzten Tropfen Benzin kann man noch beschleunigen“ (Andreas Eschenbach).

Andreas Eschenbach beginnt seinen Roman „Ausgebrannt“ mit dem in meinen Augen genialen Satz, den ich oben zitiert habe. Dieser Satz war auch in einer der Rezensionen zu lesen, woraufhin ich mir den Roman als E-Book besorgt habe. Mit großem Interesse habe ich ihn dann gelesen und mir meine Gedanken dazu gemacht. Angepriesen als Thriller handelt es sich jedoch eher um eine Art Science Fiction Literatur. Einen Roman, der die aktuelle Debatte um „Peak-Oil“ aufgreift und dabei eine Zukunft der technischen Entwicklung beschreibt. Für den Roman und die technische bzw. naturwissenschafliche Seite der Beschreibung hat Andreas Eschenbach die aktuell verfügbaren Daten verwendet und in meinen Augen gut recherchiert. Dabei wirft er – zwar nur nebenbei und oft nicht direkt – auch grundsätzliche Fragen der industriellen Arbeitsorganisation auf. Das hat mich am meisten fasziniert. Aber auch den meisten Widerstand gegen seine Grundaussage provoziert und schließlich dazu bewogen, diesen Beitrag zu schreiben. In diesem Blog beschäftigt mich nun die Frage einer Arbeitswelt nach Peak-Oil; insbesonders, inwiefern es innovative Alternativen zur pfadabhängig aufgebauten industriellen Arbeitskultur geben könnte. Eben eine Work-Fiction, quasi als gesellschaftliche Innovation von Arbeit.1 Die allerdings noch zu schreiben wäre.

Bild: Kreg Steppe. Verwendung unter den Bedingungen der CC 3.0 (BY-SA) URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Enterprise-D_conn_ops_stations.jpg

Ist das die Arbeit der Zukunft? In der Star Trek Serie müssen die Menschen nicht mehr arbeiten, sondern können ihren Leidenschaften nachgehen. Insofern gibt es auch kein Geld – und Energie steht unbegrenzt sowie kostenlos zur Verfügung. Das ist wohl die größte Innovation, die es geben könnte. Sie lässt sich aber physikalisch nicht umsetzen, das kann man zumindest sagen.
Bild (= Beitragsbild als Ausschnitt): Kreg Steppe. Enterprise Kommandobrücke. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA) – Namensnennung – Verwendung unter gleichen Bedingungen.

Transaktionskosten, Peak-Oil und die Arbeit

Mit „Peak-Oil“ bezeichnet man nicht nur in der Nachhaltigkeitsdebatte das globale Ölfördermaximum. In dem Moment, in dem die zu erschließenden Ölbestände geringer sind, als die aktuell tatsächlich ausgebeuteten Reserven, ist das Maximum, der Peak, überschritten. Prognostiziert ist, dass es derzeit zum Tragen kommt und in der Zeit zwischen 2020 und 2030 die Spitze überschritten haben wird. Was das für die Ökonomie bedeutet, darauf bin ich unter Aspekten der Thermodynamik auch hier schon eingegangen. In diesem Blog mache ich die Annahme von Transaktionskosten stark und die Pfadabhängigkeit für den Bereich der Arbeitsorganisation geltend. Mit Andreas Eschenbach gesprochen bedeutet das: Peak-Oil zwingt zu einem Ende des Global-Sourcing in der derzeitigen Form, weil diese Form der Organisation notwendigerweise niedrige Transaktionskosten im Sinne preiswerter Energie und vor allem billigen Öls voraussetzt.2 Damit also nicht gesellschaftlich tatsächlich noch mit dem letzten Tropfen Benzin beschleunigt wird, bedarf es sozialer Innovationen im Bereich der Arbeitsorganisation. Könnte eine Work-Fiction hier helfen, phantasievolle Vorstellungen zu entwickeln?

Old habits die hard oder: Pfadabhängigkeiten

Dass alte Gewohnheiten nur schwer zu ändern sind, das sang nicht nur Jon Bon Jovi nach einem Text von Migg Jagger. Diese Feststellung kann man überall im Bereich menschlichen Handelns machen. Sie gilt aber auch gegenüber Peak-Oil und einer notwendigen Neuorganisation von Arbeit. Mit anderen Worten: Auch „Alternativszenarien“ variieren in der Regel den bereits eingeschlagenen Pfad und verlängern ihn in die Zukunft.3 Bei vielen derzeitigen Lösungsvorschlägen, beispielsweise aus dem Bereich einer „Green IT“, ist das deutlich zu beobachten. Dabei wird meist überhaupt nicht daran gedacht, dass es für eine gesellschaftliche Innovation nicht nur um die technischen Möglichkeiten, also nicht nur um eine Science-Fiction, geht. Eine Innovation der Arbeitsorganisation wird sich vor allem darum drehen müssen, wie die Menschen konkret diese Techniken nutzen und welche sozialen Institutionen zur verbreiteten Verwendung notwendig sind. Das, was mich im Zusammenhang mit einer Work-Fiction vor allem interessiert ist also die Frage, inwiefern die unweigerlich eintretende Krise es ermöglicht, grundsätzlich neue oder andere Formen der Arbeit zu überlegen, weil grundsätzlich auch die weitere Pfadabhängigkeit industrieller Arbeit in Frage gestellt werden wird.

Eigentlich sind wir ganz anders …

„Sah so seine Zukunft aus? […] Körperlich zu arbeiten, sich hier in Bare Hands Creek einzuleben, Kontakte zu knüpfen? […] Eine neue Karriere zu durchlaufen […]? Und schließlich […] zu vergessen, dass es einmal Computer und schnelle Autos und Telefone für die Hemdtasche und eine Raumstation und Marsroboter und Wolkenkratzer und Autobahnen über gähnende Abgründe hinweg gegeben hatte?“4

Eine Möglichkeit künftiger Zusammenarbeit, die Andreas Eschenbach in seinem Roman beschreibt und seinen Protagonisten Markus Westermann erleben lässt, knüpft an obiges Zitat an. Sie findet im kleinen Rahmen einer Sekte statt, die dem Dorf, in dem sie lebt, den Namen Bare Hands Creek gegeben hat. Mit der bloßen Hand arbeiten, ohne technische Unterstützung, das ist eine Idee, der nicht nur die Sekte im Roman von Eschenbach nachgeht. Eine solche – oft romantisierte – Gesellschaftsorganisation stellt im Prinzip den Gegentwurf zu vielen Science-Fiction Beschreibungen von Arbeit dar. Wozu ich auch all die Visionen dazu zähle, die rein technisch betrachtet etwas darüber aussagen, was alles möglich sein könnte. Hierzu gab es in der Vergangenheit schon eine Menge Vorschläge.5 In meinen Augen blieben diese Vorstellungen vor allem deshalb unerfüllt, weil sie weiterhin als Science Fiction technisch geschrieben wurden: Als (pfadabhängige) Fortsetzung einer gesellschaftlichen Entwicklung alleine aufgrund des technisch Möglichen. Eine Work-Fiction dagegen, die beispielsweise ein sozial kluges Verhalten oder eine gesellschaftlich notwendige Veränderung der Arbeitsorganisation beschreibt, spielt normalerweise keine Rolle. Mit anderen Worten: Es wurde meist überhaupt nicht daran gedacht, dass es vor allem darum geht, wie die Menschen konkret diese Techniken nutzen und welche sozio-kulturellen Institutionen dazu notwendig sind.6 Das, was eine Work-Fiction in meinen Augen eben beschreiben würde, wenn es um zukünftige Formen einer nachhaltigen Arbeit geht. Und wie es das Fraunhofer Institut im Video „Arbeitswelten 4.0 – wie wir morgen arbeiten und leben“ auf YouTube beispielhaft zeigt.7 Ohne übrigens die Pfadabhängigkeit komplett leugnen zu können. Denn das funktioniert irgendwie auch nicht.

Eine Work-Fiction als gesellschaftliche Innovation

Insofern stellt sich also die Frage, inwiefern die drzeitige Technik sogar zu einer Lösung der Krise nach Peak-Oil beitragen kann. Die eigentliche Stärke einer virtuellen Zusammenarbeit (Social-Collaboration) besteht beispielsweise in meinen Augen darin, dass die konkrete Zusammenarbeit und Prozessorganisation, insbesondere die von tayloristische und hierarchisch aufgebauten Unternehmen, eigentlich auch ganz anders gestaltet werden kann. Alternativen, die es in Form von Sonderwegen auch immer wieder gab, wie beispielsweise bei Volvo. Oder die in Form von innovativen Projekten, wie beispielsweise bei VW mit dem Projekt „Auto 5000„, Alternativen aufzeigten. Sie sind als innovative Modelle weder ökonomisch, noch von ihrer konkreten Arbeitspolitik her gescheitert. Sie wurden einfach deshalb in den gewohnten Pfad der tayloristischen Fabrik- und Arbeitsorganisation reintegriert, weil dieser als Paradigma nach wie vor dominant und selbstverstärkend ist.8 Was übrigens auch immer für die Wahrnehmung der Betroffenen, also der Beschäftigten, gegolten hat. Gerade dass man über eine Social Collaboration, also über die Zusammenarbeit im Internet oder über elektronische Plattformen, zu einer nachhaltigen Möglichkeit gelangen kann, macht sie für eine innovative Lösungssuche stark. Drei Aspekte fallen mir dazu „spontan“ ein:

  1. Ich bin so frei -Sustainable Collaboration als virtuelle Mobilität, d.h. als Möglichkeit globalen Austauschs ohne unmittelbar Reisenotwendigkeit.
  2. Bringt die Arbeit zu den Menschen, nicht die Menschen in die Arbeit – Sustainable Collaboration als Arbeit überwiegend zu Hause oder zumindest wohnortnah.
  3. Als der große Wind kam – Sustainable Collaboration als temporale Autonomie durch zeitliche Entkoppelungsmöglichkeiten von Anwesenheit und „Leistung“. Leistung auch verstanden als energetische Versorgung durch erneuerbare Energien und ihre Schwankungen.

Ich will diese Form als „Sustainable Collaboration“ bezeichnen. Wobei noch ein wesentlicher Aspekt zur Nachhaltigkeit dazu kommen muss: die langfristige Existenzsicherung über die neuen Formen der Zusammenarbeit.9 Da bin ich mal gespannt, wer solche Alternativen überzeugend schreiben wird. Und ob das noch geschieht, bevor der letzte Tropfen Benzin zum Beschleunigen verbraucht ist.

P.S.: Eine abgewandelte und kürzere Version (mit reinem Bezug auf das Buch) dieses Blogs davon werde ich auf Amazon als Rezension hinterlegen.

Nachtrag vom 04. Januar 2015

Nun habe ich es endlich geschafft und hier auf Amazon eine Rezension geschrieben. Eine etwas erweiterte Version, die sich am Blogbeitrag orientiert, dennoch einen etwas anderen Fokus hat, ist hier herunterzuladen.

 

  1. Es kann gut sein, dass dieses Wortpaar nicht ganz konkret trifft, um was es mir geht. Insbesondere weil Work nicht ganz gleichbedeutend mit Erwerbsarbeit ist und Fiction natürlich auch „bloß Erfundenes“ bedeuten kann. Aber abgeleitet habe ich es tatsächlich von Science Fiction. Und Science Fiction bedeutet eben auch die Beschreibung einer bestimmten künftigen Kultur und Gesellschaft, im Unterschied zur Fantasy. []
  2. Mit anderen Worten: Eine derartige Prozessorganisation von Unternehmen ist nur aufrecht zu erhalten, wenn die Transaktionskosten entsprechend billig bleiben. Dies wiederum hängt entscheidend von der Verfügbarkeit billigen Öls ab, denn zu über 95 % beruhen die weltweiten Transportbewegungen der globalen Handelsströme auf der Verfügbarkeit von Erdöl oder Erdgas. []
  3. Hierbei rede ich überwiegend von Erwerbsarbeit. Ich denke aber auch, dass damit die reproduktiven Arbeiten, insbesondere ihr Stellenwert, neu zu denken sind. Im Sinne einer Stärkung. []
  4. Eschenbach 2007 []
  5. Sie reich(t)en von der grenzenlosen Freiheit der Teleheimarbeit über das papierlose Büro bis hin zur energetischen Revolution im Sinne eines Energiesparens bzw. einer echten grünen IT. []
  6. Zu diesen Bedingungen von Technik gibt es einen hervorragenden kurzen Aufsatz von Werner Rammert hier. []
  7. Wobei ich auch hier glaube, dass es sich noch mehr um eine Science-Fiction handelt, also die technischen Möglichkeiten vorrangig die Szenarien bestimmen. []
  8. Die Pfadabhängigkeit und vor allem das Lock-in Syndrom der industriellen Arbeitsorganisation wäre sicher ein eigenes spannendes Thema. Was für alle Beteiligten, insbesondere die Tarifpartner, gilt. []
  9. Dies stellt die wahrscheinlich noch größere Herausforderung bzw. den schwierigeren Anteil der gesellschaftlichen Innovation dar, weil die Systeme der sozialen Sicherung und Sozialpartnerschaft grundsätzlich adaptiert werden müssen. Dabei aber nicht einfach wegfallen dürfen. []
PDF24    Sende Artikel als PDF   

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.