Mehr Innovation wagen

„In einem beispiellosen Ausmaß hat sich der Homo sapiens daran angepaßt, in Gruppen kooperativ zu handeln und zu denken; und in der Tat sind die beeindruckendsten kognitiven Leistungen von Menschen […] nicht Produkte allein handelnder, sondern gemeinsam agierender Individuen“ (Michael Tomasello).

Ich wähle diese Überschrift bewusst in Anlehnung an das große Zitat von Willy Brandt. Und setze darunter den bemerkenswerten Satz von Michael Tomasello, der sich zunächst auf die kognitiven Leistungen von Menschen bezieht.1 Beides hat für mich einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem Thema Innovation. Das will ich im Folgenden aufzeigen. Wohl kaum eine Regierungserklärung ist von ihrem Motto her  so in Erinnerung geblieben, wie die von Williy Brandt als Bundeskanzler ab 1969.2 Das hat sehr unmittelbar damit zu tun, dass unter ihm und dem Regierungswechsel zur SPD bzw. sozialliberalen Koalition gesellschaftliche Reformen durchgeführt wurden, die man in der Tat als innovativ bezeichnen kann.3 Und die auch im Bereich der internationalen Beziehungen tiefgreifende positive Veränderungen zur Folge hatten. Eine gesellschaftliche Veränderung benötigt unterschiedliche Voraussetzungen, dass sie zu einer echten Innovation wird: Die Invention, also eigentliche „Erfindung“, beispielsweise einer kulturellen Technologie, sowie die verbreitete Nutzung und Umsetzung durch die Menschen. Beides wiederum ist sehr unmittelbar mit demokratischen Bedingungen verbunden, denn weder kann in modernen Gesellschaften die Nutzung verordnet werden, noch entstehen soziale und gesellschaftliche Innovationen ohne die (demokratisch geregelte) Zusammenarbeit von Menschen. Sind nun die kreativ dazu notwendigen „Geistesblitze“ machbar im Sinne von herstellbar? Und vor allem: Wie entstehen daraus echte Innovationen?

Bild: Ewok Slayer. Verwendung als gemeinfreie Datei. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Flower_Beetle.JPG

Ein grünes Auto als Innovation? Eine Innovation besteht nicht nur aus einem neuen Produkt, das man neu anstreicht. Die Technik alleine ist es auch nicht, welche eine echte Innovation bedeutet. Das kann man sowohl im Bereich der Techniksoziologie bezüglich der Anwendung, als auch im Bereich der Organisationstheorie bezüglich der Entstehung zeigen.
Bild (= Beitragsbild als Ausschnitt): Ewok Slayer – Flower Beetle. Verwendung als gemeinfreie Datei.

Inkubationszeit und Innovationsmanagement

Inkubationszeit klingt nicht nur wie der Vorlauf zu einer Krankheit. So wird auch eine der Phasen (im Rahmen eines bestimmten Modells) individueller Kreativität beschrieben. Während Innovationsmanagement wiederum suggeriert, alles im Griff zu haben, Innovationen also herstellen zu können. Dabei ist zumindest anfangs und längere Zeit danach gar nicht so klar, was eine Innovation tatsächlich ist. Oder ggf. sein wird. Oder auch nur werden könnte. Und ob eine Inkubationszeit hilfreich sein kann.4 Insofern sind Innovationen ein schwieriges „Geschäft“. Das liegt vor allem daran, dass man erst im Nachhinein feststellen kann, ob es sich tatsächlich um eine Innovation gehandelt hat. Und das unabhängig davon, ob es um eine Produktinnovation, eine Innovation im Bereich der Arbeitswelt oder auch um eine soziale bzw. gesellschaftliche Innovation handelt.5 Mit anderen Worten: Die Erfindung oder (technische) Idee alleine, auf die vor allem im Unternehmenskontext fokussiert wird, reicht bei weitem nicht aus, um überhaupt von einer Innovation reden zu können. Und auch das Ende der tatsächlichen Verwertung oder Verwertbarkeit einer Idee bleibt zunächst offen.6 Eine Innovation ist dann passiert, wenn es alltägliche Praxis geworden ist, das Produkt zu verwenden oder die Technologie anzuwenden. Was sich dann oft auch im Sprachgebrauch widerspiegelt, wie man schön am Beispiel des Tempo-Taschtuchs, das eine Gattung bestimmter Taschentücher bezeichnet, oder dem Fön, als Name für die Gattung elektrisches Haatrockengerät, zeigen kann. Oder, als Beispiel einer sozio-kulturellen Technik, auch am „Simsen“ als Begriff. Was zugleich ein schönes Beispiel dafür ist, dass Innovationen, hier das Senden von Kurznachrichten in kommunikativer Absicht, einfach auch entstehen ohne explizit geplant worden zu sein. Die Menschen haben es in diesem Fall einfach getan, zuerst wenige, dann immer mehr und schließlich alle.7 Da eine echte Innovation, wenn man sie als Unternehmen einführen kann, viel Geld verspricht, sind Firmen natürlich interessiert daran, innovativ zu sein. Oder zumindest so zu scheinen. Und verwenden viel Geld dafür, Kreativität zu erzeugen.

Im Dunkeln ist gut munkeln oder: Auf die Rahmenbedingungen kommt es an!

„Absolute Dunkelheit ist ein neuer Trend auf dem großen Markt der Kreativitätsseminare […] [Sie] steht in Konkurrenz mit Dutzenden von Kreativitätstechniken“.8 Lässt sich nun im Dunkeln gut munkeln und damit kreativer innovieren? Es ist schon verblüffend, mitunter erheiternd und manchmal auch erschreckend, was sich auf dem Markt alles einkaufen lässt, um angeblich die Kreativität – als Grundlage von Innovationen – zu fördern. Obwohl natürlich die Kreativität von Menschen eine zentrale Voraussetzung für Innovationen darstellt, ist sie nur ein wichtiger Aspekt gelungener Innovationen, den verschiedene „Kreativitätstechniken“ befördern sollen. Dabei enthält bereits der Begriff „Kreativitätstechnik“ einen eklatanten Widerspruch: weil auch die Kreativität von Menschen einen offenen Prozess darstellt, dessen Ende man nicht einfach technisch planen oder herstellen kann.9 Auch wenn Kreativität, die in Innovationen münden soll, in der Regel harte Arbeit bedeutet.10 Noch zutreffender ist jedoch: „Wer kreativ sein will, braucht eigentlich nichts Neues zu lernen“.11 Der Meinung bin ich auch. Es muss also an etwas anderem als reiner individueller Kreativität liegen, wenn soziale und gesellschaftliche Innovationen entstehen. Die Rahmenbedingungen, die vor allem die harte Arbeit einer Innovation betreffen, sind für mich dieser Faktor, der meist vernachlässigt wird. Gerade weil man Kreativität, und übertragen letztlich auch Innovationen, als (rein) indviduelle oder persönliche Eigenschaften versteht.12 Was bereits dann brüchig wird, wenn man die reale Durchdringung der Gesellschaft, die eine Innovation auszeichnet, in Betracht zieht.

Wie Innovationen tatsächlich entstehen können

Mein Fokus liegt nicht auf der Kreativität einzelner Personen, wie sie unter einer psychologischen Perspektive betrachtet werden, sondern betont die Kreativität von Gruppen. Innovationen sind dabei historisch, d.h. sie finden in spezifischen und nicht wiederholbaren oder auch nur übertragbaren Situationen statt. Kreativität als Grundlage ist jedoch „nicht auf Genies beschränkt“. Sie „findet sich bei jedem Menschen“. Die Fähigkeit, „Neuerungen zu generieren“ ist also nicht speziell an eine Persönlichkeit gebunden, sondern beispielsweise auch an „die Atmosphäre in einem Team geknüpft“13. Kreativität und Innovationen benötigen gerade in Gruppen und Teams zeitlich Freiräume. Oft werden die Rahmenbedingungen für Kreativität und Innovation, insbesondere in Unternehmen, nebenbei sogar genannt. Eine wesentliche innovationsfördernde Bedingung ist für mich die Arbeit in echten Gruppen und Teams14, was das Eingangszitat nahe legen soll. Dann gibt es noch Faktoren wie beispielsweise ein „sicheres soziales Umfeld“ in Form von nachhaltigen und stabilen Arbeitsbedingungen. Das ist besonders wichtig, um die Schattenseite von Kreativität auszugleichen: Innovationen erzeugen Unsicherheit und manchmal auch Angst. Und schließlich gibt es auch die Rahmenbedingungen einer „intrinsischen Motivation“ und des „Vertrauens“. Da ist natürlich der Tipp, dass die Gruppenmitglieder erst einmal miteinander reden sollen nicht verkehrt. Aber damit alleine lässt sich weder Vertrauen aufbauen noch eine intrinsische Motivation im Unternehmen erzeugen. Aus dem gleichen Grund haben übrigens auch finanzielle Anreizsysteme, wie etwa im betrieblichen Vorschlagswesen, deutliche Grenzen. Sie motivieren primär extrinsisch. Neben Rahmenbedingungen und der harten Arbeit gehört vor allem Mut zu einer echten Innovation.15 Und das nicht nur individuell: Auch auf kollektiver Basis wie beispielsweise in einem Unternehmen – oder in der Politik. So wie der Mut dazu gehörte, mehr Demokratie zu wagen. Es hat sich in meinen Augen voll rentiert und die Gesellschaft innoviert weil es demokratisch die Rahmenbedingungen positiv verändert hat. Umgekehrt ist Demokratie für mich ein zentraler Baustein, Kreativität und Innovationsfähigkeit in einer Gesellschaft – aber auch im Unternehmen – besonders zu fördern.16 Insofern gilt: Lasst uns mehr Innovation in Unternehmen wagen.

Nachtrag:

Keiner hat eine Ahnung, trotz jeglicher Expertise […] wie die Welt in fünf Jahren aussehen wird. Und trotzdem sollen wir sie dafür ausbilden. Die Unvorhersagbarkeit ist, finde ich, atemberaubend“ (Ken Robinson). Erst spät bin ich auf die TED Talks aufmerksam geworden.

Hier ist ein TED Talk von Ken Robinson zum Thema Kreativität und Bildungssystem. Sehenswert, wenn auch in Englisch. Aber mit Deutschem Transkript hier.17 Unter den Bedingungen der CC (BY-SA-NC).

  1. Aus seinem Buch „Warum wir kooperieren“ von 2010. Dieses Zitat steht auf Seite 13. []
  2. Hier gibt es die Regierungserklärung zum Nachlesen und hier eine Audio Datei. []
  3. Die entscheichende Passage aus der Regierungserklärung im Wortlaut: „Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir werden unsere Arbeitsweise öffnen und dem kritischen Bedürfnis nach Information Genüge tun. Wir werden darauf hinwirken, daß durch Anhörungen im Bundestag, durch ständige Fühlungnahme mit den repräsentativen Gruppen unseres Volkes und durch eine umfassende Unterrichtung über die Regierungspolitik jeder Bürger die Möglichkeit erhält, an der Reform von Staat und Gesellschaft mitzuwirken.“ []
  4. Wobei hier bereits das Pendant zur Kreativität von Gruppen, die ich stark machen will, zu fehlen scheint. Im Gegensatz dazu tauchen diese beispielsweise in der Phase der Erleuchtung, also der Illumination, wieder auf. „In einer Gruppe kann eine zufällige Wahrnehmung eines nebensächlichen Details oder das Verhalten einer anderen Person dieses Erlebnis auslösen“ (Wikipedia – Phasen der Kreativität). []
  5. Insofern ist es auch ein Mythos zu glaube, der Markt brächte Innovationen hervor. Allenfalls ist er ein Mittel der Selektion erfolgreicher Ideen. Allerdings tritt hier sehr schnell das Problem der Pfadabhängigkeit auf. „Der Markt setzt auch Kreativitätsressourcen voraus, die er nicht selber hervorbringt“ (Brodbeck 2009, S. 5). []
  6. Es gab schon viele gute Ideen oder tolle technische und kulturelle Verfahren, die sich leider nie durchgesetzt haben. Oder die „ihrer“ Zeit voraus oder hinterher waren. Insbesondere die Pfadabhängigkeit von Entwicklungen ist ein unglaublich stark blockierender Faktor. Das habe ich hier näher ausgeführt. []
  7. Das ist deshalb ein besonders interessantes Beispiel, weil die technische Möglichkeit für das Versenden von SMS ursprünglich ein „Hilfskanal“ für interne Zwecke der Mobiltelefonie war. []
  8. Angelika Sylvia Friedel, Verbinden, was nicht zusammengehört. In: Psychologie heute, September 2014, S. 70 – 74, S. 72. []
  9. „Kreativität ist ein Prozess, ein Prozess, in dem etwas Neues hervorbracht wird, das uns auf irgendeine Weise nützlich oder wertvoll erscheint: ein neues Produkt, eine neue Fertigkeit, ein neues Konzept usw. Dieser Prozess ist an seinem Anfang und in seinem Verlauf offen“. Karl-Heinz Brodbeck, Mythos Kreativitätstechnik hier. Auf seiner Homepage hier sind noch weitere interessante Texte zum Thema Kreativität. []
  10. „Es ist eine romantische Vorstellung, dass ein Komponist in den Wald geht, dem Wind und den Vögeln lauscht und dann mit einer fertigenKlaviersonate im Kopf nach Hause geht und sie einfach notiert“ (Brodbeck 2009, S. 3). []
  11. a.a.O. []
  12. Das kann man vor allem an der Glorifizierung von Steve Jobs gut beobachten, der nach Aussagen seiner Jünger einer der kreativsten Menschen war, die es gegeben hat. Er war unbestritten ein sehr kreativer Mensch. Vor allem jedoch wusste er, wie die Ideen in seinem Unternehmen weiterzuentwickeln waren: Das waren nicht immer die kreativsten Bedingungen. Und er hatte ein gutes Gespür dafür, was die Menschen in ihrem Alltag benötigen. []
  13. Brodbeck 2009, S. 4. []
  14. Es ist ein eigener Aspekt zu kären, was echte Gruppen und Teams sind. Das habe ich in einigen meiner neueren Publikationen versucht, insofern verweise ich beispielsweise auf meine Aufsätze zum Thema Social E-Learning. []
  15. „Kreativität ist also durchaus in der Suche nach Neuerungen ein Wagnis; es gehört Mut dazu, will man Besonderes hervorbringen.“ (Brodbeck 2009, S. 4). []
  16. Darauf habe ich unter anderen Aspekten bereits hier hingewiesen. []
  17. Das Zitat findet sich ca. bei Minute 01:00. []
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