Soziale Didaktik mit Medien-Technik

„Es ist immer wieder eine Herausforderung, wenn man den Titel eines Vortrags als Frage formuliert, zu der man selbst noch keine umfassende Antwort entwickelt hat. 🙂 Insofern ist die Planung eines solchen Beitrags sehr spannend auch für den Vortragenden selbst“.

Als Dunkelmunkel alias Christian Spannagel als „bekannter YouTube-Professor und Mathematikdidaktiker“,1 von dem obiges Zitat stammt,2 über die Community E-Teaching.org die Frage stellte,3 ob soziale Medien das Lernen sozialer machen würden, war das nachgerade eine Einladung zum gemeinsamen reflektieren. Daraus ist bisher zum einen eine Facebook Freundschaft entstanden (Servus Christian 🙂 ), zum anderen ist es für mich die Gelegenheit, mein Thema der Digitalen Sozialität (hier und hier) noch einmal sehr spezifisch auf das Lernen als Social Learning zu übertragen. Dabei hat mich sehr positiv berührt, wie Christian sich selbst auf den Vortrag vorbereitet hat, und dabei paradigmatisch Social Learning betrieben hat. Genau dazu hat er nämlich die Community sowie seine Freunde eingeladen: Also sich mit ihm gemeinsam Gedanken4 darüber zu machen, die dann im Rahmen des Vortrags am 07. Mai 2015 (hier)5 zum Ausdruck gekommen sind. Meine Stellungnahme – als Kommentar im Rahmen seines Blogs – will ich im folgenden noch einmal etwas weiter ausführen und auf eine allgemeinere Ebene heben, eben die einer Sozialen Didaktik unter Verwendung der Technik Sozialer Medien.6 Sie soll auch die Grundlage dafür sein, dass wir gemeinsam diese Diskussion weiterführen. Das für mich fruchtbare daran ist in jedem Fall, dass Christian für einen Fachbereich reden kann und muss, in dem es tatsächlich etwas schwieriger sein dürfte, in Gruppen Positionen zu diskutieren, als beispielsweise im Bereich der politischen Bildung. Insofern unterscheidet sich in unseren beiden Fällen mindestens das Wissen, das über den Prozess des Social Learning gebildet werden soll.

Bild: Mathematik im Unterricht als gemeinfreie Datei. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:ISkolenV%C3%A6ggelus_paaFyn.jpg

Die Frage nach der richtigen Form, Mathematik zu vermitteln, stellte sich wahrscheinlich schon sehr früh im Unterricht. Kann Social Learning dabei hilfreich sein? Können die Social Media hier soziales Lernen befördern? Das ist eine der Fragen in diesem Blogbeitrag.
Bild (= Beitragsbild als Ausschnitt): Mathematik im Unterricht auf den Wikimedia Commons. Verwendung als gemeinfreie Datei.

 

Noch bevor ich in die konkrete Auseinandersetzung bzw. Diskussion im Rahmen der Vorbereitung des dann gehaltenen Vortrags von Christian gehe, scheint es mir sinnvoll zwischen Technik, Didaktik und Sozialer Didaktik sowie Medien zu unterscheiden. Insbesondere im Zusammenhang mit dem Lernen werden nämlich die verwendeten Begriffe gerne unscharf.

Soziale Didaktik als Technik

„Wenn man hingegen beispielsweise Rollen verteilt (“Du protokollierst”, “Du bist der Zeitwächter”, “Du moderierst die Diskussion”) oder wenn man Wissen unsymmetrisch verteilt wie beispielsweise beim Gruppenpuzzle, dann wird gemeinsames Arbeiten notwendig und ertragreich.“

Bezüglich des Technikbegriffs gibt es eine ziemlich lange Tradition, die spätestens im antiken Griechenland beginnt. Bereits Aristoteles wusste dazu schon einiges für uns hilfreiches zu sagen (darauf komme ich gleich noch zurück).7 In der heutigen Zeit bezieht sich der Begriff einer Technik in der Regel auf Artefakte wie etwa Autos, CD-Spieler oder auch Computer sowie technologische Großanlagen wie beispielsweise Kernkraftwerke. Viele dieser Techniken sind jedoch ohne die soziokulturellen Organisationsformen darum herum weder funktionsfähig, noch überhaupt zu denken. Darauf weisen viele Techniksoziologen völlig zu Recht hin. Ich persönlich sehe Technik noch etwas weiter, denn Technik bezeichnet in meinen Augen „eine basale Daseinsform, in der es vor aller Zweckmäßigkeit um die Selbstformung und Selbstdeutung des Menschen und der Gesellschaft […] geht.“8 Ich würde für diesen notwendigen und existenziellen Zusammenhang eigentlich viel lieber den nicht eindeutig definierten Begriff einer Technologie verwenden.9

Auch die Didaktik als „Theorie des Unterrichts“ stellt für mich eine (Meta-) Technik dar und dabei, abhängig von der jeweils zugrunde liegenden Lerntheorie, über die jeweilige Fachdidaktik vor allem verschiedene technische Möglichkeiten zum Lernen zur Verfügung. Diese adressieren unterschiedlich die individuellen sowie die sozialen Lernvoraussetzungen und -ziele. Die Grundüberlegung geht dabei von der Art des Wissens aus, das letztlich vermittelt werden soll. Geht es um so etwas wie explizites Faktenwissen (wie beispielsweise die Kenntnis der entsprechenden Fachtermini), dann sind lernpsychologisch individuelle Lernstrategien wie etwa die Wiederholung sinnvoll. Geht es jedoch um so etwas wie prozedurales oder schlussfolgerndes Denken und daraus erschließbares Wissen, dann sind soziale Lernformen hoch angesagt.10 Didaktisch wird bezüglich des Social Learning wichtig – wie in obigem Zitat von Christian angeführt – dass Rollen verteilt werden und klare Strukturen für die Gruppen vorgegeben sind. Wird eine soziale Didaktik mit Techniken (bzw. digital) vollzogen, steht ebenfalls die Überlegung im Vordergrund, wie diese Technik das soziale Lernen unterstützen kann, indem sie beispielsweise die Kommunikation über den Lernstoff in besonderer Weise befördert.11 Eine Struktur im Sinne einer Rollenverteilung wird damit nicht überflüssig. Diese Überlegungen gelten natürlich voll und ganz für den Einsatz der sozialen Medien, die selbst eine besondere Technologie darstellen.

Soziale Medien als digitale Lern-Praxis

„Wesentlicher als das Medium scheint die Methode zu sein. Kein soziales Medium macht per se Lernen sozialer.“

Ja. Hier würde ich Christian erst einmal uneingeschränkt zustimmen. Dennoch muss ich einen weiteren kleinen Umweg machen. Soziale Medien heißen zwar (normalerweise) nicht direkt Techniken, aber vom ganzen Kontext und realen Gebrauch her handelt es sich um Technologien. Genauer: speziell programmierte Software (eben Social Software) die auf unzähligen Serverfarmen läuft und die bestehenden Datenverbindungen des Internet nutzt. Die Besonderheit dieser speziellen Technik besteht darin, dass sie so unglaublich gut an die allgemeine Sozialität der Menschen anknüpfen kann.12 „Menschen und Gesellschaften entwerfen ihre Möglichkeiten in Abhängigkeit von den Medien, die sie schaffen.“13 Insbesondere die sozialen Medien werden primär deshalb nicht als Technologien gesehen, weil sie nicht für etwas (einen anderen Zweck) gebraucht werden, sondern als etwas selbst Ausdruck eines Zwecks (selbstzwecklich) sind. Sie ermöglichen es nämlich, zeitlich versetzt und räumlich ungebunden dem zutiefst menschlichen Bedürfnis sich auszutauschen und miteinander zu kommunizieren nachzukommen. Sie befähigen dadurch auch zum „Anders-tun-können und Anders-sein-können“.14 So gesehen sind soziale Medien als Technik eine digitale Praxis und zugleich ein digitales Abbild des praktischen Lebensvollzugs.15 Sinngemäß noch einmal zurück zu Aristoteles: „Das Verhältnis der Menschen zu ihren Techniken ist, bevor es ein Zweck-Mittel Verhältnis ist, eins der Selbstgestaltung“.16 Genau diese Möglichkeit der Selbstgestaltung ist der Erfolgsfaktor der Social Media. Der Kommentar von Frank Vohle auf dem Blog geht genau in diese Richtung, wenn er betont:17 „Dabei erscheint mir wichtig, dass das Soziale (inhaltlich) nicht in der Vernetzung aufgeht […] Hinzukommen müssen methodische Maßnahmen, die aus der technischen Möglichkeit gelebte Praxis machen.“18

Machen soziale Technologien das Lernen sozialer?

„Stören Social Media vielleicht nicht sogar das gemeinsame Lernen, als dass sie es befördern?“

Die spannende Frage von Christian Spannagel ob (und inwiefern) Social Media das Lernen sozialer machen ist eine Frage, die die nun zwei spezielle Punkte berührt:

  1. Ist ein soziales Lernen per se ein effizienteres, hilfreicheres oder auch in dem Sinne besseres Lernen?
  2. Gibt es eine (Lern-) Technik, die „an sich“ möglicherweise Eigenschaften aufweist, die sie von anderen Formen abhebt und ggf. für den didaktischen Einsatz besonders tauglich macht? Quasi die Bildung zu revolutionieren in der Lage ist, in dem sie das durch die bloße Existenz – also von alleine – zuwege bringt?

Wenn das bisher skizzierte Bild der sozialen Medien als Abbild und Ausdruck einer sozialen (Lern-) Praxis der Menschen korrekt ist, dann ist es selbstverständlich so, dass soziale Medien auch ablenken können. Wie sie auch nicht als Technologie oder unabhängig von didaktischen Planung des Lehrprozesses effizienter, hilfreicher oder besser geeignet für das Lernen sind. Das Ablenken ist wie das Ratschen mit der Nachbarin19 oder das geistige Abschweifen im Unterricht, weil man gerade einem anderen Thema gegenüber mehr Interesse aufbringt. Und natürlich ist es so, dass sie vor allem dann eine Möglichkeit des sozialen Lernens darstellen, wenn es über die entsprechenden Rahmenbedingungen tatsächlich zu einer Lernpraxis kommt.

Tobias Dietzsch stellt in seinem Kommentar die Frage, ob nicht vielleicht ein Teil des Problems sein könnte, „dass die wenigsten Social-Media-Kanäle primär für das Lernen gedacht waren“.20 Da ich Technik als eine existenzielle Kultureigenschaft von Menschen sehe, haben sich diese und ähnliche Fragen natürlich schon ganz viele Menschen gestellt. Dieses YouTube Video zeigt schön, wie sehr die technischen Prognosen bezüglich des Einsatzes in Bildungszusammenhängen regelmäßig neben den realen Verändungsmöglichkeiten liegen bzw. gelegen haben, weil sie die soziale Praxis (und deren Nicht-Veränderung) nicht in Erwägung gezogen haben. Ich stimme, das sollte jetzt unschwer aus meiner Argumentation zu folgern sein, der Kernaussage dieses Videos zu, dass es nie um eine Technik an sich geht – und es auch nie darum gegangen ist.

„Das Wichtigste, was ein Lehrer tut, ist, die Schüler fühlen zu lassen, dass sie wichtig sind, sie fühlen zu lassen, dass sie verantwortlich für die Arbeit des Lernens sind.“ 21

Die didaktisch zentrale Frage dreht sich immer darum, wie der Lehrprozess organisiert wird, genauer: wie die soziale Interaktion in den Gruppen und zwischen Lehrbeauftragten und Studierenden im Sinne einer (digitalen) Lernpraxis abläuft. „Die Kleingruppen arbeiten dann relativ autonom, präsentieren aber gemeinsam. In beiden Fällen bestimmen die Diskussionen der Gruppenmitglieder untereinander das Geschehen.“22 Die Frage einer sozialen Lernpraxis, in der beispielsweise die Kleingruppen autonom arbeiten wäre meines Erachtens genau das, was zu diskutieren ist. Das spricht Christian in seinem Vortrag auch deutlich im Sinne einer interaktiven Gestaltung von Präsenzveranstaltungen an. Erst daraus kann man schließlich ableiten, ob es Lernprozesse gibt (und wie sie möglicherweise aussehen), die in Gruppen besser ablaufen bzw. durch Gruppen besser abgebildet werden können, als individuelle Lernprozesse. Was dafür spricht, deutlich zu differenzieren, was mit dem Einsatz von Social Media im Sinne eines Lehrprozesses als soziale Lernpraxis eigentlich gemeint ist, welches Wissen dabei gelernt werden soll und natürlich, wie die soziale Interaktion bezüglich des gesamten Lernprozesses gestaltet wird. Schließlich spielt auch eine Rolle, wie die Rollen verteilt sind. Gerade letzteres wird zentral, wenn eine Partizipation erreicht werden soll. Ein aktiver Beitrag im Sinne eines Lernergebnisses muss auch vom Lehrenden erst einmal gewollt sein, darauf weist das Video deutlich hin. Und hat – oder besser: müsste haben – Konsequenzen für den weiteren Seminarverlauf.23

Partizipationslücken …

„Aus meiner Sicht steht die Methode im Mittelpunkt, nicht das Medium. Und eigentlich noch vor der Methode: die Didaktik.“

Wenn das bis hierher Geschriebene richtig ist, dann ist das Vorgehen von Christian nur konsequent. Denn übersetzt würde das bedeuten, dass die Methode im Mittelpunkt steht, nicht die Technik. Und vor der Auswahl der Methode die didaktische Überlegung (als metatheoretische Betrachtung) stehen muss, welches Wissen mit welcher Technologie möglicherweise am besten beim Erwerb (durch das Lernen) gefördert wird. Hier gehen wir also unbedingt d’accord. Aber auch sonst fand ich den Vortrag recht hilfreich, weil all die Schwierigkeiten zur Sprache gekommen sind, die auch in reinen Präsenzveranstaltungen eine Rolle spielen. Da wäre beispielsweise die Erfahrung anhand eines Mathe MOOCs, dass diejenigen, die sich beteiligen, das primär nicht im Austausch machen. Ergebnisse werden oft parallel online gestellt, gepaart mit der Erwartung, dass der Dozent oder die Dozenten antworten. Ziel muss weiterhin sein, die digitalen Tools – wie etwa ein Wiki – konsequent in die Lehrveranstaltung einzubinden, also nicht als bloßes Add-on zu sehen.24 Und ein letzter wichtiger Hinweis war, dass Aktivitäten in den Communities von Anfang an und vor allem schnell wahrnehmbar sein müssen, sonst sind sie „tot“. Wie es ein Kollege so nett und richtig ausdrückte: „Be quick or be dead“.

Was mich im gehaltenen Vortrag dann am meisten angesprochen hat, das ist der Hinweis auf „Partizipationslücken“.25 Das erinnert mich zu stark an die konkreten Schwierigkeiten, die es beim Umsetzen einer Social-Collaboration Plattformen Unternehmen gibt. Auch hier ist die Fragestellung sehr schnell, von wie viel Mitarbeiter*innen die Plattformen genutzt werden. Genauer eigentlich, wie viele Beschäftigte aktiv Inhalte (Content) beisteuern. Diese Zahl ist im Regelfall deutlich niedriger als die derer, die zumindest regelmäßig in Foren unterwegs sind oder sich Wikis ansehen. Übertroffen jedoch werden diese Zahlen in der Regel immer durch diejenigen, die zunächst passive Nutzer sind.

… und Vorwissen

„Man muss viel gelernt haben, um über das, was man nicht weiß, fragen zu können.“ (Jean-Jacques Rousseau)

Sowohl während meines Studiums, als auch während diverser Veranstaltungen, Seminare und Kongresse musste ich immer wieder erfahren, dass ich selbst erst in der Lage bin etwas aktiv beizutragen – und sei es nur in Form einer Frage – wenn ich zumindest ein wenig Ahnung von der Materie habe. Umso hilfreicher war es mir aber, wenn andere über Ihre Fragen, oder auch über Statements (wenn es nicht gerade in Ko-Referate ausgeartet ist) zur Klärung und Erklärung beigetragen haben. Dies wiederum verallgemeinert würde bedeuten, dass eventuell der Anspruch verfehlt ist, dass Alle! oder auch nur die Meisten beständig und aktiv Beiträge sowie Inputs liefern. Wahrscheinlich wird es so sein, dass sich die Aktivitäten der Studierenden beziehungsweise Lernenden immer dann ergeben, wenn sie eben schon besonders viel dazu beitragen können, weil sie beispielsweise über ein entsprechendes Vorwissen verfügen. Dann würde es vielleicht gar keine Partizipationslücke geben, sondern Partizipation situativ passend erfolgen. Diesen Prozess in Gang zu setzen und es zu ermöglichen, dass Lernende zu diesem aktiven Austausch beitragen, das kann eine Soziale Didaktik unter Einsatz der sozialen Medien in meinen Augen besonders gut gewährleisten. Das aber wäre sicher ein neues und interessantes Feld für die lerntheoretische und didaktische Forschung in Bezug auf Social Learning.

Metadidaktik: Nachtrag zu Partizipationslücken (26.05.2015)

„Das Einbinden von Social Software in derart reproduktionsorientierten Kontexten ver-
fehlt notwendigerweise sein Ziel, da die Perspektiven der Studierenden irrelevant für die Leistungserbringung werden.“26 

Das Lesen des Aufsatzes von Petra Grell und Franco Rau zu Partizipationslücken hat sich für mich noch einmal als sehr fruchtbar erwiesen. Die beiden Autoren werten systematisch verschiedene Studien in Bezug auf die Partizipation der Studierenden im Rahmen verschiedener Lehrveranstaltungen mit Social Software (vor allem Wikis und Blogs) aus.27 Ihre Erkenntnis deckt sich ziemlich gut mit dem, was wir bei Beck et al. Services im Bereich von Social-Collaboration Plattformen diskutieren und erfahren.28 Zusammenfassend würde ich folgende Punkte daraus hervorheben:

  • Wie im ganzen Blog deutlich geworden werden sollte, handelt es sich bei der Frage des Einsatzes von Social Software in Lehrkontexten – vor allem den didaktischen Überlegungen dazu – um eine andere Art des Lernprozesses, nämlich den eines Social-Learning.
  • Social Software als Technologien setzen im Einsatz im Sinne einer Sozialen Didaktik in Hochschulen eine sozio-kulturell andere Herangehensweise voraus, als beispielsweise die klassische Vorlesung.
  • Weil die didaktisch andere Herangehensweise eines Lehrbeauftragten im Hochschulkontext noch einmal an deren Strukturen und Kultur zurück gebunden ist, ergibt sich das, was Grell und Rau Partizipationslücken bezeichnen.
  • Partizipationslücken ergeben sich also auch aufgrund fehlender struktureller oder prozessualer Voraussetzungen, Social Learning im Rahmen der Hochschullehre didaktisch klug umzusetzen. Das wäre in meinen Augen die metadidaktische Ebene, die hier eine zentrale Rolle spielt.

Zwei zentrale Aspekte, die wir im Rahmen der Einführung von Social-Collaboration Plattformen in Unternehmen als Voraussetzung besonders hervorheben, nämlich der von Transparenz und der von Sinn-Haftigkeit des Lernens (und didaktisch gesehen des darauf gründenden Lehrverhaltens) sollen diese Problematik noch einmal verdeutlichen:

Transparenz: „Wenn Studierenden aber der Zusammenhang von wissenschaftlichem Wissen, im akademischen Umfeld erworbenen Kompetenzen und einer aufgeklärten professionellen Handlungspraxis nicht transparent wird, hat dies erhebliche Folgen für die Bildungsprozesse.“29 Aus dieser fehlenden Transparenz entstehen schnell problematische Handlungsweisen bezüglich des Lernens. Eine davon ist, sich das Wissen rein zweckoptimiert und unkritisch anzueignen, „um sie in entsprechenden Prüfungssituationen abzurufen.“ So gesehen besteht überhaupt kein Bedarf bei den Studierenden, sich an der Contentproduktion zu beteiligen. Im Gegenteil.

Sinn-Haftigkeit: „Einzelne Berichte von Studierenden, dass wortgenaues Auswendiglernen von Vorlesungsskripten zu besseren Noten führe als eigenständiges Denken und Hinterfragen, sind Zeugnisse der vielschichtigen und teils widersprüchlichen Strukturen in der Hochschule.“30 Dieses Zitat über die fehlende Sinn-Haftigkeit – in meinen Augen ein metadidaktisches Fiasko – kann eigentlich für sich alleine stehen und damit will ich diesen Blog tatsächlich (vorläufig) beenden.

  1. In der Ankündigung hier. Es ist mitunter ziemlich nett, was es im Netz so alles an Entwicklungen gibt. Sogar einen waschechten YouTube Professor ;-). Ich wusste bis dato jedenfalls nicht, dass man einen solchen Abschluss bzw. Status formal erreichen kann. []
  2. Es ist auf dieser Seite zu finden. Sofern nicht anders gekennzeichnet, beziehen sich alle Zitate auf diesen Blog und die Kommentare dazu. []
  3. Die E-Teaching.org Community bzw. das Portal ist dazu gedacht, Lehrenden und Lehrbeauftragten in der Hochschulbildung „wissenschaftlich fundierte und praxisorientierte Informationen zur Gestaltung“ des Lehrauftrags mit digitalen Medien zu geben. []
  4. Das ist in meinen Augen bereits der erste wichtige Aspekt beim Social Learning. Es geht um eine gemeinsame bzw. kollaborative Erarbeitung des Themas und seiner Aspekte. Sich suchend und mit noch unfertigen Gedanken auf den Weg zu machen, andere dabei um die Schilderung ihrer Erfahrungen zu bitten, um darauf selbst aufzubauen, ist etwas was (leider) oft erst wieder gelernt werden muss. []
  5. Auf SlideShare sind – völlig transparent und jedem mit-geteilt – die Folien. Hier ist auch eine Linksammlung zu finden. []
  6. Für mich ist ganz klar Social Learning die soziale Didaktik. Das habe ich zumindest im Wikipedia Artikel über Social Learning dazu geschrieben. []
  7. Dabei ist für Aristoteles die menschliche Hand das „Werkzeug aller Werkzeuge“. Für ihn hat der Mensch „eine von Natur aus auf technische Freiheit hin entworfene technische Ausstattung“ (Krohn, S. 4). []
  8. Und „je mehr eine Gesellschaft über Technik […] verfügt, desto mehr wird sie sich durch diese symbolisch und real definieren“. Ich beziehe mich bei dieser Interpretation auf den in meinen Augen tollen Aufsatz „Technik als Lebensform – Von der aristotelischen Praxis zur Technisierung der Lebenswelt“ von Wolfgang Krohn, S. 1. []
  9. Hierzu gibt es den schönen Aufsatz „Technik, Handeln und Sozialstruktur“ des Techniksoziologen Werner Rammert hat, auf den ich immer wieder gern verweise. []
  10. Es ist in meinen Augen nachgerade witzlos, dass man beispielsweise soziale Kompetenzen für sich alleine lernt. Das funktioniert deshalb nicht, weil ich „die anderen“ als Spiegel für mein eigenes Verhalten benötige. Überhaupt ergibt sich eine Kompetenz nur im Gruppenzusammenhang. Das gilt selbst für die Fachkompetenz, denn für sich alleine hat dieses Wissen keinerlei Bedeutung oder Sinn. []
  11. Dummerweise bleibt jede didaktische Überlegungen in einem Konjunktiv stehen. „Es könnte also sein, dass…“ Tatsächlich gibt es keine Gewähr dafür, dass es zu einem besseren oder sozialeren Lernergebnis kommt. []
  12. Das ist eigentlich der Kerngedanke meiner beiden Blogbeiträge zur digitalen Sozialität hier und hier. []
  13. Krohn, S. 2. []
  14. a.a.O. []
  15. „Diese ruhige Selbstbeschreibung des Menschen als ein auf Technik ausgelegtes Tier fundiert […] eine Theorie der Praxis des technischen Lebensvollzugs […] Technik ist ursprünglich und immer schon Praxis des Lebens“ (a.a.O., S. 5). []
  16. a.a.O., S. 8. []
  17. Frank Vohle im Kommentar hier. []
  18. Dazu, bzw. in Bezug auf eine E-Learning Strategie an Hochschulen im Allgemeinen haben Timo van Treeck und ich einen Fachbeitrag für die Zeitschrift für Hochschuldidaktik unter dem Titel „Kollaboration als Kern einer E-Learning Strategie“ geschrieben. []
  19. Das kann man durchaus fast wörtlich nehmen, weil es sich im Regelfall um die Kommunikation mit Freunden handeln dürfte, die dann per Smartphone oder Tablet vollzogen wird. Man hat quasi auf dem Netzwerk seinem Freundeskreis dabei. []
  20. a.a.O., Kommentar 2 hier. []
  21. Derek Muller, Produzent des Videos und Gründer des eigenen YouTube Kanals „Veritasium“ im Video bei ca. Minute 06:20. Eigene Übersetzung. []
  22. Kommentar Nr. 4 von Thomas Walden zur Einführung von Dunkelmunkel hier. []
  23. Damit meine ich, dass die Eigenaktivität ernsthaft dazu führen muss, dass die aktiven Beiträge (der Content) Teil des weiteren Lehr- und Lernprozesses werden. Es gibt nichts Schlimmeres, als die Eigenaktivität dadurch zu missachten, dass es zwar nett ist, Ergebnisse präsentiert zu bekommen, aber es keine weiteren Auswirkungen hat. []
  24. „Ihr dürft mal, wenn ihr dazu Lust habt.“ Diese Einbindung ist auch eine zentrale Voraussetzung dafür, dass die Arbeit in Online Communities, Foren oder auch auf Moodle überhaupt läuft. Es muss ein zentraler und notwendiger Bestandteil der Lehrveranstaltung werden. []
  25. Siehe hierzu auch den Aufsatz „Partizipationslücken – Social Software in der Hochschullehre“ von Petra Grell und Franco Rau von 2011. []
  26. Grell & Rau 2011, S. 17. []
  27. Sie verweisen dabei sehr deutlich darauf, dass es sich zwar nicht um eine Metastudie handelt, aber doch eine Auswertung, die sehr valide in einem „mittleren Spektrum und Zeithorizont “ angelegt ist. []
  28. Ich bin mit Überzeugung Beschäftigter bei Beck et al. Services und kann hier viel bezüglich Social Learning lernen. Meine Erfahrungen im beruflichen Bereich blogge ich relativ regelmäßig über unseren Corporate Blog hier. []
  29. Grell & Rau 2011, S. 17. []
  30. a.a.O. []
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2 Antworten

    • Vielen Dank für das Feedback. Dann müssen wir uns um einen anderen Punkte bemühen, an dem wir diskutieren können ;-). Da melde ich mich noch mal. Ich würde ja sehr gerne den Unterschied (aber auch die Gemeinsamkeiten) in der Didaktik zwischen Mathematik (Technik) und beispielsweise Politischer Bildung herausarbeiten. Mal sehen, ob mir dazu was kluges einfällt.

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