Digitale Sozialität – Teil 2

„In wenigen Jahren haben diejenigen Internetdienste die Medienwelt revolutioniert, die aus der Aktivität ihrer Nutzer leben […] Dieser Wandel ist nicht nur ein technischer Wandel. Es ist ein grundlegender Wandel in Kommunikation und Kultur.“

Jöran Muuß-Merholz, von dem obiges Zitat stammt, spricht mir aus der Seele. Und in der Tat: Was für ein rasanter Aufstieg, den die Social Media an den Tag gelegt haben, wenn man alleine die zeitliche Verwendung betrachtet. Bereits Anfang 2012 meldete der Branchenverband BITKOM, dass mittlerweile fast 25 % der Online verbrachten Zeit den Sozialen Netzwerken galt und ¾ der Internetnutzer in sozialen Netzwerken vertreten sind. Die Folgestudie von 2013 zeigt, dass „das mit Abstand am häufigsten genutzte Netzwerk in Deutschland […] Facebook ist: 56 Prozent der Internetnutzer geben an, Facebook aktiv zu nutzen.“1 Damit erreichen am Ende vor allem Facebook, Google+ oder LinkedIn als soziale Netzwerke Millionen von Menschen im Internet. Auch bei älteren Menschen werden die sozialen Netzwerke immer beliebter. Im Rahmen von Video-, Bild- oder Musikportalen, wie etwa YouTube, Flickr oder Picasa, wird online ebenfalls immer mehr Zeit verbracht. Zum einen, weil sie die Möglichkeiten von Foren oder Chats aufweisen, zum anderen jedoch deshalb, weil damit auf einfache Art und Weise eigene Inhalte (wie etwa Fotos oder Videos) mit anderen geteilt werden können.2 Sowohl stationär, als auch mobil wird innerhalb der sozialen Netzwerke am häufigsten die Funktion der Kommunikation benutzt. Das bezieht sich zum einen auf klassische Chat-Funktionen, zum anderen auf den Versand von (Kurz-) Nachrichten.3 Was, wenn nicht allein schon diese Zahlen, könnte besser zeigen, dass sich in der digitalen Welt die konstitutive Sozialität von Menschen fortsetzt? In diesem zweiten Teil meines Blogs will ich näher erläutern, warum in meinen Augen die Erfolgsgeschichte der sozialen Netzwerke, die als disruptive Technologie altgewohnte Umgangsweisen und tradierte Kommunikationsformen unterbrechen, fast zwangsläufig zu einer fundamentalen Kulturkritik führt. Ohne übrigens zu verschweigen, dass es natürlich auch negative Entwicklungen des soziokulturellen und medialen Wandels gibt, die aufgegriffen werden müssen.4 Teil 1 (hier) befasst sich mit der grundlegenden Sozialität von Menschen, auf welche die Social Media erfolgreich aufbauen können. Dieser Aspekt ist zentral für ein grundlegendes Verständnis der Funktionsweise von sozialen Medien im Internet als Grundlage ihres Erfolgs.

Bild: Art+Feminism Wikipedia Edit-a-thon 2015, The Museum of Modern Art, New York von TheDasherz. CC 4.0 (BY-SA) URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Art%2BFeminism_Wikipedia_Edit-a-thon_2015,_The_Museum_of_Modern_Art,_New_York_13.JPG

Der Umgang mit Social Media will gelernt sein. Insofern hängt eine Art von digitaler Literalität davon ab. Für die „Digital Natives“ ist die Informationsquelle Internet bereits jetzt wichtiger als Zeitungen und Zeitschriften. Ein Hinweis darauf, dass die Social Media auch „subversiv“ sein können. Die klassischen Massenmedien verlieren jedenfalls Zug um Zug durch aktive Beiträge und gut recherchierte Artikel in den Sozialen Netzwerken ihre „Deutungshoheit“ gegenüber politischen Entwicklungen. Die Wikipedia hat dabei für die klassischen Enzyklopädien schon lange vorgemacht, wie disruptive Technologien wirken. Enzyklopädien heute können nur noch über das Netz und unter aktiver Beteiligung der Menschen adäquat abgebildet werden. Dabei wird das Wissen nicht nur demokratisch verteilt – es entsteht auch demokratisch.
Bild (= Beitragsbild als Ausschnitt): TheDasherz – Art+Feminism Wikipedia Edit-a-thon 2015, The Museum of Modern Art, New York. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA).

 

Ständig grüßt die Technologiekritik

„Empirische Untersuchungen zeigen, dass es bei computervermittelter Kommunikation insgesamt nicht zu einem prägnanten Medienwechsel im Sinn von Substitution oder Verdrängung kommt, der auf Kosten persönlicher Begegnungen geht.“5 

Die Schriftstellerin Kathrin Passig sieht die Technologiekritik an den Social Media als Standardsituation einer (wiederkehrenden) Kritik, die sich zunächst einfach deshalb ergibt, weil die Entwicklung neu und damit für viele befremdlich ist.6 Der dabei auftretende „Kulturpessimismus“ bezieht sich in meinen Augen besonders auf eine Kritik am Umgang Jugendlicher mit den Social Media, die sich am sichtbar anderen Verhalten festmacht. Dabei wird ein unüberbrückbarer Gegensatz – die Kluft zwischen realer und virtueller Welt – aufgemacht, der so weder existiert, noch postuliert wird.7 Diese kulturpessimistische Kritik hat zum einen mit einem Unverständnis der grundsätzlichen Wirkungsweise von Social Media zu tun.8 Und eigentlich wäre es hierfür besser, die Frage nach den Bedingungen digitaler Literalität zu stellen, welche einen kompetenten Umgang mit den sozialen Medien gewährleisten kann. Zum anderen aber steckt in meinen Augen noch mehr hinter dieser Kritik: Literalität kann nämlich nicht nur als grundlegende Kompetenz verstanden werden, Texte zu lesen und zu verstehen, sondern auch als Kompetenz, eigene Beiträge zu verfassen und sich aktiv in Netzwerke einzubringen. Das eigene aktive Einbringen in die persönlichen Netzwerke sowie das Verstehen von Texten und der dahinter liegenden Ideen ist in der europäischen Geschichte auch der Ausgangspunkt der Aufklärung gewesen. Und der Beginn der Erwachsenenbildung als „Moment einer gesellschaftlichen Freiheitsbewegung“.9 Das Lesen von Texten und das Diskutieren im Rahmen von Communities stellt so historisch sowohl den Ausgangspunkt kritisch reflexiven Wissens, als auch des Aufbegehrens gegen die Obrigkeit dar.10 Die im Rahmen der sozialen Netzwerke entstehende Transparenz, aber auch die Unkontrollierbarkeit der damit verbundenen Gedanken und Ideen, waren Machthabern und reichen Eliten schon immer ein Dorn im Auge.11 Es gibt jedoch noch einen dritten Aspekt, der diese Kritik hervorruft: die massenhafte Anwesenheit in virtuellen Netzwerken verändert unwiderruflich die Art und Weise, wie Menschen in modernen Gesellschaften miteinander kommunizieren. An der unvermeidlich wiederkehrenden Kulturkritik, oder eigentlich genauer an den sich wiederholenden Argumenten, wie sie vorgetragen wird, lässt sich gerade dies gut ablesen. Doch zunächst noch einmal zurück zur historischen Entwicklung. Diesmal mit dem Fokus auf auf dem Aspekt der Eigenaktivität der Nutzer, der in meinen Augen tatsächlich das unterbrechende (disruptive) Element darstellt.

Noch einmal Technikgeschichte

„Im Alter der Volljährigkeit kann die Mitgliedschaft in einem Netzwerk als Normalzustand beschrieben werden“12.

Der Begriff Web 2.0 bzw. der des sozialen Internet ist einer jener Begriffe, die ex post zu fassen versuchen, was sich in einer längeren Entwicklungslinie als offensichtlich herausstellt. Die historische Einordnung orientiert sich dabei zunächst an rein technischen Entwicklungen, diesmal mit dem Fokus darauf, was die Nutzer an eigenen Beiträgen leisten konnten. Insofern kann ich hier sehr gut den Faden des ersten Teils wieder aufnehmen. Ich war bei der breiten Durchsetzung und ökonomischen Nutzung des Internet stehen geblieben, also einer Phase, in der tatsächlich keine allzu spannenden soziokulturellen Entwicklungen des Internet stattgefunden haben. Mit einer Ausnahme: 1994 wird Amazon.com gegründet und 1995 geht eBay an den Start. Diese beiden kommerziellen Internetdienstleister sind deshalb so wichtig, weil beide die Eigenart der Social Media zu nutzen verstehen und jeweils eine eigene Community aufbauen. „Ich suche dich“ – im englischen homophon mit ICQ (I seek you) bezeichnet – geht 1996/97 als instantaner (sofortiger) Benachrichtigungsdienst (Instant Messaging) durch den Onlinedienst AOL an den Start. Plötzlich können sich mindestens zwei Teilnehmer*innen schriftlich und in Echtzeit unterhalten, also gemeinsam chatten. 1999 eröffnet der Blogservice „Blogger.com“ die Möglichkeit, sein persönliches Tagebuch einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Blogs gibt es zu diesem Zeitpunkt zwar bereits vielfach, doch erst jetzt ist es jedem Nutzer relativ einfach möglich, einen Blog zu erstellen und zu unterhalten. Eine Tradition die von WordPress13 ab 2003 und auch von anderer Software fortgesetzt wird und mittlerweile zu einer festen Instanz inhaltlich fundierter Meinungen im Web 2.0 geworden ist. Apropos fundierte Meinung: Am 15. Januar 2001 beginnt das wohl größte und interessanteste Projekt einer offenen Community im Internet, die Wikipedia als Online-Lexikon. Die Wikipedia stellt heute nicht nur eine soziale Gemeinschaft dar, sondern auch ein globales kulturelles Phänomen – auch wegen der verschiedenen Sprachen, in denen sie mittlerweile zu Hause ist. Ihr größtes Verdienst besteht darin, das freiwillige kollaborative, also gemeinsame, Erarbeiten von eigenen (enzyklopädischen) Beiträgen etabliert zu haben.14 Es folgen viele Netzwerke, die heute fast keiner mehr kennt, wie etwa StudiVZ (Studiverzeichnis) als Online Community für Studierende. Was wäre nun, wenn man mit Personen, die man über die Foren kennt, kommunizieren könnte und vor allem Daten zu Ihnen bzw. ein Profil zur Verfügung hätte? Das war die Geburtsstunde von Facebook und den Sozialen Netzwerken heute. Wir schreiben das Jahr 2004. Es folgen: YouTube (2005), Twitter (2006), Tumblr (2007), Pinterest und Instragram (2010) sowie schließlich Google+ (2011), gefolgt von weiteren Netzwerken. Insbesondere die letztgenannten sozialen Medien sind zentral für die Frage des Erstellens und Teilens eigener Inhalte geworden, also desjenigen Tatbestandes, der die Errungenschaft des Web 2.0 darstellt. Das Mitmach-Netz, in dem zunächst Gleiche mit Gleichen zu tun haben, trifft damit auf gesellschaftliche Strukturen, die so etwas – zumindestens bisher – nicht vorgesehen haben.15 Es ist in seiner Eigenart ein deutlicher Bruch, eine Disruption, der bisher gewohnten Art und Weise, Organisationen aufzubauen (über Hierarchien) und Kommunikation darin zu gewährleisten (über zentralisierte Massenmedien).

Shift happens

„Die Lesesucht ist ein thörigter, schädlicher Mißbrauch einer sonst guten Sache, ein wirklich großes Übel, das so ansteckend ist, wie das gelbe Fieber in Philadelphia; sie ist die Quelle des sittlichen Verderbens für Kinder und Kindes Kinder.“16

Bereits an der Kulturkritik „Lesesucht“, die im 18. Jahrhundert vor den Gefahren des Lesens von Flugblättern und Zeitungen, die technisch zu dieser Zeit erstmalig und massenhaft verbreitet werden konnten, warnte, kann man grundlegend bereits die immer gleichen Argumente studieren. Der historische Kontext war, dass an die Stelle der ständischen Organisation und Segmentierung der Gesellschaft, und damit vor allem der individuellen Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, nun neue, „schriftvermittelte Netzwerke“ traten.17 Da verwundert es nicht, dass von Seiten des Bürgertums beispielsweise kritisiert wird, die Dienstboten würden zu viel lesen, anstatt zu arbeiten. Das kann man heute direkt auf die Kritik und Befürchtung von Arbeitgebern übertragen, dass Social Media während der Arbeitszeit die Beschäftigten von der Arbeit abhalten würden. Interessant ist die Analyse der Gründe für diese Kulturkritik auf soziologischer Ebene, wie sie Albrecht Koschorke anbietet. In seinen Augen führte die  Ausbreitung des Schriftgebrauchs und des Lesens zu einer weiten Verbreitung (Diffundierung) von Wissen. Die sich nun entwickelnden individuellen Vorstellungsweisen musste das „kommunikative Geflecht der Ständegesellschaft“ letztlich zerreißen. Das betraf die Struktur der häuslichen Gemeinschaften ebenso wie etwa die feinen Verästelungen der obrigkeitlichen Wissensordnung. In den Augen von Koschorke zeigt das, dass geheime Praktiken der Macht mit Öffentlichkeit, wie sie nun durch das Lesen entsteht, unvereinbar sind.18 Selbstredend sind Kinder und Jugendliche, sowie zu dieser Zeit natürlich Frauen, vor den Gefahren, die der ungehemmte Lesekonsum in sich birgt, zu bewahren. Beispielsweise durch eine zensierte Vorauswahl an Büchern.

Was, wenn nicht das Lesen U-topischer, im Wortsinne „Nicht-örtlicher“ Gedanken19 stellt das Paradigma virtueller Welten dar? Gesellschaftskritik ist vielfach nicht nur für die Science-Fiction Literatur auszumachen, sondern kann gerade in Romanform als zentraler Gedanke daherkommen.20 Diese Angst vor der Unkontrollierbarkeit der Informationen und der dahinter stehenden Ideen, welche sich die Menschen durch das Lesen aneignen konnten, war ein zentraler Aspekt, warum gerade privilegierte und obrigkeitshörige Bevölkerungsschichten kulturkritisch reagierten. Dennoch hat sich schließlich eine soziokulturelle Veränderung hin zu den Möglichkeiten ergeben, die die jeweils aktuellen sozialen Medien geboten haben. Shift happens eben, wie es Jöran Muuß-Merholz so schön ausgedrückt hat. Und zwar allein deshalb, weil es den Menschen immer schon wichtig war, sich auszutauschen und zu kommunizieren. Noch einmal auf diese Zeit bezogen: Mit dem Lesen bzw. grundsätzlich der zunehmenden Literalität nimmt die Asymmetrie zwischen dem realen Ort, der in dieser Zeit „jedem einzelnen zugewiesen ist“ und den Möglichkeiten des Wissens über andere Formen des Zusammenlebens und Arbeitens zu. Schließlich wird das Wissen, das sich durch das Lesen ergibt, zur „Möglichkeitsform des Begehrens – zum Gegenstand […] [einer] Wunschtätigkeit“. Eben utopisch und zu einer Idee, die im Zweifel demokratische Rechte und Partizipation einer Gesellschaft einfordert oder zumindest die Weiterentwicklung der Gesellschaft nicht nur dem „Gelehrtenstand“ und einer kulturellen Elite überlässt. Das macht schließlich die Mächtigkeit sozialer Medien aus, wie man in jüngerer Zeit am Beispiel des „Arabischen Frühlings“ studieren kann.

Noch einmal zurück zur Kulturkritik

Philippe Wempfler fasst in seinem Blog (hier) noch einmal die grundlegenden Kritikpunkte am Lesen zusammen. Ich übernehme das grundsätzlich und erweitere bzw detailliere es um mir wichtige Spezifika:

  1. Betroffen von der Kritik und Unterstellung der Lesesucht sind nicht-privilegierte Gruppen wie Frauen und Jugendliche.
  2. Die Kritik selbst geht entweder von Privilegierten oder von Machthabern aus.
  3. Die dahinterstehende Ideologie ist ein digitaler Dualismus: Die physische Realität der Alltagswelt und die virtuelle Welt der Romane sind zu trennen.21
  4. Die Interaktion der beiden Sphären wird als gefährlich angesehen, wobei der virtuellen Welt (also der Fantasie und Vorstellungskraft von Menschen, die durch das Lesen adressiert wird) eine enorme Wirkmächtigkeit zugesprochen wird.22
  5. Der verwendete Suchtbegriff ist auch aufgrund von unpräzisen Vergleichen undifferenziert und tendenziös.

Inhaltlich kann man diese Zusammenfassung relativ uneingeschränkt auf die kulturkritische Auseinandersetzung der heutigen Zeit mit den sozialen Netzwerken beziehen. D.h., dass auch Manfred Spitzer beispielsweise diesen Argumentationsmustern verfolgt. Was insbesondere für Punkt 3, den digitalen Dualismus, sowie Punkt 4, der Wirkmächtigkeit von Fantasie und Vorstellungskraft, gilt. In Worten von Wempfler: „Diese Aspekte gelten auch für ‚Mediensucht‘, wie sie heute mit Computerspielen (‚World of Warcraft‘) und Social Media in Verbindung gebracht wird.“23

Das Internet als Spiegel der Gesellschaft

„Wir Internet-People haben jahrelang gefordert, dass endlich alle ins Netz kommen sollen. Aber jetzt sind sie da.“24 

Das Internet ist mittlerweile „zu einem der wichtigsten Bestandteile der Sozialisation und Selbstfindung Jugendlicher geworden.“25 Doch heutzutage sind mehr oder weniger alle in den Sozialen Netzwerken angekommen, also auch „Otto-Normalbürger(in)“ und nicht nur die Jugend. Und können sogar noch mitmachen. Da verwundert es nicht, dass sich plötzlich all die Probleme, die sich aus dem gesellschaftlichen Zusammenleben auch ergeben, im Internet wiederfinden. Das ist sicher ein zentraler Aspekt, den man in Zukunft viel Aufmerksamkeit widmen muss. „Die Erschütterung über den Hass im Netz ist eigentlich die Erschütterung über den undigitalen Hass in den Köpfen.“26 Das Social Web hat hier geholfen, eine Illusion zu zerstören. Nämlich die Vorstellung, dass die Abwesenheit von Unmenschlichkeit (die recht undigital im Verborgenen des Denkens blühte) als ihr nicht Vorhandensein interpretiert wurde. Eins stimmt deshalb mit Sicherheit nicht: Dass der digital ausgedrückte Hass ein neues Phänomen ist, das dem Internet oder den Social Media als Technologie zu eigen ist. „Das grandiose, grässliche an den sozialen Medien ist, dass sie einen Blick erlauben in die Köpfe, während die Gedanken verfertigt werden.“27 So drückt es ein letztes Mal Sascha Lobo aus. Eigentlich könnte man sagen: Glücklicherweise ist das so. Denn das bietet schließlich die Chance, die sich verfertigenden Gedanken noch zu beeinflussen und sie nicht schon als fixe Ideologie auf den Straßen vorzufinden. Wo, wenn nicht in den Communities und über die Sozialen Netzwerke könnte dies wohl passieren? Das wäre zumindest ganz im Sinne der Aufklärung und moderner Erwachsenenbildung. Quasi Aufklärung 2.0.

Metareflexion und Nachtrag am 28.04.2015

Die Entscheidung, den Blog in zwei Teile zu gliedern, war ursprünglich rein der Länge gechuldet. Erst beim Abgrenzen und aufeinander Beziehen wurde mir klar, dass ich auch zwei verschiedene Themen damit behandelt habe:

  • Teil 1 setzt sich mit der fundamentalen sozialen Verfasstheit von Menschen auseinander, welche von den Social Media vollumfänglich unterstützt wird und
  • Teil 2 behandelt die disruptiven Auswirkungen, die sich durch die Organisation digitaler sozialer Netzwerke ergeben. Einschließlich der vorhersehbaren Kritik daran.

Ich habe also in mehreren Schritten behutsame Anpassungen des ursprünglichen Textes vorgenommen, um die beiden Aspekte jeweils herauszuarbeiten. Dabei blieb die jeweilige Grundaussage der Teilbeiträge unverändert.

Diese Metareflexion ist mein Beitrag zum Thema „Working out loud“ oder in diesem Fall besser: „Learning out loud“.

Ich bin am Überlegen, den zweiten Teil in „Disruptive Sozialität“ umzubenennen. Wenn es Unterstützung dafür gibt, dann bitte ich ausdrücklich um einen entsprechenden Kommentar.

Nachtrag am 01. Mai 2015

Das behutsame Anpassen, das ich heute bezüglich des zweiten Teils vorgenommen habe, stellt(e) auch für mich heute noch eine Herausforderung dar. Früher hätte ich so lange am Text gebastelt, bis er in meinen Augen gepasst hätte. Erst dann hätte ich ihn publiziert.

Heute muss er zumindest ungefähr stimmen. Nacharbeiten kann man immer noch. Denn wie so vieles – auch dieses „laute Denken“ meinerseits ist ein Prozess, der eigentlich nie zu Ende ist. Wieso sollte es dann einen fertigen Blog dazu geben? Insofern bleibt er unfertig, aber zunächst einmal beendet. In Kommentaren und der Kommunikation darüber kann das Thema dennoch – kritisch – weiter entwickelt werden.

  1. Bitkom 2013 (Hrsg.): Soziale Netzwerke 2013. Dritte, erweiterte Studie. Eine repräsentative Untersuchung zur Nutzung sozialer Netzwerke im Internet, S. 3. []
  2. „Freunde und Kollegen kommunizieren miteinander, informieren sich über das Tagesgeschehen und teilen Musik und Videoclips“ – Bitkom 2012 (Hrsg.): Internetnutzer verbringen die meiste Zeit in Sozialen Netzwerken. []
  3. Das deckt sich mit dem Ergebnis, dass „73 Prozent der befragten Netzwerker […] an [geben], sich mit Hilfe der Communities mit Freunden auszutauschen bzw. in Kontakt zu bleiben“ – a.a.O. (2013), S. 3. []
  4. Aber, und das werde ich am Ende des Blogs ebenfalls noch näher ausführen: das kann in meinen Augen wiederum nur in einer diskursiven Auseinandersetzung in und mit den sozialen Netzwerken geschehen. []
  5. Nicola Döring, (22003): Sozialpsychologie des Internet. Die Bedeutung des Internet für Kommunikationsprozesse, Identitäten, soziale Beziehungen, Gruppen. Göttingen: Hogrefe, S. 435. Für mich ein Standardwerk im Bereich Kommunikation im Internet. []
  6. Es ist schön, ihren Aufsatz im Merkur zu lesen, weil er viele bekannte Beispiele technologischer Entwicklungen enthält, die sich trotz einer fundamentalen Kritik schlichtweg durchgesetzt haben, wie etwa das Telefon. „Wer will denn so etwas schon haben?“ Die allermeisten Menschen, weil es zum ersten Mal ermöglicht, sich tatsächlich auf Distanz zu unterhalten. []
  7. Vorzugsweise etwa wird ein solcher Widerspruch von Menschen ohne großartige eigene praktische Erfahrung in diesem Bereich, wie etwa Manfred Spitzer, formuliert. Diese Spitze(r) musste ich einfach loswerden :-). Hier stimme ich auch Bob Blume (hier) nicht zu, denn ich wüsste nicht, wer ernsthaft auf der Seite der „Digitalisten“ eine solche Dichotomie formuliert. []
  8. Siehe hierzu Teil 1 meines Blogs hier. []
  9. Siehe hierzu Pongratz (2003): Zeitgeistsurfer. Beiträge zur Kritik der Erwachsenenbildung. Hier geht es zum Download des Dokuments. []
  10. „Dass viele (erwachsenenbildnerische Lesezirkel) der Obrigkeit suspekt blieben, liegt auf der Hand. Denn der Vernunftgebrauch hat etwas Unduldsames: Er setzt auf Mündigkeit, auf Kritik, auf freie Luft zum Atmen“ – a.a.O, S. 11. []
  11. Mit Transparenz meine ich nicht die Probleme, die sich aufgrund datenschutzrechtlicher Aspekte bei den sozialen Netzwerken stellen. []
  12. Deutsches Jugendinstitut (DJI) 2012 (Hrsg.): Projekt: Medien, Kultur und Sport bei jungen Menschen (MediKuS). Ausgewählte Ergebnisse hier. []
  13. Also die Software, auf der auch dieser Blog beruht. []
  14. An dieser Stelle ist es Zeit, dass ich mich dazu bekenne, ebenfalls ein Wikipedianer zu sein. Und zwar seit dem Januar 2009. Zu meinem Profil geht es hier. Der Wikipedia folgte im Juli 2012 – also relativ spät – das Profil auf den Wikimedia Commons (hier). []
  15. Das gilt in einem unmittelbaren Sinn für hierarchische Organisationen wie etwa tayloristisch organisierte Unternehmen, aber zu erheblichen Teilen auch für demokratische Staatsformen, jedenfalls dann, wenn sie im Sinne einer repräsentativen Demokratie aufgebaut sind. []
  16. So Johann Gottfried Hoche 1794 in seinen „Vertrauten Briefe über die jetzige abentheuerliche Lesesucht“. Das Zitat habe ich dieser Seite über Mediengschichte hier entnommen. []
  17. a.a.O. []
  18. a.a.O. []
  19. Aus altgriechisch = „der Nicht-Ort“ []
  20. Was zu dieser Zeit die erste Gelegenheit für Frauen war, Kritik an der gesellschaftlichen Rollenzuweisung zu üben. Das wiederum zeigen die Romane von Jane Austen sehr gut, wie auch ihre Biografie und die zunächst pseudonymen Veröffentlichungen dafür stehen. „In Mansfield Park finden sich für Jane Austen ungewöhnliche, über rein bürgerliche Gesellschaftskritik hinausreichende politische Anklänge, z.B. als Fanny Price ihren Onkel auf die Herkunft seines Reichtums, nämlich den Sklavenhandel, anspricht und die versammelte Familie in „tödlichem Schweigen“ verstummt“ – a.a.O. []
  21. Hier ließen sich eine Reihe ganz spannender philosophischer Fragen stellen. In den entsprechenden Kritiken werden hochproblematische Kausaltitätswirkungen schlichtweg als gegeben unterstellt. []
  22. Dieser Aspekt ist durchaus ein ganz zentraler, denn er lässt sich eigentlich sehr gut historisch zeigen. Die richtigen Ideen und die Sehnsucht der Menschen danach, sie zu erfüllen, waren zu allen Zeiten der eigentliche Beweggrund für Revolten und gesellschaftliche Veränderungen. []
  23. a.a.O. []
  24. Sascha Lobo in der Spiegel Kolumne „Aufblitzen der Unmenschlichkeit“ []
  25. Grgic & Holzmayer (2012): Zwischen Fußball und Facebook. Jugendliche sind vielseitig interessiert. Über die Aktivitäten der Generation 2.0. In: DJI Impulse 3/2012, S. 20. []
  26. Sascha Lobo, a.a.O. []
  27. a.a.O. []
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3 Antworten

  1. richtig erfrischend mal am Stück wieder eine nicht-technische Betrachtung zu lesen – Danke dafür und die Recherchen. Ich denke die wirklich disruptiven Veränderungen stehen noch bevor. Bisher konnten viele noch gut auf eBay, Wiki und Facebook verzichten. sobald wir diese Themen jedoch in unsere Arbeitswelt und Sozialen Prozesse integrieren, werden sie quasi zu Pflicht für die Teilnahme an der Gesellschaft – und teilt diese in Dabei und außen vor. Besonders die Verfügbarkeit von Massendaten, Verknüpfung mit „Dingen“ sowie die kaum noch zu unterscheidenden Beiträge von Mensch und Software – letztlich unsere „Verschmelzung“ mit Technologie über Wareables – und all das parallel… wird/ist eine wahre Disruption.
    It has began…

    • Vielen Dank für deine Anmerkungen. Wenn man den Zahlen glauben schenken kann, dann sind zumindest von dieser Seite her eBay, Wikipedia & Co soweit in Verwendung, dass sie in der Alltagswelt angekommen sind. Das alleine reicht natürlich noch nicht, dass sie richtig oder falsch verwendet werden, aber zumindest zeigt es, dass es für die meisten Menschen sinnvoll ist sie zu nutzen. Die Sinnkategorie wäre noch eine weiterzuentwickeln im Sinne der Entwicklung und vor allem des massenhaften Gebrauchs von Social Software. Ich persönlich glaube ja, dass man nur darüber verstehen kann, wann sich Technologien durchsetzen und wann technische Entwicklungen nach mehr oder weniger langer Zeit wieder in der Versenkung verschwinden. Der sinnhafte und, in den Worten von Hartmut von Hentig formuliert, „sozial kluge“ Gebrauch, oder zumindest eine sozial kluge Gebrauchsmöglichkeit sind ein guter Indikator für eine langfristige Entwicklung. Da bin ich mir bezüglich der Wearables noch nicht ganz so sicher ;-). Aber auch hier werden die Communities entscheiden, nicht meine mehr oder weniger sinnvollen Überlegungen dazu :-).

    • Apropos Recherche: Ich bin ja ein Digital Native (so würde ich mich in der Tat bezeichnen) der aufgrund seines Lebensalters vieles davon selbst erlebt hat. Jetzt nicht wirklich die Smiley Geschichte. Aber beispielsweise den Zugang ins Internet via Bildschirmtext (BTX). Da war ich noch bei der Telekom beschäftigt. Den Begriff werden viele wahrscheinlich gar nicht mehr kennen. Müssen sie auch nicht. Ist aber interessant die Veränderungen selbst zu erleben. Und über das Schreiben neu zu entdecken, wie tiefreifend die technischen Veränderungen zu ihrer Zeit einmal waren.

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