Talking about a revolution?

Ich denke, es ist eine Revolution. Ich glaube, dass ist eine tiefgreifende Veränderung in der Art und Weise, wie Menschen ihre Angelegenheiten arrangieren. Und ich verwende dieses Wort bewusst“

Vom 23. – 24. Juni 2014 fand an der Evangelischen Akademie Tutzing eine Kooperationstagung1 mit dem Titel „Zusammenarbeit 2.0. Wie die digitalen Medien die Arbeitswelt revolutionieren“ statt.2 Als Mitveranstalter (für das DGB Bildungswerk Bayern) hat mich diese Tagung tief beeindruckt. Nicht nur aufgrund der unglaublichen Expertise, die durch die Referenten*innen und die Teilnehmenden vertreten war. Sondern vor allem deshalb weil sie ein „Beweis“ dafür war, dass eine Gruppe mehr kann, als die Summe ihrer einzelnen Mitglieder. Damit lässt sich die Tagung selbst als Beispiel dafür verwenden, welches Potential in einer (elektronischen) ko-operativen Zusammenarbeit steckt. Ob es sich aber bei der Zusammenarbeit 2.0 um eine echte Revolution der Arbeitsorganisation handelt, wie im Arbeitstitel fragend behauptet wurde, das wird die Zukunft zeigen und hängt von spezifischen Lösungen oder Umständen ab.3

Bild: Mummelgrummel. Evangelische Akademie Tutzing - Tagung. CC-BY-SA

Zum Austausch über neue Formen der Arbeitsorganisation im Rahmen der Tagung „Zusammenarbeit 2.0“ in Tutzing trafen sich betriebliche Experten, Interessenvertretungen und Berater*innen.
Bild (= Beitragsbild als Ausschnitt): Mummelgrummel. Evangelische Akademie Tutzing – Tagung. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA) – Namensnennung und Verwendung unter gleichen Bedingungen.

Tag 1: Social Media in der Arbeitswelt

Wird also mit Hilfe der Social Media die Arbeitswelt revolutioniert? Das kommt zunächst auch auf den Standpunkt an, der im Rahmen der Tagung sehr unterschiedlich vertreten wurde. Wenn, dann besteht die Revolution eher nicht darin, dass man gut damit leben kann, über 30.000 ungelesene Mails zu haben, wie Siegfried Lautenbacher von Beck et al. in seinem Praxisbeispiel erwähnte. Und sicher auch nicht darin zu wissen, dass Unternehmen keine geschlossenen Systeme mehr darstellen und sich deshalb vernetzen oder Wissen teilen müssen, wie Stephan Grabmeier4 betonte. Eher schon nähern wir uns dieser Frage mit dem Hinweis darauf, dass mit „Zero Email!“ bei Atos nicht nur gemeint war, die Belastung durch ein hohes E-Mail Aufkommen zu senken. (Auch wenn 66 % der Befragten einer Bitkom Studie erklärten, E-Mails nicht als Belastung zu empfinden, wie Katja Hampe vom Branchenverband der IT Industrie betonte)5. Das Beispiel der E-Mail Reduktion auf Null, wie es Jochen Gemke am praktischen Beispiel von Atos vorstellte, sollte vielmehr zu einer (völlig?) neuen Art der Zusammenarbeit führen. Also doch eine Revolution?

Je später der Tag ..

Was jedenfalls noch viel mehr in  Richtung des Tagungstitels wies, also durch die Social Media die Art der Zusammenarbeit zu verändern und damit den bisherigen Standard tayloristischer Arbeitsorganisation zu revolutionieren, das waren einmal das vorher genannte Beispiel von Siegfried Lautenbacher6 sowie das Beispiel von Continental, das Harald Schirmer vorstellte. Mit seinem Plädoyer dafür, auch Unfertiges (nobody is perfect) erst einmal zur Diskussion zu stellen, damit Transparenz herzustellen und das Wissen durch die Gruppe ergänzen zu lassen, traf Siegfried Lautenbacher auf ein großes Verständnis und breite Zustimmung.7 Vor allem jedoch war es das Beispiel der Continental AG, das Harald Schirmer als Personalverantwortlicher vorstellte, welches das „revolutionäre“ Potential aufwies und entsprechend diskutiert wurde.8 Was dieses Beispiel von anderen Projekten positiv abhebt ist, dass es von vornherein kein rein technisches Projekt oder Vorhaben der IT-Abteilung war. Deshalb war auch keine Person alleine „verantwortlich“, sondern ein Team von vier Personen über die wichtigsten Querschnittsbereiche organisierte den – nach eigenen Aussagen – parallel dazu notwendigen Kulturwandel. Ein Team von Anfang an – das ist sicher eine kleine Revolution in ansonsten sehr hierarchisch geprägten transnationalen Konzernen, wie Continental einen darstellt. Was in meinen Augen bei Continental ebenfalls besonders gut gelungen ist, das ist die Art und Weise, wie der kulturelle Wandel von Guides initiiert und begleitet wurde. „Walk the talk“, also tue, was Du sagst, wie Harald Schirmer dazu ausführte. Das wäre jetzt allerdings auch noch nicht das, was ich unter einer Revolution der Arbeitswelt verstehen würde.

Tag 2: Demokratische Konfliktregulation

Wo bleibt nun tatsächlich die Revolution? Arbeiten wir in Zukunft wieder mehr in Gruppen – oder doch eher als Micro-Worker ganz alleine? Was müsste man dabei beachten? Nach den Diskussionen in den Workshops am Dienstag Morgen skizzierte Prof. Sabine Pfeiffer vom ISF München worin tatsächlich eine Revolution bestehen würde. Sie besteht wiederum nicht in der Technik des Web 2.09, wie sie ausführte, sondern, wie auch in den Praxisbeispielen mehrfach betont, in der (anderen) Art in Zukunft zusammenzuarbeiten. Denn einerseits führte sie aus: „Nichts ist sozialer als Arbeit“. Insofern war Arbeit immer schon „Social“. Was jedoch in Zukunft notwendig werden wird sind in ihren Augen Mechanismen und Verfahren die es beispielsweise ermöglichen, die bei einer Zusammenarbeit in Konflikt stehende Werte und unterschiedliche Interessen, den die Social Media in den Unternehmen transparent machen bzw. offenlegen, zuverlässig regeln. Und zwar ohne dass alle Details vorher schriftlich fixiert worden sind. Das ist in dieser Komplexität nämlich gar nicht möglich. Die Lösung dieser Aufgabe sieht sie in einem bewährten Instrument: Der Demokratie als Form und Möglichkeit, bestmöglich mit unterschiedlichen Interessen umzugehen und zu einem Ausgleich bei Konflikten zu kommen. Demokratisch verfasste Unternehmen und demokratisch gewählte Führungskräfte – was in der Tagung immer wieder leise anklang wurde damit zum Leitprinzip, das eine Lösung für eine künftige kreative und gute Zusammenarbeit bieten könnte. Sollte es tatsächlich soweit kommen, dann wäre das tatsächlich eine Revolution. Und zwar keine kleine.

Nachtrag 1

An dieser Stelle füge ich noch Links und andere Kommentare oder Blogs zur Tagung ein. Insbesondere jedoch die Links auf die aufgezeichneten Vorträge, sobald sie in den Wikimedia Commons oder auf YouTube zur Verfügung stehen:

  • Hier habe ich einen weiteren Blogbeitrag zur Tagung verfasst.
  • Hier gibt es einen Blogbeitrag, der im Rahmen eines Workshops der Tagung entstanden ist.
  • Die Folien des Vortrags von Sabine Pfeiffer finden sich hier.
  • Harald Schirmer hat hier, auf seiner Webseite, auf die Veranstaltung aufmerksam gemacht.

Nachtrag 2

Da gibt es Menschen in den Staaten, die krampfhaft versuchen herauszufinden, ob Blogger Journalisten sind oder nicht. Die Antwort auf diese Frage ist: es spielt keine Rolle, weil es nicht die richtige Frage ist. Der Journalismus war eine Antwort auf eine noch wichtigere Frage die lautet: wie informiert man eine Gesellschaft? Wie kann man Ideen und Meinungen teilen?“ (Clay Shirky). Hier ist ein TED Talk (in Englisch) zu sehen, der die Veränderung noch einmal grundsätzlich beschreibt (CC – BY-NC-SA). Und hier ist das deutsche Transkript dazu.10

  1. Die Kooperation wurde getragen von der Evangelischen Akademie Tutzing, dem Kirchlichen Dienst in der Arbeiswelt Bayern (kda), dem Institut für sozialwissenschaftliche Forschung in München (ISF) sowie dem DGB Bildungswerk Bayern []
  2. Das Zitat habe ich als Nachtrag dem TED Talk von Clay Shirky entnommen. Bzw. dem deutschen Transkript dazu, bei ca. Minute 16 des Talks. []
  3. Mit diesem Beitrag versuche ich auch gleich mal umzusetzen, was ich in einem der Workshops – zum Thema Bloggen – für mich selbst mitgenommen habe. []
  4. Vortragstitel: Social Business – die Transformation zur Organisation 2.0 []
  5. Vortragstitel: Wie digital ist unsere Zusammenarbeit heute? – Ergebnisse der Bitkom-Studien. []
  6. Geschäftsführer von Beck et al. Services; Vortragstitel: Power to the people bei Beck et al. []
  7. Ich gehe deshalb nicht weiter auf die Inhalte ein, weil es den Rahmen eines Blogbeitrags sprengen würde. Aber der Titel war nicht umsonst so gewählt und sollte zeigen, wie man mittels elektronischer Plattformen tatsächlich anders – und zum Vorteil der Beschäftigten – arbeiten kann. Siehe hierzu unseren gemeinsamen Artikel hier. []
  8. Vortragstitel: Conti goes social media – Erfahrungen aus einem konzernweiten Projekt. []
  9. Ihre strenge These geht davon aus, dass nicht nur bereits im Web 1.0 möglich war, vielleicht mit ein paar technischen Schwierigkeiten, sondern grundsätzlich in der Arbeit, wie sie Menschen verrichten, angelegt ist. []
  10. Das Zitat kommt ca. bei Minute 16 vor, genauso wie das Einstiegszitat dieses Blogs. []
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