Reflexive Neurowissenschaft?

„Die Ursachen dafür […] liegen einerseits an Schwächen im Bereich der Theorie der Neurowissenschaft, andererseits an zu wenig durchdachten naturalistischen Vorannahmen und Konzepten, die wünschenswerte Brückenschläge zur Psychologie, Philosophie und Kulturwissenschaft nachhaltig erschweren.“
Memorandum Reflexive Neurowissenschaften1

Ich musste mich schon vor ein paar Jahren tierisch darüber aufregen, was im Namen der Neurowissenschaften so alles geschrieben wurde. Kein Titel war zu dreist, um Versprechen zu geben, die nicht zu halten waren. Der Höhepunkt, der allerdings noch vor vielen der populären Veröffentlichungen lag, war dann das Manifest einer Gruppe von Neurowissenschaftlern von 2004 mit dem einfachen Titel „Das Manifest“2 (hier). Nun gibt es ein Gegendokument. Ein „Memorandum Reflexive Neurowissenschaft„. Was macht dieses Memorandum anders oder besser? Nun, zunächst scheint es sich um Wissenschaftler zu handeln, die die Probleme sehr genau und gut analysieren können. Dabei sind neben Medizinern auch Philosophen vertreten.

Bild: Jennifer Garcia - Cartesisches Theater. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons 3.0 (BY-SA). URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Cartesian_Theater.jpg

Steuern die Menschen oder das Gehirn die Handlungen? Die Diskussion darum ist schon uralt, man könnte fast sagen, dass sie schon einen philosophischen Bart haben. Sie geht mindestens auf die Frage des Homunculus im Menschen zurück. Gerade deshalb sind die Anmaßungen einiger Neurowissenschaftler unglaublich.
Bild (= Beitragsbild als Ausschnitt): Jennifer Garcia – Cartesisches Theater. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA) – Namensnennung und Verwendung unter gleichen Bedingungen.

Reflexive Neurowissenschaften wären tatsächlich mal etwas anderes

Ich habe zu diesem Thema – auch im Sinne einer konstruktiv-kritischen Auseinandersetzung – bereits mehrere Aufsätze und auch Blogbeiträge geschrieben (beispielsweise hier, hier und hier). Ärgerlich fand ich an den Debatten der „Neurowissenschaften“ bzw. „Neurowissenschaftler*innen“3 mindestens zweierlei:

  • Zum einen die ständigen Grenzüberschreitungen der Disziplin, die sich alleine mit dem Titel Neurowissenschaft verhüllt, worunter auch ziemlich obskure „Wissenschaftler“ fielen, zu Aussagen hinreißen ließ, die in den anderen Disziplinen gar nicht einzuholen waren.
  • Zum anderen die Aussagen selbst, die suggerierten, in naher Zukunft gäbe es nur noch eine (naturwissenschaftliche) Disziplin, die Geist und Menschsein erklärt. Bzw. eigentlich wegerklärt, denn viele der sogenannten oder selbsternannten „Neurowissenschaftler“ waren in einem philosophischen Sinn Deterministen4, die die Willensfreiheit strikt leugneten.

Aus Sicht der Verfasser des Memorandums „Reflexive Neurowissenschaften“ fällt die Bilanz – 10 Jahre später – „eher enttäuschend aus“. Was in den Augen der Verfasser „nicht nur an mangelnden methodischen Durchbrüchen“ liegt, sondern „zu großen Teilen an wissenschaftssystematischen Schwierigkeiten der Neurowissenschaften“.5 Es sind jedoch vor allem die Gegenthesen, mit denen sie aufwarten, die in meinen Augen so wohltuend anders sind. Zwischendrin sogar richtig ironisch. Aussagen der Neurowissenschaft wie etwa „‚Psychische Prozesse beruhen auf Gehirnprozessen‘ führen uns nicht weiter, denn psychische Prozesse benötigen auch die Atmung, den Blutkreislauf usw.“  oder „Man hat jedoch noch nie von ‚freilaufenden‘ Gehirnen gehört. Das heißt ‚Das Gehirn ist nicht alles’“ würzen also das Gegenmemorandum.

Für mich am wichtigsten ist jedoch der Umstand, dass sie sich sehr kritisch in einem wissenschaftstheoretischn Sinn mit dem Manifest auseinandersetzen. So heisst es  beispielsweise: „Bereits die oftmals unzulängliche Unterscheidung von notwendigen und hinreichenden Bedingungen hat auf vielen Feldern zur Überschätzung eigener Erklärungsansprüche geführt: Selbstverständlich ist ohne Gehirn alles nichts, aber das Gehirn ist nicht alles, denn es benötigt den Körper, und der Körper benötigt die Umwelt.“6 Mit den Spekulationen über Geist und Bewusstsein, die nicht vom Himmel gefallen seien, sondern sich über die Evolution des Nervensystems entwickelt hätten als vielleicht „wichtigste Erkenntnis der modernen Neurowissenschaften“ werde der Bogen auch wissenschaftstheoretisch deutlich überspannt. „Mit derartigen spekulativen Aussagen wird, vom Leser unbemerkt, der Übergang von der Naturwissenschaft zur Naturphilosophie und letztlich zur Metaphysik vollzogen.“ Dem kann ich mich nur voller Überzeugung anschließen. Das habe ich auch schön öfter im Rahmen meiner Blogbeiträge angemerkt (beispielsweise hier und hier). Aber es tut natürlich gut, wenn auch ausgewiesene Experten dieser Meinung sind. In diesem Sinne handelt es sich tatsächlich um eine sehr reflexive Neurowissenschaft der ich weitere Erfolge und Erkenntnisse wünsche.

  1. Das Memorandum ist hier hinterlegt. Das Zitat steht fast am Anfang. []
  2. Genauer war der Titel eigentlich „Das Manifest. Was wissen und können Hirnforscher heute“. Aber die Aussagen waren eigentlich auf die Zukunft gerichtet. []
  3. Da dieser Begriff nicht geschützt ist, verbergen sich natürlich sowohl hinter dem Terminus Neurowissenschaften, als auch hinter Neurowissenschaftler*in ganz unterschiedliche Status. Die wenigsten, die hierzu vermeintlich etwas zu sagen wissen, sind tatsächlich naturwissenschaftlich forschende Neurowissenschaftler*innen. Entsprechend unterschiedlich – und ärgerlich – sind auch ihre Aussagen. []
  4. Das bezieht sich auf die Grundaussage, dass das Gehirn die eigentliche Instanz ist, welche die Menschen und Personen steuert. Da „das Gehirn“!! aber nur so kann, wie seine „Verschaltung“ (welch technische Metapher) vorgibt, ist eigentlich kein Platz für willkürliche und freie Handlungen von Menschen. []
  5. Memorandum unter https://www.psychologie-heute.de/home/lesenswert/memorandum-reflexive-neurowissenschaft/ []
  6. a.a.O. []
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