Social E-Learning

„Viel entscheidender ist der Mutualismus, durch den wir alle von unseren gemeinsamen Handlungen profitieren […] [Dabei] spielt das Gefangenendilemma, bei dem die Individuen ihren eigenen Vorteil ins Verhältnis zum Gewinn für die Gruppe setzen müssen, keine Rolle für den Aufbau der für Menschen typischen Kooperation“ (Michael Tomasello).

Es ist schon erstaunlich, wie sehr Theorien, auch wenn sie nicht stimmen, oder sagen wir mal auch nur extrem einseitig sind, die Wissenschaft und Praxis prägen.1 Eines der erstaunlichsten Phänomene dabei ist für mich, wie stark der „methodische Individualismus“2 auf der einen, die „wissenschaftliche Betriebsführung“, auch als Taylorismus bekannt, auf der anderen Seite die pädagogische Praxis und didaktische Theoriebildung beeinflusst habe. Einschließlich der Testverfahren, die ja einen Nachweis über das Erlernte bringen sollen. Ich bin schon seit geraumer Zeit in Sachen „Social Collaboration“ unterwegs3 und im Moment dabei, die Erkenntnisse bezüglich des Lernens in Gruppen zusammenzufassen. Was mich, um darauf zurück zu kommen, immer mehr ins Erstaunen versetzt ist, dass mit der Konzentration auf das subjektive Lerngeschehen so viele Chancen vergebenen werden, durch das Lernen in Gruppen, oft nicht ganz zutreffend mit Social Learning beschrieben, bessere (Lern-) „Ergebnisse“ zu erzielen. Dabei kommt es sicher darauf an, was man genau unter Gruppen versteht und was man eigentlich lernen soll bzw. wissen müsste.4 Ein wenig habe ich aber inzwischen den Verdacht, dass es bei den derzeitigen sehr individualistischen didaktischen Instrumente um ein grundlegendes Missverständnis menschlichen Lernens geht. Bzw. eine grundlegende Lernkompetenz ausgeblendet wird.

Foto: Birkenkrahe. CC 3.0 (BY-SA), URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Screen_Shot_2014-04-12_at_23.46.27.png

Den Gruppen gehört die Zukunft. Vor allem in Lernarrangements und dem „Social E-Learning“. Es ist erstaunlich, wie wenig Gruppenarbeit – jenseits einer didaktischen Abwechslung – in ihren Lerneigenschaften und den Möglichkeiten der Kompetenzbildung wahrgenommen werden.
Foto: Birkenkrahe – Screenshot. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA) – Namensnennung und Verwendung unter gleichen Bedingungen.

Beitragsbild: Libr – Universitätsbibliothek Leiden, Gruppenstudienraum. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA) – Namensnennung und Verwendung unter gleichen Bedingungen.

Alles social oder was?

Mittlerweile wird so ziemlich alles irgendwie als „social“ bezeichnet.5 D.h., der Begriff „Social“ ist en vogue. Doch darauf, was in dieser Wortbedeutung des „Sozialen“ als gesellschaftlicher Umstand (zool. = in Gruppen lebend) tatsächlich steckt, wird eher selten reflektiert. Noch seltener findet man Überlegungen dazu, wie man gemeinsam, also in Gruppen, dem gemeinsamen Lernen – oder auch kollaborativen Arbeiten – gerecht werden kann. Nun verwende auch ich den Begriff Social und verbinde ihn mit E-Learning. Beim „Social E-Learning“6, wie ich es im Rahmen meiner momentanen Abhandlungen betrachte, spielt die elektronische Kommunikation eine wichtige Rolle. Social E-Learning verstehe ich als Lernumgebung die vor allem den Austausch in Gruppen ermöglicht und vor allem aktiv vorsieht. Das für mich Interessante ist dabei, dass ich im Moment glaube belegen zu können, dass das Lernen in Gruppen eine besondere Kompetenz von Menschen bzw., mit einem Terminus der Neurowissenschafen gesprochen, ein privilegiertes Lernen darstellt. Eine Kompetenz jedenfalls, die mich selbst in Seminaren immer wieder begeistert hat. Die aber im Zeitalter des Individualismus überhaupt nicht mehr im Trend liegt und, so vermute ich, in den pädagogischen Theorien eher selten rekonstruiert wird. Was vielleicht daran liegt, „dass viele Führungskräfte und Manager, nicht zuletzt viele, die heute an der Spitze von Unternehmen stehen, in ihrem ganzen Leben noch nie ein echtes Team von innen erlebt haben“.7.

Ein wenig Anthropologie …

Geht man anthropologisch an dieses Phänomen heran und beginnt quasi mit der Geschichte der Menschwerdung, dann kann man auf jeden Fall begründen, warum dem Lernen in der Gruppe die Zukunft gehört. Hier habe ich ganz wesentliche Impulse Michael Tomasello und seinem Buch „Warum wir kooperieren“ zu verdanken.8 Und im Weiteren Sarah Blaffer Hrdy9 sowie Kim Sterelny.10 Menschen sind grundsätzlich „social“, denn es gibt bei kollaborativen, also gemeinsam-kooperativen Handlungen ein gemeinsames Ziel, das zum einen ein „Wir“-Gefühl erzeugt, zum anderen gegenseitige Abhängigkeiten und Verlässlichkeiten schafft. Wenn z.B. gemeinsam ein Gegenstand getragen wird, kann keine Person ihn einfach fallen lassen und weggehen, ohne das gemeinsames Ziel zu gefährden. „In gemeinsamen kooperativen Handlungen wird die individuelle Rationalität des einzelnen […] zu einer sozialen Rationalität der gegenseitigen Abhängigkeit“.11 Menschen sind kooperativem Handeln und sozialer Rationalität gegenüber also nicht nur empfänglich, sondern erreichen erst durch die Form einer „‚Wir‘-Intentionalität“ kognitive und auch gesellschaftliche Höchstleistungen. Menschen leben genau aus diesem Grund in Gemeinschaften, die Kulturen ausprägen. Wir Menschen sind damit in einem fundamentalen Sinn und ursprünglich geborene „Teamplayer“.

… und Philosophie!

Diese Feststellung gilt auch für viele philosophische Betrachtungen: Spätestens Aristoteles beschrieb den Menschen als Zoon Politikon, also als Lebewesen das in Polis-Gemeinschaften lebt.12 Für Aristoteles war der Grund nicht, dass man sich damit besser vor den Gefahren des Lebens schützen könnte. Nein: Erst in der Gemeinschaft können für ihn die Menschen das werden, was sie sind: Sprachbegabte, lernfähige und vor allem sehr kreative Wesen sein. Erst in den Polis-Gemeinschaften können Sie also zu ihrer existentiellen Bestimmung gelangen oder auch ihre individuelle Erfüllung erfahren. Dem schliest sich auf der geistigen Ebene insbesondere Hegel mit seiner Philosophie und Phänomenologie des Geistes und der Bildung von Bewusstsein, vor allem jedoch dem Selbstbewusstsein „an und für sich“ an. Umso bedauerlicher ist, dass dieser Gruppenkontext und Teamgeist in hierarchischen oder tayloristischen Organisationsformen meist „aberzogen“ wird.13 Und leider im Moment nirgends so richtig theoretisch aufgearbeitet ist. Ich jedenfalls glaube, dass eine wie auch immer geartete Gruppenkompetenz eine spezifische Stärke von Menschen darstellt – wenn man die entsprechenden (Lern- und Arbeits-) Bedingungen schafft. Hiervon werde ich hoffentlich noch ausführlicher berichten können.

Nachtrag (02. Mai 2015)

Mittlerweile habe ich es geschafft, das Thema so Social Learning umfangreicher zu bearbeiten. Dabei ist neben dem Eintrag in der Wikipedia (hier) ein relativ umfangreicher Aufsatz im Rahmen der Grundlagen der Weiterbildung entstanden.14 Im Rahmen der theoretischen Überlegungen dazu habe ich auf eine etwas grundsätzlicheren Ebene versucht zu beschreiben, warum die Social Media bzw. die sozialen Netzwerke auf einer relativ grundsätzlichen Ebene bestens anschlussfähig an soziale Lernprozesse sind. Die beiden daraus entstandenen Blogbeiträge sind hier (Teil 1) und hier (Teil 2) nachzulesen. Und natürlich beschäftigt mich das Thema weiter, weshalb ich es auch noch einmal im Rahmen eines Blogs aufgreifen werde.

Hier ein schöner und kritischer Blogbeitrag von Christian Spannagel zu der Frage, ob Social Media per se Lernen sozialer machen. Das wird wohl vom Fokus her die Richtung sein, in der ich mich weiter damit auseinander setze. Auf jeden Fall diskutiere ich auf seiner Seite mit.

Nachtrag 2 (06. Juni 2015)

Nun ist doch ein eigenständiger Blogbeitrag aus der Frage des Einsatzes der Social Media geworden. Hier ist er zu finden – einschließlich Kommentar von Christian Spannagel und (hoffentlich) noch weiteren.

  1. Das Eingangszitat ist eine sehr schöne Ausnahme dessen, was ich kritisieren. Es stammt aus dem sehr lehrreichen Buch von Michael Tomasello „Warum wir kooperieren“ aus dem Jahr 2010, Frankfurt: Suhrkamp. Hier gibt es eine Rezension zum Buch. []
  2. Oder der imaginäre Subjektivismus, um mit Pierre Bourdieu zu sprechen. Bourdieu, P. (1993): Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt: Suhrkamp. []
  3. Hierzu habe ich auch schon einige Aufsätze publiziert. Siehe hierzu meine Seite Publikationen. []
  4. Und letzlich prüfen will. Oder vielmehr einigermaßen objektiv prüfen kann. Ich würde nämlich auch hier vermuten, dass das eindeutig Prüfbare auch den Vorzug beim Lernbaren erhält. Da tat man sich bei Kompetenzen immer schon schwer, erst recht bei den „sozialen“. []
  5. So gibt es neben Social Media auch eine Social Collaboration oder auch Social Learning. Fehlt nur noch „Social E-Learning“, weshalb ich den Begriff hinzufügen möchte. Wenn das mal nichts Neues ist. []
  6. Erwähnt wird dieser Begriff zunächst – nahe liegend – in Beziehung von E-Learnung zu sozialen Netzwerken, wie hier. []
  7. Doppler, K. & Lauterburg, C. (122008): Change Management. Den Unternehmenswandel gestalten. Frankfurt: Campus, S. 134. Ich glaube, dass es auch jede Menge Lehrerinnen und Pädagogen gibt, für die das gilt. []
  8. Tomasello, M. (2010): Warum wir kooperieren. Berlin: Suhrkamp. Hier gibt es das englische Original zum Download: Origins of Human Cooperation. []
  9. Blaffer Hrdy, S. (2010): Mütter und Andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat. Berlin Verlag. Hier geht es zu einer englischen Fassung von ihr. []
  10. Sterelny, K. (2008b): The Fate of the Third Chimpanzee. Co-operation Revisited. Verfügbar unter: http://www.institutnicod.org/IMG/files/Session_4.pdf []
  11. Tomasello 2010, S. 44 []
  12. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass diese kleinen Polis-Gemeinschaften die Geburtsstunde der Demokratie darstellten und Aristoteles Menschen als politische Lebewesen beschreibt, die in (damals noch überschaubaren) Gruppen leben. Dementsprechend betraf für ihn jede Politik das, was die Gruppe betraft und „was der Gemeinschaft, dem Volk gehört“. In der klassischen Antike wurde das schließlich mit den Begriffen „demios“ und „koinon“ ausgedrückt. Vgl. hierzu Hölscher, T. (1998): Öffentliche Räume in frühen griechischen Städten. Heidelberg: Winter, S. 18. []
  13. Was aufgrund der Struktur bereits sehr früh in der Schule beginnt. []
  14. Siehe hierzu mein Publikationsverzeichnis hier. []
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