Permanent Online!?

„Die elektronische Welt ermöglicht neue Arbeitsformen, eine zuvor ungeahnte Flexibilität und permanente Erreichbarkeit. Wie können diese Optionen persönlich genutzt werden, ohne ständig online zu sein und darüber zeitkrank zu werden?“ (Aus dem Einleitungstext zur Tagung.)

Nun habe ich doch meine alten Blogeinträge noch mal „ausgegraben“ und gelesen. Einige davon werde ich hier übernehmen. Wie beispielsweise diesen Tagungsbericht der in meinen Augen sehr wertvollen Tagung „Permanent Online!?“. „Permanente Erreichbarkeit, das Verschwimmen von Arbeit und Freizeit, Unterbrechungen von Arbeitsprozessen und die Fülle von Informationen empfinden viele Mitarbeitende heute als Belastung“.1 Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir im Vorbereitungsteam darüber diskutiert haben, was nun Ursache und was die Wirkung ist. Soll heißen: Sind die neuen Technologien die Ursache dafür, dass sich die Arbeitszeit entgrenzt und Menschen permanent online sind, oder sind sie nur eine „Verstärker“ eines problematischen Trends in der Arbeitswelt. Ich persönlich war immer der Auffassung, dass letzteres der Fall ist. Dass also die Technik selbst nicht die Ursache für das Problem von Entgrenzung und ständiger Verfügbarkeit ist. Sondern dass sich dieser Trend aus der generellen Veränderung der Arbeit und seiner Strukturen ergibt.2 Ich glaube nicht, dass ich meine Mitveranstalter im Vorfeld davon überzeugen konnte.3 Zumindest nicht bis zum Zeitpunkt der Tagung. Aber nach der Tagung konnten wir zielgerichteter über dieses Thema diskutieren in dem Sinne, dass es tatsächlich noch andere Ursachen gibt.4 Für mich mündete diese Tagung in einer Veröffentlichung in der Zeitschrift Computer und Arbeit. Wenn das mal kein vernünftiges Ergebnis ist.

Bild: Olybrius - Junges Mädchen simst beim Lesen eines Mangas. Verwendung unter den Bedingungen CC 3.0 (BY). URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Teenage_girl_texting_while_reading_a_manga_1.jpg

Wenn das Netz und die Arbeit verschwimmen liegt das nicht nur daran, dass man permanent Online ist. Es liegt auch an den Strukturen und sozio-kulturellen Gewohnheiten, beispielsweise von Jungen Leuten als Digital Natives.
Bild (= Beitragsbild als Ausschnitt): Olybrius – Junges Mädchen simst beim Lesen eines Mangas. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY) – Namensnennung.

Ein echter Digital Native …

Besonders interessant für mich war die Begegnung mit Daniel Leicher als bekennendem „Digital Native“. Richtiggehend spannend war jedoch die Reaktion des Auditoriums auf ihn. Wie wenn zwei unterschiedliche Spezies aufeinandertreffen würden. Geändert hat sich für mich seit dem damaligen Eintrag aus dem Jahr 2011 meine Arbeitsweise bezüglich des Bloggen. Seitdem ich meine Seite auf WordPress aufgebaut habe, denke ich, dass ich blogge. Und damit zumindest über meine Texte, quasi „gedanklich“, und ständig erreichbar bin.

Anbei nun der originale Blogeintrag (in Kopie) vom 04. Juli 2011. Hier ist er noch auf der alten Webseite zu finden:

… und ein Tagungsbericht darüber

Ich weiss, dass ich nicht wirklich blogge. Dazu bin ich nur sporadisch in der Lage. Aber dennoch kann ich ja für mich interessante Erfahrungen und Eindrücke auf dieser Seite wiedergeben. So mache ich es jetzt mit dem Bericht der letzten Tagung, auf der ich war.

“Was soll ich bitte antworten wenn mich jemand frägt, warum wir Jugendlichen so viel von unserem Privatleben im Internet teilen oder wie lange ich durchschnittlich im Internet surfe? Wir teilen, weil es bei uns alle machen und ich gehe doch nicht mehr ins Internet. Ich bin immer online”. So schreibt Daniel Leicher in seinem Blog über sich als “Digital Native” . Und verarbeitet dabei seine Erfahrungen mit dem Publikum an der Evangelischen Akademie in Tutzing. Hier traf sich mit ihm, nachdem ich ihn über Umwege zur Tagung eingeladen hatte, eine interessante Runde aus Geschäftsführern, Beraterinnen, betrieblichen Praktikern und Betriebsrätinnen, um die Herausforderungen permanenter Erreichbarkeit und die Grenzen allgegenwärtiger betrieblicher Verfügbarkeit zu diskutieren. Was bereits unmittelbar nach den beiden Einstiegsvorträgen (“Connected Worlds” und “Permanente Verfügbarkeit im Informationsraum”) möglich war und in einer regen Plenumsdiskussion am Ende des Tages ihren Abschluss fand. Dabei wurde für mich mindestens deutlich, dass es für die Generation Internet wohl eine Kulturtechnik wie das Fernsehen oder Lesen eines Buches sein wird. Eine Technik, die man erlernen und dann auf seine Art dann damit umgehen kann. Aber auch, dass nicht den neuen Medien bzw. dem Internet angelastet werden kann, was sich an Verschiebungen in der Arbeitswelt durch die Verfügbarkeitsanforderungen ergibt. Wie Richard Gutjahr es in meinen Augen treffend ausdrückte: Das Internet ist weder gut, noch ist es schlecht – es ist einfach da.

Workshops ohne Ende

In den Workshops am zweiten Tag gab es viel Gelegenheit, Teilaspekte zu vertiefen und praktische Überlegungen abzuleiten. Es ist wohl nicht zufällig, dass dabei die mit Abstand meisten Teilnehmenden im Workshop zum Thema “Bin ich wirklich so wichtig? Zeitkrankheiten vermeiden” einfanden. Ich persönlich hatte viel Gelegenheit, mit Alexander Richter von der Universität der Bundeswehr über das Enterprise 2.0 zu reden. Genauer: Über Potenziale und Grenzen des Einsatzes von Social Software in den Unternehmen. Nach einem Ausflug in arbeitsrechtliche Regelungen zum Thema wurde die Tagung schließlich von Friedhelm Hengsbach mit dem Gebot des digitalen Zeitalters (“Du sollst nicht dauernd erreichbar sein”) beendet.

Die Erkenntnis am Schluss

Zurück bleibt hier für mich die Erkenntnis, dass diese Aussage zwar richtig und wichtig ist. Doch in modernen betrieblichen Zusammenhängen, insbesondere in der IT Branche, das Gebot (genauso wie die arbeitsrechtlichen oder gesetzlichen Regelungen zum Schutz der Arbeitnehmer /-innen) von den Beschäftigten freiwillig unterlaufen werden. Die permanente Erreichbarkeit ermöglicht es schließlich, die Ziele, die meist nicht selbst bestimmt werden können, zumindest versuchsweise zu realisieren. Vor allem mit der Folge hoher psychischer Belastungen, welche die daraus resultierende Verfügbarkeit für die Beschäftigten hat. Was deutlich zeigt, dass das alte (arbeitsrechtliche) Regularium nicht auf die Erreichbarkeitsökonomie passt. Und hoffentlich auch von den Digitalen Eingeborenen mit neuen und passenden Vereinbarungen versehen werden kann. Damit permanente Erreichbarkeit tatsächlich produktiv werden kann -– für die Unternehmen genauso wie für die Beschäftigten.

  1. Zitiert aus dem Einleitungstext des Flyers. Dieser ist hier abzurufen. []
  2. Als Stichworte seien hier genannt: Zielvereinbarungen, Profitcenter und generell indirekte Steuerungsformen als neue Herrschaftsform in Unternehmen. Hier gibt es einen spannenden Aufsatz dazu von Klaus Peters und Dieter Sauer. []
  3. Die Mitveranstalter waren als Institutionen: Evangelische Akademie Tutzing, Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt und Managementakademie München. Ich war in meiner Zuständigkeit für das DGB Bildungswerk Bayern Mitveranstalter. []
  4. Wobei wir es nicht geschafft haben, den Begriff der Erreichbarkeitsökonomie zu etablieren. Aber wie das halt so ist mit Begriffen: Sie müssen zur richtigen Zeit auch passen. Ich fand auch den Begriff nicht wirklich passend. []
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