Warum Kontrolle genauso wichtig ist wie Vertrauen

Irgendwie ist es immer wieder das selbe Lied: Mal werden Kartelle gebildet um illegal Preise abzusprechen (Bericht hier) – mal mit dem Wissen des Vorstandes, mal ohne – und immer wieder sind auch die Kontrollgremien, wie etwa Aufsichtsräte, alles andere als das, was ihr Name aussagt. Sie kontrollieren also nicht, wie es eine Aufsichtspflicht nahe legt. Jedenfalls nicht so wie sie sollten und es von der Aufgabe her notwendig wäre. Ich denke, dass hier ein Vorgeschmack der Macht hineinspielt, die manchmal ziemlich blind werden lässt. Und in der Konsequenz Menschenleben kosten kann, wie der Organspendeskandal zeigt (Bericht hier). Das gleiche Bild zeigt sich auf der individuellen Ebene. Ein interessantes Interview von Harald Weinberger in der SZ hier mit der Organisationsychologin Myriam Bechtoldt lässt mir die Haare zu Berge stehen. Doch „es ist oft weniger die Persönlichkeit als die Situation, die das Verhalten bestimmt. Sobald Menschen über Macht verfügen, werden sie viel impulsiver und denken viel weniger über ihr Handeln nach“1. Macht korrumpiert also doch – zumindest ohne (potentielle) Kontrolle, wie ich denke. Tötet umgekehrt zu viel Kontrolle Erfindergeist und Eigeninitiative?2 Ein Blick darauf, wie sich Vertrauen mit Kontrolle ergänzen kann, lohnt sich. Und führt zu Argumenten, warum Kontrolle genauso wichtig ist.

Thomas Bresson - Überwachungskameras unter den Bedingungen der CC 3.0 (BY) URL: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:2011-08-10_15-09-17-camera-frontiere.jpg

Warum Kontrolle genauso wichtig wie Vertrauen ist, soll dieser Beitrag an den Themen Macht und Führungskräfte zeigen. Das Bild vermittelt bereits ein sehr problematisches Verständnis von Kontrolle.
Bild (= Beitragsbild als Ausschnitt): Thomas Bresson – Überwachungskameras an der deutsch-französischen Grenze. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY) – Namensnennung.

„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“

Dieses Lenin zugeschriebene Zitat wird oft in Zusammenhang mit der mißglückten Gestaltung, vor allem aber den staatlich-repressiven Überwachungssystemen der realsozialistischen Länder gebracht. Und dann als Beispiel dafür verwendet, warum staatliche Kontrolle nicht nur nicht funktioniert, sondern in marktwirtschaftlichen bzw. kapitalistischen Systemen sogar schädlich ist. Beispielsweise für privatwirtschaftliche Initiativen. Daran ist sicher etwas dran – wenn man die Rahmenbedingungen dazu genau so benennt. Ebenfalls richtig ist die Feststellung, dass Vertrauen „die unverzichtbare Voraussetzung zwischenmenschlicher Beziehungen“ ist.3 In seinen Buch über die Entdeckung von Vertrauen als sozialer Ressource differenziert Olaf Geramanis4 sehr schön die unterschiedlichen Formen, vor allem aber Abstufungen von Vertrauen. Er kommt zum Schluss, dass der Lenin zugeschriebene Satz schlichtweg unsinnig ist. „Genauso gut könnte man behaupten: Erdbeeren sind gut, Obstsalat ist besser!“5 Kann der Vergleich mit den ehemals kommunistischen Blockstaaten deshalb schon als Beispiel dafür dienen, warum Kontrolle im Bereich der Wirtschaft – gerade auch staatliche – per se schlecht ist? Ich denke nicht. Darum schreibt Thomas Straubhaar in der FAZ auch, dass Kontrolle gut sei. Vertrauen aber besser. Stimmt diese Aussage wenigstens?

Kontrolle vs. Kontrolle

Ich glaube, dass noch nicht einmal das „gut – besser“ Argument tauglich ist. Das Problem dahinter ist zum einen eine begriffliches: Auch Kontrolle könnte man als gesellschaftliche Ressource verstehen, wenn man einmal genauer darauf sieht, in welchen Zusammenhängen das Wort verwendet wird. Da gibt es eine „Kontrollwut“ genauso wie „Kontrolllampen“ oder auch „Qualitätskontrolle“6. Niemand würde bestreiten, dass ein Kontrollturm (Tower) im Flugverkehr eine äußerst notwendige Einrichtung ist, um die vielen individuellen Aktionen in einem Gesamtrahmen zu halten und ggf. auf das „Gemeinwohl“ eines sicheren Flugverkehrs hin zu korrigieren. Kontrolle wird hier einfach als etwas verstanden, bei dem ein Unabhängiger oder vielleicht auch eine „Allparteiische“ darauf sieht, dass alle Regularien eingehalten werden.7 Bzw. bei Abweichungen eine Fehleranalyse betrieben und darauf geachtet wird, dass wieder ein Normalzustand hergestellt werden kann, Abweichungen also korrigiert werden. Genau in diesem Sinne verstehe ich das Anliegen, Kontrolle über entsprechende Gremien und Strukturen in der Wirtschaft zu implementieren. Und damit die bereits vorhandenen rechtlichen Instrumente zu schärfen. Gerade weil es nicht um die persönliche Kontrolle von Personen (oder gar ihres Gewissens) im Sinne einer Überwachung, sondern um die grundsätzliche „Kontrollierbarkeit“, also Überprüf- und Korrigierbarkeit von Strukturen und Prozessen, geht, ist Kontrolle eine wichtige Ergänzung zum (persönlichen) Vertrauen. Das kann man nicht nur in der Psychologie gut zeigen.

Kontrollüberzeugung

„Ein wichtiger Grund für Zufriedenheit ist Autonomie, selbst entscheiden zu können, nicht abhängig zu sein von anderen“8. Im psychologischen Ausdruck der „Kontrollüberzeugung“ kommt eigentlich sehr gelungen zum Ausdruck, warum Kontrolle auch auf der persönlichen Ebene ein wichtiges Element ist. Es geht darum von sich selbst zu erfahren, dass man Situationen beeinflussen, eben kontrollieren kann. Das heißt in einem positiven Sinn ja nicht, allmächtig zu sein oder seinen Willen mit aller Macht gegen alles und jeden durchzusetzen. Es heißt zunächst nur, mit dem eigenen Beitrag und der eigenen Handlung dazu Situationen und Entwicklungen positiv zu beeinflussen. Aber eben nicht nur von mir, sondern kontrolliert auch durch andere und von anderen. Denn gerade im sozialen Kontext wirkt die Struktur – und Macht – mit. „Ein Versuch hat gezeigt, dass Menschen in machtvollen Positionen eher Risiken eingehen“.9 Was sich in oben genanntem Interview am Beispiel von Führungskräften und Chefs zeigen lässt, lässt sich wiederum gut auf andere, vor allem politische, Zusammenhänge übertragen. „Wer das Buch liest, wird den Eindruck nicht los, dass manche Führungskräfte skrupellose, menschenverachtende Zyniker sind“10. Ich halte den Hinweis darauf, dass das persönlich erscheinenden Fehlverhalten vor allem von den Umständen und Rahmenbedingungen erzeugt wird (um Macht zu haben muss es auch welche geben, über die man Macht hat, d.h. es muss auch soziale Strukturen geben, die dies ermöglichen)11, für entscheidend für mein Plädoyer: Es bedarf auch einer Kontrollkultur in unserer Gesellschaft, insbesondere der Wirtschaft und ihren Einheiten, der Unternehmen. Eine Kultur, die Kontrolle nicht als Willkür, Überwachung und Bevormundung von Personen versteht und auslebt, sondern als notwendiges Korrektiv gegenüber dem „Eigenleben“ kollektiver Organsationsformen und ihrer Prozesse.

Transparenz – Nachtrag 1 (06. Juni 2015)

In vielen Tweets von mir taucht Transparenz als Begriff auf. Ich finde, dass das der Komplementärausdruck zu der Art von Kontrolle darstellt, wie ich sie hier skizziert habe. Transparenz im Handeln und organisationale Transparenz sind zentrale Werte und Eigenschaften in einer demokratischen Gesellschaft.

Dass Transparenz auch ökonomisch produktiv ist kommt am deutlichsten im Bereich von Social Collaboration Plattformen oder Social Software zum Ausdruck. Das diskutieren wir auch hier bei Beck et al. Services.12

  1. Harald Weinberger in Diskussion mit Myriam Bechtoldt über Führungskräfte in der SZ Online v. 06.01.2013 hier. []
  2. So Thomas Straubhaar im Artikel „Warum ist Kontrolle gut, Vertrauen aber besser?“ in der FAZ v. 20.12.2006. []
  3. a.a.O. []
  4. Geramanis, O. (2002): Vertrauen. Die Entdeckung einer sozialen Ressource. Stuttgart: Hirzel. []
  5. a.a.O., Text auf Buchrücken. []
  6. Siehe hierzu beispielsweise die verschiedenen Bedeutungen von Kontrolle in der Wikipedia. []
  7. So gesehen handelt es sich um eine alte moralische Weisheit, die man zumindest im Konfliktfall immer wieder in Anspruch nimmt: Dass jemand, der mit keiner Seite „verbrüdert“ ist darauf sieht, was in den Argumenten oder Situationen gesagt wird und wie man die goldene Mitte eines Kompromisses finden kann. []
  8. Freiberger 2013 []
  9. a.a.O. []
  10. Myriam Bechtold verweist hier auf das Buch „Ich arbeite in einem Irrenhaus: Vom ganz normalen Büroalltag“ von Martin Wehrle []
  11. Wie schon Max Weber in seiner Definition gezeigt hat: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“. Weber, M.(1980): Wirtschaft und Gesellschaft, Kapitel 1, §16. []
  12. Meinem Arbeitgeber, um auch das transparent zu machen :-). []
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