Wissenschaftlich „zählt“ die Natur nicht

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Der Aufsatz des Techniksoziologen Werner Rammert mit dem Titel „Eine Soziologie, als ob Natur nicht zählen würde“ (hier) brachte mich auf die Idee, einen realen Schriftwechsel (per Mail) als Interview auf meiner Seite als Blog zu veröffentlichen1.

Der Hintergrund

Hintergrund ist die Frage, wie es, als unabdingbare Basis einer materialen Umweltethik, gelingen könnte, der Natur Werthaltigkeit zuzuschreiben2. Dabei rekurrierten wir auf Hans Jonas, der dies in seinem Werk „Das Prinzip Leben“3 sehr explizit unternahm und versuchten mit Verweis auf die Ergebnisse von Frans de Waal, über die ich hier schrieb, eine Ableitung vorzunehmen. Werner Rammert schrieb diesbezüglich in seinem Aufsatz: „Die Tore wären nur die Tabus gewesen, welche die Moderne von der Natur und den Dingen abgeschottet hätten, um ihnen den Gesellschaftsstatus zu verwehren und sie daher umso ungestrafter ausbeuten zu können“. Diese Tore, welche metaphorisch den Ein- oder vielmehr Ausgang der Soziologie aus der Gesellschaft in die umgebende Natur beschreiben sollten, gibt es wohl in allen (Natur-) Wissenschaften. Auch in der Biologie, die (natur-) philosophisch zu untermauern der Ansatz von Hans Jonas zu seiner Zeit war. Deshalb möchte ich nun in Interviewform zwischen zwei fiktiven Partnern das Problem auch allgemein auf die Wissenschaften und auf die Technik übertragen.

Bild: Ayacop - Gorillaweibchen benutzt ein Werkzeug unter den Bedingungen der CC 3.0 (BY)

Der Werkzeuggebrauch war früher ein Unterscheidungsmerkmal von Menschen und Tieren. Die moderne Ethologie kann ziemlich eindeutig nachweisen, dass dies kein Privileg von Menschen ist, sondern auch Tiere Werkzeuge gebrauchen. Was bedeutet das für eine werthaltige Natur?
Bild: Ayacop – Gorillaweibchen benutzt ein Werkzeug. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY) – Namensnennung.

Beitragsbild: Themenbild aus dem Thema „Twenty Eleven“ (WordPress 2011, mein vorheriges Thema für diesen Blog).

Ein Interviewversuch

Kann man die Ergebnisse von Frans de Waal tatsächlich so ernst nehmen? Es handelt sich doch um empirische Einzelfälle.

Empirische Einzelheiten sprechen erst einmal nicht gegen die Validität der Aussagen. Im Bereich der Ethologie wird es ohnehin keine quantitativen Analysen geben können, weil man die Tiere ja nicht mit einem Fragebogen fragen kann. Insofern sind pfiffige qualitative Versuche die Mittel der Wahl – und eben auch aussagefähig.

Ich halte es aber sehr wohl für möglich, dass andere Ethologen ein gegensätzliches Verhalten feststellen.

Natürlich wird es viele Naturwissenschaftler und Ethologen geben, die die Kernaussagen von Frans de Waal bezweifeln. Je mehr sie eine echte Teleologie in der Natur4 ablehnen, desto mehr müssen sie das tun5. Der Deutung von Frans de Waal wird dadurch aber zunächst nichts genommen. Um andere Ergebnisse herbeizuführen müssen wahrscheinlich die „Tests“ anders angelegt sein. Und hier fließen eben dann die Grundannahmen der vermeintlich objektiven Wissenschaftler /-innen ein. Das gilt natürlich auch für die Anordnungen von Frans de Waal in dem Sinne, dass er zunächst positiv unterstellt, dass es im Tierreich zielgerichtetes Handeln und moralisches Verhalten gibt. Natürlich muss man das naturphilosophisch noch einmal einholen. Doch bis ein echter „Gegenbeweis“ erbracht ist gelten erst einmal die Aussagen von Frans de Waal.6

Eine Interpretation des Verhaltens von Tieren ist nicht immer eindeutig möglich. Der Affe, der beispielsweise einem Vogel zum Flug verhelfen will – weiß man hier wirklich, was der Vogel gewollt hat?7

Die Deutung des Affenbeispiels mit dem Vogel ermöglichet einen guten Rekurs auf Hans Jonas. Er hat ja das Prinzip der „Introspektion“ als wissenschaftliche Methode stark gemacht und immer wieder betont, dass Menschen dadurch, dass sie selbst lebendige Wesen sind, auch darum wissen, wie es anderen lebendigen Wesen geht8. Zumindest können (und müssen) die Menschen Entsprechendes interpretieren, da man auch hier wiederum Tiere nicht direkt fragen kann.9 Aber man kann ja an dem Beispiel annehmen, dass das, was Vögel üblicherweise tun, nämlich fliegen, hier der „Wunsch“ gewesen sein könnte. Es ist jedenfalls etwas, was naheliegend und damit interpretierbar ist, wenn man nicht gerade einen naturwissenschaftlichen oder technischen Erklärungsansatz wählt.10.

Ist die Stellungnahme von Precht nicht insofern ungenügend, als sie sich nur auf die Ethik Kants bezieht und beispielsweise nicht auf die von Aristoteles?11

Die Stellungnahme von Precht habe ich gar nicht in der Richtung gelesen, die sie zu Recht an seinen Ausführungen kritisieren. Sondern eher von der Betonung der evolutionären Entwicklung her, die vor allem die moralischen Gefühle betrifft und seine Stellungnahmen gegen den Sozialdarwinismus in den wissenschaftlichen Interpretationen und der ökonomischen Lehrmeinung. Für Precht erscheint de Waal ja auch als heimatlos bei den philosophierenden Biologen. Und da hat er wohl recht. Der Biologie selbst ist ihr ureigenstes Anliegen, das Leben, aus dem Blickfeld geraten. Das macht einen Teil der Problematik des Umgangs zwischen (Natur-) Philosophen und den Naturwissenschaften aus.

Wie könnte man dazu kommen, dass Natur in den Wissenschaften – und bei den Wissenschaftler /-innen – wieder etwas zählt im Sinne von werthaltig sein?

Um diese tiefe Kluft und Heimatlosigkeit zu überwinden wären zunächst an vielen Stellen neue Brücken (oder Tore) notwendig: Begriffliche, um sich überhaupt verständlich machen zu können und „ideologische“, um die Ergebnisse von Introspektionen übersetzen zu können. Und eben nicht in Teleonomie aufzulösen. Hier hatte Hans-Dieter Mutschler einmal schön geschrieben (über das Verhältnis von Theologen zu Physikern), dass selbst diejenigen Physiker, die mit ihren philosophischen Übergriffen im Trüben fischen, immer noch fischen (also nach Erklärungen suchen). Die Theologie hat sich für ihn aus einem solchen Kontext, dem Fischen im Bereich der Naturwissenschaften, schlichtweg verabschiedet. In meinen Augen hat es leider auch vielfach die Philosophie, allen voran die Naturphilosophie.

Fazit

In meinen Augen bleibt zu hoffen, dass die Naturphilosophie wieder zu einer Brückendisziplin zwischen Biologie und Ethologie auf der einen, metaphysischen Gedanken auf der anderen Seite wird. Ganz im Sinne des Zitats von Vittorio Hösle auf der Eingangsseite bezüglich meiner Magisterarbeit (hier). Und dabei eine ordentliche Grundlage für eine Umweltethik liefert. Es war jedenfalls etwas, was Hans Jonas versucht hat und was mich selbst seither umtreibt. Auch wenn Hans Jonas dabei die Naturwissenschaften (und Technik) nicht immer richtig verstanden hat – bzw. nur mit Kritik daran arbeiten konnte.

  1. Hier ein etwas längeres Zitat zur grundsätzlichen Problematik des Verhältnisses von Soziologie und Natur in den Augen eines Referenten der beschriebenen Tagung (Kürzungen und Hervorhebungen von mir): „Man solle die Tatsache zur Kenntnis nehmen, daß innerhalb der Gesellschaft das Reden über die ökologische Krise von der Wirklichkeit dieser Krise deutlich unterschieden wird. Die Wissenschaft […] bleibe ‚jenseits des konstruktivistischen Nebels‘ die schärfste Waffe der Kritik und der ökologischen Bewegungen. Ein Soziologismus, der sich nur auf die Risikokommunikation kapriziert und den Realitätsgehalt ausblendet, bleibt […] uninformativ, da er nicht einmal zwischen echten Anpassungsproblemen der Gesellschaften und unangepaßten Problemdebatten unterscheiden kann. Die Soziologie ist daher ebenso wie die Ökologie auf die Kooperation mit anderen Disziplinen angewiesen, die etwas über die Wirklichkeit der Probleme aussagen“ (hier). []
  2. Hier schließe ich mich der Analyse von Hans-Dieter Mutschler an, dass dies nur im Rahmen einer adäquaten Naturphilosophie erfolgen kann. []
  3. Ursprünglich „Organismus und Freiheit. Ansätze zu einer philosophischen Biologie“. []
  4. In den Naturwissenschaften, insbesondere in der Biologie, wird einer echten Teleologie oft eine Teleonomie gegenübergesetzt. Eine teleologische Erklärung beinhaltet eine, wie auch immer geartete, Antizipation der Wirkung einer Handlung oder eines Prozesses als Ziel oder Zweck. Die Antizipation des Ziels gilt dabei als Erklärung und Grund, die Handlung und der Prozess dagegen nur als Mittel der Realisierung dieses Zwecks. Teleonomie meint dagegen, wie es Franz Wuketits ausdrückt, eine „poststabilisierte Harmonie„.  Also ein glückliches Zufallsprodukt zielloser Evolutionsprozesse, keine antizipierten Resultate. []
  5. Dazu Hans-Dieter Mutschler: „In der Naturphilosophie ist Metaphysik der Gebrauch teleologischer Kategorien, d. h. die Unterstellung, dass es in der Natur Werte, Ziele und Zwecke gibt. Mit diesem Respekt gegenüber der Natur ist diese nicht nur eine matematische Maschine (wie bei Galilei), sondern auch ein zweckgerichtetes Ganzes,  etwas, das Sinn ergibt. Jeder, der Teleologie in der Natur akzeptiert, muss ein Metaphysiker sein“ (Die verschiedenen naturphilosophischen Positionen als Vortragsskript hier). []
  6. Wobei m.W. die Ethologen hier eher unproblematisch sind. Diese erforschen schon lange ähnlich Phänomene wie etwa den Werkzeuggebrauch bei Tieren (Hier gibt es einen fundierten und ausführlichen Artikel in Wikipedia. []
  7. Diese Stelle bezieht sich auf folgende Aussage in der Stellungnahme von Richard David Precht (hier): Nachdem die Zwergschimpansin Kuni „einen Vogel mit der Hand gefangen hatte, kletterte sie auf die Spitze des höchsten Baums, entfaltete die Flügel des Vogels und warf ihn in die Luft. Die Schimpansin konnte nicht fliegen, wie sollte sie wissen können, was Fliegen ist? Trotzdem versuchte sie, dem Vogel eine neue Chance zu geben, beschwingt von einer ganz natürlichen Regung: Mitgefühl.“ []
  8. „Der Beobachter des Lebens muß vorbereitet sein durch das Leben. M.a.W., organisches Sein mit seiner eigenen Erfahrung ist von ihm selbst erfordert, damit er imstande sei, jene ‘Folgerung‘ zu ziehen, die er de facto ständig zieht, und dies ist der Vorzug […] dessen, daß wir einen Leib haben, d.h. Leib sind“ (Das Prinzip Leben, S. 155). []
  9. Eine Leistung, die übrigens für die meisten Menschen bei ihren Haustieren kein Problem macht. []
  10. Hans-Dieter Mutschler schreibt dazu: „Unser rein wissenschaftlich-technischer Naturbezug hat offenbar Erfahrungen ausgeblendet, die konstitutiv zum Menschen gehören“ (Physik, Religion, New Age, S. 23). []
  11. Die aristotelische Orexis als „Strebevermögen“ bei Menschen lässt sich sehr wohl mit dem Streben von Tieren in Verbindung bringen, sodass die tierischen Befunde in eine so verstandene Ethik integrierbar scheinen. []
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