Das industrielle Bienensterben als unternehmensethischer Ernstfall

Biene auf Blume von Alvesgaspar unter den Bedingungen der CC 3.0 (BY-SA)

Die Nachricht in der Süddeutschen hier war wieder einmal erschütternd: 11.500 tote Bienenvölker, wahrscheinlich aufgrund umstrittener Insektenvernichtungsmittel, die in der Landwirtschaft großflächig zum Einsatz kommen. Das wirft für mich nicht nur die Frage auf, „wie umweltfreundlich die Landwirtschaft eigentlich noch ist“,1 sondern auch, welche Verantwortung die entsprechenden Unternehmen wie etwa Bayer oder Syngenta haben.

Eine echte Unternehmensethik

Jenseits der vielen Diskussionen in Bezug auf unternehmensinterne Integrität von Beschäftigten und Führungskräften geht eine ethische Debatte darüber in meinen Augen mitten in das Grundanliegen einer ernst gemeinten „Corporate Social Responsibility“ (CSR). Also einer echten Verantwortung von Unternehmen, die natürlich auch die Anwendung und Anwendbarkeit ihre Produkte – neben allen direkten und indirekten Folgen – umfasst. Also nicht nur den Prozess der Herstellung und des Vertriebes eines Produktes betirfft. Was also ist hier zu sagen, bezüglich einer ernst gemeinten Verantwortung für die Umwelt? Konkret betreffend die Produktverantwortung für Insektizide mit so exotischen Namen wie Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam?

Biene auf Blume von Alvesgaspar unter den Bedingungen der CC 3.0 (BY-SA)

Das Massensterben der Bienenvölker wurde wahrscheinlich durch landwirtschaftlich eingesetzte Insktizide ausgelöst. Was sind die Konsequenzen bezüglich einer ernst gemeinten „Corporate Social Responsibility“?
Bild (= Beitragsbild als Ausschnitt): Alvesgaspar – Biene auf Blume. Verwendung unter den Creative Commons (BY-SA) – Namensnennung und Verwendung unter gleichen Bedingungen.

Die moralische Relevanz

Zunächst ist mal die Reaktion auf die Untersuchung der EU moralisch relevant und interessant. Diese „warnt ausdrücklich vor den Gefahren für Bienen durch die drei Insektizide Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam“ und will eine Stellungnahme der Konzerne dazu haben. Diese kann man, das kann ich aus Erfahrung sagen, schon im Vorfeld schon mal bekommen: An den Vorwürfen ist nichts dran und ein solcher Zusammenhang nicht empirisch beweisbar. Und dann gibt es da auch noch Arbeitsplätze, die mit einem eventuellen Verbot gefährdet wären. Unter moralischen Gesichtspunkten ist für mich eine solche Reaktion, insbesondere wenn sie über Lobbygruppen die Politik (negativ) beeinflusst, bereits hochproblematisch. Und das noch jenseits dessen, wenn beispielsweise wider besseren Wissens so argumentiert würde2. „CSR steht für verantwortliches unternehmerisches Handeln in der eigentlichen Geschäftstätigkeit“3. D.h. die unternehmerische Verantwortung ist im Kerngeschäft verortet. Dazu gehört unweigerlich eine Produktethik. Noch weiter geht es jedoch, wenn man tatsächlich eine Produkethik zu Grunde legt, wie ich es nun tun will. Produktethik in einem solchen Sinn ist, soweit ich es weiß, ein unternehmensethisch neu zu erschließendes Feld. Die Gebrauchsmöglichkeit der Produkte macht bei diesen Überlegungen jedenfalls einen wichtigen Teil der unternehmerischen Verantwortung aus.

Eine „Heuristik der Furcht“

In einer Art „Heuristik der Furcht“ (Hans Jonas)4 oder eines ethischen „Tutiorismus“5 wäre für mich anzubringen, dass bereits der begründete Zweifel genügen sollte, solche Mittel nicht weiter in Umlauf zu bringen oder zu produzieren. Und dann erst einmal eine gesicherte Erkenntnis zu den tatsächlichen Effekten zu bekommen. In einem solchen Sinn wäre eine Produktpolitik daraufhin zu überprüfen, welche nicht intendierten Effekte über die Zeit doch auftreten. Einen entsprechendern negativen Effekt, gerade wenn er extern bewiesen wird, vorausgesetzt, muss dazu führen, das Produkt vorerst nicht weiter zu vertreiben oder eventuell aus der Produktion zu nehmen. Wenn Unternehmen es mit einer CSR also ernst meinen, dann müssten sie das von sich aus tun. Nicht erst auf Druck der Politik. Und schon gleich gar nicht angezeigt ist es, durch Lobbyarbeit zu versuchen, die Politik zu einer weiteren Genehmigung des Einsatzes zu bringen. Dies wird also ein weiterer Fall dafür sein, dass CSR im Moment wenig mehr als ein „Greenwashing“ ist6). Jedenfalls keine ernst gemeinte moralische Einstellung.

  1. Liebrich und Einecke im zitierten Artikel unter dem Titel „11.500 tote Völker“ in der Süddeutschen online hier. []
  2. Im konkreten Fall also auch dem Unternehmen die Erkenntnisse vorliegen würden und nicht ohne weiteres zu entkräften wären []
  3. Wikipedia: Corporate Social Responsibility. Auch in der ISO 26000 ist dies so beschrieben. []
  4. In seinem wirkmächtigen Werk „Das Prinzip Verantwortung„. []
  5. Also in einem moralischen Sinn die Verpflichtung, beispielsweise bei zwei technischen Möglichkeiten die zu wählen, die sicherer ist. Für Hans Jonas bedeutet dies, Gefahren durch Auswirkungen ernster zu nehmen als die Versprechen, die mit einer Technik gemacht werden. []
  6. Greenwashing oder Greenwash (englisch; wörtlich ‚grünwaschen‘, übertragen: ‚sich ein grünes Mäntelchen umhängen‘) ist eine kritische Bezeichnung für PR-Methoden, die darauf zielen, einem Unternehmen in der Öffentlichkeit ein umweltfreundliches und verantwortungsbewusstes Image zu verleihen, ohne dass es dafür eine hinreichende Grundlage gibt“ (Wikipedia: Greenwashing. []
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