Im Prinzip eine super Idee!

Remi Mathis - Vom Papier zum Digitalen und zurück unter CC 3.0 BY-SA

Gebrauchen statt besitzen. Das ist doch eine super Idee, wie Pia Ratzesberger in der SZ hier schreibt. Und wie es auch bezüglich des Carsharing-Konzeptes schon länger für höherwertige Gebrauchsgüter praktiziert wird.

„Besonders junge New Yorker wollen Autos nicht besitzen, sondern fahren“1.

Eine alte Idee

Diese Idee mit sehr alten Wurzeln geht so völlig gegen den Strich von Neoliberalismus und Homo Oekonomikus. Wobei es zumindest mit Letzterem von der Theorie her prinzipiell vereinbar wäre. Besonders interessant ist in meinen Augen, dass vor allem die Social Media und „Cloud-Produkte“ wie Online-Bibliotheken, Musik-Streaming Dienste oder vor allem Online-Videotheken das Leihen und Ausleihen, also das Gebrauchen statt dem Besitzen, marktfähig machen2. Auch wenn einige Risiken darin stecken, dass plötzlich bestimmte Artikel, obwohl man sie bezahlt hat, nicht mehr verfügbar sind. Ich will mich in den weiteren Ausführungen dieses Blogs aber mit eher theoretischen Überlegungen zur ökonomischen Theorie beschäftigen, die ich ansatzweise schon mal hier (am Ende der Arbeit) angestellt habe.

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Insbesondere die digitalen Medien sind für Gebrauch gegenüber dem Besitzen sehr gut geeignet, weil die Qualität der Produkte nicht unter dem Ausleihen oder Reproduzieren leidet.
Bild (= Beitragsbild als Ausschnitt): Remi Mathis – Vom Papier zum Digitalen und zurück. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA) – Namensnennung und Verwendung unter gleichen Bedingungen.

Jenseits der Konkurrenz?

Die zentralen Kriterien Konkurrenz und Ausschließbarkeit innerhalb der Ökonomie wurden historisch am Beispiel von Nahrung gewonnen. Eine Übertragung auf alle menschlichen Bedürfnisse finde ich jedoch ungeheuer problematisch und letztlich falsch. Am Beispiel des Individualverkehrswird deutlich, daß es hier immer um ein Bedürfnis nach Mobilität geht. Dieses Bedürfnis kann jedoch, wie oben gezeigt in der Frage des Car-Sharings, nicht nur individuell durch ein eigenes Auto, sondern auch durch3) öffentliche Verkehrsmittel, oder, auf einer ganz allgemeinen Ebene, eben durch einen möglichen und aktiven Gebrauch, nicht durch den Besitz von irgendetwas befriedigt werden4. Vor diesem Hintergrund wird nicht nur der die Konkurrenz als einziges Motivationselement ökonomischer Handlungen, beispielsweise im Rahmen der Theorie des Homo Oeconomicus endgültig hinfällig5, sondern auch, gerade in der heutigen Zeit der ökologischen Krise und des weiterhin weitverbreiteten Hungers auf der Erde, die erneute Suche nach den „wahren” Bedürfnissen – und deren adäquater Befriedigung – unumgänglich.

Effizienz und Notwendigkeit

Natürlich ist bei knappen Ressourcen und Budgetrestriktionen die Effizienz wirtschaftlicher Prozesse ein wichtiges Kriterium6. Aber allzuoft wird es als einziges Kriterium einer Wirtschaft betrachtet. Das führt ethisch zu schwerwiegenden Konsequenzen bei „wirtschaftlichen“ Entscheidungen. Bedürfnisbefriedigung unter Knappheitsbedingungen entbindet umgekehrt nicht von moralischen Bewertungen einer ökonomischen Handlung z.B. im Hinblick auf Gerechtigkeit7. Und hier könnte ein Ansatz, der nicht den Besitz in den Vordergrund stellt, sondern das positive Recht auf den Gebrauch (Gebrauchswert) für alle Bürger /-innen, deutlich andere Impulse setzen. Es wäre jedenfalls gut weiter zu entwickeln. Wobei man hier auch auf „Klassiker“ der ökonomischen Theorie, wie beispielsweise Karl Marx, aber auch Adam Smith oder David Ricardo, gut zurückgreifen könnte. Verbunden mit einer qualitativen Bewertung wirtschaftlicher Prozesse8, nicht nur mit quantitativen Zahlen eines Bruttoinlandsproduktes als Maßstab für die Entwicklung von Gesellschaften. Ein wenig wundert mich schon, dass diese gute Idee noch nicht zum Allgemeingut geworden ist.

  1. Nikolaus Piper in der SZ-Online v. 3. Januar 2013 hier []
  2. Siehe hierzu beispielsweise den Artikel „Geschenkt, geliehen, gekauft in der c’t Nr. 1/2013 von Achim Barczok []
  3. (gut ausbebaute und günstige []
  4. Wenngleich nicht vergessen werden darf, daß es beim Autofahren nie nur um reine Mobilitätsbedürfnisse, sondern z.B. auch um das Bedürfnis nach Unabhängigkeit und Freiheit geht. Andererseits sind viele Bedürfnisse nur sinnvoll öffentlich zu befriedigen, wie z.B. das Gesundheitswesen, Bildung usw. []
  5. Dass dies auch keine Analgogie im Tierreich hat, kann Frans de Waal sehr schön zeigen. Hierzu habe ich hier etwas geschrieben. []
  6. Hier hat die Ökonomie in ihrer Theoriebildung in meinen Augen wirklich große Leistungen vollbracht. []
  7. Damit eng verbunden ist auch die Eigentumsfrage. Eigentum, das Recht und die Grenzen seiner Nutzung sind eine gesellschaftliche Kategorie. []
  8. Hierzu ein schöner Artikel aus dem Jahre 2009 in der Zeit. Und hier der Originalbericht der Kommission von Sarkozy (Stiglitz Report). []
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