Wissenschaft – und Praxis

„Wenn die Kriminalität im Heimatort zunimmt, sinkt die Lebenszufriedenheit der Einwohner signifikant […] Mord, Körperverletzung und Raub beeinträchtigen die Lebenszufriedenheit.“

Das sind einige der bahnbrechenden Ergebnisse, die aus Ergebnissen des Sozioökonomischen Panels (SOEP) generiert werden können, wenn man will.1  „Es ist das erste Papier, das den Effekt lokaler Kriminalität mit der Lebenszufriedenheit quantifiziert.“2 Eine wissenschaftliche Sensation? Eigentlich eher ein ziemlich lustiges Ergebnis – wenn es nicht so ernst wäre. Was mich daran so stört ist, dass offensichtlich Alltagsphänomene und -fragen erst quantitativen Analysen unterzogen werden müssen, um wissenschaftlich valide zu sein. Und die Untersuchung dann wissenschaftlich etwas zu Tage fördert, was (praktisch) eigentlich jeder schon wusste. Oder etwas widerlegt, was ohnehin niemand wirklich vertreten hat. Und die Frage aufkommen lässt, wie sie Gerd Dausend so schön kommentierte: „Haben auch Deutsche mit gesundem Menschenverstand das Zeug zum DIW-Forscher?“ Doch zurück zum Anlass: Ich selbst sehe mich durchaus auch als Forscher. Auch wenn ich nicht universitär verankert bin versuche ich, empirische Erkenntnisse zu Problemen, die mich beschäftigen, zu sammeln und auszuwerten. Oder auch meine praktischen Erfahrungen mit den Erkenntnissen abzugleichen und theoretische Zugänge zu einer Erklärung zu bekommen. Das gilt ganz besonders für meine Leidenschaft und Expertise im Bereich der Erwachsenenbildung und des Social Learning. Dieses Verständnis spiegelt sich nicht zuletzt in der Art und Weise wider, wie ich meine Blogs verfasse. Ich setze mich dabei mit Leidenschaft wissenschaftskritisch mit „wissenschaftlichen“ Erkenntnissen – oder zumindest mit den Erklärungsansprüchen der Forscher*innen – auseinander.3 Meine Kritik ist also keine Kritik an der Wissenschaft an sich. Es ist eine Kritik aus wissenschaftstheoretischer Perspektive. Und bezieht sich meist auf quantitative empirische Erkenntnisse. Ich will das am Fall des Brainstormings als Paradigma der Kreativität von Gruppen zeigen, weil ich mich gerade damit auseinandersetze. Das ging in meinen Augen wissenschaftlich, vor allem aber quantitativ-empirisch total daneben.

Foto: Markus Bärlocher. CC 3.0 (BY-SA) URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pinwandmoderation_Bez%C3%BCge_herstellen.jpg

Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist sprichwörtlich. Manchmal aber durch wissenschaftlich produzierte Erkenntnisse durchaus nachvollziehbar und bizarr. Das betrifft beispielsweise die Frage, wie man Kreativität und Lernprozesse moderiert und initiiert – und wie man das empirisch untersuchen und vergleichen kann. Die pädagogische Praxis kann dazu den Beitrag liefern, dass Gruppen immer strukturiert und moderiert werden müssen, damit es sich um „echte“ Gruppen handelt. Und die man dann beforschen kann.
Foto (= Beitragsbild als Ausschnitt): Markus Bärlocher – Pinwandmoderation „Beziehungen herstellen“ auf den Wikimedia Commons. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA).

Illusion einer Gruppeneffektivität?

Insbesondere die Sozialwissenschaften stellen eine zentrale und notwendige Form der Wissenschaft dar, um mehr über das eigene Handeln in Erfahrung bringen zu können. Aber auch, um vielleicht neue oder andere Antworten auf praktische pädagogische Problemstellungen zu erhalten. Das gelingt aber nur dann, wenn – ja wenn „die Wissenschaft“, oder der Forscher, die richtigen Fragen stellt und die dazu passenden qualitativen Methoden wählt. Was wirklich nicht immer gelingt. Auch aus einem Scheitern kann man schließlich gute wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen. In Folge des Verfassens einer längeren Ausführung zum Thema Gruppenarbeit – und die parallele Vorbereitung eines Projektes dazu – habe ich mir auch die wissenschaftliche Literatur zum Thema „Brainstorming“ angesehen. Brainstorming gilt in der Pädagogik als Mittel der Wahl zum Austausch von Wissen oder der Generierung von Ideen in Gruppen. In den von mir ausgewählten Studien ging es um psychologische quantitative Experimente zum Thema Brainstorming und seiner Produktivität. Und dabei fällt ein spannender Titel auf, der fast überall in diesen Studien zitiert wird und alleine schon durch den Titel kundtut, dass Gruppeneffektivität beim Brainstormen eine Illusion sei.4 Das Ergebnis dieser speziellen Studie ist schnell erzählt: Im (quantitativen) Experiment hätten die Autoren herausgefunden, dass Gruppen im Vergleich zu Individuen nicht nur keinen Vorteil in Bezug auf Kreativität aufweisen würden, sondern sogar – verglichen mit Menge und Qualität der Ergebnisse – schlechter abschneiden würden. Damit stellt diese „Erkenntnis“ so ziemlich alles auf den Kopf, was man, oder zumindest ich, in der Pädagogik und Gruppendynamik gelernt hat. Und was auch theoretisch sehr plausibel scheint. Warum also will sich dieser Effekt der Gruppeneffektivität im Experiment dieser Forschungsgruppe nicht einstellen? Hier lohnt sich ein Blick auf das Experiment selbst, quasi den Versuchsaufbau. Und da stellt sich heraus: So verwunderlich ist das Ergebnis deshalb nicht, weil man Äpfel mit Birnen vergleicht bzw. – aus meiner Sicht aus der Praxis – einen ungeeigneten Aufbau verwendet.5

Manchmal hilft der gesunde Menschenverstand …

In der Regel handelte es sich bei allen Proband*innen der Studien um Studierende, welche für die Untersuchungen gewonnen und dann willkürlich unterschiedlichen Kategorien (einmal Individuen, einmal Gruppe) zugeordnet wurden.6 Deshalb meine ich den Hinweis auf den gesunden Menschenverstand durchaus ernst, auch wenn das alles andere als eine gut bestimmbare Kategorie ist. Irgendwie sagt mir dieser nämlich, dass das keine wirklich vergleichbaren Elemente sind. Aber weiter in der Studie: Das Gegenüber zu den Individuen, also die Gruppen, wurden zwar im Sinne des Tests angeleitet, hatten dann jedoch keine weitere Moderation mehr. Und auch nicht die Aufgabe, eine Moderation zu bestimmen. Hallo??? Was ist das denn nur für eine Gruppe? Jedenfalls keine, die ich für einen Test zu diesem Thema für geeignet halten würde. Es ging also schon mal nicht um Gruppen, die ein spezielles Thema behandeln oder eine fachliche Expertise haben. Und es ging auch nicht um Projekte, die einen Arbeitszusammenhang aufweisen oder sich intrinsisch motiviert gefunden haben, um ein Thema zu entwickeln. Insofern wäre es schon schön, dass die entsprechenden Wissenschaftler mal darüber nachdenken, ob ihr Design tatsächlich etwas dazu aussagen kann, was sie erforschen wollen. Dabei hilft oft der gesunde Menschenverstand, den ich zumindest hinter den Ideen vermute.

Das eingebundene Video (in Englisch) eines TED-Talk veranschaulicht das auf eine recht humorvolle Art und Weise mit anderen Beispielen (CC – BY-NC-SA). „The tradition is that in the winter, in that city, you wear your socks on the outside of your boots. And what they discovered by experiment […] was that it’s true. That if you wear your socks on the outside rather than the inside, you’re much more likely to survive and not slip and fall“.7 

… und manchmal die Einbindung der Praxis

Glücklicherweise gibt es auch etwas sensitivere Studien, die genau dieses Problem in ihren experimentellen Settings aufnehmen. Und damit andere Ergebnisse produzieren. Hier möchte ich vor allem Paulus und Brown erwähnen.8 Ihre Konklusion ist dann insgesamt, dass „die Generierung von qualitativ hochwertigen Ideen (sowohl in der Originalität als auch in der Nützlichkeit) ein vorsichtiges Prozessieren der geteilten Ideen“ erfordert.9 Insofern weisen deren Ergebnisse zu Recht darauf hin, dass man ein effektives Gruppenergebnis nicht automatisch erreicht. Ein effektives Gruppenergebnis erreicht man nur mit Hilfe eines speziellen pädagogischen Vorgehens, das jeweils mit dem didaktischen Setting korrespondiert. Das hätte den quantitativen Forschern sowohl die Gruppendynamik, als auch die pädagogische Praxis von Anfang an sagen können. „Obwohl Brainstorming eine populäre Technik darstellt, wissen wir von keiner systematisch kontrollierten Studie von Brainstorming Prozessen in Organisationen die Arbeitsgruppen beim Lösen realer Probleme betreffen“.10 Mit diesem Zitat will ich noch einmal auf meine Verwunderung und auch Verärgerung zurück kommen: Mir stellt es sich so dar, dass man aufgrund der Reduktion von Empirie und Wissenschaft auf rein quantitative Designs nicht mehr in der Lage ist, qualitative Studien genau zu diesem Thema – aber diesmal mit „echten“ Gruppen oder Teams – durchzuführen. Die Fragen wären jedoch einer wissenschaftlichen Untersuchung mehr wie wert. Schließlich kann man dann wiederum sowohl das eigene pädagogische Handeln, als auch die eigenen Konzepte reflektieren, um zu einer guten Praxis zu kommen. Oder zumindest zu wissen, was eine gute Praxis an Anforderungen stellt.

Um ein letztes Mal auf den Anlass dieses Beitrags zurückzukommen: Vielleicht ging es den Autoren der Studie bezüglich „Illusion einer Gruppeneffektivität“ gar nicht so sehr um valide Ergebnisse. Zumindest eines haben sie nämlich mit ihrem Titel erreicht: Fast in allen Publikationen zu diesem Thema erwähnt, also zitiert zu werden. Das kann natürlich auch ein Grund sein, Wissenschaft zu betreiben.11

  1. Das Zitat entstammt dem Kommentar von Peter Dausend dazu in der Zeit Nr. 36 vom 28. August 2014. Hier geht es zur Studie von Krekel (DIW) und Poprawe (ETH Zürich) „The Effect of Local Crime on Well-Being: Evidence for Germany“ in den SOEPpapers Nr. 678 aus dem Jahr 2014. []
  2. „First, it is the first paper to quantify the effect of local crime on well-being in Germany.“ Der wahrscheinliche Gag dieser Studie ist, die verschiedenen Kriminalitätsarten zu unterscheiden und das vor allem für die Gewaltkriminalität beweisen zu können. Was nicht wirklich revolutionärer ist. []
  3. Das habe ich beispielsweise sehr umfangreich zu den „Erkenntnissen“ der Neurowissenschaften gemacht, wie hier, hier und hier nachzulesen ist. Hier ist auch noch mal ein guter Artikel aus dem SZ Magazin von 2012 unter einer kritischen Hinsicht. Dabei gibt es sicher eine Gratwanderung, was noch als Wissenschaft gilt, und was nicht. Wie im Artikel hier beschrieben. Und ganz sicher ist, dass es nicht immer wissenschaftliche Erkenntnisse sind, die sich wissenschaftlich ausgeben. []
  4. Hier geht es zur Studie „The Illusion of Group Effectivity“ von Stroebe, Diehl & Abakoumkin aus dem Jahr 1992. []
  5. Das hat schon Max Weber als Problem gesehen, wenn er schreibt „Es gibt […] auch auf unserem Gebiete ‚Stoffhuber‘ und ‚Sinnhuber‘. Der tatsachengierige Schlund der ersteren ist nur durch Aktenmaterial, statistische Folianten und Enqueten zu stopfen, für die Feinheit des neuen Gedankens ist er unempfindlich„. Die Hervorhebung stammt von mir. Das Zitat stammt aus: Weber, M. (1973): Die ‚Objektivität‘ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis. In: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hrsg. von Johannes  Winckelmann, S. 146-214, S. 214. []
  6. Im Falle der Untersuchung von Stroebe, Diehl & Abakoumkin wurden diese zusätzlich entlohnt, also ein extrinsischer Anreiz gesetzt. Insgesamt dürfte das Vorgehen durchaus dem üblichen empirisch-quantitativen Vorgehen entsprechen. Diese Studie reiht sich ein die „Erfolgsfaktorenforschung“. Kritische Anmerkungen dazu gibt es von Kieser & Nicolai hier und, als Replik auf eine Replik, hier. []
  7. Marc Abrahams in the video via the interactive Tanscript here. Also very nice is the example of the paper of ‚injuries due to falling coconuts‘ which was published about 30 years ago. []
  8. Paulus, P.B. & V.R. Brown, V.R. (2007): Toward More Creative and Innovative Group Idea Generation: A Cognitive-Social-Motivational Perspective of Brainstorming. In: Social and Personality Psychology Compass 1/1, S. 248 – 265. []
  9. Das Zitat entstammt dem Aufsatz von Paulus et al. von 2013, S. 345 und ist hier aufzurufen. Übersetzung von mir. []
  10. Paulus & Brown 2007, S. 248; Übersetzung von mir. []
  11. Ein interessanter Beitrag zur „Kolonisierung von Wissenschaft“ durch Zitationswut und Rankings ist auf diesem Blog hier zu finden. Und hier steht etwas kritisches zum Impact Factor. []
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