Arbeit als Nebensache?

„Arbeit ist ein wesentlicher, wenn nicht der wichtigste Teil im Leben eines Menschen. Daher prägen die Umstände unseres Arbeitslebens unser Denken auch in anderen Lebensbereichen“ (Markus Väth, 2016, S. 13).

Markus Väth, dessen Blogbeiträge ich im allgemeinen sehr schätze, hat mir dankenswerterweise ein Rezensionsexemplar seines Buches „Arbeit. Die schönste Nebensache der Welt“ zukommen lassen. Dem Ganzen vorangegangen war eine kurze Diskussion im Rahmen seines Blogbeitrages „Raus aus dem Nebelbegriff!“ darüber, warum es notwendig ist, dass die New Work Bewegung an ihrem zentralen Begriff, den der (neuen) Arbeit, arbeitet, um nicht beständig auf die Erwerbsarbeit oder das Normalarbeitsverhältnis zu rekurrieren, wenn von Arbeit die Rede ist.1 Viel wichtiger war mir jedoch, am Statement von Markus Väth die Passage aufzugreifen, die meines Erachtens nicht haltbar ist: dass es der New Work Bewegung darum gehen müsse, an einem gemäßigten Kapitalismus zu arbeiten.2 Ich werde darauf zurückkommen. Nun habe ich das Buch gelesen und finde, dass es eine gute Grundlage dafür bietet, diese Begriffsarbeit tatsächlich zu vollziehen und dabei Ideen zu entwickeln, in welche Richtung sich New Work bewegen kann, um das zentrale Anliegen, das in nichts weniger als einer Revolution der Arbeitswelt besteht, umzusetzen.3 Ein wenig irritierend ist diesbezüglich allerdings nicht nur die gewählte Überschrift des Buches, die ja Arbeit als (schöne) Nebensache festhält, während es im gesamten Kontext des Buches darum geht, die Bedeutung von Arbeit in seinen vielfältigen Formen für Menschen zu würdigen. Bzw., und hier merkt man dem Buch an, dass Markus Väth aus dem Bereich der Psychologie kommt und ihn die Entwicklung der psychischen Krankheiten bis hin zum Burnout zu diesem Thema gebracht hat,4 auch wenn er die neoliberalen Fehlentwicklungen mehr wie deutlich kritisiert. Auch dazu später noch mehr. Derweil verbuche ich den Titel als Marketingstrategie für das Buch, mich hat er jedenfalls trotz alledem angesprochen.

„Es geht also um die Bedeutung des ‚ganzen Menschen‘, um die Rolle des menschlichen Subjekts in der Arbeitswelt.“5 Arbeit und seine Bedeutung für Menschen als Personen ist ein viel zu selten auch in der Kunst gewürdigtes Thema.
Bild (auch als Beitragsbild): Dame Laura Knight – Ruby Loftus screwing a Breech Ring (1943). Verwendung unter den Bedingungen der CC0 als gemeinfreie Datei (Public Domain).

Formales zum Buch

„New Work als Konzept einer modernen Arbeitswelt bündelt diese neuen Strömungen aus Psychologie und Soziologie und stellt das sinnbewusste, selbstwirksame Ich in den Vordergrund.“6

Rein formal ist das Buch in drei Kapitel gegliedert. Teil 1 beschäftigt sich damit, warum New Work wichtig ist, Teil 2 damit, was New Work bedeutet und Teil 3 damit, wie New Work gelingen kann. Am Ende jedes Kapitels gibt es eine Zusammenfassung mit den für Markus Väth wichtigsten Gedankengängen. Das Buch ist insgesamt leicht zu lesen, obwohl es immer wieder in Form von Fußnoten Querverweise auf andere Literatur, also einen „wissenschaftlichen Apparat“, gibt.7 Anhand der drei beschriebenen Kapitel kann man andererseits auch sofort erkennen, dass das Buch vielfältige Ansprüche befriedigen will. Es will

  • eine sehr ausführlichen Kritik der modernen Arbeitswelt mit ihren Folgen für die Psyche (Stichwort Burnout) leisten,
  • konkrete Ansätze und Vorschläge für die Beratung von und in Organisationen liefern sowie
  • Aussagen zum Thema Coaching und Kompetenzbildung im Bereich von New Work machen.

Darunter leidet in meinen Augen des Öfteren die vertiefte Auseinandersetzung mit den Inhalten, beispielsweise im Sinne einer genaueren Analyse von Ursache und Wirkung.

Beeindruckt bin ich dagegen von der Fülle und Vielfältigkeit der verarbeiteten und ins Buch eingeflossenen Literatur. Das fängt natürlich mit Frithjof Bergmann an, geht über Hartmut Seifert (Anforderungen an eine innovative Arbeitszeitpolitik), Peter Sloterdijk (Du musst Dein Leben ändern), Ulrich Beck (Schöne neue Arbeitswelt), Victor Frankl (Das Leiden am sinnlosen Leben), Max Weber (Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Günter Voss (Die Entgrenzung von Arbeit und Arbeitskraft), Stefan Kühl (Wenn die Affen den Zoo regieren) bis hin zu Richard Senett (Die Kultur des neuen Kapitalismus) und schließlich sogar die Bibel. Um nur einige zu nennen. Besonders wichtig finde ich, dass beispielsweise auch Dieter Sauer (Die organisatorische Revolution) und Andreas Boes (Zwischen Empowerment und digitalem Fließband. Das Unternehmen der Zukunft in der digitalen Gesellschaft) zu Wort kommen. Das größte Problem an dieser verarbeiteten disparaten Literatur finde ich, dass hinter den meisten der genannten Autoren zum Teil sehr unterschiedliche Konzepte und auch Widersprüche in der Analyse (und noch mehr in ihren Empfehlungen) stecken. Es gelingt Markus Väth auch nur zum Teil, diese Vielfältigkeit stringent im Sinne eines New Work Ansatzes zu bündeln, beispielsweise in der Frage des Sinns, des Sinnbezuges und der Sinnhaftigkeit von Arbeit. Hier (im Bereich des Sinnbezuges) ist das Buch tatsächlich sehr stark.8

Von der Nebensache zur Hauptsache

„Das Verwirklichen des Callings, der beruflichen Vision, erfordert den selbstwirksamen, souveränen Menschen. Grundlage hierfür ist eine dreifache Verwurzelung: in der Herkunftsfamilie, im sozialen Hier und Jetzt und in der Transzendenz.“9

Inhaltlich geht es im Buch über die Arbeit als schönste Nebensache natürlich hauptsächlich um Arbeit. Hieran will ich auch meine erste kritische Anmerkung festmachen, und zwar ganz im Sinne von Markus Väths Anspruch, sowohl die Begrifflichkeit zu klären, als auch vor allem die Bedeutung von Arbeit für Menschen näher zu bestimmen. Richtigerweise geht Markus Väth bei der Begründung der Bedeutung von Arbeit im Sinne von Erwerbsarbeit zurück in die Geschichte. Weitgehend stimmig10 ist dabei die Aufarbeitung von Erwerbsarbeit im Sinne eines Berufes. Denn Beruf kommt tatsächlich vom Wort Berufung im Sinne einer (göttlichen) Bestimmung von Menschen für bestimmte Tätigkeiten, im englischen eben Calling genannt. Das Ausüben der für den Menschen bestimmten Tätigkeit führt zu Sinnerfüllung. Im Sinne der These der protestantischen Ethik ist es, und das war Max Weber wichtig hervorzuheben, ein Spiegelbild dessen, was die Menschen im Jenseits erwartet. Das erklärt sicher die Bedeutung, die Erwerbsarbeit und ihre Gleichsetzung mit einem Beruf bis heute in der Gesellschaft haben. Es erklärt aber noch nicht, und das wäre mein kritischer Einwand, warum Arbeit (im Rahmen der Industriesoziologie eher als Arbeitsfähigkeit bezeichnet) beispielsweise auch jenseits einer Berufstätigkeit oder bezahlten Erwerbsarbeit für Menschen eine substantielle Bedeutung hat.

Mit anderen Worten: Warum Arbeitsfähigkeit im „Wesen des Menschen“11 liegt und damit nicht nur die Grenzen bestimmt, sondern Menschen vor allem anderen12 auszeichnet, sozusagen die Hauptsache von Menschen ist. Dazu wäre es wichtig, die Perspektive der Anthropologie mit einzubeziehen. Zumindest der Anthropologie, wie sie Michael Tomasello betreibt und beschreibt.

„In einem beispiellosen Ausmaß hat sich der Homo sapiens daran angepaßt, in Gruppen kooperativ zu handeln und zu denken; und in der Tat sind die beeindruckendsten kognitiven Leistungen von Menschen […] nicht Produkte allein handelnder, sondern gemeinsam agierender Individuen.“13

Dieses Zitat von ihm soll ausdrücken, was Philosophen und andere Denker vor ihm14 ebenfalls bereits festgestellt und postuliert hatten: dass sich nämlich Menschsein darin ausdrückt, sich gemeinsam und von vornherein als sozialer Verband mit der Welt und Umwelt produktiv auseinanderzusetzen und dabei arbeitsteilig vorzugehen, um das Zusammenleben zu verbessern. Dieser soziale Bezug, der sich gerade im immer notwendigen Arbeitshandeln ausdrückt, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Er hat auch gewaltige Folgen auf die Frage, wie Arbeit zu verändern ist und Gesellschaft zu gestalten wäre, um diese Grundeigenschaft des Menschen wieder zu würdigen.

Markus Väth wählt seine Begrifflichkeiten sehr genau und insofern tauchen „selbstwirksame“ und sich so erfahrende Menschen (als Basis der Sinnerfüllung) immer wieder im Rahmen des Buches auf. Doch selbstwirksame und souveräne Menschen gibt es nicht „an sich“, um mit Hegel zu sprechen, sondern erst im Rahmen der sie einbettenden Communities und Feedback-gebenden Peers. Das kann man bereits an den Begriffen (Selbst-Wirksamkeit und Souveränität) zeigen.15 In einer ziemlich eigentümlichen Art und Weise transportiert und verstärkt deshalb – und das entgegen der expliziten Absicht des Autors – die individualistisch beschriebene Kritik am neoliberalen Arbeitsverständnis gerade das neoliberale Menschenbild.16 Mit anderen Worten: um den Anspruch begründen zu können, New Work „über alle Lebensbereiche hinweg (und nicht nur im Berufsleben)“ zu praktizieren, muss Arbeit von vornherein und existenziell sozial verstanden und beschrieben werden.17 18

„Wir müssen den Blick weiten, weg vom individualistischen Kompetenzbegriff hin zur Qualität und Kompetenz der Interaktion.“19
Eigentlich ist es so, dass wir den Blick zurück richten sollten auf das, was Menschen und ihr Arbeitsvermögen ausmacht: die existentielle Sozialität. Besonders schön zeigt das der Anthropologe Michael Tomasello. Hier in einem kurzen Video mit der prägnanten Frage: „Was macht uns zu Menschen?“

Von der Kritik zur Utopie

„New Work hat über den individuellen und den organisatorischen Aspekt hinaus enorme gesellschaftliche Auswirkungen. Es beansprucht, das kapitalistische System und die Arbeitswelt in menschenfreundlicher Art zu verändern.“20

Mein nächster kritische Einwand bezieht sich auf das, was ich bereits in der Kommentierung des Blogbeitrages von Markus Väth angedeutet hatte: dass das kapitalistische System in diesem Sinne nicht reformiert werden kann. Schon gleich gar nicht in Bezug darauf, menschenfreundliche Arbeit allüberall sicherzustellen. Für Markus Väth greift New Work insofern auch gar „nicht den Kapitalismus als solchen an, sondern dessen marktradikale, pervertierte, menschenverachtende Variante.“21 Eine solche Einschätzung hängt zentral davon ab, was man unter Kapitalismus genau versteht und wie sich davon beispielsweise tayloristische Arbeitsorganisationen oder auch neoliberale Menschenbilder und marktradikale Politik unterscheiden. In jedem Fall fallen diese Begriffe nicht ineinander, sind also weder deckungsgleich, noch meinen sie dasselbe. Zunächst möchte ich auch hier die starke Seite des Buches betonen, die eine sehr dezidierte und fundierte Kritik am neoliberalen Modell von Arbeitsorganisation (via Erwerbsarbeit) vollzieht, die sich natürlich in Unternehmen als Organisationen ausdrückt. Genau darin aber bleibt die Entwicklung der Kritik in meinen Augen auch stecken.22

Hier ist auch der größte theoretische Unterschied auszumachen. Die Beschreibung und Kritik eines kapitalistischen Systems bezieht sich relativ abstrakt auf die Organisationsform der Ökonomie, genauer die Entwicklung der Produktivkräfte. Sie geht im Regelfall nicht auf die konkrete Ausgestaltung von Arbeit in Unternehmen ein. Natürlich kann man hier Entwicklungslinien zeigen und Verbindungen herstellen, was einige der Autoren, auf die sich Markus Väth bezieht, auch tun.23 New Work taugt in meinen Augen aber erst dann als Wirtschaftskritik, bzw. als „Kritik der politischen Ökonomie“, wenn sie neben einer Begriffsbestimmung genau diesen Schritt vollzieht: zu bestimmen, welchen Charakter Lohn- und Erwerbsarbeit im Rahmen des Kapitalismus hat und dabei eine genauere Analyse zu betreiben, die sich zumindest (gerne auch kritisch) an Karl Marx orientieren sollte.24 Zum Wesen des Kapitalismus gehört für Karl Marx jedenfalls untrennbar Lohn- und Erwerbsarbeit, sonst funktioniert der Prozess der Kapitalverwertung nicht. Lohnarbeit zu verändern würde in meinen Augen wiederum tatsächlich bedeuten, den Kapitalismus zu revolutionieren, denn es wäre in diesem Sinne kein Kapitalismus mehr.

Besonders wichtig wäre mir selbst bei einer solchen Analyse, dass Karl Marx (und viele andere auch) ebenfalls gut beschreibt, warum sich aufgrund der Widersprüchlichkeiten in der Entwicklung des Kapitalismus andere Gesellschaftsmodelle (und Utopien) ergeben können. Hier knüpft er an Hegel an, wenn er betont, dass es um die „Aufhebung“ des Kapitalismus gehen muss, also nicht seine Abschaffung. Das bedeutet eine Transformation auf eine höhere Ebene im Sinne einer gesellschaftlichen Weiterentwicklung. Revolutionäres Potenzial, wie es Markus Väth ausmacht, ergibt sich jedenfalls tatsächlich erst auf dieser Ebene neuer gesellschaftlicher Entwürfe. Hier stimme ich erst einmal ausdrücklich zu, dass viele Vorstellungen von New Work in Bezug auf Arbeit und Zusammenarbeit dazu führen können, solche Utopien mehrheitsfähig zu machen. Spätestens hier wäre es aber analytisch wiederum gut gewesen, das ein oder andere Konzept der von Markus Väth aufbereiteten Autoren näher zu untersuchen und einzubeziehen. So zeigt beispielsweise die Diagnose von Dieter Sauer, insbesondere in der erweiterten Form und in Zusammenarbeit mit dem Philosophen Klaus Peters, die bei den sogenannten indirekten Steuerungsformen von einer „neuen Herrschaftsform“ sprechen,25 dass sich diese dialektischen Widersprüchlichkeiten in modernen Organisationen und Unternehmen deutlich zeigen und nutzen lassen. Weil beispielsweise in den indirekten Steuerungsformen26 nicht nur ein Autonomieversprechen steckt, sondern tatsächlich Autonomie (zumindest in Teilen) gewährt werden muss, damit sie funktionieren. Letztlich beschreibt er selbst im Rahmen seiner Kritik diese äußerst widersprüchlichen Entwicklungslinien.27

Revolution, New Work?

„New Work ist in seiner ursprünglichen Form ein Konzept des amerikanischen Philosophen Frithjof Bergmann und besteht aus drei Säulen: ausgeprägte Kritik am Kapitalismus und am Lohnarbeitssystem, einer technologischen Zukunftsvision der Selbstversorgung (high-tech self-providing) und dem Konzept der arbeitsbezogenen Berufung (Calling).“28

Mein letzter Kritikpunkt gilt dem ständigen Rekurs von New Work auf den namensgebenden „Gründungsvater“ Frithjof Bergmann. Vor allem daran, dass seine drei Säulen zu einer Art Axiom29 für New York geworden sind. Zugleich vollzieht hier Markus Väth etwas, was ich zutiefst unterstütze: die Emanzipation von Frithjof Bergmann als Namens-, vor allem jedoch als Ideengeber.30 Zumindest im Bereich der konkreten Organisationstheorie, also im Rahmen von Unternehmen, macht er ein Defizit des Gründungskonzeptes aus, das er mit eigenen Inhalten füllt. Gerade in diesem emanzipatorischen Ansatz meine ich, dass das Buch besonders stark ist. Zugleich lässt sich daran exemplarisch zeigen, warum es so wichtig ist, Begriffe zu klären und Konzepte weiterzuentwickeln. Zu den Säulen 1, Kritik am Kapitalismus und 3, arbeitsbezogene Berufung (Calling) habe ich bereits oben Stellung genommen. Ich möchte hier noch einmal die Säule Nummer 2 einer kritischen Würdigung unterziehen. Denn zum einen ist mir überhaupt nicht klar, warum eine „Hochtechnologie in der Selbstversorgung“ eine attraktive Zukunftsvision von Arbeit sein soll, zum anderen weil ich glaube, dass diese Säule gerade das Gegenteil einer guten und ausstrahlenden Idee für New Work darstellt. Die Begründung meiner Kritik baut darauf auf, was ich unter Punkt zwei als zutiefst sozialen Charakter von Arbeit für Menschen dargestellt habe.

Es wird ja deutlich genug ausgesprochen, dass die Idee des „high-tech self-providing“ eine technologische Zukunftsvision darstellt. Nun werden wir hier bei Beck et al. Services nicht müde, zu betonen, dass der Kern der digitalen Revolution gerade nicht darin besteht, dass es sich um eine technische Revolution handelt.31 Analysiert man, um was es im Rahmen der digitalen Transformation „wirklich, wirklich“ geht, dann geht es im Kern um die Neuorganisation von Zusammenarbeit auf Augenhöhe und Kollaboration in vernetzten Zusammenhängen, unabhängig davon, dass Technologien es natürlich unterschiedlich leicht möglich machen, auf diese Art zusammenzuarbeiten. Es geht mit anderen Worten darum, dass sich über die digitale Revolution die Anliegen von New Work in Organisationen und Unternehmen relativ leicht umsetzen lassen. Allerdings nur dann, wenn man die Strukturen und Prozesse entsprechend umgestaltet und die Betroffenen dazu empowert. Nun geht jedoch der Ansatz der Selbstversorgung nicht nur technologisch in eine völlig verkehrte Richtung, sondern auch ideologisch: der Ansatz der Selbstversorgung, der hier ja relativ deutlich im Sinne einer Autarkie gemeint ist, verstärkt noch viel mehr als die bisherige neoliberale Kritik von New Work das Welt- und Menschenbild des Neoliberalismus. Man könnte fast sagen, dass eine solche technologische Vision die Vollendung neoliberalen Denkens darstellt.

Dem steht anthropologisch und historisch gegenüber: Menschen waren nie autark und eine Selbstversorgung war nie die Lösung für die Souveränität menschlicher Gemeinschaften. Sie leben geradezu vom gegenseitigen Austausch, von Arbeitsteilung und vor allem vom vernetzten sozialen Zusammenhang. Sie sind, wie Aristoteles es so schön ausgedrückt, hat von Geburt an politische Lebewesen (zoon poltitikon), also Lebewesen in (Polis-) Gemeinschaften. Das bedeutet in letzter Konsequenz, dass sowohl die Befriedigung ihrer Bedürfnisse, als auch die Sinngebung im Bereich ihres Handelns ausschließlich erst durch die jeweils anderen Menschen möglich ist.32 Das ist etwas, was sich zwar nicht technisch erreichen lässt, wohl aber als Vision einer Zukunft für die Gesellschaft stark machen lässt, welche die Vorstellung einer neuen Arbeit ernst nimmt. Was, als Aspekt der auch bei New Work bisher noch nicht so richtig zum Tragen kommt, auch eine neue Verteilung und vor allem Wertschätzung der sogenannten reproduktiven Arbeiten (Care-Tätigkeiten) notwendig macht.

To be continued …

 

  1. Zumindest Frithjof Bergmann, der als Gründervater der New Work Bewegung gilt, war hier etwas deutlicher, wenn er von der Arbeit, die man „wirklich, wirklich will“ gesprochen hat. []
  2. Die genaue Formulierung lautet: New Work will „in der Gesellschaft auf einen maßvollen Kapitalismus hinarbeiten“, Punkt 3 der Liste von Markus Väth. []
  3. Immerhint trägt das Buch einen entsprechend vielversprechenden Untertitel, nämlich: „Wie New Work unsere Arbeitswelt revolutioniert“. []
  4. Diesem Thema widmet sich auch ein früheres Buch mit dem wirklich ansprechenden Titel: „Feierabend hab‘ ich, wenn ich tot bin. Warum wir im Burnout versinken.“ []
  5. Väth 2016, S. 33. Alle weiteren Zitate aus dem Buch werden nur noch als a.a.O. mit den entsprechenden Seitenzahlen angegeben. []
  6. a.a.O., S. 94 []
  7. Etwas, was ich persönlich sehr schätze, weil damit nachvollziehbar wird, woher verschiedene Gedanken kommen und wie sie interpretiert werden. []
  8. Ich nehme an, dass das deshalb so ist, weil es sich hier um die zumindest ursprüngliche Profession der Psychologie von Arbeit von Markus Väth handelt. []
  9. a.a.O., S. 166 []
  10. Und gestützt auf Max Webers Abhandlung der protestantischen Ethik. []
  11. a.a.O., S. 140 []
  12. Insbesondere als Spezies von allen anderen unterscheidet. []
  13. Tomasello 2010, Warum wir kooperieren, S. 13; Homo Sapiens im Original hervorgehoben. []
  14. Meine eigene Referenz dafür ist immer Hegel bzw. der deutsche Idealismus. []
  15. Begriffe, Sprache und die Sprachgemeinschaft sind überhaupt besonders gut dazu geeignet, diesen Zusammenhang noch einmal zu verdeutlichen. Phylogenetisch geht die jeweilige Sprachgemeinschaft dem einzelnen (ontogenetisch) immer voraus. Zugleich ist Sprache immer ein (Sinn transportierendes) gemeinsames Produkt oder, um mit Wittgenstein zu reden: es gibt keine Privatsprache. []
  16. Mit neoliberalem Menschenbild meine ich genau dasjenige Bild, das die ökonomische Theorie mit dem Konstrukt des Homo Oeconomicus grundgelegt hat: der völlig individuell (autark!) agierende nutzenmaximierende Mensch, für den Gesellschaft immer erst nachträglich, beispielsweise über diverse Vertragstheorien, ins Spiel kommt. []
  17. Erst dann kann meines Erachtens auch die Auseinandersetzung mit dem Begriff und Inhalt einer Work-Life-Balance sinnvoll geschehen. Hier teile ich voll und ganz die Einschätzung von Markus Väth, habe dazu aber auch bereits hier geschrieben, dass dieses Gegensatzpaar überhaupt erst verständlich ist, wenn man die Geschichte der Erwerbsarbeit und ihres Gegenteils, nämlich der Freizeit, betrachtet. []
  18. Es ist nicht so, dass Markus Väth diese Gedanken nicht aufgreifen würde. Allerdings lese ich die Konstruktion so, dass beispielsweise die soziale Anerkennung (beispielsweise auf S. 78) etwas ist, was erst nachträglich im Gruppenzusammenhang hinzukommt. Jedenfalls nicht von vornherein konstitutiv die Entwicklung des Selbstbewusstseins und der Souveränität überhaupt erst ermöglicht. []
  19. a.a.O., S. 175 []
  20. a.a.O., S. 238 []
  21. a.a.O., S. 222 []
  22. Wie übrigens in meinen Augen auch viele der Diskussionen um demokratische Unternehmen und Unternehmensdemokraten in diesem Dilemma stecken bleiben, sobald sie es nicht nur als Mittel zur Humanisierung der Arbeitswelt sehen. []
  23. Dazu gibt es insgesamt einige spannende Analysen und in einer Kurzform von mir würde ich es so charakterisieren und kritisieren, dass im Kapitalismus Kapital dazu eingesetzt wird, mehr Kapital zu erzeugen und der Umweg über die Arbeit (Produktion) und Bedürfnisbefriedigung (Ware als Ergebnis der Produktion) nurmehr Mittel zum Zweck ist. Gerne wird es mit der Formel ausgedrückt: G = W = G‘. Eine glatte Umkehrung des ökonomischen Prinzips, wie es auch Max Weber mehrmals bedauernd festgestellt hat. []
  24. Bisher ist mir keine bessere und kritischere Analyse des Kapitalismus bekannt und das gestehen ihm in der Regel auch seine Kritiker zu. Eine Orientierung an Karl Marx kann ja, wie bereits erwähnt, durchaus auch in einer kritischen Abgrenzung geschehen, auf keinen Fall jedoch ohne ihn, weil er einer der genauestens Beobachter der Entwicklung des Kapitalismus war und den Kerngehalt in meinen Augen bisher unübertroffen gut beschrieben hat. Dass er nicht erwähnt wird ist wohl auch nicht zufällig. []
  25. Hierzu gibt es auch einige weiterreichende Analysen und öffentlich zugängliche Aufsätze, wie beispielsweise „Epochenbruch und Herrschaft.  Indirekte Steuerung und die Dialektik des Übergangs“ oder auch das erwähnte Papier „Indirekte Steuerung – eine neue Herrschaftsform. Zur revolutionären Qualität des gegenwärtigen Umbruchprozesses„. []
  26. Hierunter würde ich viele der digitalen Konzepte, wie beispielsweise Scrum und agile Methoden, subsumieren. []
  27. Beispielsweise auf Seite 39: „Nicht weil sie böse sind oder dumm, sondern weil Wirtschaft naturgemäß der Profitmaximierung dient. Das ist ihr Wesen. Geld schlägt Ethos, Rendite die ‚humanistische Investition‘.“ []
  28. a.a.O., S. 73 []
  29. Das ist wörtlich zu nehmen als ein Grundsatz. der nicht mehr weiter bewiesen werden kann oder soll. []
  30. Markus Väth spricht hier von New Work der ‚zweiten Generation‘ (S. 19), welche die umfangreichen Veränderungen der Gesellschaft und vor allem Arbeit aufgreifen und in neue Konzepte gießen, weil man ihnen nicht mehr „mit dem Originalkonzept“ begegnen kann. []
  31. Ich verweise hier auf Blogbeiträge im Rahmen unseres Corporate Blogs hier, hier, hier und hier. []
  32. Markus Väth greift auch diesen Gedankengang produktiv auf, verortet ihn aber zunächst primär in der Herkunftsfamilie und bezeichnet es metaphorisch als  individuelle Wurzeln. []
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