Soziale Zeitautonomie

André Karwath - Sekunde (Wikipedia)

„Die Vorstellung, einen Beschäftigten als in idealer Weise zeitautonom agierendes Subjekt zu bezeichnen, der ohne Rücksicht auf die Zeitbedürfnisse seiner KollegInnen seine privaten Zeitinteressen realisiert, diskreditiert das Autonomiekonzept von vornherein […] Autonomie und Intersubjektivität verweisen damit wechselseitig aufeinander“.

Schon lange beschäftigt mich das Zeitmanagement. Aber, wie ich mit dem einführenden Zitat deutlich machen will, in einem sehr negativen Zusammenhang.1 Ich glaube nämlich, dass es ein zumeist ziemlich sinnfreies Konstrukt ist, das an den Realitäten der meisten Arbeitszusammenhänge zielstrebig vorbei manövriert.2 Insofern ist es auch kein Wunder, dass es keine gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse darüber gibt, ob Zeitmanagement in der betrieblichen Praxis funktioniert. Sehr problematisch finde ich gerade diesen Umstand, dass die Menschen es nämlich normalerweise nicht wirklich sinnvoll am Arbeitsplatz umsetzen können. Auch wenn Seiwert & Co. das Gegenteil behaupten. Dummerweise habe ich eine Bezeichnung für ein „Gegenkonzept“ gewählt, die keiner googelt oder bewusst sucht. Auch wenn ich denke, dass Soziale Zeitautonomie tatsächlich die richtige Beschreibung für ein alternatives Konzept wäre. Vielleicht auch noch Zeitberatung oder betriebliche Zeitberatung, wie es das Netzwerk „timesandmore“ vertritt. Aber auch das sucht niemand wirklich im Internet, wenn er in zeitlichen Nöten ist. Ich will hier nur den Kern meiner Kritik gegen das „klassische“ Zeitmanagement kurz darstellen, weil ich darüber tatsächlich schon einiges geschrieben habe.3

André Karwath - Sekunde (Wikipedia)

Das „klassische“ Zeitmanagement kann deshalb nicht funktionieren, weil es von einer völlig verfehlten Arbeitsvorstellung ausgeht. Bezeichnenderweise wird so die Frage, ob nicht tatsächlich zu viel Arbeit vorhanden ist gleich gar nicht gestellt.
Bild (= Beitragsbild als Ausschnitt): André Karwath – Sekunde auf den Wikimedia Commons. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA).

Von Zeitdieben und a-sozialen Zeiten

Einen wesentlichen Aspekt meiner Kritik am Zeitmanagement hatte ich oben schon angeführt: Dass es auf einer ziemlich kruden Vorstellung von Arbeits- und Zeitorganisation in Unternehmen beruht. Die Ratgeber stützen sich beispielsweise mit dem Ratschlag, Arbeiten zu delegieren, stark auf tayloristische Vorstellungen. Denn nur wenn das Delegieren angeordnet werden kann, funktioniert es als tatsächliche Zeitersparnis. Eine starke Hierarchie ist so die unausgesprochene Voraussetzung klassischen Zeitmanagements. Doch in dem Moment, in dem in der Gruppe oder dem Team (hierarchisch) Gleichgestellte kommunikativ dazu gewonnen werden müssen, die Arbeit zusätzlich zu übernehmen, ist die Zeit, die für diesen Kommunikationsakt aufgewendet werden muss, im Regelfall größer als die Zeit zur Erledigung der Aufgabe. Besonders problematisch wird es dann, wenn aufgrund dieser hierarchischen Vorstellung die eigenen Kolleginnen und Kollegen als „Zeitdiebe“ tituliert werden, die durch ihre unangemessenen Gesprächswünsche, also die Kommunikation über die Arbeit, von der „eigentlichen“ Arbeit abhalten.4 Hierzu möchte ich ein passendes Zitat anführen: „Kundenwünsche werden nicht in einem Funktions-Silo erfüllt, sondern durch die aktive Zusammenarbeit von Menschen. Gespräche sind mit die wichtigste Form von Wertschöpfung, insbesondere dort, wo Wissen vermarktet wird“.5 Das „klassische“ Zeitmanagement muss die Zusammenhänge im Bereich flacher Hierarchien oder im Bereich von Netzwerkorganisationen systematisch ausblenden, um überhaupt zu sinnvollen Empfehlungen kommen zu können. Das heißt, dass die Zeitempfehlungen hochgradig individualistisch sind. In diesem Sinne handelt es sich tatsächlich um a-soziale Zeiten, also Zeiten, die nicht durch einen sozialen Zusammenhang der Arbeit gekennzeichnet sind.

Zeithandeln in komplexen Systemen

Es gibt aber auch ganz generell einen Grund, warum das Zeitmanagement zu kurz greift. Menschen haben kein zuverlässiges Organ für die Wahrnehmung von Zeitabläufen. Vor allem haben sie Schwierigkeiten beim Erfassen nichtlinearer Verläufe.6 Diese spielen jedoch in Netzwerkstrukturen eine erhebliche Rolle. Gerade komplexe Systeme, wozu die meisten großen Unternehmen zählen dürften, haben beispielsweise unterschiedlich lange Rückkoppelungskreisläufe. Wenn das Feedback auf Handlungen verzögert, oder aber aus völlig anderen Zusammenhängen heraus erfolgen, dann haben die agierenden Personen regelmäßig große Schwierigkeiten, ihre Handlungen richtig abzustimmen oder den Erfolg von Planungen adäquat zu beurteilen. Generell sind viele Tätigkeiten zum Erreichen der individuell gesteckten Ziele in den hoch arbeitsteiligen – und damit sozial organisierten – betrieblichen Kontexten zeitlich nicht exakt planbar. Denn sie sind mindestens an Vorarbeiten gebunden und von Zuarbeiten abhängig. Da helfen dann auch die Empfehlungen des Zeitmanagements, beispielsweise Ziele zu setzen und zu priorisieren, nicht mehr weiter. Das Ergebnis wiederum dürfte sich normalerweise signifikant von der Zielsetzung unterscheiden. Dieser Unterschied hat jedoch nichts mit einem persönlichen Problem falscher Zeitplanung oder unzureichender Priorisierungen zu tun. Besonders deutlich wird das Problem des individuellen Zeitmanagements für mich am Umstand, dass im Rahmen von Zeitmanagementempfehlungen individuell zurückgestellte Aufgaben, da sie im Regelfall im organisationalen Unternehmensgefüge ihre Berechtigung haben, entweder Mehrarbeit in anderen Abteilungen erfordern oder insgesamt organisatorische Belastungen mit sich bringen.7 Dies ergibt sich ebenfalls aus dem sozialen Zusammenhang der Zeit- und Arbeitsorganisation in Unternehmen. Darum habe ich als Gegenbegriff zum Zeitmanagement die „soziale Zeitautonomie“ gewählt. Das will ich nun noch kurz erläutern.

Soziale Zeitautonomie als Gegenmodell

Eine Koordination betrieblicher Prozesse durch Gruppen und Teams gilt heute als bedeutender organisationaler Fortschritt. Die ernsthafte Implementierung von Projektorganisation bedeutet einerseits eine zunehmende Differenzierung und einen zusätzlichen (kommunikativen) Koordinationsaufwand der darin agierenden Menschen. Andererseits erhalten die einzelnen Personen, aber auch die Gruppen und Projekte in diesem Zusammenhang eine relative Autonomie. Diese gilt es zu nutzen. Das wiederum kann nur durch zusätzliche Koordination und kommunikative Abstimmung passieren. In einer gelingenden Team- und Projektarbeit bekommen Kategorien wie „Rücksichtnahme“, „Aushandlung“ und „Interaktion“ einen dominanten Stellenwert. Kollektive Zeitautonomie darf insofern nicht in der individualistisch verkürzten Fassung des Zeitmanagements gedacht werden. „Zeitautonomie bedeutet nicht: Bedingungslose Durchsetzung eigener Zeitinteressen, sondern Anerkennung der Zeitinteressen anderer im eigenen Handeln“.8 Dies erfordert nicht nur besondere Kompetenzen im Bereich der Teamfähigkeit, sondern vor allem die (Be-) Achtung der jeweils unterschiedlichen zeitlichen Interessen und Bedürfnisse der anderen Gruppenmitglieder. Eine solche Koordinationsleistung, wenn sie gelingen soll, hat ihren Platz gerade nicht im individuellen Arbeitshandeln, sondern beispielsweise im Teamgespräch. Die entscheidende Frage einer gelingenden sozialen Zeitautonomie ist deshalb, auf welcher Ebene und an welchem Ort zeitlich was auf welche Weise – und unter welcher realen Beteiligung der Akteur*innen – geregelt wird. Das macht Antworten und Lösungen viel schwieriger als es die vergleichsweise simplen Empfehlungen der Zeitmanagement Literatur vorgaukeln.9 Aber im Sinne eines nachhaltigen Umgangs mit Zeit in komplexen Organisationen zur einzig möglichen Vorgehensweise. Insofern ist in meinen Augen eine Soziale Zeitautonomie das rechte Konstrukt und richtige Vorgehen.

Ergänzungen zu diesem Posting:

Im Rahmen unseres Corporate Blogs habe ich mir Gedanken dazu gemacht, wie ein alternatives Zeitmanagement, also ein Zeitmanagement für Gruppen und Teams bzw. eben soziale Zeitautonomie aussehen könnte. Hier ist der Link auf diesen Beitrag: http://www.bea-services.de/de/newsroom/de/blog/kollaboratives-zeitmanagement

Ergänzend habe ich ebenfalls ein Interview für die Zeitschrift Managerseminare hier parat. Außerdem verweise ich auf meine grundsätzlichen Überlegungen hier und hier.

  1. Das Zitat ist für mich quasi das Gegenteil von Zeitmanagement. Es stammt von Rainer Trinczek und ist dem Aufsatz „Über Zeitautonomie, ihre Regulierung und warum es so selten funktioniert“ aus dem Jahr 2005 entnommen. Abgedruckt wurde der Aufsatz in: Seifert, H. (Hrsg.): Flexible Zeiten in der Arbeitswelt. Frankfurt: Campus, S. 375 – 397 []
  2. Auch wenn es eigentlich nicht zulässig ist, das Zeitmanagement zu verallgemeinern (darüber habe ich hier geschrieben) und ich keineswegs bezweifeln will, dass auch das ein oder andere „Instrument“ gut eingesetzt werden kann bzw. hilfreich ist. Ich bezweifle nur, dass das Gesamtkonzept so funktioniert, wie es zu funktionieren vorgibt. Das gilt besonders für ein Zeitmanagement a la Lothar Seiwert. []
  3. Dazu habe ich schon ausführlicher hier und hier sowie in einer ersten ausführlichen Befassung mit diesem Thema hier geschrieben. []
  4. Das ist eine hochproblematische Konstellation, denn auch von vielen davon Betroffenen wird nicht wirklich wahrgenommen, dass Kommunikation, auch wenn sie oft beiläufig ist, einen essentiellen Bestandteil der eigenen Tätigkeit ausmacht. Jedenfalls im Regelfall und vor allem in vernetzten Organisationen oder im Bereich der sogenannten Wissensarbeit. []
  5. Das Zitat stammt von W. Simon aus dem Artikel „Ist das Zeitmanagement-Konzept noch zeitgemäß?“. Erschienen in: DBW (Die Betriebswirtschaft) Nr. 55/1995, S. 541 – 546, S. 544. []
  6. Aufgrund der alltäglichen Regelhaftigkeit werden zwar bestimmte denkerische „Abkürzungen“ entwickelt und auf nichtlineare Systeme angewandt. Doch diese „Heurismen“ funktionieren in komplexen Systemen nicht. Das hat Dietrich Dörner sehr überzeugend in seinem Buch „Die Logik des Misslingens“ von 1989 herausgearbeitet. []
  7. Mit anderen Worten: Auf der Ebene des einzelnen Beschäftigten effizient geplante Teillösungen haben nicht zwingend eine Effizienzsteigerung der gesamten Arbeitsprozesse einer Organisation zur Folge. []
  8. Noch einmal zitiert aus Trinczek 2005, S. 386 []
  9. Insofern kann ich im Moment auch noch nicht von einem Gegenkonzept sprechen. Es wird weder ein einziges Konzept geben, noch ist Konzept in dem Sinne zu verstehen, damit bereits konkrete Handlungsanleitungen geben zu können. Gemeinsam mit Jonas Geißler von timesandmore habe ich jedoch schon Ideen dazu entwickelt, wie man im betrieblichen Kontext zu passenden Lösungen kommen kann. []
www.pdf24.org    Sende Artikel als PDF   

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.