Videos als OER (Teil 2 – Warum?)

„Open Educational Resources (OER) sind Lehr-Lern-Materialien, die kostenlos genutzt, weiterbearbeitet und frei weitergegeben werden können […] In Deutschland ist das Thema [erst] in den letzten Jahren in den Fokus geraten.“1

Im Prinzip fand ich es schon immer eine super Idee. Insofern bin ich eigentlich auch schon lange dabei, auch wenn es zu Beginn noch nicht unter dem expliziten Begriff der OER geschah. Wovon ich rede? Ich meine die Erstellung, das zur Verfügung stellen und letztlich vor allem jedoch das Nutzen von Bildungsressourcen, die frei zugänglich sind.2 Als Referent, insbesondere aber seit ich Lehrbeauftragter an der Hochschule München bin, habe ich vor allem letzteres gerne gemacht.3 Dabei war es zu Beginn gar nicht einfach, entsprechende Medien im Internet zu finden.

Begonnen hatte ich mit Texten, sehr schnell jedoch entdeckte ich, wie bereichernd es sein kann, entsprechende Lehr- oder Erklärvideos zur Verfügung zu haben. Als letztes kommt jetzt die Möglichkeit des Einsatzes von Podcasts hinzu. Dummerweise gab es irgendwie ausgerechnet zu meinen Themen, die im weitesten Sinne im Bereich der Sozialwissenschaften verortet sind, wenig bis keine Möglichkeiten, sich beispielsweise über YouTube mit entsprechenden Medien einzudecken bzw. aus einer Lernplattformen wie Moodle die Verlinkung daraufhin zu gewährleisten. Ich probiere deshalb schon eine Weile aus, wie es mit dem Einsatz von selbst produzierten Lehrvideos im Rahmen meiner eigenen Seminare funktioniert.4 Dabei habe ich mittlerweile einen Weg gefunden, wie ich meine Ideen und vor allem Inhalte entsprechend umsetze. Die Beschreibung dieses Weges ist als „Know-how“ Thema von Teil 1 dieses zweigeteilten Blogbeitrages.

Dieser Beitrag beschreibt als Teil 2, warum ich das insgesamt für ein äußerst gutes Vorgehen halte. Das betrifft vor allem die Wechselwirkungen mit dem didaktischen Konzept der Kurse. Dazu wende ich mich den beiden anderen Typen von Videos zu, die ich mittlerweile erstelle:

  • Typ 1 als Einführungsvideo in meine Seminare und Lehrveranstaltungen, sowie
  • Typ 3 als Video unter aktiver Einbeziehung bzw. als aktiven inhaltlichen Beitrag der Studierenden.

Typ 2 betrifft Erklärvideos, also Videos, die Zusammenhänge erläutern und darstellen. Zu diesen Videos sage ich etwas in Teil eins dieses Blogbeitrages. Zu den beiden hier beschriebenen Typen verwende ich beispielhaft, ebenso wie in Teil eins, entsprechend erstellte Videos.

Nachtrag am 23.04.2017: Richtigerweise gibt es noch einen vierten Typus, nämlich den von Videos, die ganz allgemein als Medien zur Verfügung stehen und anhand von didaktischen Überlegungen eingesetzt werden können. Hierzu sage ich etwas in Teil 3 dieser mittlerweile dreiteiligen Blogreihe.

Die Produktion von OER ist im Prinzip eine super Sache. Wenn man jedoch mehr als nur Texte, beispielsweise in Form von Blogs, zur Verfügung stellen will, ist das nicht wirklich trivial. Und bedarf, denkt man beispielsweise an Videos, sowohl einer gewissen Planung, als vor allem einer Idee, wie sich Sachverhalte und Zusammenhänge bildlich darstellen und (ansprechend) präsentieren lassen.
Bild (auch Beitragsbild): Marcus Büsges – OER Logo für die Wikimedia Commons unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA).

Typ 1: Einführungsvideos

„Bis dato noch keine routinierte Praxis an Hochschulen, obwohl großes Potenzial […] Hochschule hat kein Anrecht und kein Verwertungsrecht an ihrer Arbeit […] Kompetenzerweiterung: Medienkompetenz […] Schlüsselposition als Prosument.“5

Begonnen habe ich selbst eigentlich mit Einführungsvideos in meinen Lehrveranstaltungen. Geleitet wurde ich dabei von der Idee des Flipped Classroom. Hinzufügen sollte ich vielleicht, dass es sich bei mir vor allem im Hochschulkontext recht ausschließlich um Blended-Learning Seminarkonstellationen handelt. Mit den Einführungsvideos will ich erreichen, dass die Studierenden bereits mit einer gewissen Vorahnung zum Seminar kommen, insbesondere was das spezifische und besondere einer Blended-Learning Konstellation betrifft. Ich will aber auch damit erreichen, dass sich die Studierenden bereits vorab ein paar thematische Gedanken zum Seminarinhalt machen, die sie im Rahmen der ersten Präsenzsitzung einbringen können. Hier ein Beispiel für ein solches Einführungsvideo.

Dieses Einführungsvideo ist für den Kurs „Teilhabe- und Gerechtigkeitskonzepte in einer digitalen Welt“ an der Hochschule München im Sommersemester 2017 konzipiert worden. Es steht mittlerweile über YouTube und meinen Kanal darauf allgemein zur Verfügung.

Was ich zunächst aus sehr pragmatischen Überlegungen begonnen hatte, erwies sich später als ein durchaus wichtiges Instrument in einem ganz anderen Sinne: mitunter ist es nämlich tatsächlich eine Möglichkeit für Studierende, sich anders und vielleicht auch anregender darüber zu informieren, um was es im Kurs konkret gehen soll und ob das entsprechende Interesse der potentiellen Teilnehmer*innen vorhanden ist. Daneben ist es ein „Erstkontakt“ noch vor der entsprechenden Präsenzsitzung, zumindest bei neuen Seminaren oder auch Studierenden, die zum ersten Mal bei mir im Kurs sind. Erstkontakt bedeutet in diesem Sinne, dass die Teilnehmer*innen mich als Lehrbeauftragten vorher einmal gesehen haben und anhand meiner Äußerungen beurteilen können, ob sie in die Veranstaltung gehen wollen. Ich erlebe das tatsächlich als sinnvoll und motivierend (für die Studierenden), vor allem dann, wenn es um freiwillige Kurse im Rahmen eines doch sehr gedrägten Gesamtprogrammes an Vorlesungen an der Hochschule geht, die durchaus in Konkurrenz stehen.

Typ 3: Ergebnisse der Studierenden als Videos

Der für mich neueste Typ von Videos ist der, in dem Studierende sowohl Adressaten, als auch Hauptakteure des Filmes sind. Dieser Typus zeigt in meinen Augen noch einmal sehr deutlich, wie eng der Zusammenhang zwischen Videoeinsatz und Seminarkonzept ist. Hierzu habe ich zwei Beispiele. Dazu kurz etwas zu ihrer Entstehungsgeschichte: wie bereits oben erwähnt führe ich meine Seminare an der Hochschule München normalerweise als Blended-Learning Konzept durch. Die am Ende der längeren Phase einer Arbeit auf Moodle stehende zweite Präsenzsitzung plane ich dabei in der Regel als sogenanntes „aktives Plenum“.6 Sie dient, mit anderen Worten, als Bühne dafür, die von den Studierenden erarbeiteten Gruppenergebnisse (oder auch Einzelergebnisse)7 zu präsentieren und das Feedback der anderen – und von mir – dazu zu nutzen, diese Ergebnisse noch einmal in den Gesamtzusammenhang des Seminars einzuordnen. Dabei ist es gar nicht so einfach, einzufordern, dass diese Präsentationen während der Präsenzsitzung mehr sein können (und für mich auch sollen) als eine Aneinanderreihung von PowerPoint Folien.8

Videos sind anders als Powerpoint

Bei diesem Beispielvideo handelt es sich tatsächlich um ein Erklärvideo. Mike Voigt, der es erstellt hat, wusste von langer Hand, dass er zur zweiten Präsenzsitzung nicht anwesend sein konnte. Er wollte jedoch unbedingt den Bericht seiner Gruppe durch seine „virtuelle“ Anwesenheit unterstützen. So kam er auf die Idee, dieses Video zu produzieren, welches dann im Rahmen der Berichterstattung von den Gruppenmitgliedern gezeigt wurde. Die Resonanz darauf war großartig, was darauf schließen lässt, dass die anderen Studierenden es durchaus wertgeschätzt haben. Und meines Erachtens neben der reinen Originalität durchaus auch im Sinne des Erklärens eines Sachverhaltes. Deutlich wurde dadurch auch, welchen Mehrwert eine Präsentation jenseits von PowerPoint haben kann, auch wenn es, wie in diesem Fall, nur als eine Ergänzung gedacht war.

Dieses Erklärvideo ist ein Ergebnis des Kurses „Steuerung digitaler Organisationen“. Erstellt wurde es vom Studenten Mike Voigt mit einer normalen Webcam. Er stellt es gerne als Open Educational Resource Video unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA) zur Verfügung. Entsprechend habe ich Vor- und Abspann ergänzt.

Im Reich der Möglichkeiten

Im Rahmen dieses Seminars begab es sich nun ebenfalls 🙂 , dass einer der Studierenden als Bericht, genauer als Teilbericht der größeren Gruppe, ein modernes Märchen geschrieben hatte, welches im Rahmen der Präsenzveranstaltung zur Aufführung kommen sollte.9 Nachdem ich dies über die Vorbereitungen auf Moodle mitbekommen hatte, entschloss ich mich spontan, die Präsenzveranstaltung per Video aufzunehmen. Ein besonderes Ergebnis daraus ist das nun folgende (von mir geschnittene und nachbearbeitete) Video der Geschichte von „Frau Holo und Schneewirechen“.

Auch dieses Video ist ein Ergebnis des Kurses „Steuerung digitaler Organisationen“ an der Hochschule München im Wintersemester 2016/17. Danken möchte ich an dieser Stelle den beteiligten Studierenden, namentlich Christian Eberenz (Drehbuch und Wladimir Wirearchiewitsch), Agnes Wiegand (Sprecherin), Manuela Kluge (Tiffany Taylor), Alexandros Lameras (Heliodoros Holokratidis) und schließlich Sophie Rieger (Brieftaube) für die Freigabe unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA) bzw. als OER.

Videoproduktion und Kurskonzept

Noch einmal zurück zur engen Bindung von Videoproduktion und Seminarkonzept: im Prinzip kam mir die Idee eines Videos bereits während des Seminars. Damit allerdings – auch nach einem Feedback der Studierenden – deutlich zu spät. Ich hatte sogar die Überlegung, die Produktion eines Videos als Leistungsnachweis gelten zu lassen. Alles rechtliche Grauzonen im Bereich der Hochschullehre, in der die Leistungsnachweise über die Modulhandbücher sehr genau reguliert sind und normalerweise schriftliche Arbeiten bedeuten. Wie schon erwähnt: im Rahmen dieses Kurses kam die Idee zu spät. Dass dennoch ein Video daraus entstanden ist, ist zum einen ein glücklicher Umstand, vor allem aber einer deutlichen freiwilligen Mehrarbeit der Studierenden zu verdanken. Es ist nicht wirklich trivial, aus einem Kurs heraus als Ergebnis ein „Theaterstück“ zu bekommen. In diesem Fall ist es aber nicht nur so, dass das Stück entstanden ist, sondern auch, dass das Drehbuch ziemlich gut gelungen und auch die Umsetzung bestens geglückt ist. Sieht man mit den Augen des Konzeptes eines „Lernens durch Lehren“ (LdL, siehe hierzu Fußnote 6) darauf, dann kann man damit sehr gut zeigen, dass die Studierenden den Seminarinhalt (mindestens ihrer thematischen Vertiefungsgruppe) bestens gelernt haben mussten, um diese über eine solche Idee präsentieren zu können. Als größtes Problem für mich stellte sich nun freilich heraus, nachträglich die explizite Zustimmung der Studierenden dafür zu erhalten, dieses besondere Video freizugeben.10

Motivation zur öffentlichen Freigabe

Ich kann die Bedenken der Studierenden gut nachvollziehen, ein solches Video speziell über YouTube öffentlich zu machen bzw. zu publizieren. Ich hatte bei meinen ersten Videos wahrscheinlich dieselben Bedenken und habe diese zunächst auch nur für den jeweiligen Seminarkontext öffentlich gemacht. Insofern dient(e) dieser Blogbeitrag auch dazu, die Studierenden zu motivieren und davon zu überzeugen, dass es ein richtiger und sinnvoller Schritt ist, dieses Video öffentlich zu publizieren. Es muss ja nicht über YouTube sein und insofern ist dieses Video über den Streamning-Server der Hochschule München verfügbar. Das Bekanntmachen bzw. die Publikation erfolgt in dem Sinn nicht zwingend schon darüber, dass das Video auf YouTube abrufbar ist, sondern vor allem über das Mit-Teilen via sozialer Netzwerke.

Als Argumente für die Freigabe habe ich, dass

  • die Performance bezüglich des Theaterstücks dem entspricht, um was es in einem solchen Rahmen gehen kann: eine lehrreiche szenische Darstellung zu zeigen und dabei auf eine humorvolle Weise die Inhalte des Seminars zu transportieren,
  • das Video mit den Darsteller*innen und der Sprecherin an keiner Stelle peinlich ist oder sonst     irgendwie unpassend wirkt und dass
  • es zeigt, dass die Studierenden dazu in der Lage sind, Inhalte souverän zu präsentieren.

Spätestens hier gilt, was ich in der Einleitung von Teil eins dieses Blogbeitrags bereits erwähnt habe: dass der Einsatz in anderen Kontexten bzw. die Publikation bei Namensnennung eine (besondere) Wertschätzung der Akteure darstellt.

OER Videos – Von Anfang an

Inhaltlich möchte ich mich nach diesen Erfahrungen der Diskussion anschließen, dass solche Überlegungen am besten bereits zu Beginn des Seminars stehen müssen. Beim Einsatz im Rahmen von Hochschullehre mit den weiteren Überlegungen, Videos in Abgrenzung, Ergänzung oder auch als Ersatz für den Leistungsnachweis einzusetzen. Hierzu wurde auf der Jahrestagung der dghd11 vom 8. bis 10. März 2017 ebenfalls intensiv diskutiert. Besonders bedeutungsvoll ist in meinen Augen, dass es hier nicht nur Optimierungsbedarf gibt, sondern dass es insbesondere für Hochschulen durchaus noch ein weiter Weg zur Anerkennung der Produktion von OER im Rahmen der Leistungsnachweise in der Lehre ist. Die Chancen, die aus Sicht einer gelingenden Lehr- / Lernkonstellation darin stecken, sind also bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Im Prinzip kann ich mir selbst noch viele andere Bereiche vorstellen, in denen Studierende über die Produktion von OER ganz allgemein nicht nur inhaltlich viel lernen, sondern auch dazu in der Lage sind, ihre Peers zu interessieren, anzusprechen und schließlich zum Lernen zu motivieren. Ganz im Sinne eines gelingenden Social Learning.

Nachtrag am 23.4.2017

Zu Beginn dieses Beitrags habe ich folgenden Nachtrag eingeführt: Richtigerweise gibt es noch einen vierten Typus, nämlich den von Videos, die ganz allgemein als Medien zur Verfügung stehen und anhand von didaktischen Überlegungen eingesetzt werden können. Hierzu sage ich etwas in Teil 3 dieser mittlerweile dreiteiligen Blogreihe.

Dieser zusätzliche Blogeintrag ist zufällig kurz nach den beiden ursprünglich geplanten Beiträgen entstanden und behandelt auf eine andere Art und Weise, aber ebenfalls anhand eines praktischen Beispiels, wie der Einsatz von Videos in der Lehre gelingen kann.

  1. Quelle: Whitepaper Open Educational Resources (OER) in Weiterbildung/Erwachsenenbildung Bestandsaufnahme und Potenziale 2015. []
  2. So bin ich beispielsweise gelegentlicher Autor der Wikipedia sowie Nutzer der Creative Commons sowohl im Sinne des Nutzens von Bildern, als auch dem zur Verfügung stellen von Bildern  im Rahmen der Wikimedia Commons. []
  3. Dazu hat in jedem Fall beigetragen, dass ich das e|certificate erworben habe. Der entsprechend dazu besuchte Kurs war der über das Konzept des Flipped Classroom, der den Videoeinsatz stark gemacht hat. Näheres dazu ist in meinem Portfolio auf Mahara der Hochschule hier zu finden. []
  4. Meine ersten eigenen Videos habe ich auf YouTube hochgeladen, dort allerdings nicht listen lassen, also weder such-, noch findbar gemacht. Mittlerweile habe ich jedoch einen eigenen YouTube Kanal, der hier aufzurufen ist. Er wird im Laufe der Zeit sicher weitere Videos dazubekommen. []
  5. Auf der Jahrestagung der #dghd17 war das Thema studentische Videos als OER durchaus ein Thema. Hier Zitate der Präsentation von Mirjam Braßler von der Hochschule Hamburg. []
  6. Dahinter steht wiederum das didaktische Konzept des „Lernens durch Lehren“. []
  7. Auch hier der didaktische Hinweis darauf, diese Gruppen im Sinne eines Social-Learning zu organisieren. []
  8. Im Idealfall kommt hier noch hinzu, dass die Gesamtveranstaltung von Studierenden moderiert und geleitet wird. Eine Aufgabe, die für sie tatsächlich herausfordernd ist. []
  9. Hier ist das Drehbuch & Skript von Christian Eberenz – Christian Eberenz (Frau Holo und Schneewirechen) – herunterzuladen. Eine weitere Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA) ist möglich. []
  10. Mit Stand gestern, 04.04.2017, habe ich die explizite Freigabe von allen Beteiligten nun endlich erhalten. Dafür, so glaube ich, kann ich mich eigentlich gar nicht genug bedanken. Ich bin gespannt auf Feedback und werde dies natürlich den Studierenden weiter leiten, sofern ich dazu die Gelegenheit habe. []
  11. Deutsche Gesellschaft für Hochschuldidaktik []
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