Collaborative Creativity

„Also je radikaler eine Innovation, desto höher die Unsicherheit, desto mehr Innovation im Gebrauch bedarf es, um herauszufinden, wofür eine Technologie gut sein kann.“

Dieses Zitat soll meinen Blogbeitrag „Mehr Innovation wagen“ erweitern und der Frage nachgehen, die auch Charles Leadbeater in einem TED Talk bewegt:1 Wie kann Innovation so organisiert werden, dass die Konsumenten zu Produzenten in dem Sinne werden, dass sie entscheiden, welche Dinge benötigt werden und/oder welche Funktionen Güter oder Dienstleistungen aufweisen müssen? Das ist zum einen eine Stärkung und Weiterentwicklung der Ideen von Open Source oder Open Data bzw. Open Access und Open Education. Zum anderen geht es, auf einer abstrakteren Ebene gesprochen, um die Frage, wie eine Gesellschaft entstehende Probleme löst. Wie also ihre sozialen und kulturellen Institutionen beschaffen sein müssen, damit sich Ideen als Innovationen durchsetzen (können).2 Und noch einmal auf einer anderen Ebene gesprochen geht es für mich darum, wie das „Koordinationsproblem“ gelöst wird.3 Es betrifft also die Frage, ob und inwiefern es stabiler und vor allem fixer Institutionen, wie beispielsweise Unternehmen, bedarf, um gesellschaftliche Innovationen zu gewährleisten. Oder die notwendigen Güter zu produzieren, um einen soziales Zusammenleben realisieren zu können.4 Ich stelle diese theoretischen Überlegungen unabhängig davon an, welche enormen Konsequenzen dies für die Frage von Arbeitsplätzen und die sozialen Sicherungssysteme haben würde. Es bedürfte parallel dazu eigenständiger und tiefgreifende sozialer bzw. gesellschaftlicher Innovationen in diese Richtung.

Gary Fisher Mountainbike von Uberprutser. CC 3.0 (BY-SA) URL: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gary_Fisher_Moutainbike.JPG

Gary Fisher gilt – zusammen mit einer Gruppe begeisterter Radfahrer – als Erfinder des Mountainbikes. „Das Mountainbike wurde von Konsumenten erschaffen; von jungen Konsumenten, besonders eine Gruppe im Norden Kaliforniens, welche frustriert mit traditionellen Rennrädern war“ (Charles Leadbeater im TED Talk).
Foto (= Beitragsbild als Ausschnitt): Uberprutser – Gary Fisher Moutainbike auf den Wikimedia Commons. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA).

Von der Open Source …

Selbst Steve Jobs war nicht allein „der große Innovator“ als der er – und damit auch Apple – hingestellt wird. Es gibt sogar ganz heftige Auseinandersetzungen darum, ob Steve Jobs jemals etwas Eigenständiges erfunden hat. Zumindest kann man festhalten, dass alle technischen Produkte, die Apple groß gemacht haben, bereits – mehr oder weniger ausgereift – auf dem Markt vorhanden waren.5 Was man von Steve Jobs in jedem Fall sagen kann ist, dass er zumindest sehr gut darin war, die Idee von Einfachheit in der Nutzung (Nutzerfreundlichkeit) und Eleganz der Technik (Gefälligkeit) einzufordern. Doch für die Umsetzung dieser Ideen benötigte es noch vieler Teilgedanken und tatsächlicher technischer Veränderungen. Dafür waren ohnehin die Entwickler bei Apple zuständig. Letztlich jedoch waren es die Nutzer, die darüber entschieden haben, dass Apple ein innovativer Konzern ist. Und Steve Jobs ihr „Guru“ wurde. Ganz im Sinne des Gedankens, zunächst gar nicht wissen können, was genau eine (gesellschaftliche) Innovation ist oder sein könnte.6 In Politik und Wirtschaft basieren alle Grundannahmen gegenüber Innovationen auf der Überlegung, dass die jeweiligen Erfinder genau wissen, wofür ihre Erfindung gut ist. Doch sie werden immer weniger in der Lage sein, dies vorherzusagen, weil sich echte Innovationen zunehmend erst im Gebrauch herausstellen. D.h. ganz grundlegend, dass erst in der Zusammenarbeit mit den Anwendern und der Nutzung durch die Menschen eine Erfindung zur Innovation wird. Das ist sicherlich die zentrale und rechtfertigende Überlegung hinter Open Source, hinter Open Access und schließlich bezüglich der Gedanken zu einer Collaborative Creativity. Diese Art der Zusammenarbeit bezieht folgerichtig die künftigen Konsumenten in die Entwicklung der Produkte mit ein.7 Dem Gedanken folgend stellt sich schließlich ganz grundlegend die Frage, inwiefern man tatsächlich eine Organisation braucht, um organisiert (und kreativ bzw. innovativ) zusammen zu arbeiten.

„In Wahrheit ist Kreativität aber oft angehäuft und gemeinschaftlich, wie Wikipedia, es entwickelt sich über einen längeren Zeitraum“. Charles Leadbeater im hier eingebetteten (englischen) TED Talk bzw. dem (deutschen) Transkript (CC 3.0 – BY-NC-SA).

… zur Open Innovation …

Bereits Kreativität und kollaborativ. Genauer: „Erfindergeist“ war immer schon eine soziale Leistung, denn normalerweise kommen darin viele unterschiedliche Ideen, Überlegungen und auch Widersprüche überein. Das gilt selbst dann, wenn die „Erfindung“ von einem einzelnen Menschen skizziert wird, denn sie ist in seinen Überlegungen eben nicht voraussetzungslos entstanden.8 Es gibt viele wichtige Beispiele, dass auch Innovationen sich nicht an die klassische ökonomische Theorie halten, die etwa besagen würde, dass ein Unternehmen den Markt für Mountainbikes entdeckt hätte und konsequent seine Entwickler*innen zur „Erfindung“ veranlasst hätte. Die Unternehmen kamen erst ins Spiel, als der Zweck der Erfindung verbreitet war und tatsächlich deutlich wurde, dass es einen Markt gibt. Also zu einem Zeitpunkt, als die größte Unsicherheit darüber verschwunden war, ob eine kreative Idee dazu geeignet ist, dass die Konsumenten sie etwa nutzen. Die Erfindung wurde von „Amateuren“ gemacht und auch die Entscheidung über die soziale Brauchbarkeit, bzw. die Zweckhaftigkeit, wurde „demokratisch“ getroffen: Nämlich durch den realen Gebrauch von vielen Menschen. Was für mich wiederum bedeutet, dass es ein enormes Potential darin gibt, Kreativität und Innovation als kollaboratives Zusammenspiel zu betrachten. Das dann sein größtes Potenzial entfalten wird, wenn man um die soziale Bedingtheit weiß. Was wiederum Konsequenzen für die Organisation von Innovationen hat. Denn es ist dann mindestens ebenso eine Frage demokratischer Prozesse und institutionalisierter sowie transparenter Verfahren.9 Deshalb werden die Debatten über Copyright und digitale Rechte so hart geführt: Es geht hier vor allem darum, die offene Organisation von Innovationen zu verhindern. „Was man beobachten kann, ist die totale Korruption des Prinzips von Patenten und Copyright, welche Anreiz für Erfindungen geben sollen, mit welchen die Verbreitung von Wissen organisiert werden soll.“10 

… und Collaborative Creativity!

Das Eingangszitat bzw. seine Aussage gilt natürlich auch und gerade im innerbetrieblichen Einsatz. Je radikaler die Innovation, desto mehr tatsächlichen Gebrauch benötigt es, um herauszufinden, wozu sie gut ist und wie man sie am besten verwendet. Betrachtet man Social-Collaboration Plattformen unter dem innovativen Aspekt, so verwundert es nicht, dass die Einführung so oft scheitert. Der tatsächliche Gebrauch und das Ausprobieren durch die Beschäftigten wird beispielsweise nicht mehr als Bestandteil der Einführung gesehen, der auch Rückwirkungen auf die Gestaltung der Einführung selbst haben muss. So findet man tatsächlich nicht heraus, wofür eine Social-Collaboration Plattform als Innovation wirklich gut ist.

Open Innovation – das wird in Zukunft sicher ein weiteres wichtiges „Open“ Wort werden. Ich finde, das kann in seine Bedeutung gar nicht überschätzt werden. Und Collaborative Creativity wird in meinen Augen Methoden und Prozesse bereitstellen, eine Open Innovation als gesellschaftliche Innovationen zu organisieren. Aber sie wird noch mehr tun: Sie wird die Frage grundsätzlich aufwerfen, wofür Unternehmen gut sind. Bzw. ob ein gesellschaftliches Zusammenleben und eine kollaborative Kooperation und Produktion zwingend auf Institutionen wie etwa Unternehmen angewiesen ist. „Der Grund warum diese, – trotz aller Bemühungen sie zu unterdrücken, zurückzuhalten – warum diese offenen Modelle dennoch immer stärker, mit enormer Wucht hervorkommen werden, ist, weil sie unsere produktiven Ressourcen vervielfachen. Und einer der Gründe warum sie dies tun, ist, weil sie Benutzer zu Produzenten machen, Konsumenten zu Designern.“11 Und, so wäre noch hinzuzufügen, Beschäftigte zu kooperativen und kreativen Akteuren.

  1. Der Talk ist weiter unten direkt in den Blogbeitrag eingebettet. Hier geht es zum Link dazu. Das Zitat ist dem deutschen Transkript hier entnommen. Ein Bezug besteht auch zu meinem Blogbeitrag „Demokratie als Betriebssystem“ hier sowie zur Frage einer Social Collaboration hier und hier. []
  2. Auf dieser Ebene kann Technik und die zur Nutzung notwendige Sozialstruktur bzw. die notwendigen Institutionen durchaus als kulturspezifische Leistung sozialer Praktiken betrachtet werden. []
  3. „Eine Schlüsselrolle bei dem fundamentalen Wandel spielt das größte Kooperationsprojekt, das es jemals gab: das Internet.“ Ulrich Klotz, von dem das Zitat stammt, hat das ebenfalls sehr früh als Arbeitswelt 2.0 beispielsweise hier und hier thematisiert und problematisiert. Für ihn wird damit Arbeit völlig neu definiert. []
  4. In der Fragestellung von Charles Leadbeater geht es um die Frage, ob Unternehmen zwingend einen Beschäftigten haben müssen, um die Idee oder das Foto oder eventuell den Programmcode zu bekommen. []
  5. Sehr schön kann diese Diskussion auf der Webseite hier und dem YouTube Video hier nachvollzogen werden. Als große technischer Erfinder hinter Steve Jobs gilt sein Apple-Kompagnon Steve Wozniak. []
  6. Bei den Darstellungen der großartigen Leistungen von Steve Jobs und Apple wird gerne übersehen, dass es auch viele Produktlinien gab, die nicht erfolgreich waren. Die also keine Innovationen darstellten. []
  7. Und ist natürlich über Social-Collaboration Plattformen, bzw. ganz allgemein über elektronische Wege der Zusammenarbeit und Kommunikation, am effizientesten umzusetzen. []
  8. Das ist auch der Ansatz von Michael Tomasello und seinen ethologischen Studien, der betont, dass „die beeindruckendsten kognitiven Leistungen von Menschen […] nicht Produkte allein handelnder, sondern gemeinsam agierender Individuen“ sind (in seinem Buch „Warum wir koopererieren“). Darauf bin ich hier bereits eingegangen. []
  9. Denn diese Frage stellt sich dabei auch immer wieder: Wie kann Innovation nicht nur professionell organisiert werden, sondern auch die dabei entstehenden Konflikte bestmöglich gelöst oder aufgelöst werden? []
  10. Charles Leadbeater im TED Talk, Deutsches Transkript. []
  11. a.a.O. []
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