Digitales Präsenz Lernen!

„Die StudiendekanInnen der Hochschule München sehen in der Präsenzlehre ein
wesentliches Element einer qualitativ hochwertigen Lehre. Sie verfolgen daher
nicht das Ziel, Präsenzlehre durch Online-Lehre zu ersetzen.“

Am 09.06.2016 war ich als Lehrbeauftragter zu einem der Standortgespräche der Hochschule München am Campus Pasing eingeladen. Von der Einladung her ging es darum, dass die von den Studiendekan*innen entwickelte sieben Thesen zum Thema „Hochschulbildung in einer digitalen Welt“, in Zusammenhang mit Erkenntnissen aus der Bildungsforschung, „hochschulöffentlich zur Diskussion gestellt werden“ sollten.1 Oben zitiert habe ich daraus die These 2.2 Der geplante Ablauf dieser 2 Stunden hat zwar prinzipiell vorgesehen, dass die Teilnehmer*innen die Möglichkeit zu diskutieren hatten – allerdings nicht zu den Thesen. Die nach einem Vortrag3 vorgesehenen Diskussionsrunden hatten also zwei (andere) thematische Schwerpunkte:4

  1. Wie kann die Hochschule von den (digitalen) Kompetenzen der Studierenden profitieren?5
  2. Was sollte die Hochschule tun, um das Thema Digitalisierung sinnvoll voranzutreiben?

Symptomatisch für mich war, dass letztlich nur (noch) etwa 18 Teilnehmer*innen anwesend waren, wovon 3-4 tatsächlich Studierende waren.6 Die wiederum bereits vor der Diskussion in den Kleingruppen die Veranstaltung verlassen hatten. Was mich nun zu diesem Blogbeitrag geführt hat, das war die sehr offene und nette Diskussion, die sich in einem kleinen Kreis tatsächlich noch um die Frage 2 entwickelt hat. Im Rahmen der Diskussion habe ich meine Kritik an der oben zitierten These 2 vorgestellt. Diese Kritik geht vom Begriff der Präsenz im Wort Präsenzlehre aus, weil hier wie selbstverständlich unterstellt wird, dass damit physische Anwesenheit gemeint ist.7 Nur so kann schließlich der Gegensatz zur digitale Bildung hergestellt werden, der im zweiten Teil zum Ausdruck kommt: dass nämlich Präsenz-Lehre nicht durch Online-Lehre ersetzt werden soll. Genau damit will ich mich im Rahmen dieses Blogbeitrags auseinandersetzen, weil ich denke, dass man auch in virtuellen Seminarkontexten (bzw. eben Online-Seminaren) präsent oder nicht präsent sein kann. Und sich dabei genau die gleichen Fragestellungen auftun, wie in einer physischen Präsenz. Und schließlich, dass es nicht um die Frage digitaler Technik versus analoger Veranstaltung geht, sondern immer um die Frage, wie Studierende am besten lernen können.8

Simone Bosotti - Expo 2015 - Pavilion - Zero (BY-SA)

Auch im digitalen bzw. virtuellen Raum kann man äußerst präsent sein.9 Das ist nämlich keine Frage der physischen Anwesenheit, sondern der entsprechenden Gestaltung des Raumes und der möglichen Aktivitäten und/oder Kommunikation darin.
Bild (= Beitragsbild): Simone Bosotti – Expo 2015 – Pavilion Zero. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA), also Namensnennung und Verwendung unter gleichen Bedingungen.

Physische Präsenz

„Präsenz hat die phänomenologische Bedeutung von Anwesenheit und Gegenwart in einer jeweils räumlichen sowie zeitlichen Sichtweise“.10

Präsenz (lat.: praesentia = „Gegenwart“ und praesens = „gegenwärtig“) steht zum einen für (physische) Anwesenheit und zum anderen für (zeitliche) Gegenwart. D.h., dass dieser Begriff einerseits gegenüber der räumlichen, aber auch zeitlichen „Erscheinungsweise“ von etwas indifferent ist. „Etwas ist präsent, wenn es − aufgrund von räumlicher Anwesenheit oder zeitlicher Gegenwart − unmittelbar zur Verfügung steht.“11 Andererseits meint Präsenz neben der physischen Anwesenheit immer auch die „Geistesgegenwart“. Die geistige Anwesenheit ist wiederum (auch) im Rahmen von „virtuellen“ bzw. digitalen Zusammenhängen von besonderer Bedeutung. Das wird bereits am Beispiel einer „Medienpräsenz“ deutlich: gemeint ist speziell damit das Erzeugen von Aufmerksamkeit gegenüber einem bestimmten Publikum, ohne dabei wiederum physisch präsent sein zu sein müssen.

Anwesenheit

In der Arbeitswelt wird mit Präsenzpflicht tatsächlich die physische Anwesenheit am Arbeitsplatz eingefordert. Diese arbeitsrechtlich bedingte Interpretation und Auslegung führt bereits hier zu ziemlich schwierigen Grundannahmen. Das größte Problem dabei ist, dass mit der daraus entstehenden oder entstandenen Anwesenheitskultur (Anwesenheitsdogma) eine Gleichsetzung von Anwesenheit mit Arbeitsleistung erfolgt (ist). Das mag am Fließband noch irgendwie nachvollziehbar sein, im Rahmen von Wissensarbeit(en) oder auch Bürotätigkeiten jedoch gibt es mittlerweile viele Studien, die zeigen, dass dies nicht gegeben ist.12 Neuere Formen, insbesondere der digitalen Zusammenarbeit, heben deshalb diese Präsenzpflicht wieder zugunsten der Arbeit und Zusammenarbeit anhand von Zielen bzw. Zielvorgaben auf.13 Die Gleichung Anwesenheit = (physische) Präsenz = Arbeiten stimmt insofern genauso wenig, wie die Übertragung auf das Lernen im Sinne von Anwesenheit = (physische) Präsenz = Lernen. Ein wichtiger Faktor für das Arbeiten, wie für das Lernen, ist der der Aufmerksamkeit.

Aufmerksamkeit

Bewusste Aufmerksamkeit und gewolltes Lernen: beides geht zurück auf die menschliche Fähigkeit zu Handlungen, vor allem in Gruppen. Insofern ist die Fähigkeit zur bewussten Steuerung der Aufmerksamkeit tief in den biologischen Ausstattungsmerkmalen des Menschen verankert. So ist bei Menschen beispielsweise der weiße Teil des Auges, Sclera oder Lederhaut genannt, etwa drei Mal größer als bei den über 200 Arten nichtmenschlicher Primaten. Dies ermöglicht es Menschen sehr gut, der Blickrichtung anderer Menschen – und damit der Richtung ihrer Aufmerksamkeit – zu folgen.14 Anthropologisch geht man davon aus, dass sich die biologische Ausstattung der Menschen seit ca. 40.000 Jahren nicht mehr geändert hat. Dies betrifft auch die neuronale Grundausstattung, wie beispielsweise die Aufmerksamkeitssteuerung. Aufmerksamkeit ist, mit ihren unterschiedlichen Komponenten, eine der wichtigsten Basisleistungen des Gehirns. Höhere kognitive Prozesse wie das Lernen bauen auf intakten Aufmerksamkeitsleistungen auf.15 Aufmerksamkeit war lange Zeit ein rein psychologisches Konzept. Im Zusammenhang mit den sozialen Medien wird es auch von den Neurowissenschaften erforscht.16

Die Zuwendung eines bestimmten Sinnes, wie beispielsweise des Sehens oder Hörens, bleibt, als begrenzte Ressource, dem Vorbehalten, was Aufmerksamkeit findet. Die Aufmerksamkeit ist sinnspezifisch und wird über das sensorische Register, abhängig von der Musterkennung, gesteuert. Die Mustererkennung wiederum weist einen starken sozialen Zusammenhang auf. Für die bewusste Aufmerksamkeitssteuerung ist neben dem sozialen Zusammenhang vor allem der Sinnbezug ausschlaggebend. Bewusste Aufmerksamkeit wird über das Arbeitsgedächtnis induziert und hat einen äußerst selektiven Charakter. Aufmerksamkeit hat dabei zwei Seiten:

  • Auf der einen Seite zieht, was einmal Aufmerksamkeit gefunden hat, weitere Aufmerksamkeit nach sich. Dadurch kann dauerhaftes Interesse aufgebaut werden. Darüber wiederum wird (freiwillig) Wissen in bestimmten Bereichen akkumuliert. (Dieses) Wissen lässt sich bei entsprechender Aufmerksamkeit auch einfacher vernetzen.
  • Auf der anderen Seite, und auch das ist als „selektive Wahrnehmung“ schon lange bekannt, geraten bestimmte kommunikative Angebote sehr schnell aus dem Fokus, wenn ihnen keine Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Letztlich geht es bei der geforderten Präsenz in der Lehre eigentlich um die Aufmerksamkeit der jeweiligen Studierenden als Lerner*innen in einem bestimmten Setting. Gefordert wird insofern eigentlich eine geistige Präsenz.

Geistige Präsenz

„Many students have a general perception of science as being boring and disconnected from the real world. For instance, approximately 50% of the students surveyed in physics classes found the subject’boring‘ or ‚very boring‘.“17

Im Vortrag im Rahmen des Standortgesprächs wurde deutlich betont, dass die Studierenden eigentlich so offen sind und zugeben, dass sie während der Vorlesung spielen. Und auch sonst ist erkennbar, dass im Rahmen der physischen Präsenz, und das nicht nur im Bereich von Hochschulen, über allerlei digitale Gerätschaften unterschiedliche Dinge erledigt werden. Es liegt die Vermutung nahe, dass das in den allerwenigsten Fällen etwas mit dem Thema der Vorlesung oder den Informationen im Rahmen der besuchten Veranstaltung zu tun hat. Schließlich gibt es mittlerweile auch Studien darüber, aus denen hervorgeht, dass die Effizienz traditioneller (frontaler) Lehrveranstaltungen, im Sinne echter Lernfortschritte, deutlich zu wünschen übrig lässt.18 Die Aufmerksamkeit der Lernenden im Sinne einer geistigen Präsenz zu gewinnen, ist also die eigentliche didaktische Herausforderung bei der Vermittlung der Inhalte. „Furthermore, hands-on practical activities, when seen to be relevant to and integrated into the theoretical element of lessons, were a particularly appealing element.“19 Um die notwendige geistige Präsenz herzustellen, gibt es mindestens zwei ziemlich undigitale Möglichkeiten: das Thema muss irgendwie sinnvoll für die Lerner*innen sein und/oder es gibt eine starke intrinsische Motivation, und vor allem eigene Aktivitäten, bezüglich der zu lernenden Inhalte.

Sinnbezug

Die Frage nach dem Zusammenhang von Denken und Sinneswahrnehmung durchzieht die Philosophie seit ihrer Entstehung.20 Das betrifft auch die Frage nach dem Sinnbezug von Wissen.21 Da mindestens Sprach- und Lernhandlungen ebenfalls Handlungen von Menschen darstellen, ergibt sich die Unterscheidung zwischen sinnvollem und sinnlosem Handeln aufgrund dieser Basis.22 Ein erfolgreicher Handlungsvollzug wird dabei als sinnvoll erlebt. Auch die Interpretation der Handlungen anderer, insbesondere in ihrem Bezug aufeinander, ist aufgrund der Sinndimension möglich.23 Das sich hinter Handlungen verbergende teleologische Element stark zu machen, ist eine der Möglichkeiten, geistige Präsenz zu gewährleisten. Wenn man so will, dann ergibt sich der Sinn eines Themas oder von zu vermittelnden Inhalten aus der praktischen Vernunft des Handelns, nicht aus der theoretischen (reinen) Vernunft des Denkens.24 Mit anderen Worten: Um bei einer Sache zu sein oder sich auf ein Thema zu konzentrieren ist es unabdingbar, dass dies für den oder die Betroffenen sinnvoll ist oder zumindest so erlebt wird.

„But we didn’t stop there, because we had seen just how important meaning is for the students‘ engagement in the class (4:01) […] But even more interestingly, the second part of this study investigated what the teacher’s impact was on the learning. And what they found was that when you combined the virtual laboratories with teacher-led coaching and mentoring, then we saw a total 101 percent increase in the learning effectiveness, which effectively doubles the science teacher’s impact with the same amount of time spent (5:43)“.25 

Was mir am TED Talk von Michael Bodekaer, der im Rahmen des Standortgesprächs in Ausschnitten gezeigt wurde, gefällt, ist nicht so sehr die Möglichkeit, welche er technisch durch das virtuelle Labor vorstellt. Es ist die gekonnte Verbindung und gewollte Parallele dazu, dass es zum einen darum geht, dass die Studierende etwas Sinnvolles wissen müssen (bzw. lernen sollen) (4:01)26 und zum anderen, dass Blended-Learning Konstellationen (im Video mit „traditional teaching und Labster“ bezeichnet) deutlich bessere Ergebnisse zeigen, als rein analoge oder auch rein digitale Lehrveranstaltungen (5:43).27 Aus meiner Erfahrung und Überzeugung heraus funktioniert Blended Learning wiederum nicht nur im Falle eines Einsatzes extrem ausgefeilter technischer Module, wie im TED Talk gezeigt, sondern bereits im ganz alltäglichen Hochschulkontext via Moodle. Und zwar dann, wenn es gelingt, die Studierenden dazu zu motivieren, sich aktiv mit dem Stoff auseinanderzusetzen. Gelernt wird – mit einer entsprechenden inneren Motivation – „aus Leidenschaft, nicht aus einer Verpflichtung heraus […].“28

Motivation und Eigenaktivität

Die Motivation ist für das konkrete Handeln von Menschen genauso wichtig, wie für das spezielle Handeln in Lernsituationen von Studierenden, also dem „Lernhandeln“ beispielsweise im Sinne einer systematischen Auseinandersetzung mit dem zu lernenden Stoff. Im von mir skizzierten Kontext „heißt dies, dass die Lernsituation […] in irgendeiner Weise attraktiv erscheinen muss. Hierüber wird die allgemeine Lernbereitschaft gesteuert, und zwar über Aufmerksamkeit und die Ausschüttung spezifischer lernfördernder Stoffe […]“.29 Die Attraktivität der Lernsituation wiederum ergibt sich nicht automatisch dadurch, dass Menschen ein bestimmtes Fach studieren und auch nicht dadurch, dass sie zu einem bestimmten Thema präsent sein müssen. Hierzu bedarf es eigener Überlegungen und durchaus auch so mancher Anstrengungen von Seiten der Lehrenden. Auch die Eigenaktivität darf kein bloßer Appendix zur Vorlesung sein.30 Die Erkenntnisse darüber sind weder im pädagogischen Kontext, noch bezüglich eines didaktischen Vorgehens neu. Neu ist allenfalls der Tatbestand, dass es über die sozialen Medien beispielsweise sehr viel leichter möglich ist, Motivation und Eigenaktivität zu erzeugen. Allerdings nur dann, wenn der Lernprozess entsprechend organisiert wird.31 D.h., dass digitale Medien ebenfalls nur ein Werkzeug darstellen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und darüber geistige Präsenz zu gewährleisten. Um schließlich zu einer aktiven Mitarbeit im Sinne eigener Beiträge zu kommen, was wiederum die (bewusste) Aufmerksamkeit der anderen Beteiligten auf sich ziehen kann.

Virtuelle Präsenz

„Effekte der Eindrucksbildung, wie sie in der Sozialpsychologie untersucht werden,
entstehen bei virtuellen Identitäten in ähnlicher Weise: Man entwickelt einen Ein-
druck über eine ‚Person‘, auch ohne wahre Daten über diese Person zu erfahren.
Man entwickelt auch Sympathie oder Antipathie, beispielsweise wenn man Beiträ-
ge einer Person liest, oder beobachtet, ob sich eine ‚Person‘ pro- oder antisozial
gegenüber anderen verhält.“32

Virtuelle Präsenzen funktionieren im Prinzip genauso, wie deren analoges Pendant. Mit anderen Worten: alleine dadurch, dass Online-Lehrveranstaltungen im virtuellen Raum oder über digitale Geräte stattfinden, sind die Probleme, eine geistige Präsenz zu erzeugen, weder einfacher, noch schwerer zu lösen. Sie sind als Aufgabenstellung anders gelagert, aber als Aufgabe genauso vorhanden. Das Lernen in virtuellen Welten mit virtuellen Identitäten ist so gesehen nicht nur für die so titulierten Menschen und Studierenden namens „Homo Zappiens“ möglich.33 Tatsächlich lässt sich mit Lernplattformen und dem Einsatz von Social Media als Social Learning Instrumenten das Lernen im virtuellen Raum völlig neu gestalten. Aber, und das ist der eigentliche Gag dieses Beitrags, nur durch ein entsprechendes didaktisches Design, nicht als digitale Technologie als solche. Aber wiederum in einer echten Analogie zur physischen Präsenz und ihren Lernbedingungen. Dazu muss man jedoch um die Eigenschaften virtueller Präsenzen in digitalen Räumen wissen.

Auf der individuellen Ebene ist die wichtigste Eigenschaft sozialer Medien „ihre persönliche Nähe“ und ihr Fundament „der freundschaftliche Austausch.“34 Also genau das, was man mit einer physischen Präsenz verbindet. Die Teilnehmer*innen werden im digitalen Raum über ihre Profile und als Mitglieder einer Community existent. Über ihre Profile werden sie „lebendig“ und mit vielerlei Eigenschaften erlebbar. Interessanterweise ermöglichen die Profile über den dazugehörigen „Aktivitätenstrom“ (Timeline), also der digitalen Abbildung von Handlungen, nicht nur starke Rückschlüsse auf die Personen dahinter, sondern vor allem die Steuerung der Aufmerksamkeit. Auch das Face-to-Face Anliegen analoger Präsenzen ergibt sich aus dem Prinzip des digitalen Netzwerkens. Man lädt andere Personen zur Teilnahme in eine Community ein, oder folgt freiwillig anderen Profilen bzw. Communities, beispielsweise weil man am Thema interessiert ist und damit die entsprechende Motivation mitbringt. Der zentrale Kern, und damit die Verbindung zur geistigen Anwesenheit, ist der gemeinsame Austausch als gleichgestellte Personen (Peers) und die Kommunikation im Rahmen digitaler Communities. Jeder kann bei jedem gleichberechtigt kommentieren, teilen, mitteilen (sharen) und empfehlen (liken). Alles Möglichkeiten, die Aufmerksamkeit der anderen zu erregen und sie zur Mitarbeit am Thema einzuladen. Erst wenn Lehrende in dieser Art und Weise im digitalen Raum agieren, werden sie es schaffen, die virtuelle Präsenz in geistige Anwesenheit zu übersetzen. Was wiederum bereits eine Problemstellung ist, die sich ganz analog als didaktische Überlegungen, wie der Stoff gut vermittelt werden kann, darstellt. Und zeigt, dass es tatsächlich um das richtige didaktische Vorgehen und nicht um die Frage „technisches“ versus „analoges“ Lernen geht. Hier schließt sich – zumindest für mich – der Kreis.

 

  1. Aus der Einladungsmail, aufgrund der ich mich angemeldet habe. Erst auf der Veranstaltung selbst habe ich realisiert, dass zumindest dieser Termin an den 3. Tag der Lehre, den Teaching Day 2016 der Fakultät für Betriebswirtschaft, angehängt war. Schade, denn die Themen hätten mich sehr interessiert. []
  2. Die Veranstaltung steht im Kontext eines Projektes an der Hochschule München, das Thema Digitalisierung für die Lehre fruchtbar zu machen. Dazu gehört auch der strategische Verbund von sieben Hochschulen, die ein eigenes Positionspapier mit dem Titel „Digitalisierung // Strategische Entwicklung einer kompetenzorientierten Lehre für die digitale Gesellschaft und Arbeitswelt“ dazu entwickelt haben. []
  3. Der Vortrag von Dr. Schutz, angekündigt als Neurobiologe, stand unter dem Motto „Studierende 4.0“ und beinhaltete auch Ausschnitte aus dem weiter unten eingebetteten TED Talk. []
  4. Meine explizite Nachfrage, wo denn der Ort wäre, die Thesen zu diskutieren, wurde zunächst mit Unverständnis aufgenommen. Und dann mit dem Hinweis „erledigt“, dass die Fragen und Diskussionen der Veranstaltung weitergeleitet würden. An wen auch immer, das mindestens entzog sich meiner Kenntnis und war für mich auch ein Grund für das Plädoyer, den Diskurs darüber zu organisieren und mit verantwortlichen Personen zu untermauern. Hochschulöffentliche Diskussion jedenfalls sieht für mich anders aus. []
  5. Immerhin wurde hier im Rahmen unserer kleinen Diskussionsrunde deutlich darauf hingewiesen, dass Studierende auch Kompetenzen haben. Inwiefern diese zu den Anforderungen, beispielsweise der Hochschule München, passen, ist ein anderes Thema. []
  6. Das ist insofern besonders symptomatisch, weil während des Teaching Days selbst wohl knapp 60 Personen anwesend waren. []
  7. Das wurde in der Diskussionsrunde auch so geteilt, dass der „Subtext“ völlig klar sei. []
  8. Wir konnten also ziemlich offen darüber reden, dass es bei dieser These im Prinzip um didaktische Fragen geht, nicht um einen Gegensatz zwischen Technik und Nichttechnik. []
  9. Hierzu habe ich mir im Rahmen meiner Blogs hier und hier bereits ausführlich Gedanken gemacht []
  10. Wikipedia: Präsenz []
  11. a.a.O. []
  12. Weiterführend zum Anwesenheitsdogma: Klenner, Ch. & Pfahl, S. (2008): Jenseits von Zeitnot und Karriereverzicht – Wege aus dem Arbeitszeitdilemma. Arbeitszeiten von Müttern, Vätern und Pflegenden. WSI Diskussionspapier Nr. 158. []
  13. Trotz der kritischen Diskussion und arbeitsrechtlich schwierigen Verortung wäre hier besonders das Modell der Vertrauensarbeitszeit erwähnenswert, das stark auf ditigale Komponenten der Zusammenarbeit, beispielsweise mobile Arbeit und Homeoffice, gestützt ist. []
  14. Die „Blickverfolgung“ ist evolutiv in Gruppen entstanden, die kooperativ zusammenarbeiteten und „in denen es für alle von Vorteil war, den Aufmerksamkeitsfokus der anderen zur Lösung gemeinsamer Aufgaben im wahrsten Sinne des Wortes im Auge zu behalten.“ Michael Tomasello (2010): Warum wir kooperieren. Frankfurt, Suhrkamp; S. 65f. []
  15. Siehe hierzu besonders Ballstaedt, S.-P. (2005): Kognition und Wahrnehmung in der Informations- und Wissensgesellschaft. In: Hans-Dieter Kübler/Elmar Elling (Hrsg.): Wissensgesellschaft. Neue Medien und ihre Konsequenzen. []
  16. Dabei geht es vor allem um die Fragen von Ablenkungen, die möglicherweise durch die digitalen Medien verursacht werden. Siehe hierzu auch das leidenschaftliche Plädoyer „Der ‚Homo Zappiens‘ lernt nur mit Leidenschaft“ von Prof. Wim Ween, der im Rahmen des Vortrags von Dr. Schutz vorgestellt wurde. []
  17. Hier habe ich die dem zugrunde liegende Studie gefunden. Die genauen Quellenangaben lauten: Bonde, M., Makransky, G., Wandall, J., Larsen, M. V., Morsing, M., Jarmer, H. Ø., & Sommer, M. (2014): Improving biotech education through gamified laboratory simulations. Nature Biotechnology, 32(7), 694-697. 10.1038/nbt.2955, S. 695. Sie bezieht sich speziell in dieser Aussage wiederum auf folgende Studie: NFER (2011): Exploring young people’s view on science education. []
  18. Wie es in der Diskussion an der Flipchart ein Professor sehr nett sinngemäß so ausgedrückt hatte: Wir werden unter völlig verkehrten Bedingungen eingestellt. Es geht gar nicht um die Fachkompetenz, sondern um die didaktische Umsetzung. Das holen wir schon nach, aber die Voraussetzungen für diesen Job sind verkehrt. []
  19. NFER, a.a.O., S. 6. []
  20. Hier haben sich grob gesprochen zwei Richtungen herausgebildet: der Rationalismus, der relativ ausschließlich dem Denken den Vorzug gibt und der Empirismus, der der Sinnen Erkenntnis den Vorrang einräumt. []
  21. Im Rahmen der Sprachphilosophie geht es hierbei in der Regel darum, welche Bedingungen gegeben sein müssen, dass ein Satz semantisch sinnvoll ist. Spätestens hier kommt die Frage der Wahrheit ins Spiel. []
  22. Wenn ich einmal viel Zeit habe, dann werde ich Vorlesungen und Präsentationen im Sinne von Sprachhandlungen und Sprachkritik interpretieren. Das ist bestimmt ein sehr spannendes Vorhaben. []
  23. Das hat Max Weber in seiner berühmten Definition von sozialem Handeln und Sinnbezug sehr schön herausgearbeitet. []
  24. Ich verwende hier die Terminologie von Kant in einer recht freien Übersetzung. Aber praktische Vernunft ist die Vernunft, die sich aus den Handlungsbezügen reflexiv erschließen lässt. Und das sind in meinen Augen nicht nur moralisch-ethische Aspekte. []
  25. Michael Bodekaer im TED Talk. Die Minuten Angaben beziehen sich auf sowohl auf das Video, als auch auf das interaktive Skript hier. []
  26. Den Sinnbezug in Verbindung zum Wissen habe ich im Rahmen meines Blogs hier näher untersucht. []
  27. Hier auf Slideshare sind die Folien dazu zu finden. []
  28. Wim Veen, a.a.O.; Auf LinkedIn ist eine Präsentation zum Homo Zappiens mit entsprechenden Folien hinterlegt. []
  29. Roth, G. (2003): Warum sind Lehren und Lernen so schwierig? S. 23. Ich bin normalerweise kein Anhänger der Neurowissenschaften, speziell nicht derjenigen Neurowissenschaftler, die wie Gerhard Roth alles determiniert auf das Gehirn zurückführen oder sich als „Neurodidaktiker“ berufen fühlen (hier eine nette Zusammenfassung an Kritikpunkten). Dazu habe ich insgesamt bereits hier und hier meine Ausführungen gemacht. Vor allem sind deren Erkenntnisse im pädagogischen Kontext entweder ein „alter Hut“, oder aber die Pädagogik gibt die Vorlagen dafür, wohin die neurowissenschaftlichen Versuche gehen können. []
  30. Die Eigenaktivität muss also Bestandteil einer Vorlesung sein, was erst einmal überlegt und geplant sein muss. []
  31. Vor allem hierzu habe ich bereits mehrfach auseinandergesetzt und auch entsprechend publiziert. Hinweisen möchte ich vor allem auf meinen Beitrag in den Grundlagen der Weiterbildung hier und auf das entsprechende Pendant in der Wikipedia hier. []
  32. Kerres, M.; Hölterhof, T. & Nattland, A. (2011): Zur didaktischen Konzeption von „Sozialen Lernplattformen“ für das Lernen in Gemeinschaften. In: Medienpädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung. S. 11. []
  33. Wim Veen, a.a.O. []
  34. Sasch Lobo (2015): Die unerträgliche Nähe des Netzes im Rahmen seiner Kolumne auf Spiegel Online. []
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6 Antworten

    • Hallo Jöran,
      vielen Dank für den Link auf das „Active Learning Forum“. Ich habe mir das Werbevideo angesehen und musste erst einmal eine Nacht darüber schlafen. Insofern eine etwas verspätete Antwort 😉 . Grundsätzlich finde ich die Idee dahinter spannend, weiß aber zu wenig über die technologische Basis und seine Einsatzmöglichkeiten. Insofern kann ich nur beurteilen, was ich im Video gesehen habe. Und hier stellt es sich mir so dar, dass diese Software eine etwas erweiterte Conferencing Software darstellt, also etwa Adobe-Connect mit ein paar Erweiterungen. Das gilt insbesondere für die Leiste oben mit den Teilnehmerinnen, die man aber meines Wissens auch in Connect ähnlich gestalten kann.
      Was mich aber immer wieder aufregt, das ist, dass hier umgekehrt so getan wird, als würde die Technologie an sich schon ermöglichen, was sich der oder die Lehrende (didaktisch) erst ausdenken und anwenden muss. Es ist nämlich überhaupt keine Selbstverständlichkeit, im Rahmen solcher Happenings mit Umfragen zu arbeiten. Noch weniger selbstverständlich ist es, kleine Gruppen zu bilden und hier spätestens stellt sich mir die Frage, ob auch diese online arbeiten müssen, oder ob sie eben wie auf Moodle über einen längeren Zeitraum auch offline arbeiten können. Bzw. eben zeitlich asynchron über die Plattform mit anderen, wie etwa im Rahmen von Foren, kommunizieren und dabei zusammenarbeiten (bzw. lernen) können.
      Ganz besonders problematisch finde ich – zumindest im Video – die Lehrer*innen Fixiertheit. Gehe ich noch mal auf das Thema Präsenz zurück, dann geht es ja auch darum, dass die Lerner*innen präsent sind. Das wird im Video mit den Videos suggeriert. Aber ich muss sie schon aktiv einbeziehen, sollen sie wirklich „präsent“ sein. Vor allem die geistige Präsenz als Aufmerksamkeitssteuerung ist normalerweise ein Gruppenphänomen. Und hier würde mich spätestens wieder interessieren, wie mit dieser Software Gruppenbildung ermöglicht wird und welche Vorteile sie möglicherweise gegenüber dem „ollen“ Moodle hat. Das übrigens durch die Integration von Adobe-Connect im Rahmen der Universitäten und Hochschulen deutlich an Attraktivität als digitales Lernwerkzeug gewonnen hat.
      Soweit meine Anmerkungen dazu. Ich freue mich auf weitere Anregungen und gegebenenfalls auch kritische Überlegungen dazu 🙂 .

  1. Lieber Alexander,
    Danke für den interessanten Artikel.
    Deine Sichtweise, dass es um das richtige didaktische Vorgehen geht und nicht um die Frage „technisches“ versus „analoges“ Lernen, teile ich. Es wundert mich nicht, dass bei der von Dir erwähnten Veranstaltung „digitales Lernen“ in die „Welt der Technik“ verortet wurde und insbesondere die „Präsenz“ als „physische Präsenz“ zur Abgrenzung gedient hat. Die Reichweite und Effektivität von „digitalen Lernen mit sinnvolen didaktischen Design“ wird aus bestimmten Denktraditionen heraus und der Wahrung bestimmter „liebgewonnenen Positionen“ im Lernprozess, die sich auch ähnlich bei Diskursen im Schulkontext spiegeln, willkürlich eingeschränkt. Von diesen Denktraditionen und Positionen sich zu lösen fällt nach meiner Erfahrung vielen Lehrenden im universitären und schulischen Bereich nicht leicht. Ich denke, man müsste darüber sprechen und sich ernsthaft mit den Möglichkeiten und den verschiedenen „Präsenzformen“ menschlicher Existenz auseinandersetzen und Veränderungen in ihrem Facettenreichtum analysieren. Die Gegenüberstellung (physische Präsenz versus virtuelle Präsenz) übersieht die Wechselwirkungen, die gemeinsamen Aufgabenstellungen (wie gestalte ich Lernen? Wie ensteht Aufmerksamkeit etc…) und viele sich neue eröffnende Möglichkeiten der eigenen Identitäts- und Beziehungswahrnehmung. Ich freue mich über weitere Beiträge von Dir zu diesem Thema.
    Herzliche Grüße
    Anastasia Paschalidou

    • Liebe Anastasia,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Deine Anregung, sich über die verschiedenen Präsenzformen von Menschen auseinanderzusetzen, nehme ich gerne auf. Da bist allerdings du die Spezialistin 😉 . Und natürlich wäre es sinnvoll, die Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Präsenzformen genauer zu kennen, um gute oder vielleicht noch bessere Seminare gestalten zu können. Einige der Wechselwirkungen mindestens sind ja im Falle von Blended-Learning Konstellationen gegeben: hier wechseln sich physische und virtuelle Präsenz ab und im Idealfall kann man von beiden Welten jeweils das Beste anwenden.
      Wobei das Beste eigentlich nicht vom Lehrenden her bestimmt werden kann, sondern eine Kompetenz ist, welche die Lernenden mitbringen und manchmal auch erst entwickeln müssen. Das macht übrigens in meinen Augen gute Blended-Learning Seminare gerade nicht beliebig skalierbar, im Gegensatz zum Ansatz von MOOCs. Schon gleich gar nicht ist es eine Möglichkeit, mit Seminaren Geld im Sinne von Betreuerinnen und Pädagogen zu sparen. Das ist das, was mir am schmerzlichsten bei der Diskussion um E-Learning in Erinnerung ist. Nicht bezogen auf das geschilderte Gespräch oben, sondern ganz generell wenn es um die Überlegung geht, welche Seminarform wird angewendet.
      Ich hoffe, wir können darüber noch gemeinsam diskutieren und schreiben 🙂 .

    • Hallo Herr Pape, haben Sie herzlichen Dank für den lobenden Kommentar. Ich bin mal gespannt, inwiefern ich hochschulintern damit weiter komme. Und vielen Dank auch für die Einladung zum CLC16. Ich habe mich über Beck et al. Services schon angemeldet. Hoffe ich jedenfalls und werde es noch mal überprüfen. Ich freue mich auch darauf, Sie dann zu sehen – live und sehr präsent ;-).

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