Wenn sich analoge Ignoranz mit digitalem Unverständnis paart

Alejandro Zorrilal Cruz - Artificial Intelligence (Gemeinfreies Bild auf den Wikimedia Commons)

„Digitale Medien machen dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich; Internetgebrauch führt zu einer Verschlechterung des Gedächtnisses und zu einer verminderten Fähigkeit zur Informationssuche.“ 

Manfred Spitzer war mir eigentlich immer sympathisch. Denn er konnte (und kann) gehirnphysiologische Zusammenhänge gut erklären. Ebenso war er mir bisher nicht aufgefallen, die Willensfreiheit von Menschen zu leugnen. Für einen „Gehirnforscher“ durchaus eine interessante Stellungnahme. Was er aber in seinem neuen Buch geschrieben hat, das bleibt mir ein Rätsel und Ärgernis.1 Sehr fundierte Kritiken dazu gibt es hier und hier. Eine Charakterisierung des Buches und der Aussagen von Manfred Spitzer stammt von Jöran Muuß-Merholz, die sich in obigem Zitat ausdrückt.2 Am meisten bewegt mich aber ein altes Problem daran.

Alejandro Zorrilal Cruz - Artificial Intelligence (Gemeinfreies Bild auf den Wikimedia Commons)

Machen Social Media Dumm? Ich habe dazu eine andere Ansicht. Und diese bedeutet das Gegenteil.
Bild (= Beitragsbild als Ausschnitt): Alejandro Zorrilal Cruz – Artificial Intelligence. Verwendung als gemeinfreies Bild (CC 0).

Manfred Spitzer als „Neurowissenschaftler“

Manfred Spitzer tritt offiziell als „Neurowissenschaftler“ auf. Auf seiner DVD Serie „Geist & Gehirn“ erläutert „der bekannte Hirnforscher“ Zusammenhänge zwischen Denken, Wahrnehmen und Fühlen. Dabei weiß er sicher eine Menge und kann komplexe gehirnphysiologische Zusammenhänge einfach erläutern. Aber „dass er sich als Hirnforscher bezeichnet, ist angesichts seiner in der vergangenen Dekade fast nur populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen fast so gewagt, als würde sich Michael Schumacher als Maschinenbauingenieur bezeichnen“.3 Nicht viel besser ist die Tatsache, dass ihm diese Eigenschaft auch in der Öffentlichkeit und von den Medien zugeschrieben wird. Das Problematische daran ist in meinen Augen, dass er damit mit dem Nimbus eines Naturwissenschaftlers, klassischerweise mit der Autorität eines Physikers, Aussagen zu pädagogischen Phänomenen und Problemen trifft. Diese Aussagen jedoch „montiert“ und „populistisch“ zusammenstellt (a.a.O.). Also keinen echten (empirischen) Beweis antritt – und auch gar nicht antreten muss. Solche Grenzüberschreitungen und „Anmaßunge“ haben Tradition und waren schon lange vor der Hirnforschung üblich.

Ohne jede Ahnung

Als philosophisch angehauchter und wissenschaftstheoretisch ausbildeter Mensch stehe ich da und verstehe nicht, dass dies so einfach durchgeht. Quasi ohne jeden Beweis – und auch ohne jede Ahnung vom tatsächlichen Gebrauch der Neuen Medien – derart krude Thesen („Wir klicken uns das Gehirn weg“) in den Raum zu stellen ist tatsächlich ignorant. Und dass das Internet dumm  und süchtig macht, Computer dick, einsam und gewalttätig, hat tatsächlich mit völliger Ahnungslosigket mehr zu tun, als mit einer wissenschaftlichen Theorie. Pädagogen ist ein solcher Rundumschlag eher selten gelungen (was auch nicht gut gewesen wäre). Diese Wissenschaft hatte ja auch immer etwas weiches und „unbeweisbares“ an sich. Ganz anders eben wie die „Gehirnforschung“, die offensichtlich solche Dinge ans Tageslicht bringt.

Gut, dass es andere Hirnforscher, wie beispielsweise Ernst Pöppel gibt, die den Thesen von Manfred Spitzer vehement widersprechen. Was übrigens seine Thesen wiederum auch nicht besser macht. Doch gerade wegen der Kritik kann man zeigen, dass die vertretenen Thesen nicht auf den Erkenntnissen der Neurowissenschaften beruhen, sondern im Prinzip eine Ideologie ohne weitere philosophische Reflexionen in die Sprache der Neurowissenschaften „übersetzt“ wird. Wodurch sich eben zeigt, dass sich analoge Ignoranz mit digitalem Unverständnis paart.

Nachtrag vom 16. Dezember 2012

Ein sehr schönes Interview mit Felix Hasler zu seinem Buch „Neuromythologie“4 gibt es auf Spiegel-Online (hier) zu lesen. Hieraus eine Aussage, der ich nichts hinzufügen will: „Renommierte Hirnforscher wie der Biologe Gerhard Roth beschränken sich in ihren Vorträgen eben nicht auf Ionenkanäle und Synapsen. Sondern sie erklären zum Beispiel gleich den freien Willen zu einem Hirngespinst. Aber so etwas geben die empirischen Hirnforschungsdaten nicht annähernd her“.

  1. Manfred Spitzer: Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. []
  2. Entnommen der Leseprobe der c’t Nr. 25/12 []
  3. Werner Bartens am 09. September 2012 in der Süddeutschen Online. []
  4. Felix Hasler (2012): Neuromyhtologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung, Transcript Verlag []
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