Nicht-Wissen ist eine Option (2)

„Die Antwort kann nur lauten: Er glaubt es wahrscheinlich nicht, aber es ist ihm scheißegal. Er nimmt eine aktuelle, digitale Entwicklung, eigentlich egal welche, und knüpft eine an der dritten Ableitung der Haare herbeigezogene Verbindung dran.“

Starke Worte von Sascha Lobo, dessen Beitrag „Glauben Sie nicht allen Experten“ im Rahmen seiner Kolumne bei Spiegel Online ich nur teilen kann und dem ich obiges Zitat entnommen habe. Und zwar generell, nicht nur bezogen auf den aktuellen Fall, den er als Anlass genommen hat.1 „Deutschland ist expertenhörig.“ Auch diesen Satz würde ich voll unterstreichen. Und dennoch: im Moment vollzieht sich nicht nur im Rahmen politischer Argumentationen etwas, was dem völlig entgegen zu stehen scheint: die zunehmende Tendenz, völlig unwahre Behauptungen in die Welt zu setzen bzw. an den Haaren herbeigezogene Argumente ins Internet oder online zu stellen.2 Doch dies ist in meinen Augen nur scheinbar widersprüchlich, denn, und hier möchte ich den Faden von Blogbeitrag 1 aufnehmen, es werden zwar Pseudo-Fakten in die Welt gesetzt, die einer wissenschaftlichen Überprüfung3 nicht standhalten, die aber der Sinnkonstruktion von Weltbildern äußerst dienlich sind. Ich glaube, dass man das schön am Beispiel der Auseinandersetzung von Harald Lesch mit Argumenten gegen den Klimawandel am Beispiel des Parteiprogramms der AfD zeigen kann. Dazu später mehr. Entscheidend ist dabei nicht mehr, welcher Experte welche Informationen bereitstellt, sondern allein die Tatsache, ob sie in noch so krude Theorien eingebunden werden können. Das politisch äußerst problematische und antiaufklärerische daran ist, dass weder die Theorie, noch die vorgeblichen Fakten weiter zur öffentlichen Diskussion stehen.4 „My opinion is my castle!“ könnte man in diesem Fall gewillt sein zu sagen. Jedenfalls entsteht eine Wagenburg , die in jedem Fall und äußerst brutal verteidigt wird.

In meinen Augen ist diese „Wagenburgmentalität“ politischer (Nicht-) Argumentationen, die dabei vor allem Fremdem, Auswärtigen, Nicht-Einheimischen und Zugewanderten grundsätzlich skeptisch, zurückhaltend, ablehnend und sogar feindselig gegenübersteht, die konsequente Fortentwicklung eines „technizistischen“ Wissensverständnisses, das ich im ersten Teil bereits problematisiert habe. Das zu begründen und ergründen wird Aufgabe dieses Blogbeitrags sein. Zur Einordnung in den Gesamtkontext noch einmal ein kurzer Rekurs auf die anderen beiden Teile:

  1. Teil 1 beschäftigt sich mit der Problematik, dass die spezifische Wissensform technizistischen Wissens die Gesellschaft und ihre Bildungsinstitutionen dominiert. Dabei ist vor allem verloren gegangen, dass Wissen erst über den Sinnbezug Bedeutung erlangt und im öffentlichen Gebrauch der Vernunft5 handlungsleitend wird.
  2. Teil 3 beschäftigt sich (wiederum in zwei Unterteilen) damit, warum wir als Menschen überhaupt etwas wissen können, und diese „Intelligibilität“ der Welt hat etwas mit unserer emotionalen Verfasstheit zu tun. Die emotionale Verfasstheit wiederum ist die Grundlage der derzeitigen massiven politischen Folgen, welche die Bevorzugung des technizistischen Wissens in modernen Gesellschaften hat.

 

Gerhard Mester - Klimawandel gibt es nicht (BY-SA)

Der Klimawandel eignet sich für mich besonders gut, das Thema Wissen und Nichtwissen zu thematisieren und zu problematisieren. Zum einen dadurch, dass mit dem Weltklimarat (IPCC) positiv aufgegriffen wurde, was Hans Jonas in seinem Werk „Heuristik der Furcht“ genannt hat.6 Zum anderen aber vor allem dadurch, dass seine „Existenz“ oder Nichtexistenz für die Menschen existentiell (in beide Richtungen) etwas bedeutet, d. h. nicht nur von den Fakten oder den verschiedenen Interessen her zu diskutieren ist.
Karikatur (=Beitragsbild): Gerhard Mester – Klimawandel gibt es nicht. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA), also Namensnennung und Verwendung unter gleichen Bedingungen.

Das Fallbeispiel

„Denn nicht nur rechte, auch linke Verschwörungstheoretiker griffen zu einer Rhetorik der Diffamierung und Beleidigung.“7

Ich greife das Beispiel von Harald Lesch hier deshalb noch einmal auf, weil er selbst in meinen Augen sehr gut reagiert hat. Vor allem jedoch, weil es zwei Videoaufzeichnungen dazu gibt. Insofern beginne ich mit den Videos, zu denen ich dann kurz etwas anmerken will.8

Bemerkenswert ist an an der Auseinandersetzung von Harald Lesch mit dem AfD-Programm, genauer dem Leugnen des Klimawandels darin, dass er in bester Manier wissenschaftlich vorgeht. Und nicht nur das: ich finde, dass er die präsentierten Fakten9 in einen argumentativen und sinnvollen Zusammenhang stellt. Das ist einer der wesentlichen Unterschiede zum von mir problematisierten technizistischen Wissen, das im Vermitteln von expliziten Informationen besteht. Handlungsleitend für die nun folgende Kritik werden jedoch nicht die genannten Fakten im Sinne von Informationen, sondern der wahrgenommene „Angriff“ auf das Weltbild hinter dem Programm, das durchaus einen Sinn für diejenigen ergibt, die daran glauben.

Obwohl ich die Reaktion von Harald Lesch, über ein eigenes Video darauf zu antworten, welches nicht noch einmal technizistisch die Fakten wiederholt, sondern das „Grundproblem“ thematisieren will, ziemlich cool finde, glaube ich, dass ein wesentlicher Aspekt gerade nicht behandelt wird: es geht natürlich um die Auseinandersetzung mit dem „Feind“ und die Feindbilder, die hinter Hasskommentaren und beleidigenden E-Mails stecken. Das aber ist wiederum eine Auseinandersetzung, die nun nicht (mehr) auf einer vermeintlich objektiven wissenschaftlichen Ebene geführt werden kann, sondern beispielsweise den Sinnbezug öffentlich thematisieren sollte. Hierzu – und vor allem im Netz bzw. über soziale Medien – die richtigen Formen der inhaltlichen Auseinandersetzung und gelungener Argumentationen zu finden, ist derzeit eine der großen Aufgaben digitaler Gesellschaften. In meinen Augen ist das jedenfalls noch lange nicht (auf-)geklärt. Es hat dabei elementar einen Zusammenhang von Wissen und Nichtwissen als Grundlage.

Wissen und Nichtwissen

„Bürger demokratischer Staaten sollten sich Sorgen machen, um den Zustand ihrer Wissenschaft und um die Verteilung von Unwissenheit.“10

Die FAZ berichtete im Juni 2011 von einer Tagung zum Thema der Agnotologie als Wissenschaft, welche die kulturelle Erschaffung von Nichtwissen und die soziale Aufrechterhaltung von Unwissen untersucht. Die Agnotologie steht dabei, gemäß dem entsprechenden Wikipedia Eintrag, in einem komplementären Verhältnis zur Epistemologie als philosophische Disziplin. Diese untersucht wiederum, wie überhaupt Wissen zustande kommen kann. So gesehen wären Wissen und Nichtwissen dann zwei widersprüchliche, einander ausschließende und insofern nicht aufeinander reduzierbare Beschreibungsweisen. Die wiederum für eine korrekte Beschreibung von Wissen insgesamt notwendig und deshalb dennoch unmittelbar aufeinander bezogen sind. Unwissenheit hat also nicht nur erkennbare politische Folgen: sie ist die oft nicht thematisierte andere Seite des Wissens als Wegbegleiter für Menschen, tatsächlich zu Wissen zu kommen. Beispielsweise, indem man am „gesicherten Wissen“ und seinem Bestand zweifelt oder Herrschaftswissen bekämpft, wie es bereits Sokrates vorgelebt hat.11 Dabei bleibt natürlich die Frage, welches Wissen Menschen tatsächlich wissen wollen.

Doch kulturell und gesellschaftlich spielt die andere Seite des Wissens, beispielsweise als Ignoranz und tatsächliches Nichtwissen,12 wie auch als „negatives Wissen“13 im Sinne eines Lernens aus Fehlern, aber schließlich als moralisch relevantes Wissen,14 sowohl in der Historie eine Rolle, als es auch in neueren Überlegungen eine starke – wenngleich meist unbeachtete – Begründung erfährt.15 Es ist gerade die Seite des Nicht-Wissens, von der ich mir selbst eine Sinngebung in einer komplizierten Debatte (siehe oben) erhoffe. Dabei beziehe ich mich zumindest hier ausdrücklich auf einen pädagogischen bzw. (politischen) Bildungskontext. Ähnlich wie beim Wissen gibt es dabei nicht nur „das Nichtwissen“, sondern sogar unterschiedliche Typen von Nichtwissen, von denen mir besonders die Ignoranz und das Negative Wissen bedeutsam für eine aufklärerische Bildungsarbeit erscheinen. Davon abzugrenzen, aber vor allem für den politischen Bereich entscheidend, ist fehlendes Wissen oder sind vielmehr fehlende Informationen. Es ist insofern eine Aufgabe, die „Vermittlung“ eben jenes Nicht-Wissens, damit es eine echte Option werden kann, gesellschaftlich zu organisierten

Bedeutungsvolles (Nicht-) Wissen

Mit dem Symbolsystem Sprache rekonstruieren sich Menschen die Welt und können dabei aus vorhergehenden Erfahrungen eigenes Wissen konstruieren. Vor allem können sie damit handeln.16 Jedoch nur unter der Voraussetzung von Sinnhaftigkeit und im gemeinsamen Argumentieren, also im Sinne eines öffentlichen Vernunftgebrauchs. Bereits das Vergessen und Verwechseln stellen für das (biografische) Lernen und den Erwerb von Wissen eine zentrale und förderliche Komponente dar.17 Vergessen und verwechseln sind als Eigenschaften also konstitutiv für die Fähigkeit des Erinnerns. Doch „echtes“ Wissen besteht in mehr als dem reinen Erinnern von Tatsachen oder dem Abrufen von Fakten, insbesondere wenn es handlungsleitend für Menschen wird.18 Handlungsleitendes Wissen gibt es nur um den Preis von Bedeutung, als emotionale Beziehung und schließlich auf Grundlage eines Sinngehalts für die Handelnden. Die Sinnkonstruktion von Wissen gilt in meinen Augen auch für sein Pendant, das Nichtwissen. Bzw. im Rahmen einer sinnvollen und reflexiven Abgrenzung davon, ohne den ständigen Begleiter von Wissen, das Nichtwissen, zu leugnen.

Ambiguität

Ein erster Typus von Nichtwissen ist die Mehrdeutigkeit (Ambiguität). Mehrdeutigkeit ist nicht nur ein Charakteristikum von Zeichen, sondern oft auch bei der Interpretation und Aufbereitung von Situationen für Handlungen, inbesondere im Rahmen komplexer Bedingungen, gegeben. Der Anteil des Nichtwissens bezieht sich darauf, dass der positive Ausgang des eigenen Handelns nicht gesichert ist, weil viele nicht gewusste Nebenbedingungen eine Rolle spielen. Im ökologischen Kontext zeigt sich, wie zentral Mehrdeutigkeiten im Sinne von Nichtwissen bzw. Unwissenheit für unser Leben geworden ist.19 Folgerichtig bedeutet diese Art von Nichtwissen in komplexen Gesellschaften  vor allem Handlungsunsicherheit. Entscheidend für sinnvolle Handlungen in einer mehrdeutigen und komplexen Welt, in der man individuell gar nicht alles wissen kann, ist im Umkehrschluss deshalb „die Fähigkeit, mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Handlungsweisen zu ertragen.“20 Also die Entwicklung einer Ambiguitätstoleranz, bei gleichzeitiger Kultivierung von Ignoranz und negativem Wissen im Bereich gesellschaftlicher Bildungsprozesse. Ambiguitätstoleranz21 heißt also fähig zu sein, aus der Wagenburgmentalität auszubrechen und nicht der Versuchung zu erliegen,  im eigenen Umfeld Ordnung und Struktur mit einfachen und unreflektierten Ideen wieder herzustellen und mit Beleidigungen und Hasskommentaren zu verteidigen.

Ignoranz

Ein weiterer Typus des Nichtwissens ist die Ignoranz, als Wort aus dem lateinischen ignorare = „nicht wissen“ oder „nicht kennen wollen“ gebildet.22 Ignoranz bedeutet nicht einfach nur, unwissend zu sein, sie hat ihrerseits verschiedene Formen und Ausprägungen. Doch der entscheidende Gedanke beim Thema Ignoranz im Zusammenhang mit Wissen und Nichtwissen ist: wenn Nichtwissen reflexiv und bewusst handlungsleitend wird, kann sich unser Umgang mit uns selbst und untereinander deutlich verändern. Allerdings entziehen sich einige Arten von Nichtwissen gängigen Vermittlungsformen und Beurteilungskriterien. Bewusste Ignoranz ist jedoch auf der Ebene der Nichtwissenden „weit davon entfernt, dem alltagssprachlichen Begriff der Dummheit zu entsprechen“.23 Sie ist im Gegenteil „ermöglichender und unvermeidbarer Teil der conditio humana“.24 Bewusst gewählt wird Ignoranz sogar zum Ausdruck „sublimer Klugheit“,25 oder aber, so eine zweite Argumentationslinie, zu einem schützenden Aspekt. Denn „alles zu wissen, heißt, alles zu ertragen, was häufig eine individuelle wie kollektive Überforderung darstellt.“26 Ignoranz kann besonders in unsicheren Zeiten, komplexen Systemen oder einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel entscheidend werden, weshalb das Erlernen des sinnvollen Umgangs mit den verschiedenen Arten von Ignoranz zukunftsfähig ist. Positiv gewendet bedeutet Ignoranz im Handlungszusammenhang die Fähigkeit zu wissen, was man nicht zu wissen braucht. Weil ein zu viel an Wissen – verstanden vor allem im Sinne reines Faktenwissens – unsicher macht und dadurch zu „Nichthandlungen“ führt.27 Reflexive Ignoranz kann dazu beitragen, dass es keine „Paralyse durch Analyse“ gibt, sondern der Sinnbezug wieder zum Tragen kommt.28

Die Tabelle geht auf Ursula Schneider (2006, S. 127f) zurück und beschreibt verschiedene Formen von Ignoranz. Ignoranz im Sinne von etwas – möglicherweise absichtlich – nicht kennen oder nicht wissen wollen (lat. ignorare = "nicht wissen", "nicht kennen wollen", im Ablaut zu ignarus (= in-gnarus) "unwissend" und zu gnarus = "einer Sache kundig") ist ein wesentlicher Bestandteil von Wissen.

Die Tabelle geht auf Ursula Schneider29 zurück und beschreibt verschiedene Formen von Ignoranz. Ignoranz im Sinne von etwas – möglicherweise absichtlich – nicht kennen oder nicht wissen wollen, ist, das sollten meine Ausführungen bis hierher ergeben haben, ein wesentlicher Bestandteil von Wissen.
Eigene Grafik.

Negatives Wissen

Bereits Hegel hat postuliert, dass der menschliche Verstand, um Grenzen setzen und erkennen zu können, immer schon über die Grenze hinaus gegangen sein muss. Der Aspekt der Aneignung von Wissen durch Begrenzung und Negation ist bisher noch überhaupt nicht systematisch bearbeitet worden. In meinen Augen ist das jedoch eine besonders interessante und für die beschriebene Problemstellung möglicherweise hilfreiche Form des Nichtwissens. Zu wissen, was eine Sache nicht ist, enthält viele Aspekte, „die eine bisher erworbene kognitive Struktur ins Wanken bringen“ können. Und auch durch Falsches hindurch kann richtiges Wissen erworben werden.30 Das ist eine der Grundbedingungen für das Lernen aus Fehlern, Irrtümern, Krisen und dem Nichtfunktionieren eines Planes.31 Diese Art von Lernprozessen ist oft schmerzhaft, das daraus erworbene Wissen jedoch äußerst sinnvoll und ermutigend. Zentral scheint mir zu sein, dass das negative Wissen damit nicht aus der Welt ist, sondern dem positiven Wissen komplementär zur Seite steht. Besonders deutlich wird dieser Bezug beim moralischen Wissen – und anhand von Kritik.32 Zukunftswerkstätten haben als pädagogisches Konzept viel dazu beigetragen, das negative Wissen, das in einer echten Kritik steckt (also zu wissen, wie etwas nicht sein sollte oder nicht funktioniert bzw. nicht sinnvoll ist) durch einen Perspektivenwechsel in utopische und positive Vorstellungen dahinter zu wenden. Die Phase der Verwirklichung und Praxis dient in diesem Rahmen dazu, im Sinne eines öffentlichen Vernunftsgebrauchs organisiert33 neues Wissen, beispielsweise von Problemlösungsvorschlägen oder anderen Herangehensweisen, zu generieren.

Noch einmal die Sinnfrage

„Es gehört zu unserem Selbstverständnis als verantwortliches Subjekte, dass wir uns Rechenschaft geben darüber, warum wir leben, wie wir leben.“34

Das Zitat von Lothar Schäfer oben soll mir noch einmal kurz ermöglichen, ein Resümee aus diesem Blogbeitrag zu ziehen. Ziel meiner Überlegung hier ist es herauszuarbeiten, was sich aus den verschiedenen Formen von Nichtwissen bezüglich eines adäquaten Vernunftsgebrauchs beim Argumentieren und Reagieren auf antiaufklärerische oder gar komplett erfundene Ideologien, wie sie etwa Verschwörungstheorien darstellen, herauskristallisieren lässt. Zum einen würde ich hier ergänzen, dass das von mir kritisierte Überhand nehmen und Präferieren von technizistischem Wissen positivistisch angelegt ist und systematisch Formen des Nichtwissens ausblendet. Doch spätestens beim Handeln von Menschen, insbesondere in Gemeinschaften, tauchen diese Formen in unterschiedlichen Varianten wieder auf. Werden sie nicht erklärt bzw. sind sie keine echte und vermittelte Option in einer wissenschaftlich angelegten und technisch organisierten Gesellschaft, dann entsteht daraus sehr schnell das Problem, sich die Welt dann eben anders erklären zu müssen.

Es folgen Erklärungen die sich nicht mehr dem argumentativen Diskurs stellen müssen. Insofern glaube ich, dass der Titel dieses Blogbeitrages seine Berechtigung hat. Erst wenn Nichtwissen eine gesellschaftlich anerkannte und vermittelte Option ist, kann es eine Weiterentwicklung von Wissen geben. Bei den beschriebenen Formen des Nichtwissens geht es aber gerade nicht darum, Menschen beispielsweise durch Geheimhaltung dumm zu halten, denn „zu viel Geheimhaltung macht einen Staat nicht sicherer.“ Es ist schon richtig: „Menschen wollen wissen, was los ist. Wenn sie es nicht erfahren, kommen Verschwörungstheorien auf, die für eine Regierung gefährlicher sein können als mehr Offenheit.“35 Aber wissen, was los ist, ist mehr als das Bereitstellen von Informationen im Sinne von Fakten. Es bedeutet immer auch einen echten argumentativen und vor allem hinterfragenden Zusammenhang, auch und vor allem gegen „fremdernannte“ und „selbsternannte“ Experten, herzustellen. In aller Öffentlichkeit lässt sich dann zeigen, wie viel Nichtwissen im geäußerten Wissen steckt.36 Genau dazu sind, trotz aller aufgezeichneten Probleme, das Internet und die sozialen Medien grundsätzlich die richtigen Instrumente. Das eigentliche Problem steckt darin, dass das Zugeben von Nichtwissen eine Schwäche im Rahmen technizistischer Gesellschaften und ihrer Organisationen bedeutet.

Im dritten Teil dieses Blogbeitrages möchte ich mich noch einmal der Frage zuwenden, warum Menschen überhaupt wissen können und warum dieses Wissen mit seinem Sinnbezug als handlungsleitendes Wissen eine existenzielle Bedeutung hat. Daraus erklärt sich nämlich für mich, warum diese Auseinandersetzung um „eine an der dritten Ableitung der Haare herbeigezogene Verbindung“37 so erbittert geführt wird und tatsächlich in (digitalen) Freund-Feind-Beziehungen münden.

Nachtrag am 29.08.2017

Es sind nun vier Blogbeiträge zu diesem Thema geworden. Hier noch einmal die vier Teile zum Thema Wissen und Nicht-Wissen als verlinkte Übersicht:

  1. „Slavoj Zizek hat das Smartphone-Spiel „Pokémon Go“ direkt mit der Judenverfolgung der Nazis verglichen.“ Ich musste es auch zweimal lesen um zu verstehen, dass das wirklich so passiert ist. Alles weitere führt er hier ja sehr schön dazu aus. []
  2. Verbunden mit der Gewissheit, dass es genug Menschen gibt, die diesen „Fakten“ gewillt sind hinterher zu laufen. Irgendetwas wird schon hängen bleiben, scheinen sich diejenigen zu denken, die dieses Vorhaben äußerst systematisch betreiben. []
  3. Unter wissenschaftlich verstehe ich hier erst einmal ganz banal die Tatsache, dass es Verweise oder Referenzen geben muss, die systematisch sind und von anderen (unparteiischen) Menschen nachgeprüft oder nachvollzogen werden können. []
  4. Denn, auch das kann man am „Fall Lesch“ gut zeigen: Es erfolgen keine Argumentationen, sondern nur noch pure Aggression und Äußerungen von Hass. []
  5. Also im echten argumentativen Gebrauch. []
  6. „Es ist die Vorschrift, primitiv gesagt, daß der Unheilsprophezeiung mehr Gehör zu geben ist, als der Heilsprophezeiung.“ Hans Jonas (1984): Das Prinizp Verantwortung, S. 70. Die Heuristik der Furcht steht an zentraler Stelle seiner Zukunftsethik und muss für ihn das stärkere Motiv staatsmännischer Vorkehrungen sein, da das Wissen, das für Nahprognosen der konkreten Anwendung von Technologie durchaus ausreichend ist, in den ethisch geforderten Extrapolationen, also beispielsweise den Klimamodellen des IPCC, nicht mehr ausreichend sein kann. []
  7. Entnommen dem Bericht von Martin Scherf in der Süddeutschen Zeitung vom 18.08.2016. []
  8. Hier noch einmal kurz der Background und Stand der Dinge zum Zeitpunkt August 2016. []
  9. Sowohl die angeblichen im Rahmen des Parteiprogramms „gefundenen“, als auch seine eigenen. []
  10. Manuela Lenzen (2011): Alles, was man nicht wissen muss. Ein Bericht über die Agnotologie als Lehre vom Nichtwissen hier. []
  11. Hier verweise ich gerne auf den ersten Teil dieses Blogbeitrages, weil ich darin auf Sokrates genauer eingehen. []
  12. beim Thema Ignoranz beziehe ich mich vor allem auf Ursula Schneider (2006): Das Management der Ignoranz. Nichtwissen als Erfolgsfaktor. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag. []
  13. Siehe hierzu das Buch „Lernen ist schmerzhaft“ von Fritz Oser und Maria Spychiger weiter unten im Text. []
  14. Siehe hierzu Fritz Oser (2005): Negatives Wissen und Moral. []
  15. Dazu gehört nicht zuletzt der Aufsatz „Jenseits des Wissens? Wissenschaftliches Nichtwissen aus soziologischer Perspektive“ von Peter Wehling von 2001. []
  16. Ich bin ein Anhänger der klassischen philosophischen Handlungstheorie, erspare mir doch an dieser Stelle weitere Ausführungen dazu. Dies habe ich an anderer Stelle bereits mehrfach geschrieben. []
  17. „Denn wenn wir alles erinnern würden […] hätten wir nicht die geringste Möglichkeit, uns zu orientieren und Entscheidungen darüber zu treffen, was als Nächstes zu tun ist“ (Markowitsch & Welzer (2005): Das autobiografische Gedächtnis: Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung. Stuttgart: Klett-Cotta, S. 32. []
  18. Genauer wäre diese reine Erinnerungsfunktion explizierbarer Inhalte für mich das, was ich technizistisches Wissen nenne. []
  19. Für den Bereich der Wirtschaftswissenschaften seien hier die nicht intendierten Folgen einer Handlung als spezielle Form des Nichtwissens im Sinne einer Mehrdeutigkeit erwähnt. []
  20. Wikipedia: Ambiguitätstoleranz. []
  21. Ambiguitas = lat. „Zweideutigkeit“, „Doppelsinn“ zusammengesetzt mit tolerare = lat. für „erdulden“, „ertragen“. []
  22. im Ablaut zu ignarus (= in-gnarus) „unwissend“ und zu gnarus = „einer Sache kundig“ []
  23. Schneider, a.a.O., S. 17 []
  24. Eine „brutalstmögliche“ Offenheit durch Zugänglichkeit zu allen Informationen trägt beispielsweise nicht wirklich zur Stabilisierung sozialer Beziehungen bei. Sie verändert vor allem die handelnden Personen und ihre emotionalen Befangenheiten darin nicht. []
  25. a.a.O. []
  26. a.a.O., S.84 []
  27. Empirisch lässt sich zeigen, dass Entscheidungen durch zu viele Informationen verschlechtert werden. Dies steht im Gegensatz zu der Annahme, durch möglichst umfassende Informiertheit zu guten Beschlüssen zu kommen. []
  28. Schneider, a.a.O. []
  29. a.a.O., S. 127f []
  30. Ich beziehe mich jetzt in den weiteren Ausführungen auf das Buch „Lernen ist schmerzhaft. Zur Theorie des Negativen Wissens und zur Praxis der Fehlerkultur“ von Fritz Oser und Maria Spychiger aus dem Jahr 2005. []
  31. „Unsere Theorie besagt deshalb, dass durch Fehler, wenn sie – auf dem Hintergrund eines Vertrauensverhältnisses, also ohne zu beschämen – öffentlich gemacht und dann erinnert werden, der Erkenntnis des richtigen einen unverzichtbaren Dienst erweisen“ – A.a.O., S. 13. []
  32. „Negatives moralisches Wissen ist Wissen darüber, was ungerecht, unwahrhaftig, korrupt, katastrophal nachlässig, trivial böse, irreversibel hässlich, unsozial, Vorteil ausnützend, unsolidarisch, untreu, parteiisch“ ist, schreibt Fritz Oser – a.a.O.; – Negatives Wissen und Moral. []
  33. Also gemeinsam im Diskurs mit den anderen Teilnehmer*innen. []
  34. Lothar Schäfer (1933): Das Bacon-Projekt. Von der Erkenntnis, Nutzung und Schonung der Natur. Frankfurt: Suhrkamp, S. 27. []
  35. Lenzen 2011, a.a.O. []
  36. Auch hier lässt sich schließlich wieder der Faden zum Teil 1, vor allem zum sokratischen Vorgehen, herstellen. []
  37. Siehe Sascha Lobo im einführenden Zitat. []
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