Von der Zwangsdigitalisierung zur Digitalität der politischen Erwachsenenbildung

Ungefähre Lesezeit (inklusive Fußnoten): 14 Minuten

Ein zweites Mal habe ich einen Peer-Review Vorschlag für das Magazin Erwachsenenbildung eingereicht. Ich knüpfte damit etwas spezifischer an meine Ausführungen von 2012 im Journal für Politische Bildung (Neue Räume der politischen Bildung) und meinen Blogbeitrag aus dem Jahr 2015 unter dem Titel „Wo bleibt die digitale politische Erwachsenenbildung?“ an, der 2017 auch auf EPALE veröffentlicht worden ist.

Hinzu kommt das, was ich 2016 zum digitalen Stuhlkreis und zum digitalen Handlungsraum geschrieben und was ich 2020 zur virtuellen Präsenz (Teil 1, Teil 2 und Teil 3 – als Lehrender im ersten Lockdown) gebloggt habe. Reflexiv und explizit fließen dabei die Erfahrungen von zwei Onlineseminaren der Politischen Bildung für den Bayerischen Volkshochschulverband (bvv) während der Pandemie ein. Leider wurde mein Vorschlag auch diesmal nicht angenommen. Ich habe die Begründung am Ende des Artikels ausgeführt. Möge sich jeder selbst einen Reim darauf machen.


Abstract

Meine Ausführungen gingen von der Stellungnahme im Call for Papers 45 aus, welche die Feststellung trifft, dass politische Bildung als Vergesellschaftungsform ihren Ort verloren habe. [1]S. 3 Geknüpft an die Fragen zur „Transformation und Chancen der politischen Bildung“ wollte ich zeigen, dass sie, wenn überhaupt, einen Ort verloren hat, den sie als medialen Raum nie in Besitz genommen hat.

Über die Frage der Medialität des politischen öffentlichen Raumes wollte ich weiter zeigen, dass auch für die Politische Erwachsenenbildung die Zukunft in virtuellen Räumen und ihrer medial-partizipativen Einrichtung liegt. Diese Zukunft gibt es aber nur, wenn insbesondere die Idee einer Kultur der Digitalität in die Politische Erwachsenenbildung Einzug hält. Diese wiederum könnte am Ende die Orte der Erwachsenenbildung mit virtuellen Räumen versöhnen.


Bildungsstätten als Orte der politischen Bildung

Auf ihre Grenzen blickend lässt sich jedoch festhalten: Politische Bildung als soziale und verortete Vergesellschaftungsform verlor ihren Ort und gerät damit ebenso in eine Krise.

Call for Papers, S. 3 [2]https://erwachsenenbildung.at/downloads/magazin/Meb45_callforpapers.pdf?m=1614701905&

Bildungsstätten als Orte, in denen sich vielfach die politische Erwachsenenbildung vollzogen hat, sind nicht erst seit Covid19 in der Krise. Und das, obwohl – oder, eigentlich besser, weil – sie „besondere Vorzüge, die sich auch im didaktischen Verständnis und in den Lernformaten niederschlagen“ [3]Ciupke 2010, S. 315 bieten. Diese besonderen didaktischen Möglichkeiten möchte ich grob als medial aufbereitete Methoden und vermittelnde Lernformate der „Gutenberg Galaxis“ [4]McLuhan 2011 bezeichnen. Die Ausgangssituation ist dabei die, dass bereits im analogen Kontext die Orte der Politischen Bildung deutlich vernachlässigt wurden. Pädagogische Prozesse werden jedoch „in einem nicht unerheblichen Maße von der gebauten Umgebung beeinflusst und mitgeprägt“. [5]Sesink 2014, S. 30 Auch medial gesehen transportieren physische Orte ihre Informationen nicht automatisch [6]„Die in der Erwachsenenbildung oft gebrauchte Rede vom authentischen Ort ist allerdings irreführend, denn in der Regel gibt es weder eine Ursprünglichkeit noch eine für sich stehende … Continue reading D.h., dass die darin stattfindenden Lernformate im wahrsten Sinne des Wortes, „entschlüsselt“, „gedeutet“ und „gelesen“ werden können müssen. [7]Ciupke 2010, S. 320

Meine Erfahrung ist, dass die Bildungsorte der Politischen Bildung bis zu Covid19 (fast) nie in den Räumen der digitalen Medien angekommen sind. Im Gegenteil: Sie sind meist in der Gutenberg Ära einer örtlichen „Anwesenheitsgesellschaft“ [8]Schlögl 2008 steckengeblieben. Insofern eröffnete die mit den Lockdowns verbundene Zwangsdigitalisierung durch Videokonferenzen neue Chancen, virtuelle Räume als reale und wirkmächtige öffentliche Räume der Demokratie genauso zu entdecken, wie sie als asynchrone Räume für die politische Erwachsenenbildung zu nutzen sind.

Der politische öffentliche Raum als medialer Raum

Similarly, television not only demystifies the places actually exposed on it but also promotes a new sense of access and openness to all places.

Meyrowitz 1985, 449,5 [9]Meyrowitz, Joshua (1985): No sense of place. The Impact of Electronic Media on Social Behavior [EPUB]. New York: Oxford University Press

Medien und ihr Einsatz im Kontext der politischen Erwachsenenbildung werden aufgrund vielerlei Missverständnissen als reine Werkzeuge zur didaktischen Gestaltung verstanden. [10]vgl. hierzu Klier 2021 Konzeptionell geht ihr Einsatz auf das technisch konzipierte Sender-Empfänger-Modell von Claude Shannon (1948) zurück. [11]„The channel is merely the medium used to transmit the signal from transmitter to receiver. It may be a pair of wires, a coaxial cable, a band of radio frequencies, a beam of light etc.“; S. 2. Dieses technische Modell eignet sich auch besonders gut zur Begründung von Instruktionssettings bzw. Unterricht. Das dahinter liegende Medienverständnis ist aber blind für „die Tatsache, dass Medien keine neutralen Kanäle, sondern prägende Formen sind, die maßgeblichen Einfluss auf Kultur und Gesellschaft nehmen“. [12]Krommer 2019 | [13]Ähnlich Schlögl 2008: „Zum anderen zeichnet sich in der medien- und sozialwissenschaftlichen Diskussion ab, daß ein Kommunikationsbegriff, der auf die bloße Übertragung von Informationen … Continue reading Das Internet wiederum „ist kein Medium, sondern die Bedingung der Möglichkeit von Medialität“. [14]Noller 2021, S. 50 Mit dem Internet ist insofern kein neues Medium, sondern, viel fundamentaler, ein virtueller und vor allem politischer Handlungsraum [15]vgl. dazu Boes & Kämpf 2016 sowie Klier 2016. entstanden, der sowohl didaktisch, als auch vor allem mathetisch in der Politischen Bildung fruchtbar gemacht werden kann. Das lässt sich gerade in Bezug auf die Medialität des öffentlichen Raumes zeigen.

Bereits die initiierenden Arbeiten zum öffentlichen Raum, die auf Jürgen Habermas zurückgehen, offenbaren das Problem, dass die mediale Bedingtheit dieses Raumes lediglich im Sinne des technischen Kommunikationsparadigmas gesehen wurde. Doch die Entfaltung der elektronischen Massenmedien im 19. Jahrhundert veränderte „die ‚Öffentlichkeit‘ genauso wie die elektronischen Medien Fernsehen“ [16]Wolschner 2013/20 und die daran anschließenden digitalen bzw. sozialen Netzwerke es tun. [17]„In diesem Rahmen einer durch den Gebrauch von Schrift und Drucktechnik transformierten Anwesenheitsgesellschaft entfalteten sich Politik und die mit ihr verbundene Öffentlichkeit in der Frühen … Continue reading

Politik wird über die elektronischen Medien nicht nur beobachtbar [18]Schlögl 2008, sie verändert sich auch und passt sich den medialen Gegebenheiten genauso an, wie es die Rezipient:innen tun. Insbesondere das Fernsehen erzeugte eine mediale Öffentlichkeit. Als Medium hat das Fernsehen maßgeblich dazu beigetragen, dass sich „tradierte, an physische Orte gebundene Gruppenzugehörigkeiten“ [19]Wolschner 2010/20 aufgelöst haben und insgesamt die rein physischen sozialen Bezüge unwichtiger geworden sind, weil man sich die Welt – und eben auch Politik – ebensogut hierüber erschließen kann.

Bild 1 (zugleich Beitragsbild): Bundesarchiv Nr. 183-S61468 – Pazifistendemonstration im Berliner Lustgarten 1921. Vorn: die Gattin des Professors Einstein [Elsa Einstein] mit amerikanischen Pazifisten (Originalbeschreibung). Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons BY-SA. [20]Namensnennung und Verwendung unter gleichen Bedingungen.
Deutlich zu erkennen ist in diesem Bild die öffentliche mediale Vermittlung des politischen Themas „Nie wieder Krieg“ über das zentrale Medium der Flugblätter. Noch wichtiger für die Konstitution der politischen Öffentlichkeit waren aber die damaligen Parteizeitungen [21]vgl. dazu Schlögl 2008.

Vor allem die Frauen- und Geschlechterforschung hat diese Zusammenhänge bereits früh entdeckt. Aus feministischer Sicht wird Öffentlichkeit deshalb auch nicht als Ort verstanden, sondern als Prozess und kommunikative Interaktion zwischen privat und öffentlich, der drei Ebenen umfasst. [22]vgl. hierzu Wischermann 2020 In der politischen Bildung wird allerdings bisher meist noch, passend zum technisch-medialen Politikverständnis, „eine Behälter-Auffassung von Raum“, die unabhängig von „den Subjekten“ [23]Faulstich & Haberzeth 2010, S. 64, vor allem aber nicht medial geprägt und strukturiert ist, vertreten. Konsequenterweise wird der virtuelle Raum hier nur als metaphorische Beschreibung gesehen, die einer Anwesenheit am Seminarort nicht gleichkommen kann.

Mediale Präsenzen und virtuelle Räume

Politik und ihre Öffentlichkeit stehen historisch in einem wechselseitigen Konstitutionsverhältnis. Das wird greifbar, wenn Öffentlichkeit als Beobachtung konzipiert und in ihren medial bedingten Formen gedacht wird.

Schlögl 2008, S. 614 [24]Schlögl, Rudolf (2008): Politik beobachten. Öffentlichkeit und Medien in der Frühen Neuzeit. In: Zeitschrift für Historische Forschung, Bd. 35/Heft 4. Text verfügbar unter … Continue reading

Gerade in der Krise zeigt sich, wie zentral die mediale Rekonstruktion des öffentlichen Raums für die Politische Erwachsenenbildung ist. Verdeutlichen kann man das sehr schön am Beispiel einer Medienpräsenz. Gemeint ist damit normalerweise das Erzeugen von Aufmerksamkeit gegenüber einem bestimmten Publikum. Die betreffenden Personen der (politischen) Öffentlichkeit müssen dabei nicht, wie in Anwesenheitsgesellschaften, physisch am gleichen Ort des Publikums präsent sein. Sie sind über die elektronische Medien auch ohne Körper anwesend, in den Massenmedien sind ihre Handlungen und politischen Aussagen äußerst präsent und diskursfähig. [25]„So detailliert und vielseitig waren Menschen noch nie über ihre politisch Verantwortlichen informiert. Je mehr darüber bekannt ist, was ein Repräsentant von Macht tut und was er nicht tut und … Continue reading

Forschungen über Medien und ihren Gebrauch zeigen regelmäßig, dass die Mediennutzer:innen nicht passiv bleiben, „sondern als aktives Publikum zu sehen [sind], das eigene (Medien-)Wirklichkeiten konstruiert und verschiedene Lesarten der Medienprodukte hervorbringt“. [26]Wischermann 2020, S. 48f Auch eine Präsenz in den (virtuellen) Räumen der politischen Erwachsenenbildung bezieht sich insofern nicht primär auf eine körperliche Anwesenheit, sondern auf die Aufmerksamkeit, die notwendig ist, um gemeinschaftlich lernen zu können.

Politische Öffentlichkeit und ihre Räume sind also nicht einfach physikalisch oder technisch „gegeben“ [27]Faulstich & Haberzeth 2010, S. 64. Räume werden durch gemeinsame Regelsetzungen, durch Kommunizieren und Handeln, hergestellt. Damit diese kommunikative Interaktion gelingt werden sie medial eingerichtet. Räumen werden dabei Werte und Bedeutung zugeordnet. Im Idealfall wird die Einrichtung partizipativ gestaltet. Genau diese Eigenschaften zeichnen auch virtuelle Räumlichkeiten aus – und zwar nicht nur metaphorisch, sondern äußerst real.

Covid19 – Zwangsdigitalisierungserfahrungen aus zwei bvv-Onlineseminaren

Es ist aber andererseits auch eine völlig andere Bildungsarbeit gefordert: eine Bildungsarbeit, die sich intensiver auf die Lebensverhältnisse der Menschen einstellt. Das bedeutet vor allem, nicht mehr nur darauf zu warten, dass sich Menschen, die hochmotiviert sind, in den Veranstaltungen einfinden.

Rudolf 2002, S. 45 [28]Rudolf, Karsten (2002): Politische Bildung: (k)ein Thema für die Bevölkerung? Was wollen die Bürger? In: ApuZ Nr. 45, S. 45 – 53

Dieses schon etwas ältere Zitat von Karsten Rudolf entstammt einer der wenigen Untersuchungen, die sich auf empirische Befragungen zum Thema politische Bildung Erwachsener beziehen. Es ist zugleich ein früherer Hinweis darauf, dass die Medialisierung der Alltagswelt ernstzunehmen ist, will politische Bildung noch in irgendeiner Art und Weise relevant sein. Das bedeutet zuallererst, dass politische Bildung in diesenbzw. über diese Medien stattfinden muss und nicht, dass man über diese Medien, im Sinne einer Medienkompetenz oder Mediendidaktik, in einer Veranstaltung vor Ort reden sollte.

Das war der Hintergrund zweier spezieller Seminare, die ich zusammen mit dem und für den Bayerischen Volkshochschulverband (bvv) 2020 und 2021 konzipiert und während der Pandemie durchgeführt habe. [29]Das Seminar „Demokratie und Bildung im Netz“ fand im Frühjahr 2020 im harten Lockdown mit 14 aktiven Teilnehmer:innen und über einen Zeitraum von 9 Wochen (15.05. – 18.07.2020) statt. Das … Continue reading Die praktischen Erfahrungen in beiden Seminaren waren zweigeteilt: Zunächst kam es zu dem, was ich als Zwangsdigitalisierung kennzeichnen will. Damit meine ich, dass Videokonferenzen quasi über Nacht das Mittel, bzw. eigentlich Medium, der Wahl während der Pandemie – und auch in den Seminaren der politischen Bildung – wurden. Das zeigte sich insbesondere daran, dass die Teilnehmer:innen während der Videokonferenztermine weitgehend präsent waren.

Dabei wurde zumindest prinzipiell die räumlich-virtuelle Perspektive entdeckt, denn die Breakout-Räume lassen nicht nur die Bildung von Arbeitsgruppen, sondern auch die Zuweisung ihrer Arbeits- und Lernräume, zu – ganz wie es mehrtägige Veranstaltungen an analogen Orten ermöglichen müssen. Über die gängigen Videokonferenzsysteme ist zugleich „die Vorstellung von mehreren Räumen an einem Ort“ [30]Faulstich & Haberzeth 2010, S. 64 nicht nur denkbar, sondern ganz einfach zu praktizieren.


Bild 2: Screenshot des virtuellen Kursraums auf der vhs.cloud des Seminars „Demokratie und Bildung im Netz“ vom 15.05. – 18.07.2020, also während des ersten Lockdowns. Gezeigt wird hier speziell der mögliche Blog als asynchrone Kommunikationsform. Die Aufgabe der Seminarteilnehmer:innen war an dieser Stelle, über einen Blogbeitrag ihre eigene Meinung und Position in Form einer These zu genannten Themen einzubringen, die sie vorher gemeinschaftlich in einer Gruppenarbeit erarbeiten sollten (Projektauftrag 4). Medial gesehen stellt dies eine der Möglichkeiten einer seminarinternen Öffentlichkeit und transparenten Diskussion politischer Meinungen und Einstellungen dar

Genauer müsste man aber eigentlich sagen: Bei Videokonferenzen geht es um mehrere „Vor-Orte“ der Alltagswelt (oft der privaten Wohnung oder des Zimmers der Teilnehmer:innen), von denen aus der Zugang der Teilnehmer:innen zum gemeinsamen virtuellen Raum einfach und niedrigschwellig [31]Natürlich unter den notwendigen technischen Voraussetzungen einer ausreichenden Internetverbindung und eines geeigneten Endgerätes, wozu auch Smartphones zählen. Jedenfalls prinzipiell. Und … Continue reading möglich wird.

Die andere Seite der Lernerfahrung war, dass die Zusammenarbeit, die in Gruppen über die vhs.cloud als digitale Plattform stattfinden und den wesentlich größeren asynchronen Lernanteil abdecken sollte, demgegenüber nur sehr zögernd, mitunter auch gar nicht richtig angenommen worden ist. Medial gesehen ist aber gerade dieser Anteil derjenige, der, bei einer entsprechenden Einrichtung, virtuelle Räume zu einem echten Pendant mehrtägiger Seminare vor Ort machen kann.

Dass asynchrone virtuelle Räume derzeit noch systematisch verkannt werden ist die für mich wichtigste Erfahrung, die ich aus den zwei Onlineseminaren (und meiner Lehrtätigkeit insgesamt) mitgenommen habe. Bei der Vorstellung entsprechender Konzepte zur politischen Bildungsarbeit im Netz ging es am Ende dann nämlich doch nur darum, im Rahmen der örtlichen Volkshochschule medienkompetentes Umgehen oder, aus Sicht der Verantwortlichen, notwendiges Wissen dazu, zu vermitteln. Am besten mit einem geeigneten Experten als Referenten.

Es geht um wesentlich mehr und anderes, als um eine digitale Medienkompetenz

Auch der nach pädagogischen Gesichtspunkten gestaltete Raum für Bildung enthält eine Art Lehraussage oder Botschaft, mit der sich die Nutzer dieses Raums auseinanderzusetzen haben und zu der sie sich verhalten in der Art und Weise, wie sie dann in diesem Raum agieren.

Sesink 2014, S. 42 [32]Sesink, Werner (2014). Überlegungen zur Pädagogik als einer einräumenden Praxis.

Generalisieren möchte ich meine Erfahrungen dergestalt, dass das Potenzial, das insbesondere soziale Medien und digitale Plattformen im Bereich der Politischen Bildung über asynchrone Formen des gemeinschaftlichen Lernens im virtuellen Raum bieten, auch während der Corona Krise weitgehend unbeachtet geblieben ist. Dabei ermöglicht beispielsweise die Arbeit über Foren das, was Andreas Dörpinghaus eine „Verzögerung“ als Voraussetzung von echter Bildung nennt. Menschen reagieren nicht einfach bloß auf Medien, sie antworten auf Fragen, die ihnen in ihnen gestellt und dann gemeinschaftlich diskutiert werden. [33]vgl. dazu Dörpinghaus 2009, S. 10f; „Im Moment der Verzögerung entstehen allererst die Erfahrungsspielräume, die Bildungsprozesse ermöglichen, die nicht gewissermaßen in der Reaktion auf eine … Continue reading

Der asynchrone Modus von Forendiskussionen, der Kommentierung von Blogbeiträgen oder der Erarbeitung von Texten in Wikis eröffnet insofern ganz neue und andere Möglichkeiten, sich inhaltlich und reflexiv mit politischen Themen und Inhalten, aber auch den eigenen Interessen, in einem öffentlichen Raum, auseinanderzusetzen. Öffentlich verstehe ich hier als offenen und transparenten Austausch, also einen kommunikativen Akt, bezüglich der geteilten, oder, noch besser, der strittigen Inhalte. Bei einer korrekten Einrichtung und Nutzung können alle Beteiligten daran partizipieren und sich einbringen.


Bild 3: Screenshot des Kurswikis des zweiten Seminars vom 15.01. – 27.02.2021. Die kollaborative Produktion von Texten, in diesem Fall in einem Wiki, ist eine weitere wichtige asynchrone und vor allem partizipative Eigenschaft virtueller Räume. Insbesondere über Definitionen können verschiedene politische Standpunkte geäußert und verargumentiert werden. Die Erfahrung im zweiten Seminar war leider die, dass anstatt einer einzigen und von allen getragenen Definition lieber unterschiedliche Definitionen formuliert worden sind, die dann (unvermittelt) nebeneinander standen. Damit wurde die Auseinandersetzung zum Thema Rechtpopulismus tatsächlich nicht politisch-diskursiv – und partizipativ – geführt und es blieb bei den je unvermittelten Auffassungen.

Voraussetzung dafür ist eine Sichtweise auf Medien, die ihre Eigenlogik ernst nimmt und den „von ihnen generierten Weltzugriff“ reflektiert. Erst dadurch kann die durch sie konstruierte kognitive, soziale und politische „‚Realität‘ erfaßt werden“. [34]Schlögl 2008, S. 584 Zugleich entlastet die asynchrone Schriftlichkeit „vom Aufmerksamkeits- und Konsensdruck der Anwesenheitskommunikation“. [35]a.a.O., S. 592 Die adäquate Nutzung asynchroner Räume in der politischen Bildung geht auch konform mit einer frühen Kritik der (politischen) Erwachsenenbildung an der „belehrend-bevormundende[n]‘ Übermacht der Vortragsform’“. [36]Pongratz 2003, S. 12

Die wichtigste Lehre aus den beiden Seminaren mit dem bvv aber ist die, dass der virtuelle Raum tatsächlich die Örtlichkeit von Bildungseinrichtungen ersetzen und demokratisches Lernen ermöglichen kann. Dabei stellt er, entgegen dem vielfachen Wunsch nach einer Rückkehr zur analogen Präsenz, meist nicht die schlechtere Alternative dar. Insbesondere kann über virtuelle Räume, nutzt man die synchronen und asynchronen Anteile gemeinsam, eine Seminarsituation bzw. ein demokratischer Lernprozess initiiert werden, die oder der mehrtägigen örtlichen Aufenthalten entspricht. Und das nicht nur metaphorisch, sondern in einem ganz realen und (politisch) wirkmächtigen Sinne.

Das virtuelle Raumkonzept erinnert am Ende auch nicht zufällig an die Entstehungsgeschichte der Demokratie. Die frühen griechischen Stadtgemeinschaften (Poleis) besaßen „Plätze, auf denen die Bewohner zu politischen Aufgaben zusammenkamen und sich als Mitglieder einer autonomen städtischen Gemeinschaft formierten“. [37]Hölscher 1998, S. 16 Diese Plätze stellten innerhalb der Polis einen neutralen und damit „herrschaftsfreien“ Raum dar. Bei der Gestaltung dieser Plätze (Agorai) ging es nicht um ihre ästhetische Gestaltung. Im Vordergrund stand zentral die mediale Anwesenheitsorganisation des Gemeinwesens durch den notwendigen Raum für soziale Aktivitäten und die Ausstattung mit entsprechenden kommunikativen Freiräumen.

Digitalität als Voraussetzung virtueller öffentlicher Räume

Die Zuschreibung von Freiheit und Autonomie an den Ort ist ein oftmals gewolltes und implizites Moment des Lernkonzepts von Heimvolkshochschulen gewesen: Lernen sollte sich – zumal als Lernen Erwachsener – selbst bestimmt und freiwillig vollziehen, der Ort dieses Prinzip unterstützen und einen spezifischen Aufforderungscharakter zur aneignenden Selbsttätigkeit besitzen.

Ciupke 2010, S. 317 [38]Ciupke, Paul (2010): Orte der politischen Bildung. Von der Bildungsstätte zum „Lernen vor Ort“. In: Hessische Blätter für Volksbildung 04/2010, S. 315-324

Bereits bei den Medien Fernsehen und Zeitungen wird sichtbar, was der Anlass für Habermas war, von einem Strukturwandel zu schreiben. Davon ausgehend entwickelt er, im Sinne eines „Zerfalls“ der politisch-bürgerlichen Öffentlichkeit, seine diskurstheoretischen Hauptwerke. Was alle angeht, darüber müssen (im Idealfall) auch alle beraten und entscheiden können. Diesen Anspruch konnten und können die Massenmedien nicht einlösen. Wohl aber können es nun – und das ganz praktisch – die sozialen Medien und digitalen Plattformen, gestützt auf das Internet. [39]So lässt sich eben nicht zufällig feststellen, dass der Ausspruch „Das Private ist politisch“ erst über die sozialen Medien, hier in Form der MeToo Bewegung, „seine volle Wucht“ (Vahland … Continue reading

Demokratie ist, zumindest als Lebensform, nicht im strengen Sinn zu lehren. Sie kann also nicht in Form von Vorträgen oder Vorlesungen der Gutenberg Galaxis an Orten lediglich vermittelt werden. Die (mediale) Form des Vollzugs und der Inhalt müssen hier synchron laufen, was wiederum im virtuellen Raum besonders leicht zu ermöglichen ist. Die „eigentümlichen Begegnungs- und Vergemeinschaftsangebote in Bildungsstätten“ [40]Ciupke 2010, S. 316 sind insofern auch über temporäre digitale Communities und ihre netzgestützte asynchrone Kommunikation möglich. [41]Im Prinzip eröffnen sie die politische Bühne so, wie es sich Bertolt Brecht im Rahmen eines „dialektischen Theaters“ einmal vorgestellt hat: Als Desillusionierung des öffentlichen politischen … Continue reading

In der Diskussion um die Nutzung virtueller politischer Bildungsräume geht es, soviel sollte bis hierher deutlich geworden sein, nicht um eine „mediengestützte“ [42]„Auch das Lesen und Schreiben bzw. die Sprache werden nicht einfach ‚digital gestützt‘, sondern gehören zu einer veränderten sozialen, kulturellen und medialen Umwelt“ (Krommer 2020). politische Bildung und auch nicht um eine digitale Medienkompetenz in der politischen Erwachsenenbildung. Genausowenig geht es um den Einsatz digitaler Tools im analogen Seminargeschehen. Es geht ganz wesentlich darum, dass sich, medial geprägt und ermöglicht, die Beziehungen zwischen politischen Bildner:innen und den Teilnehmer:innen grundsätzlich gewandelt haben.

Gerade der Begriff der Digitalität, wie ihn Felix Stalder (2016) in seinem Werk einer „Kultur der Digitalität“ als Wortverbindung von Digital und Realität (bzw. Materialität) beschrieben hat, greift den hier beschriebenen grundlegenden Zusammenhang zwischen Medienverständnis, Mediennutzung und Medienproduktion auf. Er zielt dabei auf eine Verbindung von digitalen und analogen Räumen ab und kennzeichnet schlicht die mediale Seite der digitalisierten Kommunikationsformen in ihnen. [43]vgl. hierzu Klier 2021

Damit die Chance virtueller Räume in der politischen Erwachsenenbildung ergriffen werden kann, gilt es, die Digitalität mit den drei Prinzipien der Referenzialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität im Kursgeschehen ernst- und anzunehmen. Das Versöhnliche daran ist, dass das kein Ausschlusskriterium gegenüber analogen Veranstaltungsformaten darstellt. Am Ende sind es gerade die klassischen Orte der politischen Erwachsenenbildung, ihre Bildungszentren und Veranstaltungsräume, die auch medial virtuelle Räume für das gemeinschaftliche Demokratielernen zur Verfügung stellen können – wenn sie denn die Chance ergreifen.

Verwendete Literatur

Anmerkungen der Gutachter:innen

Die erste Rückmeldung

Ihr Artikel wurde vom Fachbeirat insbesondere hinsichtlich der Überlegungen zu virtuellen Bildungsorten, der Rückbindung an die Praxis der Erwachsenenbildung unter Corona-Bedingungen und der Einblicke in die konkreten Erfahrungen der beiden Bildungsveranstaltungen wertgeschätzt, konnte letztlich aber in der Fülle von Einreichungen zu dieser Ausgabe nicht ausreichend überzeugen, weil er aus Sicht des Fachbeirats den Call inhaltlich nur streife, der Zusammenhang mit politischer Bildung teilweise etwas konstruiert wirke und die Ausführungen streckenweise an Stringenz fehlen würden.

Meine Nachfrage

  1. Warum „streift“ der Beitrag nur den Call, obwohl ich mich mit der zentralen Eingangsthese des Calls auseinandersetze? Was ist die Erwartung, dass ein solcher Beitrag den Call erfüllt?
  2. Warum und in welcher Form ist der Zusammenhang mit der politischen Bildung „etwas konstruiert“? Ich komme aus der politischen Bildungsarbeit und kann gerade diese Kritik überhaupt nicht nachvollziehen.
  3. Was – bzw. bei welchem Thema/Argument – ist mehr Stringenz gefordert? Es ist ohnehin nicht leicht, das Thema anhand der begrenzten Zeichenzahl durchzudeklinieren. Es mag schon sein, dass ich da an den falschen Stellen gespart habe. Dann würde ich aber gerne wissen, wo genau die Stringenz vermisst wird.

Rückmeldung nach Nachfrage

Die nochmaligen Rückmeldungen verdeutlichen, dass es sich bei allen drei Punkten um keine eindeutigen Ablehnungsgründe handelt, sondern die Ablehnung mehr aus einem Vergleich mit anderen Einreichungen resultierte, da zu viele Beiträge vorlagen und eine Auswahl getroffen werden musste. So wurde beispielsweise der Call-Bezug durchaus als gegeben gesehen, allerdings weniger stark als bei anderen Einreichungen.

Als Hauptproblem bzw. Grund für diese Entscheidung wurde neuerlich die Stringenz angeführt. Hierzu kann ich Ihnen ein paar konkrete Punkte übermitteln:

  • Die Kernaussagen/der Argumentationsstrang sei schwer nachzuvollziehen.
  • Es gäbe Sprünge zwischen verschiedenen Themen.
  • Die Aussage, reale Bildung würde die Orte vernachlässigen, müsste genauer belegt werden.
  • Kap. 1 weist auf Missverständnisse hin, diese werden aber nicht ausgeführt.
  • Die Aussagen zu feministischer Sicht und politischer Bildung hätten mehr ausgeführt werden müssen.
  • Der Begriff „Zwangsdigitalisierung“ wirke widersprüchlich gegenüber den Ausführungen im Text, wonach politische Bildung nur digital stattfinden können, nicht vor Ort.

References

References
1 S. 3
2 https://erwachsenenbildung.at/downloads/magazin/Meb45_callforpapers.pdf?m=1614701905&
3 Ciupke 2010, S. 315
4 McLuhan 2011
5 Sesink 2014, S. 30
6 „Die in der Erwachsenenbildung oft gebrauchte Rede vom authentischen Ort ist allerdings irreführend, denn in der Regel gibt es weder eine Ursprünglichkeit noch eine für sich stehende Unmittelbarkeit“. (Ciupke 2010, S. 320).
7 Ciupke 2010, S. 320
8 Schlögl 2008
9 Meyrowitz, Joshua (1985): No sense of place. The Impact of Electronic Media on Social Behavior [EPUB]. New York: Oxford University Press
10 vgl. hierzu Klier 2021
11 „The channel is merely the medium used to transmit the signal from transmitter to receiver. It may be a pair of wires, a coaxial cable, a band of radio frequencies, a beam of light etc.“; S. 2
12 Krommer 2019
13 Ähnlich Schlögl 2008: „Zum anderen zeichnet sich in der medien- und sozialwissenschaftlichen Diskussion ab, daß ein Kommunikationsbegriff, der auf die bloße Übertragung von Informationen abstellt, zu kurz greift, wie ein Medienbegriff reduktionistisch ist, der nur die Übertragungsleistung von Medien erfaßt“ (Schlögl 2008, S. 584).
14 Noller 2021, S. 50
15 vgl. dazu Boes & Kämpf 2016 sowie Klier 2016.
16 Wolschner 2013/20
17 „In diesem Rahmen einer durch den Gebrauch von Schrift und Drucktechnik transformierten Anwesenheitsgesellschaft entfalteten sich Politik und die mit ihr verbundene Öffentlichkeit in der Frühen Neuzeit“ (Schlögl 2008, S. 589).
18 Schlögl 2008
19 Wolschner 2010/20
20 Namensnennung und Verwendung unter gleichen Bedingungen.
21 vgl. dazu Schlögl 2008
22 vgl. hierzu Wischermann 2020
23 Faulstich & Haberzeth 2010, S. 64
24 Schlögl, Rudolf (2008): Politik beobachten. Öffentlichkeit und Medien in der Frühen Neuzeit. In: Zeitschrift für Historische Forschung, Bd. 35/Heft 4. Text verfügbar unter http://www.medien-gesellschaft.de/Schlogl_2008.pdf
25 „So detailliert und vielseitig waren Menschen noch nie über ihre politisch Verantwortlichen informiert. Je mehr darüber bekannt ist, was ein Repräsentant von Macht tut und was er nicht tut und nicht weiß, desto weniger legitim erscheint sein Anspruch auf Autorität“ (Wolschner 2010/20).
26 Wischermann 2020, S. 48f
27 Faulstich & Haberzeth 2010, S. 64
28 Rudolf, Karsten (2002): Politische Bildung: (k)ein Thema für die Bevölkerung? Was wollen die Bürger? In: ApuZ Nr. 45, S. 45 – 53
29 Das Seminar „Demokratie und Bildung im Netz“ fand im Frühjahr 2020 im harten Lockdown mit 14 aktiven Teilnehmer:innen und über einen Zeitraum von 9 Wochen (15.05. – 18.07.2020) statt. Das Seminar „Gegen Rechtspopulismus im Netz“ fand vom 15.01. – 27.02.2021, ebenfalls im Lockdown, mit 6 Teilnehmer:innen statt. Beide Seminare waren dabei von vornherein als Onlineseminare gedacht, die am Ende dazu führen sollten, Veranstaltungen im Netz bzw. über soziale Medien organisieren zu können. Einen ausführlichen Bericht über das erste Seminar gibt es unter https://www.alexander-klier.net/demokratiebildung-im-netz/ Für beide Seminare gibt es auch jeweils einen umfangreichen unveröffentlichten Materialband.
30 Faulstich & Haberzeth 2010, S. 64
31 Natürlich unter den notwendigen technischen Voraussetzungen einer ausreichenden Internetverbindung und eines geeigneten Endgerätes, wozu auch Smartphones zählen. Jedenfalls prinzipiell. Und natürlich kann es auch hierbei technische Übertragungsgeschwindigkeiten geben – wie das natürlich auch prinzipiell bereits bei Medium Fernsehen der Fall gewesen ist.
32 Sesink, Werner (2014). Überlegungen zur Pädagogik als einer einräumenden Praxis.
33 vgl. dazu Dörpinghaus 2009, S. 10f; „Im Moment der Verzögerung entstehen allererst die Erfahrungsspielräume, die Bildungsprozesse ermöglichen, die nicht gewissermaßen in der Reaktion auf eine Frage bestehen, sondern in einer Antwort, die die Frage selbst umgreift“ (a.a.O.).
34 Schlögl 2008, S. 584
35 a.a.O., S. 592
36 Pongratz 2003, S. 12
37 Hölscher 1998, S. 16
38 Ciupke, Paul (2010): Orte der politischen Bildung. Von der Bildungsstätte zum „Lernen vor Ort“. In: Hessische Blätter für Volksbildung 04/2010, S. 315-324
39 So lässt sich eben nicht zufällig feststellen, dass der Ausspruch „Das Private ist politisch“ erst über die sozialen Medien, hier in Form der MeToo Bewegung, „seine volle Wucht“ (Vahland 2018) bekommen hat.
40 Ciupke 2010, S. 316
41 Im Prinzip eröffnen sie die politische Bühne so, wie es sich Bertolt Brecht im Rahmen eines „dialektischen Theaters“ einmal vorgestellt hat: Als Desillusionierung des öffentlichen politischen und medialen Schauspiels zum Zwecke des Analysierens, Synthetisierens und schließlich gemeinsamen Lernens und Mitgestaltens.
42 „Auch das Lesen und Schreiben bzw. die Sprache werden nicht einfach ‚digital gestützt‘, sondern gehören zu einer veränderten sozialen, kulturellen und medialen Umwelt“ (Krommer 2020).
43 vgl. hierzu Klier 2021

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